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Was ist jüdische Musik?
Notizen von der Biennale Bern 2001 "Fremdbilder/Selbstbilder"


Buch
Anselm Gerhard / Laurenz Lütteken:
Zwischen Klassik und Klassizismus.
Johann-Nepomuk Hummel in Wien und Weimar


Buch
Anselm Gerhard:
Musikwissenschaft - eine verspätete Disziplin?.
Die akademische Musikforschung zwischen Fortschrittsglauben und Modernitätsverweigerung


Buch
Reiner Zimmermann:
Giacomo Meyerbeer.
Eine Biographie nach Dokumenten


DVD
Giacomo Meyerbeer:
Les Huguenots - Die Hugenotten


CD
Hamburger Archiv für Gesangskunst (Hrg.):
Sigrid Onegin - 1927-30


Buch
Jens-Malte Fischer:
Richard Wagners "Das Judentum in der Muisk"


Buch
Dieter Borchmeyer / Ami Maajani / Susanne Vill:
Richard Wagner und die Juden


Buch
Eckhard John / Heidy Zimmermann (Hrg.):
Jüdische Musik.
Fremdbilder - Eigenbilder


Buch
Jascha Nemtsov / Ernst Kuhn:
Jüdische Musik in Sowjetrussland.
Die "Jüdische Nationale Schule der zwanziger Jahre


CD
Wolfgang Meyer / Jascha Nemtsov:
Jüdische Lieder ohne Worte

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© für das Manuskript bei Heinz-Peter Katlewski, 2002. 


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für Deutschlandfunk - Studiozeit "Thema: Kultur/Musik"
Freitag, 25. Januar 2002, 20:10 - 21:00 Uhr

Teil 4 (von 7)

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Das war im 17. Jahrhundert. Als Ende des 18. Jahrhundert Juden begannen für ihre Emanzipation zu streiten, suchten manche den Weg über die Assimilation und den Übertritt zum Christentum, andere reichten Bittschriften an die Landesherren ein. Das 19. Jahrhundert jedenfalls wird – wenn auch mit vielen Rückschlägen – das Jahrhundert der Emanzipation. In dieser Zeit widmen sich immer mehr Juden den Künsten. Anselm Gerhard, Ordinarius für Musikwissenschaft an der Universität Bern sagt warum:

O-Ton 11 (Professor Dr. Anselm Gerhard, am 27. März 2001 in Bern)
Dass Juden überhaupt nach den blutigen Vertreibungen des Mittelalters wieder Ansiedlungsrecht und dann allmählich auch die bürgerlichen Rechte bekamen, ist eine Entwicklung des späten 18. Jahrhunderts. Und da sie die jüdischen Eliten, und vor allen in Berlin um Moses Mendelssohn herum von Anfang an sehr für die Künste überhaupt, für Literatur interessiert haben, spielte eben auch Musik eine ganz wesentliche Rolle. So wie für den deutschen Bildungsbürger im 19. Jahrhundert die Beethoven-Büste auf dem Klavier zur Ausstattung gehörte, hat dann eben auch für den Juden, der über Bildung Deutscher und als Deutscher anerkannt werden wollte, das Interesse oder die Mitarbeit an der Musik ganz wichtig dazugehört, genauso aber wie auch die Auseinandersetzung mit Goethe, die immer ganz, ganz wichtig war.

Einer der ersten erfolgreichen Komponisten ist Jakob Meyer Beer, besser bekannt unter dem Namen Giacomo Meyerbeer. Bereits mit 10 Jahren tritt als er als Pianist auf, mit zwölf schreibt er die erste Sonate. 1812, mit 21 Jahren wird in München seine erste Oper aufgeführt, ein Jahr später bereits ernennt ihn der Großherzog von Hessen-Darmstadt zum Hofkomponisten. Meyerbeer wird mit fürstlichen Ehren und Ämtern überschüttet, schließlich sogar  Preußischer Generalmusikdirektor. Zu seiner Zeit erwirbt er sich den Ruf, der Opernkomponist schlechthin zu sein. Sein wohl berühmtestes Werk  „Les Huguenots“ – Die Hugenotten wurde 1836 in Paris uraufgeführt. 1842 erfolgt die Erstaufführung in Berlin. Hier ein Ausschnitt aus einer französischen Schellackaufnahme aus dem Jahre 1928 mit Sigrid Onegin als Sopranistin.

((bei ca. 0:57 einsteigen, evtl. vorher ab „Les Hugenots“ unterlegen))

Musik 6 

Sigrid Onegin: “Nobles seigneurs”,
aus “Les Huguenots”
Nimbus Records – Prima Voce, NI7812,
Dec. 1928 Matrix A48276 Victor Cat: 7146

((nach ca. 1:33 Minuten zügig rausziehen))

Meyerbeer war nicht nur in Deutschland erfolgreich, sondern auch in Italien und in Frankreich. Als Sohn einer Berliner Kaufmannsfamilie war er wohlhabend und musste nicht von seinen Kompositionen leben. Umso mehr unterstützte er begabte Komponistenkollegen, die es noch nicht so weit gebracht hatten wie er. Einer davon war Richard Wagner

In einer, unter Pseudonym veröffentlichten Schrift „Das Judentum in der Musik“ schließt sich Wagner einer angeblich volkstümlichen Abneigung gegen alles Jüdische an. Als ein Wandervolk könnten Juden nicht schöpferisch Musik schreiben, weil ihnen eine positive kulturelle Identität fehle. Außerdem behauptete er, bei Komponisten jüdischer Herkunft, den Akzent des Westjiddischen hören zu können – ein unangenehmes Gemauschele, das sie nicht ablegen könnten. Den Erfolg jüdischer Komponisten, insbesondere den von Giacomo Meyerbeer, bewertete Wagner als Ausdruck der Verwirrung des musikalischen Geschmacks. 10 Jahre zuvor hörte sich sein Urteil noch ganz anders an.

