zur Übersicht "Schwerpunkt Musik"

AUTOR
TITEL


Für Inhalte und Verlässlichkeit von  externen Webseiten übernehme ich keine Verantwortung!

Noten bei Notenbuch.de

 

 

Was ist jüdische Musik?
Notizen von der Biennale Bern 2001 "Fremdbilder/Selbstbilder"


© für das Manuskript bei Heinz-Peter Katlewski, 2002. 


Hyperlinks
sollten aktuell sein. Bei fehlerhaften oder toten URLs bitte ich um ein kurzes E-Mail mit Hinweis auf die entsprechende Seite und den Link. Danke.



für Deutschlandfunk - Studiozeit "Thema: Kultur/Musik"
Freitag, 25. Januar 2002, 20:10 - 21:00 Uhr

Teil 2 (von 7)

Zurück zu Teil 1

weiter zu Teil 3

 


Ein drei viertel Jahr lang hat die Freie Akademie an der Hochschule für Musik und Theater der Schweizer Bundeshauptstadt Bern durch Referate, Konzerte und Workshops diese Frage bearbeitet – und die Fremdbilder und Eigenbilder, die sich mit diesem Label verbinden, untersucht. Den Höhepunkt bildete schließlich diese ungewöhnliche Biennale im Oktober: zehn Tage mit über 100 Debatten, Workshops, Lesungen und Konzerten, einem breiten Spektrum an Musikstilen und Meinungen, wenn auch nicht unbedingt mit dem Ziel, zu einem abschließenden Ergebnis zu kommen.

Musik 3

Chichester Psalms,
auf: Berner Symphonie-Orchester: Erneuerung aus althebräischem Geist,
vom Schweizer Radio DRS Studio Bern überlassene Kopie des Konzertmitschnitts,
gesendet am 18.10.2001 auf DRS II

((nach ca. 1:43 Minuten absenken und unter dem O-Ton laufen lassen))

O-Ton 5 (Sprecherin: Silvia Göldel)

Ermuntere dich, du Laute und Leier,
ermuntern will ich das Morgenrot!
Schmettert Ihm zu, alles Erdreich!
Dient Ihm in der Freude!
Kommt mit Jubelruf vor sein Antlitz!
Erkennet, dass ER Gott ist,
Er hat uns gemacht, und nicht wir selbst,
wir – sein Volk, Schafe seiner Weide
.

Ein Auszug aus den Chichester-Psalmen von Leonard Bernstein – gesungen vom Schweizer Kammerchor und begleitet vom Berner Symphonie-Orchester.

Leonard Bernstein hat nie einen Zweifel daran gelassen, dass er Jude ist, aber eben auch Amerikaner und Dirigent und Komponist. In einigen seiner Werke hat er Themen der Hebräischen Bibel verarbeitet – genauso selbstverständlich und fasziniert wie er zum Andenken von John F. Kennedy eine katholische Messe in Form eines musikalischen Theaterstücks verfasste, populäre Werke wie das Musical West-Side-Story komponierte oder Ballettstücke und Opern schrieb.

Als er Mitte der sechziger Jahre für das Musikfestival der Kathedrale von Chichester im englischen Sussex die sog. Chichester-Psalmen schrieb, ging es ihm vor allem darum, sich mit der Zwölftontechnik und der seriellen Musik zu beschäftigen, um sie dann für sich allerdings zu verwerfen. 

Entdeckt hatte die ein Komponist, der im Alter von 23 Jahren in Wien erst katholisch, dann aus Überzeugung evangelisch wurde und doch 35 Jahre später erkennen musste, dass er und seine Musik mit dem Makel „jüdisch“ behaftet wurden. 1933, auf der Flucht, die ihn schließlich in die USA führte, re-konvertierte er zum Judentum in der Pariser liberalen Jüdischen Gemeinde: Arnold Schönberg.

((bei ca. 2:30 aufblenden, evtl. vorher schon unterlegen))

Musik 4

 Kol Nidre, op. 39,
auf: Pierre Boulez - Arnold Schönberg: Das Chorwerk
SONY S2K 44571, LC 0149

((nach ca. 1:05 Minuten absenken))

Eine sehr freie Bearbeitung eines traditionellen jüdischen Gebetes durch Arnold Schönberg aus dem Jahre 1938: das Kol Nidre, ein Gebet, mit dem am Abend des Versöhnungstages, Jom Kippur, der Festtag eingeleitet wird. Schönberg spielt in einem hineinkomponierten poetischen Vorwort auch auf seine eigene christliche Phase an. Ein Auftragswerk für eine Synagoge in Los Angeles. Es ist eine Art Bußgebet, das Reue darüber ausdrückt, im Verhältnis zu Gott falsche Gelübde abgelegt, Schwüre geleistet und Irrwege beschritten zu haben. Das Gebet soll den Gläubigen von solchen eingegangenen Verpflichtungen freisprechen.

Amerika wurde zur Hoffnung für viele Musiker – auch für solche aus der volkstümlichen Unterhaltungsbranche. Auch ihnen hatte der Nationalsozialismus das Etikett „jüdisch“ aufgezwungen. Der in Berlin ansässige amerikanische Historiker und Sammler von Schellackplatten zum jüdischen Musikleben in Deutschland, Raymond Wolff, zu einem in Hamburg einst populären Ensemble.

O-Ton 6 (Raymond Wolff)
Die berühmtesten Volkssänger in Hamburg waren die Gebrüder Wolff. Die Gebrüder Wolff spielten an der Reeperbahn. Die hießen eigentlich Isaak mit Nachnahme. Sie haben den Namen geändert. Und „Auf der Reeperbahn nachts um Halbeins“ war ein Stück, dass sie sehr oft gesungen haben. Und haben sehr oft gesungen in Platt-deutsch mit ein bisschen hochdeutsch dazwischen. Der eine Bruder ist ‚26 gestorben, der zweite ist 43 in Theresienstadt umgekommen, und der dritte ist nach Shanghai ausgewandert, und dann später war er in Kalifornien. Und einer von seinen Enkeln ist heute ein HipHop-Star in Kalifornien. Und irgendwann hat sein Großvater ihm 15 Seiten getippt geschrieben über seine Familiengeschichte auf Englisch. Und als er das gelesen hat, war er baff erstaunt. Und hier ist ein Stück, auch komponiert und geschrieben von Leopold Wolff: „Dat Paddelboot“.

Musik 5a

Dat Paddelbooot,
auf: Gebrüder Wolf: Snuten un Poten „Hamburger Couplets“
Musik Antik 006

((nach ca. 13 Sekunden absenken und unter dem O-Ton laufen lassen))


Teil 2 (von 7)

Zurück zu Teil 1

weiter zu Teil 3  

Hier können Sie einen Blick in einige Kapitel des Buches werfen.

Zurück zur Eingangsseite "Was ist jüdische Musik ?"