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1 a:
Veni
Creatur Spiritus,
auf: Canto Gregoriano,
EMI Classics CMS 5652172, LC 6646
((danach
unterlegen und mitlaufen lassen))
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Vor
etwa einem Jahr war
das Album, aus dem dieses Stück stammt, an der Spitze der Pop-Hitparaden
- in Spanien, in England, in den Benelux-Staaten und in den USA. Das ist
mehr als ungewöhnlich, denn diese Musik gehört eigentlich nicht zum
Genre der Popmusik. Im Gegenteil, sie gehört zur Klassik. Und es ist eine
uralte Musik. Trotzdem wird sie jetzt in den Discos gespielt. Ihre Blütezeit
hatte sie vom 4. bis 6. Jahrhundert, also in der Spätantike. Papst Gregor
der Große war es, die sie ab Ende des 6. Jahrhunderts durch Missionare
aus dem Benediktinerorden über die ganze damalige Christenheit verbreitet
hat. Es ist der Gesang von Mönchen. Die Benediktinermönche des Klosters
Santo Domingo de Silos singen einen gregorianischen Choral.
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((für 10
Sekunden wieder hochziehen, dann in den o-Ton ausblenden))
Musik
1 b:
Veni
Creatur Spiritus,
auf: Canto Gregoriano,
EMI Classics CMS 5652172, LC 6646
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O-Ton
1 (Hans Conrad Zander)
Jetzt ist vor zwei oder drei Jahren ein amerikanischer
Marketing-Fachmann um das Kloster herumgelaufen - ich stelle es
etwas pointiert dar, hat gefragt "What's that, what am I
hearing here?"- Und dann hat man ihm gesagt: "That's
Gregorian Chant". Und so ist diese berühmte, millionenfach
verkaufte Platte aus Silos zustande gekommen. Dabei ist Silos gar
kein Mittelpunkt der Gregorianik ... |
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...
eher sind es schon einige Klöster in Frankreich. Hans Conrad Zander ist
ein Experte für gregorianische Musik. Heute ist er Journalist und
Publizist, aber als junger Mann war er einige Jahre Dominikanermönch.
Damals hat er viele solcher Choräle mit seinen Mönchsbrüdern gesungen.
Diese Geschichte hat er sich zwar zusammengereimt, doch so falsch liegt er
nicht. Marketing, also eine bewusste Vermarktungspolitik, hat an dem
Erfolg der Mönche von Silos den entscheidenden Anteil. Eine spanische
Plattenfirma hatte ihren Gesang nämlich schon seit den frühen siebziger
Jahren auf Bändern, ließ aber den größten Teil des Materials in den
Archiven schlummern. Erst 1993 holte sie es dort heraus, und warf eine
Doppel-CD mit einer groß angelegten Marketing- und Promotions-Kampagne
auf den spanischen Markt: die "Canto Gregoriano". Martin Korn,
Marketing-Manager der EMI Electrola, weiß ein paar Details:
O-Ton 2 (Martin Korn)
Ha, die hatten zum Beispiel einen TV-Spot gemacht, einen TV-Spot, der
ganz stark auf einer Gegensätzlichkeit aufgebaut war, auf Gegenwelten.
Also, auf der einen Seite kamen Kriegsbilder, da kamen Bilder aus
Jugoslawien, aus Russland, aus Moskau, das war damals zu der Zeit als da
in Moskau diese Staatskrise war mit dem Sturm auf das Weiße Haus. Wir
hatten auf der einen Seite diese Bilder von unserer modernen hektischen
Welt und auf der anderen Seite als Gegenwelt dazu diese Mönche und
diesen Gesang, der ja eigentlich, keinen Anfang und kein Ende hat: diese
Welt der Ruhe
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Es
Ist schon merkwürdig. Da verlassen Scharen von getauften Christen die
Kirchen, um die Kirchensteuer einzusparen. Die katholische Kirche
verliert selbst in traditionell katholischen Regionen ihren Einfluss.
Und im rheinischen Karneval sind Nonnentracht, Mönchskutte und
Papstgewand bereits die Lieblingsverkleidungen der Narren. Aber dafür
fasziniert diese alte liturgische Musik immer mehr junge Menschen. In
Deutschland stellen sie
die größte Käufergruppe:: die Teenager! Nur; Ihr Umgang mit dieser
Musik ist anders als der von Mönchen in einem Kloster.
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O-Ton 3 (Hans Conrad Zander)
Ich habe bisher nur Jugendliche gefunden, die mir sagten, also so vom
Typ her: "Ich leg mich aufs Bett und höre Gregorianik,." Dann
sage ich: "Welche Gregorianik?" "Ja, Gregorianik".
Halt die Platte aus Silos. Das ist ein passives Interesse.
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Die
großen Schallplattenverlage bringen immer neue Produktionen mit
gregorianischen Chorälen in den Handel und erreichen damit zum Teil
sechsstellige Verkaufszahlen. In den katholischen Kirchen allerdings ist
dieser Gesang nur noch selten zu hören. Hans Conrad Zander bedauert
das:
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O-Ton 4 (Hans Conrad
Zander)
Im Jahre 1970 ist in der Katholischen Kirche etwas passiert. Die
deutsche Bischofskonferenz hat beschlossen, dass an einem bestimmten
Sonntag (es kann auch 1969 gewesen sein), alle Altäre in allen Kirchen
Deutschlands umgestellt werden und die alte Liturgie durch eine neue
Liturgie, eine modernere, fortschrittlichere ersetzt wird.