O-Ton 12 (Professor Dr.Anselm Gerhard, am 27. März  2001 in Bern):      
1840 schreibt Wagner in einem Korrespondentenbericht aus Paris, Meyerbeer, der ja damals in  der allgemeinen Wahrnehmung international der wichtigste Opernkomponist überhaupt war, habe die Schranken der Nationalvorurteile zerschlagen und Musik wie vor ihm Händel, Gluck und Mozart geschrieben, und weil diese Deutsche waren, sei auch Meyerbeer ein Deutscher. Und elf Jahre später schreibt er in „Oper und Drama“ ganz ähnlich wie dann auch in diesem Judentum-Pamphlet, dass Meyerbeer als Jude eben keine eigene Sprache hätte, und dass er eben nicht Deutscher sein kann, weil eben nur als erlernte Fremdsprache dann auch die Sprachen verwendet, die er in seiner Musik schreibt. Und das bezieht sich nicht nur auf das, was gesungen wird, sondern eben auch auf den Tonfall der Musik.

Eine absurde Idee, denn das Wunderkind Meyerbeer jedenfalls genoss in seiner Kindheit eine ausgesprochen elitäre Erziehung. Mit dem so genannten Judendeutsch jener Zeit dürfte er kaum viel in Berührung gekommen sein. Und wenn, wer sucht in Beethovens Werken einen rheinischen Akzent, bei Bach einen thüringischen und bei Mozart den Klang des Salzburger Landes?

O-Ton 13 (Professor Dr. Anselm Gerhard, am 27. März 2001 in Bern)
Meyerbeer hat ihn sehr gefördert, war aber eben erkennbar Jude, blieb ja auch sein ganzes Leben lang der jüdischen Religion verbunden. Und wenn ich jetzt versuche, ein wenig mir zu erklären, warum Wagner so brutal, so verletzend wurde. Es ist wahrscheinlich immer unangenehm, wenn man jemand anderem sehr viel schulden zu müssen. Und es ist wahrscheinlich besondern unangenehm, wenn man einem Förderer sehr viel schuldet, vor dem man sich vorher ganz, ganz klein gefühlt hat und dann auch Unterwürfigkeitsgesten vorgeführt hat, die man in einer anderen Situation nicht eingenommen hätte. Und vielleicht erklärt sich vieles daraus, dass dann eben - der zu Erfolg gekommene - Wagner sich von dieser frühen Lebensphase des unterwürfigen Bettlers vor Meyerbeer abgrenzen konnte, in dem er das Etikett Jude auf Meyerbeer klebt. Das ist nur ein Erklärungsversuch, der längst nicht alles erklärt in diesem merkwürdigen Miteinander von verschiedensten Sachen.

Neid, gekränkte Eitelkeit, Geltungssucht, übersteigerte Egozentrik eines musikalischen Genies sind sicher weitere.

1850 war die Wirkung auf Wagners Pamphlet noch gering. Die erweiterte Neuauflage unter seinem eigenen Namen, 19 Jahre später und fünf Jahre nach Meyerbeers Tod, hatte dagegen  erhebliche Resonanz. Antisemitismus gab es bereits vor Wagner, aber Vorurteile und Hass gegen Juden in der Kunst hat er erst hoffähig gemacht. Und paradoxerweise damit auch all jene Versuche unter jüdischen Künstlern gefördert, gegen solche Häme bewusst eine eigene national-jüdische Musik zu entwickeln, die sich mit den anderen nationalen Kompositionsschulen  vergleichen kann. Ein solcher Vertreter einer nationalen jüdischen Musik ist der Komponist Lazare Saminsky, auf der Biennale Bern gespielt von Jascha Nemtsov.

Musik 7

Jascha Nemtsov spielt Lazare Saminsky in Bern

     (bei ca. 1:00 absenken in den O-Ton runterziehen, weiterlaufen lassen))        

O-Ton 14 (Beate Schröder-Nauenburg am 16. Oktober 2001 in Bern):      
Durch die Gründung dieser Gesellschaft 1908 entstand zum ersten Mal eine eigenständige jüdische Richtung in der Musik, die Neue Jüdische Schule.

Beate Schröder-Nauenburg, freie Musikwissenschaftlerin in Stuttgart, spricht von der Gründung der „Gesellschaft für jüdische Volksmusik“ im Sankt-Petersburger Konservatorium vor bald hundert Jahren. Die Gründer waren allesamt Studenten der Kompositionsklasse von Nikolai Rimskij-Korsakow. Viele jüdische Musiker studierten damals in Sankt-Petersburg, weil sie in Russland nur am dortigen Konservatorium keinerlei Beschränkungen unterworfen waren. Der Überlieferung nach, ermunterte Rimskij-Korsakow seine jüdischen Studenten, den eigenen musikalischen Schatz zu heben. Die Voraussetzungen dafür waren an sich günstig. Denn anders als in Westeuropa gab es im Westen des russischen Reiches ein riesiges Gebiet, in dem Juden traditionell in großen geschlossenen Siedlungsgebieten lebten, ja allein leben nur durften!, im so genannten Schtetl. Dort gab es eigene musikalische Traditionen – sowohl der Synagoge als auch der Alltagskultur. Da Juden die rechtliche Gleichstellung verwehrt wurde, entwickelten sich unter ihnen zunehmend Ideen, die später auf den Zionismus wiesen: Sie wollten sich selbst befreien, auch kulturell. Aus diesem Potenzial schöpfen die Studenten für ihre Neue Jüdische Schule.


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