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Was ist jüdische Musik?
Notizen von der Biennale Bern 2001 "Fremdbilder/Selbstbilder"


© für das Manuskript bei Heinz-Peter Katlewski, 2002. 


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von O-Tönen (Zitaten)  berücksichtigen nach bestem Wissen den weiteren Kontext des Gesagten (Redebeitrag oder Interview). Sie geben den englischen Text deshalb nicht unbedingt wörtlich wieder. 


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für Deutschlandfunk - Studiozeit "Thema: Kultur/Musik"
Freitag, 25. Januar 2002, 20:10 - 21:00 Uhr

Teil 7 (von 7)

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Kein Gesang, nur Laute, krächzende, jammernde, zischelnde, wischende. Menschliche Geräusche und hilfloses Herumirren in einem kahlen Raum. Die Kritiker sind sich einig. Chaya Czernowins, mit dem Bayerischen Theaterpreis prämierte Oper, „Pnima ins Innere“, thematisiert den Holocaust. Die 44 Jahre alte israelische Künstlerin wehrt ab. Es geht nicht einfach um den Holocaust. Es geht um Traumata, darum wie eine Generation mit der Nächsten einen Gespräch sucht und nicht findet, wie ein von seinen Erlebnissen irre und sprachlos gewordener Greis seinem Enkel etwas vermitteln will und nicht kann. Und wie der Junge ihm etwas entlocken möchte, und es gelingt nicht. 

Chaya Czernowin gehört zur Generation jener Israelis, deren Eltern vom Nationalsozialismus unmittelbar betroffen waren, während sie selbst  ihr Leben ohne diese Last aufbauen konnte. Das musikalische Material der Tora-Kantillation ist ihr als Ressource für das Komponieren gleichgültig. Richard Wagners Kompositionen sind vielleicht musikalisch interessant, sein Urteil über „das Judentum in der Musik“ stellt für sie aber keine relevante Herausforderung mehr dar. Die eigene Identität wird davon nicht verunsichert.  Die Zeit nationaler Schulen ist jedenfalls in der Kunstmusik vorbei. Und von der religiösen Identität bleibt vorerst das:

O-Ton 21 (Chaya Czernowin in Bern, 17.10.2002)
For me it was important to discover that I see in the way, that I write music, or in the way, that I approach music, that the biblical – for example – very important law of not making a picture, not having God as a picture, is for me very basic thing musically. That I don’t want to have a picture of anything external description, and would rather have the fluctuating internal picture, which needs to be recreated of everything I would like to communicate.

Für mich war die Entdeckung wichtig, dass in der Art wie ich Music schreibe, wie ich an Musik herangehe, dass da zum Beispiel das biblische Gebot, dass man sich von Gott kein Bild machen darf, für mich unter musikalischen Aspekten sehr grundlegend ist. Ich möchte kein Bild von irgendeiner externen Beschreibung. Ich ziehe das wechselnde Bild vor, dass sich jeder von dem, was ich vermitteln möchte, selbst macht.

Komponisten mit einem solchen Anspruch haben es in Israel nicht leicht, ihren Lebensunterhalt zu verdienen. Staatlich gefördert wird z.Zt. vor allem populäre Musik, weil allein die einen nennenswerten Beitrag zur atmosphärischen Integration des jüdischen Vielvölkergemischs zu leisten vermag. Chaya Czernowin kann ihre Projekte nur deshalb realisieren, weil sie an der kalifornischen Universität San Diego als Professorin Komposition unterrichtet.

O-Ton 22 (Chaya Czernowin in Bern, 17.10.2002)
I think all the Israeli artists of our age feel a very strong pressure in Israel that is not spoken about, but its very much felt, to become part of the attempt of the country to find its identity. I remember – just a small example – when I was drafted into the army, we had a training time, and than you meet people from other places. So my bed was near a bed of a girl from the Kibbutz. And we spent all this training time arguing, because she said, who gives you the right, to write music? What are you doing for the country? And now it sounds really stu-pid, but it was not. This was a very, very big discussion, where I said, there is nothing I do better than to do this. So I must be able to do this. And she said “No”; this doesn’t help the country in any way. You can’t allow yourself to but just self-indulgent and write music. And this is an argument between two 18 years old, but I think, this is something that is very much touching each of us here.

