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Was ist jüdische Musik?
Notizen von der Biennale Bern 2001 "Fremdbilder/Selbstbilder"


© für das Manuskript bei Heinz-Peter Katlewski, 2002. 


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von O-Tönen (Zitaten)  berücksichtigen nach bestem Wissen den weiteren Kontext des Gesagten (Redebeitrag oder Interview). Sie geben den englischen Text deshalb nicht unbedingt wörtlich wieder. 


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für Deutschlandfunk - Studiozeit "Thema: Kultur/Musik"
Freitag, 25. Januar 2002, 20:10 - 21:00 Uhr

Teil 6 (von 7)

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Anfang des 20. Jahrhunderts befindet sich Russland in einem ständigen Umbruch, und das wirkt sich zum Nachteil aus für diese junge kompositorische Strömung. Zwar entstehen in den ersten Jahren der „Gesellschaft für Jüdische Volksmusik“ eine Vielzahl von Werken. Doch in Folge der Oktoberrevolution löst sich die Gesellschaft 1919 auf. 1923 gründet sich dann zwar in Moskau eine „Gesellschaft für Jüdische Musik“, aber sechs Jahre später muss auch sie die Segel streichen, 1931 wird sie schließlich aufgelöst. In der Sowjetunion unter stalinistischer Herrschaft wird der Gebrauch der hebräischen Sprache verboten und den Juden die kulturelle Existenzberechtigung praktisch abgesprochen.

Für einige Jahre wird jetzt Wien das Zentrum dieser Jüdischen Musikbewegung. Dort hat sich 1927 ein „Verein zur Förderung jüdischer Musik“ etabliert. Er will an die Traditionen der Petersburger „Gesellschaft für Jüdische Volksmusik“ und der Moskauer „Gesellschaft für Jüdische Musik“ anknüpfen.  Zu einem der Vorreiter wird hier der in der Ukraine geborene Cellovirtuose und Komponist Joachim Stutschewsky. Er gehört zum Wiener Umfeld von Arnold Schönberg und wirkt mit dem Kolisch-Quartett auch an der Interpretation von dessen Werken mit. Ganz den Umständen der späten zwanziger und dreißiger Jahre geschuldet – trägt er eine deutlich zionistisch gefärbte Note in die Debatte.

O-Ton 19 (Interview Jascha Nemtsov am 16. Oktober 2001 in Bern)
Stutschewsky empfand die Definition jüdischer Musik als dringende Aufgabe. Eine Voraussetzung war für ihn die Trennung zwischen der „Musik von Juden“ und „jüdischer Musik“. Als „jüdisch“ in der Musik waren für Stutschewsky in erster Linie nicht musikwissenschaftlich streng analysierbare stilistische Merkmale deren gründliche Erforschung er künftigen Generationen überlassen hat. Vielmehr war für ihn die Feststellung der inneren Verbundenheit des Künstlers mit seinem Volk ausschlag-gebend. Aus solcher Verbundenheit des Künstlers mit seinem Volk würden sich bewusst oder unbewusst auch entsprechende Stilelemente herausbilden, die das Kunstwerk zu einer Einheit von Idee und Material werden lassen. So ist - seiner Meinung nach - beispielsweise „die Klaviersonate von Alexander Kreyn zumindest so jüdisch, wie die von Bartók ungarisch“ ist.

Stutschewsky wollte der jüdischen Gemeinschaft und der Öffentlichkeit demonstrieren, dass Juden aus ihren eigenen Traditionen heraus schöpferisch tätig sein können und Verdikte, wie sie Richard Wagner in seiner Schrift „Das Judentum in der Musik“ abgegeben hat, nicht berechtigt sind. Dieser Verein zur Förderung jüdischer Musik vermochte tatsächlich für einige Jahre jüdische Komponisten und Musiker zu inspirieren. Bis Mitte der dreißiger Jahre ist Wien das internationale Zentrum für jüdische Musikgesellschaften schlechthin. Mit dem Anschluss Österreichs an Deutschland findet das ein gewaltsames Ende. Wer konnte, wanderte vorher aus. Joachim Stutschewsky ging nach Palästina, wurde dort erst Musikinspektor des jüdischen Nationalrates, konnte aber niemals wieder an seine Wiener Erfolge anknüpfen. Er resignierte. Seinen Lebensunterhalt musste er in Israel zwölf Jahre lang damit verdienen, unter einer Brücke von Tel Aviv für Klimpergeld zu spielen. Andere jüdische Komponisten mussten im Gettolager Theresienstadt aufspielen, z.B. der Prager Hans Krása.

Musik 10

Auszug aus "Brundibar – Oper für Kinder und Erwachsene",
Orchester und Kinderchor, Musikschule Biel (Mitschnitt)

((nach ca. 0:39 Minuten absenken))

Ein Ausschnitt aus „Brundibar“, der Oper für Kinder und Erwachsene von Hans Krása, in Bern gespielt von einem Schülerorchester und dem Kinder- und Jugendchor der Musikschule Biel. Ein Stück über zwei Geschwister, die die Kraft der Gemeinschaft entdecken und sich gegen einen bösen Leierkastenmann durchsetzen. Gemeint ist Adolf Hitler. 56 mal wurde das Stück in Theresienstadt aufgeführt. Hans Krása wurde 1941 nach Auschwitz deportiert und ermordet.

((bei ca. 3:50 einsteigen))

Musik 11

 Child Aria (Internet Download),
Chaya Czernowin: Pnima”
University of California – San Diego

((bei ca. 4:59 Minuten unter dem O-Ton rausziehen))

 
O-Ton 20 (Chaya Czernowin in Bern, 17.10.2002)
If you want to speak about the holocaust, you can either fall into a place, where it becomes really holy, and you cannot touch it: “I’m so afraid to touch it, it’s so holy, that what comes out is just – in a way an idealisation and a dream about some reality, even though a nightmare about reality, but it’s not really touching it. It’s not really having a direct kind of contact with it. Or you can fall into the other direction, where you take and it becomes some kind of "Exotizismus". It becomes a colour. It becomes a taste of something which is put on something else, which might be more real. And than it is also very superficial. In my case for example it was really not an attempt to deal with the holocaust. It was a biographical attempt to deal with my own psychology.

Wenn man über den Holocaust sprechen will, dann kann man entweder eine Haltung annehmen wo dann alles richtig heilig wird, etwas, was man nicht berühren darf. Die Folge davon ist, dass diese Erlebnisse idealisiert werden, sie verwandeln sich in einen Traum, wenn auch in einen Albtraum. Und man kann dazu nicht wirklich eine Beziehung entwickeln. Oder man geht ins andere Extrem, und dann wird der Holocaust zu einer exotischen Angelegenheit. Er erhält dann eine Farbe und einen Geschmack verpasst. Das erscheint dann wirklicher, aber in Wirklichkeit wird es dann auch oberflächlich. Im Fall meiner Oper „Pnima“ hatte ich ausdrücklich nicht die Absicht, den Holocaust zum Thema zu machen. Es war vielmehr ein biografischer Versuch, mich mit meiner eigenen psychischen Verfassung auseinander zusetzen.


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