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Das
war im 17. Jahrhundert. Als Ende des 18. Jahrhundert Juden begannen
für ihre Emanzipation zu streiten, suchten manche den Weg
über die Assimilation und den Übertritt zum Christentum,
andere reichten Bittschriften an die Landesherren ein. Das
19. Jahrhundert jedenfalls wird – wenn auch mit vielen
Rückschlägen – das Jahrhundert der Emanzipation. In
dieser Zeit widmen sich immer mehr Juden den Künsten.
Anselm Gerhard, Ordinarius für Musikwissenschaft an der
Universität Bern sagt warum:
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O-Ton 11
(Professor Dr. Anselm Gerhard, am 27. März 2001 in Bern)
Dass Juden überhaupt nach den blutigen Vertreibungen des
Mittelalters wieder Ansiedlungsrecht und dann allmählich
auch die bürgerlichen Rechte bekamen, ist eine
Entwicklung des späten 18. Jahrhunderts. Und da sie die
jüdischen Eliten, und vor allen in Berlin um Moses
Mendelssohn herum von Anfang an sehr für die Künste
überhaupt, für Literatur interessiert haben, spielte
eben auch Musik eine ganz wesentliche Rolle. So wie für
den deutschen Bildungsbürger im 19. Jahrhundert die
Beethoven-Büste auf dem Klavier zur Ausstattung gehörte,
hat dann eben auch für den Juden, der über Bildung
Deutscher und als Deutscher anerkannt werden wollte, das
Interesse oder die Mitarbeit an der Musik ganz wichtig
dazugehört, genauso aber wie auch die Auseinandersetzung
mit Goethe, die immer ganz, ganz wichtig war. |
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Einer
der ersten erfolgreichen Komponisten ist Jakob Meyer Beer, besser
bekannt unter dem Namen Giacomo Meyerbeer. Bereits mit 10 Jahren
tritt als er als Pianist auf, mit zwölf schreibt er die erste
Sonate. 1812, mit 21 Jahren wird in München seine erste Oper
aufgeführt, ein Jahr später bereits ernennt ihn der Großherzog
von Hessen-Darmstadt zum Hofkomponisten. Meyerbeer wird mit fürstlichen
Ehren und Ämtern überschüttet, schließlich sogar
Preußischer Generalmusikdirektor. Zu seiner Zeit erwirbt
er sich den Ruf, der Opernkomponist schlechthin zu sein. Sein wohl
berühmtestes Werk
„Les Huguenots“ – Die Hugenotten wurde 1836 in Paris
uraufgeführt. 1842 erfolgt die Erstaufführung in Berlin. Hier
ein Ausschnitt aus einer französischen Schellackaufnahme aus dem
Jahre 1928 mit Sigrid Onegin als Sopranistin.
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((bei
ca. 0:57 einsteigen, evtl. vorher ab „Les Hugenots“
unterlegen))
Musik
6
Sigrid
Onegin: “Nobles seigneurs”,
aus “Les Huguenots”
Nimbus Records – Prima Voce, NI7812,
Dec. 1928 Matrix A48276 Victor Cat: 7146
((nach
ca. 1:33 Minuten zügig rausziehen)) |
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Meyerbeer
war nicht nur in Deutschland erfolgreich, sondern auch in Italien und in
Frankreich. Als Sohn einer Berliner Kaufmannsfamilie war er wohlhabend und
musste nicht von seinen Kompositionen leben. Umso mehr unterstützte er
begabte Komponistenkollegen, die es noch nicht so weit gebracht hatten wie
er. Einer davon war Richard Wagner.
In
einer, unter Pseudonym veröffentlichten Schrift „Das Judentum in der
Musik“ schließt sich Wagner einer angeblich volkstümlichen Abneigung
gegen alles Jüdische an. Als ein Wandervolk könnten Juden nicht schöpferisch
Musik schreiben, weil ihnen eine positive kulturelle Identität fehle. Außerdem
behauptete er, bei Komponisten jüdischer Herkunft, den Akzent des
Westjiddischen hören zu können – ein unangenehmes Gemauschele, das sie
nicht ablegen könnten. Den Erfolg jüdischer Komponisten, insbesondere
den von Giacomo Meyerbeer, bewertete Wagner als Ausdruck der Verwirrung
des musikalischen Geschmacks. 10 Jahre zuvor hörte sich sein Urteil noch
ganz anders an.
