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Sehnsucht nach Stille
- Die erstaunliche Popularität gregorianischer Gesänge -


Buch
Hans-Conrad Zander:
Zehn Argumente für den Zölibat.
Ein Schwarzbuch


CD
Mönche der Benediktiner-Erzabtei St. Martin Beuron:
Gregorianischer Choral.
Weihnachtsmessen


Doppel-CD
Mönche der Benediktiner-Abteien Montserrat + Münsterschwarzach:
Gregorian Chant.
Christmas - Weihnachten - Noël


Doppel-CD
Canto Gregoriano.
Die Meisterwerke
des gregorianischen Chorals - Vol   I


CD
Canto Gregoriano.
Die Meisterwerke
des gregorianischen Chorals - Vol   II


CD-Buch
Hans-Conrad Zander:
Der Gregorianische Choral.
Zwischen Kirche und Disco

Evangelisches Gesangbuch elektronisch
Buch
Hans-Conrad Zander:
König David im Cafe.
Höchst sonntägliche Weisheiten


CD
Cistercienserinnen-Abtei Lichtenthal 1245-1995:
Orgelmusik und Gregorianische Gesänge


5 CDs
Advent - Weihnachten - Passion - Ostern - Marienfeste:
Gregorianik im Kirchenjahr

Evangelisches Gesangbuch elektronisch
Buch (engl.)
Willy Apel:
Gregorian Chant
(Reprint)

Evangelisches Gesangbuch elektronisch
Buch (engl.) + CD
Richard L. Crocker:
An Introduction to Gregorian Chant

 

© für das Manuskript bei Heinz-Peter Katlewski, 1995. 


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für ORB Radio Brandenburg "Erdkreis, Mensch und Himmelreich - Weltreligionen"
Sonntag, 19. März 1995, 14:05 - 15:00 Uhr

Musik 1 a: 

Veni Creatur Spiritus,
auf: Canto Gregoriano,
EMI Classics CMS 5652172, LC 6646

((danach unterlegen und mitlaufen lassen))

Vor etwa einem Jahr war das Album, aus dem dieses Stück stammt, an der Spitze der Pop-Hitparaden - in Spanien, in England, in den Benelux-Staaten und in den USA. Das ist mehr als ungewöhnlich, denn diese Musik gehört eigentlich nicht zum Genre der Popmusik. Im Gegenteil, sie gehört zur Klassik. Und es ist eine uralte Musik. Trotzdem wird sie jetzt in den Discos gespielt. Ihre Blütezeit hatte sie vom 4. bis 6. Jahrhundert, also in der Spätantike. Papst Gregor der Große war es, die sie ab Ende des 6. Jahrhunderts durch Missionare aus dem Benediktinerorden über die ganze damalige Christenheit verbreitet hat. Es ist der Gesang von Mönchen. Die Benediktinermönche des Klosters Santo Domingo de Silos singen einen gregorianischen Choral.

((für 10 Sekunden wieder hochziehen, dann in den o-Ton ausblenden))

Musik 1 b: 

Veni Creatur Spiritus,
auf: Canto Gregoriano,
EMI Classics CMS 5652172, LC 6646

O-Ton 1 (Hans Conrad Zander)
Jetzt ist vor zwei oder drei Jahren ein amerikanischer Marketing-Fachmann um das Kloster herumgelaufen - ich stelle es etwas pointiert dar, hat gefragt "What's that, what am I hearing here?"- Und dann hat man ihm gesagt: "That's Gregorian Chant". Und so ist diese berühmte, millionenfach verkaufte Platte aus Silos zustande gekommen. Dabei ist Silos gar kein Mittelpunkt der Gregorianik ...