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Musik 3:
Einzugslied,
auf: EP Freut euch, der Herr ist nah - Jazzmesse,
schwann ams-studio 15009
((runterziehen, einen
Moment unterlegen, rausziehen))
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Ganz
so ist es nicht gekommen. Jazzmessen, wie diese aus den sechziger Jahren,
sind Ausnahmen geblieben. Doch der Geist, der dort damals wehte, dieses
missionarische "Brüder, ruft in Freude, der Herr ist nah", der
Geist des zweiten Vatikanischen Konzils, der hat seinen Eingang in die
Messliturgie gefunden: Seitdem feiert nicht mehr der Priester die Heilige
Messe vor der Gemeinde, sondern er feiert sie mit der Gemeinde. Statt der
lateinischen Liturgiesprache wurde die deutsche eingeführt. Statt eines Männerchors,
der feierlich lateinische Gregorianik vorträgt, singt und betet jetzt die
Gemeinde gemeinsam in deutsch. Viele haben diese, vor 25 Jahren von der
Bischofskonferenz angeordnete radikale Modernisierungs-Kur als Befreiung
vom Staub des Mittelalters empfunden, manche aber auch als eine Versündigung
an der Jugendzeit der Kirche. So jedenfalls sieht Hans Conrad Zander:
O-Ton 5 (Hans Conrad Zander)
Die katholische Kirche hat im 4. bis 6. Jahrhundert eine ungeheure
Blüte erlebt. Sie war eine ganz junge vitale Religion. Und so sind in
kurzer Zeit Zehntausende von Melodien entstanden, wie sie keine andere
Religion der Erde vergleichbar hervorgebracht hat. Und dies nun, weil
man jetzt um 1970 herum modern und fortschrittlich sein will, einen derartigen
Schatz aus der Zeit der Jugend und der leidenschaftlichen Stärke dieser
Religion einfach wegzuschmeißen, fand ich zutiefst töricht.
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Musik 4:
Magnifikat,
auf: Der Gregorianische Choral - Zwischen Kirche und Disco,
Patmos 91001
((danach
unterlegen))
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Die
Mönche von der Trappisten-Abtei Citeaux singen in lateinischer Sprache
das Magnifikat, den Lobgesang Marias auf ihren Gott. Es handelt sich um
eines von 17 Tondokumenten aus einer Doppel-CD zur Einführung in den
Gregorianischen Choral und die Vielfalt seiner Erscheinungen. Ihr liegt
ein kleines Büchlein bei mit Hintergrundinformationen. Vor wenigen
Tagen ist sie im Düsseldorfer Patmos-Verlag erschienen,
zusammengestellt und kommentiert von Hans Conrad Zander.
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O-Ton 6 (Hans Conrad Zander)
Und ich halte es für wichtig, dass Gregorianik jetzt nicht abflippt in
die schöne Ecke der engelhaften esoterischen Gefühle, sondern das dazu
auch ein gewisses aufgeklärtes Wissen kommt. Das Ist der Zweck dieses
Buches.
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Aber
ist es das, was die jungen Leute suchen in dieser Musik? Liegt nicht
vielleicht der Reiz dieser Choräle sogar darin, dass sie im
Kirchenalltag keine Rolle mehr spielen, dass sich auch keine konkreten
Personen damit verbinden, keine aufdringliche Heilsbotschaft, sondern
nur ein verschmolzener Klang von Stimmen, ein Geheimnis?
Gabriel
Steinschulte hat es mit Menschen zu tun, die Gregorianik singen. In
Köln leitet er am Collegium Musicum der Universität eine Schola, einen
gregorianischen Chor. Der singt zwar zuweilen auch In der Heiligen
Messe, aber Gabriel Steinschulte weiß nicht, welche konfessionelle
Bindung seine Mitglieder haben und ob sie überhaupt gläubig sind. Man
spricht nicht darüber. Verbinden die Sänger mit diesen Chorälen
religiöse Empfindungen?
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O-Ton 7 (Gabriel Steinschulte)
Mit Sicherheit, Nur, religiöse Empfindungen, das Ist ein weites Wort.
Das kann sehr blass sein, das kann konkret sein. Das ist zum Glück dann
in die Diskretion jedes einzelnen gestellt. Und das Ist ja auch eine der
schönen Selten dieser Musik. Wenn man sie auch in der Liturgie erlebt,
sie lässt jedem seinen ganz persönlichen Bezug zum Herrgott. Und sie
involviert nicht mehr als notwendig. Man ist dabei und doch in einer
sehr ruhigen, feinen, zurückhaltenden Gemeinschaft. Diskretion ist eine
der schönen Begleiterscheinungen dieser Musik.
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Das
könnte eine Gemeinsamkeit sein, die die Sänger und die Schallplattenkäufer
miteinander teilen: die Sehnsucht nach dem diffusen religiösen
Erlebnis, nach dem ganz anderen, nach einer gesungenen Stille, nach
einem tiefen Gefühl von Traurigkeit und Freude. Und gemeinsam ist ihnen
wohl auch die Weigerung, verbindliche religiöse Bekenntnisse in ihrer
Alltagssprache abzugeben.
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