O-Ton
4 (Interview Andreas Wittenberg)
Frage: Herr Wittenberg, Sie sind ein Hymnologe und haben jetzt
ein eine Gesangbuch-Ausstellung zusammengestellt für die
Johanniskirche in Brühl. Wie sind Sie darauf gekommen?
Ich sammle seit vielen Jahren
Gesangbücher und habe einige hundert Gesangbücher in den
Schränken stehen, und die anderen Presbyter in unserer Gemeinde wussten das und haben gesagt, warum machen Sie keine Ausstellung
mit alten Gesangbücher, wenn wir das neue Gesangbuch einführen.
Frage: Was kann man denn von alten
Gesangbüchern lernen?
Also erstens ist es unheimlich
interessant zu vergleichen, wie Gesangbücher sich über die Jahre
weiterentwickeln, wie Lieder ihre Texte verändern, wie Strophen
dazukommen oder weggenommen werden. Und wir wollen mit dieser
Ausstellung zeigen, dass so ein neues Gesangbuch nicht aus dem
Nichts kommt, sondern ein Glied in einer ganzen Kette von
Gesangbüchern, die vor ihm da waren, darstellt. Und wenn man
diese Kette anschaut, versteht man plötzlich, warum jetzt ein
neues Gesangbuch nötig ist, und warum das neue Gesangbuch, was
wir am 1. Advent einführen, so geworden ist, wie wir es haben
werden.
Frage: Gesangbücher hatten offenbar nicht
immer Noten. Warum hatten die nicht immer Noten?
In der Reformationszeit brauchten sie
keine Noten, weil die Leute auswendig gesungen haben. Und sie
konnten auswendig singen, weil die ersten Lieder der Reformation
auf bekannte und vorhandene Melodien gedichtet wurden oder
Umdichtungen katholischer Lieder waren. Diese Melodien konnten die
Leute auswendig. Und später, wenn ein neues Lied geschrieben war,
übte der Kantor am Samstag dieses neue Lied mit der Gemeinde ein,
so dass es am Sonntag im Gottesdienst gesungen werden konnte. Und
das heißt, bis ins 17. Jahrhundert waren Noten im Gesangbuch nur
üblich, wenn eine neue Melodie entstanden war. Dass ein
Gesangbuch immer und zu jedem Lied Noten hat, das gibt’s erst in
unserem Jahrhundert.
Frage: Sie haben nun auch Beispiele darin, dass
man wohl gerne Noten abdrucken wollte, aber das dann nicht immer
ganz so möglich war, weil die Umstände dafür nicht da
waren.
Wir stellen ein Gesangbuch aus, da
steht vorne folgendes Notabene drin: „Den Musikverständigen
wird zur Nachricht erinnert, dass einige Liedermelodien mit Dreivierteltakt
hätten sollen bezeichnet werden, weil aber diese Zeichen und dazu
nötigen Noten in der Druckerei nicht vorhanden waren, so haben
solche müssen weggelassen werden.“ Es war also nicht einfach
immer die richtigen Noten zu bringen. Und gerade in den
Anfangszeiten, wo Noten noch einzeln in Holzblöcke geschnitzt
wurden, sind entsetzlich viele Fehler passiert. |