... eher sind es schon einige Klöster in Frankreich. Hans Conrad Zander ist ein Experte für gregorianische Musik. Heute ist er Journalist und Publizist, aber als junger Mann war er einige Jahre Dominikanermönch. Damals hat er viele solcher Choräle mit seinen Mönchsbrüdern gesungen. Diese Geschichte hat er sich zwar zusammengereimt, doch so falsch liegt er nicht. Marketing, also eine bewusste Vermarktungspolitik, hat an dem Erfolg der Mönche von Silos den entscheidenden Anteil. Eine spanische Plattenfirma hatte ihren Gesang nämlich schon seit den frühen siebziger Jahren auf Bändern, ließ aber den größten Teil des Materials in den Archiven schlummern. Erst 1993 holte sie es dort heraus, und warf eine Doppel-CD mit einer groß angelegten Marketing- und Promotions-Kampagne auf den spanischen Markt: die "Canto Gregoriano". Martin Korn, Marketing-Manager der EMI Electrola, weiß ein paar Details:

O-Ton 2 (Martin Korn)
Ha, die hatten zum Beispiel einen TV-Spot gemacht, einen TV-Spot, der ganz stark auf einer Gegensätzlichkeit aufgebaut war, auf Gegenwelten. Also, auf der einen Seite kamen Kriegsbilder, da kamen Bilder aus Jugoslawien, aus Russland, aus Moskau, das war damals zu der Zeit als da in Moskau diese Staatskrise war mit dem Sturm auf das Weiße Haus. Wir hatten auf der einen Seite diese Bilder von unserer modernen hektischen Welt und auf der anderen Seite als Gegenwelt dazu diese Mönche und diesen Gesang, der ja eigentlich, keinen Anfang und kein Ende hat: diese Welt der Ruhe

Es Ist schon merkwürdig. Da verlassen Scharen von getauften Christen die Kirchen, um die Kirchensteuer einzusparen. Die katholische Kirche verliert selbst in traditionell katholischen Regionen ihren Einfluss. Und im rheinischen Karneval sind Nonnentracht, Mönchskutte und Papstgewand bereits die Lieblingsverkleidungen der Narren. Aber dafür fasziniert diese alte liturgische Musik immer mehr junge Menschen. In Deutschland stellen sie die größte Käufergruppe:: die Teenager! Nur; Ihr Umgang mit dieser Musik ist anders als der von Mönchen in einem Kloster.

O-Ton 3 (Hans Conrad Zander)
Ich habe bisher nur Jugendliche gefunden, die mir sagten, also so vom Typ her: "Ich leg mich aufs Bett und höre Gregorianik,." Dann sage ich: "Welche Gregorianik?" "Ja, Gregorianik". Halt die Platte aus Silos. Das ist ein passives Interesse.

Die großen Schallplattenverlage bringen immer neue Produktionen mit gregorianischen Chorälen in den Handel und erreichen damit zum Teil sechsstellige Verkaufszahlen. In den katholischen Kirchen allerdings ist dieser Gesang nur noch selten zu hören. Hans Conrad Zander bedauert das:

O-Ton 4 (Hans Conrad Zander)
Im Jahre 1970 ist in der Katholischen Kirche etwas passiert. Die deutsche Bischofskonferenz hat beschlossen, dass an einem bestimmten Sonntag (es kann auch 1969 gewesen sein), alle Altäre in allen Kirchen Deutschlands umgestellt werden und die alte Liturgie durch eine neue Liturgie, eine modernere, fortschrittlichere ersetzt wird.

Musik 3:

Einzugslied,
auf: EP Freut euch, der Herr ist nah - Jazzmesse,
schwann ams-studio 15009

((runterziehen, einen Moment unterlegen, rausziehen))

Ganz so ist es nicht gekommen. Jazzmessen, wie diese aus den sechziger Jahren, sind Ausnahmen geblieben. Doch der Geist, der dort damals wehte, dieses missionarische "Brüder, ruft in Freude, der Herr ist nah", der Geist des zweiten Vatikanischen Konzils, der hat seinen Eingang in die Messliturgie gefunden: Seitdem feiert nicht mehr der Priester die Heilige Messe vor der Gemeinde, sondern er feiert sie mit der Gemeinde. Statt der lateinischen Liturgiesprache wurde die deutsche eingeführt. Statt eines Männerchors, der feierlich lateinische Gregorianik vorträgt, singt und betet jetzt die Gemeinde gemeinsam in deutsch. Viele haben diese, vor 25 Jahren von der Bischofskonferenz angeordnete radikale Modernisierungs-Kur als Befreiung vom Staub des Mittelalters empfunden, manche aber auch als eine Versündigung an der Jugendzeit der Kirche. So jedenfalls sieht Hans Conrad Zander:

