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Was ist jüdische Musik?
Notizen von der Biennale Bern 2001 "Fremdbilder/Selbstbilder"


© für das Manuskript bei Heinz-Peter Katlewski, 2002.


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für Deutschlandfunk - Studiozeit "Thema: Kultur/Musik"
Freitag, 25. Januar 2002, 20:10 - 21:00 Uhr

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O-Ton 15 (Beate Schröder-Nauenburg am 16. Oktober 2001 in Bern)
Die Bezeichnung hatte mehrere Gründe: Diese Bewegung verstand sich als eine Art Renaissance der alten jüdischen Musik, die ihre Ursprünge in der Zeit des zweiten Tempels hatte und die zweitausend Jahre in mündlicher Überlieferung fortlebt. Gleichzeitig stand die Neue Jüdische Schule aber auf dem Boden der Moderne, sie war also eine Richtung der neuen Musik. Ihre Mitglieder verglich man auch mit dem „Mächtigen Häuflein“ – der Neuen Russischen Schule. Und schließlich wollte die Neue Jüdische Schule „eine neue Epoche eigener Musikkultur schaffen“ und sich von jüdischen Komponisten der Vergangenheit, wie Mendelssohn-Bartholdy, Offenbach oder Mahler abgrenzen, die sich in ihren Werken nicht zum Judentum bekannten.

Da die jüdische Volksmusik des Schtetls immer wieder den Einflüssen der umliegenden Volksgruppen ausgesetzt war, sollte das wichtigste jüdische Material der Tora-Kantillation entstammen, also der traditionellen Rezitation der Hebräischen Bibel im Gottesdienst der Synagoge. Diese, schriftlich nur abstrakt definierten Melodiemuster, die Tropen,  folgen – unabhängig von ihrer lokalen Ausprägung – bestimmten melodischen Figuren und  Regeln, die im Judentum universal sind, auch wenn sie örtlich recht unterschiedlich ausfallen. 

Etwa um die gleiche Zeit, als in Russland jüdische Komponisten die Kantillationen in den Gottesdiensten notierten, um sie als Material für ihr Projekt „Neue Jüdische Musik“ zu nutzen, wurde auch anderswo geforscht. Heidy Zimmermann, Musikwissenschaftlerin in Basel.

O-Ton 16  (Interview Heidy Zimmermann am 9. Mai  2001 in Bern):  
Kurz nach 1900 ist einer der ersten jüdischen Musikwissenschaftler, Abraham Idelsohn, eigentlich im ganzen größeren Umfeld des Mittelmeerbeckens und hat Aufnahmen gemacht mit einem Phonographen. Sind also ganz wichtige Dokumente. Etwa 9000 Wachsrollen hat er bespielt und die dann auch transkribiert und herausgegeben in 10 Bänden. Das ist der hebräisch-orientalische Melodienschatz,  und das ist ein ganz wichtiges Werk, das ist ne Ikone, die in machen Bibliotheken steht. Und wenn Komponisten irgendwo Quellen gesucht haben, dann sind sie hingegangen und haben den Idelsohn rausgezogen und dort Melodien gesucht, die sie weiterverarbeiten konnten.

Die Grundsubstanz der Kantillationen, die Tropen, haben zwar überall die gleiche Struktur, hören sich aber unterschiedlich an. Hier ein kurzes, sehr präzise gesungenes Klangbeispiel aus einer modernen aschkenasischen Tradition. Es ist einem Lehrwerk zum Erlernen des korrekten Rezitierens von Tora-Versen entnommen. Erst wird eine einzelne Trope mit ihrem hebräischen Namen gesungen, „Kadma“, dann erklingt eine Ableitung dazu, und schließlich vier kurze Wortkombinationen aus der Tora.

Musik 8

Track 35, The Art of Torah Cantillation
Transcontinental/New Jewish Music Press No. 386503

O-Ton 17 (Interview Jascha Nemtsov am 16. Oktober 2001 in Bern)
Das System der Kantillation ist ja sehr kompliziert und verzweigt, aber es wird angenommen, und es ist im Prinzip auch wissenschaftlich bewiesen, dass es wirklich der authentischste der jüdischen Musik ist. Und es war gerade Lazare Saminsky, der als Erstes immer so nachdrücklich darauf hinwies in seinen Vorträgen und seinen Artikeln, gerade diese Bibel-Kantillation muss man nehmen, weil es das Jüdischste in dieser Jüdischen Musik ist, und darauf kann man dann das Gebäude der neuen jüdischen Musik bauen. Es gab auch damals Diskussionen in dieser Gesellschaft für jüdische Volksmusik – die anderen Komponisten waren zum Teil auch anderer Meinung. Die sagten, alles, was die Juden singen ist alles jüdisch, egal ob das von den Russen stammt oder von den Polen. Aber im Prinzip hat sich die Meinung von Saminsky durchgesetzt.

Die Komponisten wollten allerdings nicht die Kantillation des Gottesdienstes wiederholen, sondern nutzten das Material der Tropen, um ihre eigenen Werke zu schaffen. Beate Schröder-Nauenburg mit einem Beispiel von einem der profiliertesten Vertreter dieser Neuen Jüdischen Schule, der bereits 1925 in die USA gegangen ist: Joseph Achron.

O-Ton 18 (Beate Schröder-Nauenburg am 16. Oktober 2001 in Bern)
Joseph Achron befasste sich ab 1917 intensiv mit dieser Tradition. Er begnügte sich aber von Anfang an nicht mit Zitaten, sondern er versuchte vielmehr, den Geist und Stil solcher Kantillationen nachzuempfinden. In einem Brief an Solomon Rosowsky beschrieb er dieses Verfahren auf folgende Weise: „Ihre Meinung über meine ‚Kindersuite’ freut mich sehr. Schade nur, dass im Konzertprogramm ...auf biblische Tropen’ zu lesen war, und nicht genau das, was bei mir stand: ‚Kindersuite, bestehend aus 20 Miniaturen, auf der Basis so genannter Tropen (alte synagogale Gesänge für die Tora-Lesung), die ganz frei benutzt werden.’ – Ich habe überhaupt nicht beabsichtigt, die Tropen wörtlich zu zitieren. Ich habe manche ihrer Elemente verwendet und komponierte in diesem Stil, indem ich meiner Fantasie freien Lauf gelassen habe, d.h. ich setzte das alles in Achron um. Das betrifft noch in höherem Masse auch mein Violinkonzert und eine Reihe anderer Werke.
 

Musik 9

Joseph Achron: Concerto for Piano Alone: Jolly,
auf: Across Boundaries – Discovering Russia, Vol 3: Waiting Room
Jascha Nemtsov, Piano
EDA 016-2, Ind.Nr.4 015380 001628

((nach ca. 1:02 Minuten absenken und unter dem O-Ton auslaufen lassen))


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