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Hier
ist wieder Studio E.C.K.. Vor wenigen Tagen hat die Evangelische Kirche im
Rheinland ihr neues Evangelisches Gesangbuch eingeführt. Das geschieht
nur alle 20 bis 30 Jahre und ist daher ein Ereignis. Es gab Zeiten, da
galt der Spruch „Zeige mir dein Gesangbuch und ich sage dir wer du
bist“. Der Presbyter der Brühler Johanniskirche, Andreas Wittenberg,
beschäftigt sich seit bald drei Jahrzehnten mit der Geschichte
von Kirchengesangbüchern.
O-Ton 5 (Interview Andreas
Wittenberg)
Gesangbücher wurden so hochgehalten wie die Heilige Schrift. Und das
bedeutete, dass man dem Säugling ein Gesangbuch in die Wiege legte, dass
zur Aussteuer ein Gesangbuch gehörte und dass das Gesangbuch
natürlich, wie die Bibel, kunstvoll und haltbar gebunden wurde, also in
Holz und Leder. Man hat es benadelt und beschlagen, damit es lange
aushielt, es war ja sehr teuer. Und das Gesangbuch sollte schön
aussehen. Es sollte aber auch zeigen, dass man sich’s leisten konnte.
Ein bisschen protzte man auch damit, wenn man zur Kirche ging, dass man
ein schönes Gesangbuch hatte. Und es gab Gegenden, wo die Männer das
große Gesangbuch trugen und die Frauen kriegten kein großes mit Noten,
sondern nur ein kleines, das in die Tasche passte. So war das zum
Beispiel in Siebenbürgen üblich.
Frage: Wenn wir jetzt gerade schon auf eine Region
kommen, früher war gab es offenbar selbst im Rheinland unterschiedliche
Gesangbücher. Wie hat sich das entwickelt?
Das Gesangbuch, was am ersten Advent
eingeführt wird, ist das vierte einheitliche Gesangbuch der rheinischen
Kirche. Davor, vor 1892, hatten die alten Landesteile, die ja zur
preußischen Rheinprovinz zusammengefasst wurden, ihre eigenen Bücher.
Und das war im 18. und 17. Jahrhundert selbstverständlich. So wie ein
Landesherrscher sein eigenes Wappen und seine eigene Uniform für seine
Soldaten hatte, so hatte er auch, und war das Land noch so klein, ein
eigenes Gesangbuch. Und in vielen Städten war es der Ehrgeiz der
Pfarrer für ihre Kirche ein eigenes Gesangbuch zu haben. Einheitliche Gesangbücher
für ganze Länder oder gar das Ziel ein einheitliches Gesangbuch für
Deutschland zu haben, das sind Ideen, die stammen aus dem letzten
Jahrhundert. Es gibt die Geschichte, dass man in Wuppertal im Laufe
eines Sonntag vormittags 15 verschiedene Gesangbücher hat gebraucht,
wenn man in jede Kirche hineingegangen wäre, an der man vorbeikam. Aber
diese Zersplitterung des deutschen Gesangbuchwesens, das hat’s
nirgends anders so gegeben als bei uns und hängt im wesentlichen mit
der Zersplitterung unserer politischen Geschichte zusammen.
Frage: Aber wir haben ja auch diese regionalen
Ausgaben in - Jülich hat eine Ausgabe und Bonn hat eine andere und jede
...
Gesangbücher waren ein Privatgeschäft von
Verlegern und Druckern. Wer glaubte, ein Geschäft zu machen, suchte
sich einen Pfarrer, der ihm ein Gesangbuch zusammenstellte, suchte sich
einen Notenschneider, der das anständig konnte und suchte sich einen
Drucker, der die notwendige Lettern im Vorrat hatte, ja, und dann
stellte er das Gesangbuch zusammen, fand einen, der ihm eine zündende
Vorrede schrieb und ging damit auf den Markt. Das war ein
Privatgeschäft, so wie man heute ein Buch verlegt. Und erst mit der
Privilegierung durch die Landesherrn, das heißt Zuweisung oder
Anerkennung eines Monopols und die Autorisierung durch die
Kirchenleitung, war’s überhaupt möglich, ein bisschen Ordnung in das
Liedersingen zu bringen. Und zu den allerersten autorisierten
Gesangbüchern gehörte tatsächlich das reformierte Gesangbuch für
Kleve, Jülich, Berg und Mark vor 200 Jahren. Das war glaube ich, das
sechste oder siebente überhaupt in der Gesangbuchgeschichte, das so
eine Autorisierung bekam, weil der Synodus beschloss, wir wollen ein
neues einheitliches Gesangbuch.
Frage: Diese regionale Verschiedenheit, die müsste
zwangsläufig zur Folge gehabt haben, dass auch die Lieder nicht immer
gleich gesungen wurden. Sind einzelne Lieder in einzelnen, in
verschiedenen Regionen verschieden gesungen worden. Oder gab es da
Übereinstimmung? Oder hat es diese Veränderung nur über die Zeit
hinweg gegeben.
Beides. Einmal deswegen, weil über die Zeit
hinweg die Lieder immer wieder neu überarbeitet wurden. Am schlimmsten
war dabei die Aufklärungszeit, also etwa von 1740 bis 1820, wo sehr
viele Lieder völlig überarbeitet wurden und dann in zwei Wellen im
letzten Jahrhundert wurden die Lieder wieder rückentwickelt auf ihre
Urformen. Das führte aber dazu, weil die Gesangbücher ja gestaffelt
hintereinander erschienen, dass wenn man gleichzeitig in einem Jahr
durch Deutschland gezogen ist, man natürlich schon veränderte,
veränderte und schon wieder rückgeänderte Lieder immer wieder
gefunden hat. Das muss nicht immer so schlecht sein, wie man das den
Aufklärungsgesangbüchern durchaus bei diesen nachweisen kann. Auch
Luther hat seine Lieder nachträglich verbessert. Auch Paul Gerhardt hat
noch mal Strophen rausgezogen und wieder neue reingetan. Und wenn wir an
unser Jahrhundert denken, es gibt ein paar Lieder, die so, wie wir sie
heute im Gesangbuch haben, nie gedichtet worden sind.
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Musik
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