O-Ton 5 (Hans Conrad Zander)
Die katholische Kirche hat im 4. bis 6. Jahrhundert eine ungeheure Blüte erlebt. Sie war eine ganz junge vitale Religion. Und so sind in kurzer Zeit Zehntausende von Melodien entstanden, wie sie keine andere Religion der Erde vergleichbar hervorgebracht hat. Und dies nun, weil man jetzt um 1970 herum modern und fortschrittlich sein will, einen derartigen Schatz aus der Zeit der Jugend und der leidenschaftlichen Stärke dieser Religion einfach wegzuschmeißen, fand ich zutiefst töricht.

Musik 4:

Magnifikat,
auf: Der Gregorianische Choral - Zwischen Kirche und Disco,
Patmos 91001

((danach unterlegen))

Die Mönche von der Trappisten-Abtei Citeaux singen in lateinischer Sprache das Magnifikat, den Lobgesang Marias auf ihren Gott. Es handelt sich um eines von 17 Tondokumenten aus einer Doppel-CD zur Einführung in den Gregorianischen Choral und die Vielfalt seiner Erscheinungen. Ihr liegt ein kleines Büchlein bei mit Hintergrundinformationen. Vor wenigen Tagen ist sie im Düsseldorfer Patmos-Verlag erschienen, zusammengestellt und kommentiert von Hans Conrad Zander.

O-Ton 6 (Hans Conrad Zander)
Und ich halte es für wichtig, dass Gregorianik jetzt nicht abflippt in die schöne Ecke der engelhaften esoterischen Gefühle, sondern das dazu auch ein gewisses aufgeklärtes Wissen kommt. Das Ist der Zweck dieses Buches.

Aber ist es das, was die jungen Leute suchen in dieser Musik? Liegt nicht vielleicht der Reiz dieser Choräle sogar darin, dass sie im Kirchenalltag keine Rolle mehr spielen, dass sich auch keine konkreten Personen damit verbinden, keine aufdringliche Heilsbotschaft, sondern nur ein verschmolzener Klang von Stimmen, ein Geheimnis?

Gabriel Steinschulte hat es mit Menschen zu tun, die Gregorianik singen. In Köln leitet er am Collegium Musicum der Universität eine Schola, einen gregorianischen Chor. Der singt zwar zuweilen auch In der Heiligen Messe, aber Gabriel Steinschulte weiß nicht, welche konfessionelle Bindung seine Mitglieder haben und ob sie überhaupt gläubig sind. Man spricht nicht darüber. Verbinden die Sänger mit diesen Chorälen religiöse Empfindungen?

O-Ton 7 (Gabriel Steinschulte)
Mit Sicherheit, Nur, religiöse Empfindungen, das Ist ein weites Wort. Das kann sehr blass sein, das kann konkret sein. Das ist zum Glück dann in die Diskretion jedes einzelnen gestellt. Und das Ist ja auch eine der schönen Selten dieser Musik. Wenn man sie auch in der Liturgie erlebt, sie lässt jedem seinen ganz persönlichen Bezug zum Herrgott. Und sie involviert nicht mehr als notwendig. Man ist dabei und doch in einer sehr ruhigen, feinen, zurückhaltenden Gemeinschaft. Diskretion ist eine der schönen Begleiterscheinungen dieser Musik.

Das könnte eine Gemeinsamkeit sein, die die Sänger und die Schallplattenkäufer miteinander teilen: die Sehnsucht nach dem diffusen religiösen Erlebnis, nach dem ganz anderen, nach einer gesungenen Stille, nach einem tiefen Gefühl von Traurigkeit und Freude. Und gemeinsam ist ihnen wohl auch die Weigerung, verbindliche religiöse Bekenntnisse in ihrer Alltagssprache abzugeben.


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