zur Übersicht "Schwerpunkt Musik"

AUTOR
TITEL


Für Inhalte und Verlässlichkeit von  externen Webseiten übernehme ich keine Verantwortung!

Noten bei Notenbuch.de

 

 

Es ist ein Wunder!
Das neue Evangelische Gesangbuch im Rheinland

© für das Manuskript bei Heinz-Peter Katlewski, 1996. 


Hyperlinks
sollten aktuell sein. Bei fehlerhaften oder toten URLs bitte ich um ein kurzes E-Mail mit Hinweis auf die entsprechende Seite und den Link. Danke.



Links


für Studio ECK - Evangelische Radiowerkstatt im Bürgerfunk von Radio Erft
Donnerstag, 5. Dezember 1996, 20:04 - 20:39 Uhr

Teil 3 (von 7)

Zurück zu Teil 2

weiter zu Teil 4

 


Hier ist wieder Studio E.C.K.. Vor wenigen Tagen hat die Evangelische Kirche im Rheinland ihr neues Evangelisches Gesangbuch eingeführt. Das geschieht nur alle 20 bis 30 Jahre und ist daher ein Ereignis. Es gab Zeiten, da galt der Spruch „Zeige mir dein Gesangbuch und ich sage dir wer du bist“. Der Presbyter der Brühler Johanniskirche, Andreas Wittenberg, beschäftigt sich seit bald drei Jahrzehnten mit der Geschichte  von Kirchengesangbüchern.

O-Ton 5 (Interview Andreas Wittenberg)
Gesangbücher wurden so hochgehalten wie die Heilige Schrift. Und das bedeutete, dass man dem Säugling ein Gesangbuch in die Wiege legte, dass zur Aussteuer ein Gesangbuch gehörte und dass das Gesangbuch natürlich, wie die Bibel, kunstvoll und haltbar gebunden wurde, also in Holz und Leder. Man hat es benadelt und beschlagen, damit es lange aushielt, es war ja sehr teuer. Und das Gesangbuch sollte schön aussehen. Es sollte aber auch zeigen, dass man sich’s leisten konnte. Ein bisschen protzte man auch damit, wenn man zur Kirche ging, dass man ein schönes Gesangbuch hatte. Und es gab Gegenden, wo die Männer das große Gesangbuch trugen und die Frauen kriegten kein großes mit Noten, sondern nur ein kleines, das in die Tasche passte. So war das zum Beispiel in Siebenbürgen üblich.

Frage: Wenn wir jetzt gerade schon auf eine Region kommen, früher war gab es offenbar selbst im Rheinland unterschiedliche Gesangbücher. Wie hat sich das entwickelt?

Das Gesangbuch, was am ersten Advent eingeführt wird, ist das vierte einheitliche Gesangbuch der rheinischen Kirche. Davor, vor 1892, hatten die alten Landesteile, die ja zur preußischen Rheinprovinz zusammengefasst wurden, ihre eigenen Bücher. Und das war im 18. und 17. Jahrhundert selbstverständlich. So wie ein Landesherrscher sein eigenes Wappen und seine eigene Uniform für seine Soldaten hatte, so hatte er auch, und war das Land noch so klein, ein eigenes Gesangbuch. Und in vielen Städten war es der Ehrgeiz der Pfarrer für ihre Kirche ein eigenes Gesangbuch zu haben. Einheitliche Gesangbücher für ganze Länder oder gar das Ziel ein einheitliches Gesangbuch für Deutschland zu haben, das sind Ideen, die stammen aus dem letzten Jahrhundert. Es gibt die Geschichte, dass man in Wuppertal im Laufe eines Sonntag vormittags 15 verschiedene Gesangbücher hat gebraucht, wenn man in jede Kirche hineingegangen wäre, an der man vorbeikam. Aber diese Zersplitterung des deutschen Gesangbuchwesens, das hat’s nirgends anders so gegeben als bei uns und hängt im wesentlichen mit der Zersplitterung unserer politischen Geschichte zusammen.

Frage: Aber wir haben ja auch diese regionalen Ausgaben in - Jülich hat eine Ausgabe und Bonn hat eine andere und jede ...

Gesangbücher waren ein Privatgeschäft von Verlegern und Druckern. Wer glaubte, ein Geschäft zu machen, suchte sich einen Pfarrer, der ihm ein Gesangbuch zusammenstellte, suchte sich einen Notenschneider, der das anständig konnte und suchte sich einen Drucker, der die notwendige Lettern im Vorrat hatte, ja, und dann stellte er das Gesangbuch zusammen, fand einen, der ihm eine zündende Vorrede schrieb und ging damit auf den Markt. Das war ein Privatgeschäft, so wie man heute ein Buch verlegt. Und erst mit der Privilegierung durch die Landesherrn, das heißt Zuweisung oder Anerkennung eines Monopols und die Autorisierung durch die Kirchenleitung, war’s überhaupt möglich, ein bisschen Ordnung in das Liedersingen zu bringen. Und zu den allerersten autorisierten Gesangbüchern gehörte tatsächlich das reformierte Gesangbuch für Kleve, Jülich, Berg und Mark vor 200 Jahren. Das war glaube ich, das sechste oder siebente überhaupt in der Gesangbuchgeschichte, das so eine Autorisierung bekam, weil der Synodus beschloss, wir wollen ein neues einheitliches Gesangbuch.

Frage: Diese regionale Verschiedenheit, die müsste zwangsläufig zur Folge gehabt haben, dass auch die Lieder nicht immer gleich gesungen wurden. Sind einzelne Lieder in einzelnen, in verschiedenen Regionen verschieden gesungen worden. Oder gab es da Übereinstimmung? Oder hat es diese Veränderung nur über die Zeit hinweg gegeben.

Beides. Einmal deswegen, weil über die Zeit hinweg die Lieder immer wieder neu überarbeitet wurden. Am schlimmsten war dabei die Aufklärungszeit, also etwa von 1740 bis 1820, wo sehr viele Lieder völlig überarbeitet wurden und dann in zwei Wellen im letzten Jahrhundert wurden die Lieder wieder rückentwickelt auf ihre Urformen. Das führte aber dazu, weil die Gesangbücher ja gestaffelt hintereinander erschienen, dass wenn man gleichzeitig in einem Jahr durch Deutschland gezogen ist, man natürlich schon veränderte, veränderte und schon wieder rückgeänderte Lieder immer wieder gefunden hat. Das muss nicht immer so schlecht sein, wie man das den Aufklärungsgesangbüchern durchaus bei diesen nachweisen kann. Auch Luther hat seine Lieder nachträglich verbessert. Auch Paul Gerhardt hat noch mal Strophen rausgezogen und wieder neue reingetan. Und wenn wir an unser Jahrhundert denken, es gibt ein paar Lieder, die so, wie wir sie heute im Gesangbuch haben, nie gedichtet worden sind.

Musik 4


Teil 3 (von 7)

Zurück zu Teil 2

weiter zu Teil 4  

Zurück zur Indexseite "Gesangbücher"