O-Ton
12 (Professor Dr.Anselm Gerhard, am 27. März
2001 in Bern):
1840 schreibt Wagner in einem Korrespondentenbericht aus Paris,
Meyerbeer, der ja damals in
der allgemeinen Wahrnehmung international der wichtigste
Opernkomponist überhaupt war, habe die Schranken der
Nationalvorurteile zerschlagen und Musik wie vor ihm Händel,
Gluck und Mozart geschrieben, und weil diese Deutsche waren, sei
auch Meyerbeer ein Deutscher. Und elf Jahre später schreibt er in
„Oper und Drama“ ganz ähnlich wie dann auch in diesem
Judentum-Pamphlet, dass Meyerbeer als Jude eben keine eigene
Sprache hätte, und dass er eben nicht Deutscher sein kann, weil
eben nur als erlernte Fremdsprache dann auch die Sprachen
verwendet, die er in seiner Musik schreibt. Und das bezieht sich
nicht nur auf das, was gesungen wird, sondern eben auch auf den
Tonfall der Musik. |
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Eine
absurde Idee, denn das Wunderkind Meyerbeer jedenfalls genoss in
seiner Kindheit eine ausgesprochen elitäre Erziehung. Mit dem so
genannten Judendeutsch jener Zeit dürfte er kaum viel in Berührung
gekommen sein. Und wenn, wer sucht in Beethovens Werken einen
rheinischen Akzent, bei Bach einen thüringischen und bei Mozart
den Klang des Salzburger Landes?
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O-Ton
13 (Professor Dr. Anselm Gerhard, am 27. März 2001 in Bern)
Meyerbeer hat ihn sehr gefördert, war aber eben erkennbar Jude,
blieb ja auch sein ganzes Leben lang der jüdischen Religion
verbunden. Und wenn ich jetzt versuche, ein wenig mir zu
erklären, warum Wagner so brutal, so verletzend wurde. Es ist
wahrscheinlich immer unangenehm, wenn man jemand anderem sehr viel
schulden zu müssen. Und es ist wahrscheinlich besondern
unangenehm, wenn man einem Förderer sehr viel schuldet, vor dem
man sich vorher ganz, ganz klein gefühlt hat und dann auch
Unterwürfigkeitsgesten vorgeführt hat, die man in einer anderen Situation
nicht eingenommen hätte. Und vielleicht erklärt sich vieles
daraus, dass dann eben - der zu Erfolg gekommene - Wagner sich von
dieser frühen Lebensphase des unterwürfigen Bettlers vor
Meyerbeer abgrenzen konnte, in dem er das Etikett Jude auf
Meyerbeer klebt. Das ist nur ein Erklärungsversuch, der längst
nicht alles erklärt in diesem merkwürdigen Miteinander von
verschiedensten Sachen. |
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Neid,
gekränkte Eitelkeit, Geltungssucht, übersteigerte Egozentrik
eines musikalischen Genies sind sicher weitere.
1850
war die Wirkung auf Wagners Pamphlet noch gering. Die erweiterte
Neuauflage unter seinem eigenen Namen, 19 Jahre später und fünf
Jahre nach Meyerbeers Tod, hatte dagegen
erhebliche Resonanz. Antisemitismus gab es bereits vor
Wagner, aber Vorurteile und Hass gegen Juden in der Kunst hat er
erst hoffähig gemacht. Und paradoxerweise damit auch all jene
Versuche unter jüdischen Künstlern gefördert, gegen solche Häme
bewusst eine eigene national-jüdische Musik zu entwickeln, die
sich mit den anderen nationalen Kompositionsschulen
vergleichen kann. Ein solcher Vertreter einer nationalen jüdischen
Musik ist der Komponist Lazare Saminsky, auf der Biennale Bern
gespielt von Jascha Nemtsov.
| Musik
7
Jascha
Nemtsov spielt Lazare Saminsky in Bern
(bei
ca. 1:00 absenken in den O-Ton runterziehen, weiterlaufen
lassen)) |
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O-Ton
14 (Beate Schröder-Nauenburg am 16. Oktober 2001 in Bern):
Durch die Gründung dieser Gesellschaft 1908 entstand zum ersten
Mal eine eigenständige jüdische Richtung in der Musik, die Neue
Jüdische Schule.
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Beate
Schröder-Nauenburg, freie Musikwissenschaftlerin in Stuttgart,
spricht von der Gründung der „Gesellschaft für jüdische
Volksmusik“ im Sankt-Petersburger Konservatorium vor bald
hundert Jahren. Die Gründer waren allesamt Studenten der
Kompositionsklasse von Nikolai Rimskij-Korsakow. Viele jüdische
Musiker studierten damals in Sankt-Petersburg, weil sie in
Russland nur am dortigen Konservatorium keinerlei Beschränkungen
unterworfen waren. Der Überlieferung nach, ermunterte
Rimskij-Korsakow seine jüdischen Studenten, den eigenen
musikalischen Schatz zu heben. Die Voraussetzungen dafür waren an
sich günstig. Denn anders als in Westeuropa gab es im Westen des
russischen Reiches ein riesiges Gebiet, in dem Juden traditionell
in großen geschlossenen Siedlungsgebieten lebten, ja allein leben
nur durften!, im so genannten Schtetl. Dort gab es eigene
musikalische Traditionen – sowohl der Synagoge als auch der
Alltagskultur. Da Juden die rechtliche Gleichstellung verwehrt
wurde, entwickelten sich unter ihnen zunehmend Ideen, die später
auf den Zionismus wiesen: Sie wollten sich selbst befreien, auch
kulturell. Aus diesem Potenzial schöpfen die Studenten für ihre
Neue Jüdische Schule.
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