Ich glaube, all israelischen Künstler unserer Jahrgänge empfinden einen sehr starken Druck, über den man im Allgemeinen nicht spricht, aber er wird empfunden, nämlich dass man einen Beitrag leisten soll dazu, dass das Israel eine gemeinsame kulturelle Identität findet. Ein kleines Beispiel: ich erinnere mich, als ich in die Armee eingezogen wurde, da gab es eine Grundausbildung. Und da traf man Menschen aus allen möglichen Regionen des Landes. Mein Bett stand neben dem eines Mädchens aus einem Kibbuz. Wir haben die ganze Zeit damit verbracht, uns zu streiten darüber, was mir das Recht gibt, Musik zu komponieren. Sie fragte mich, was ich eigentlich für das Land leisten will? Das klingt heute lächerlich, aber das war kein Scherz, sondern ein Riesenthema. Ich sagte, es gibt nichts, was ich besser kann als Musik schreiben. Ich muss das machen können. Und sie sagte „Nein“, das nützt dem Land nichts. Schämst du dich nicht? Das war ein Streit zwischen zwei 18-jährigen Mädchen, aber ich denke, das ist eine Geschichte, die jeder von uns schon irgendwie erlebt hat .

Solche Erfahrungen sind in der Diaspora nur schwer nachzuvollziehen. Ob man religiös ist oder nicht, das eigene Judentum hat dort stets ein größeres Gewicht. Ein Israeli kann sich auf seine Staatsangehörigkeit zurückziehen, wenn ihm die Religion nichts mehr sagt; ein Diaspora-Jude bleibt was er ist. Nur bedeutet das nicht, dass das Spektrum innerhalb des Judentums geringer wäre als bei einer anderen Religion oder einem anderen Volk, meint der amerikanische Komponist Josh Levine. Und das gelte auch für die Musik.

O-Ton 23 (Josh Levine am 21. Oktober 2001 in Bern)
The point of departure is Rabin’s murder, I realised that Jewishness is not one thing, and anybody who tries to search for a singular thing that will identify our Jewishness is bound to fail. It’s a huge carpet of opinions and versions. And I am now motivated to take away Juda-ism from the religious thought orthodox, because they failed Judaism in my mind. But I am politically motivated in that sense. But I think the issue for me is relevant and not irrelevant. The idea that Jewishness is a thing that you can describe, I thin is bound to fail.

Es ging los mit der Ermordung Rabins. Damals begriff ich, dass Jüdisch-Sein nicht eine einzige Sache ist und dass jeder, der glaubt, so ein einzelnes markantes Merkmal für Judentum finden zu können, scheitern wird. Das ist ein Flickenteppich von Meinungen und Versionen von Meinungen. Ich möchte mit dem orthodoxen Judentum nichts mehr zu tun haben, weil ich glaube, dass es gescheitert ist. Aber das ist eine politische Meinung. Ich denke allerdings, das diese Frage, was es ausmacht jüdisch zu sein für mich durchaus relevant ist und nicht irrelevant. Aber beschreiben wird man es nicht können.

 

((vorher unter dem O-Ton etwas laufen lassen))

Musik 12

Ritmica funebre,
aus: Wladimir Vogel: Zwei Etüden für Orchester,
auf: Kontrast-Sinfonieorchester der Hochschule für Musik und Theater Bern-Biel“
Eröffnungskonzert „Heimatträume und Realität“
Konzertmitschnitt vom Schweizer Radio DRS Studio Bern
gesendet am 17.10.2001 auf DRS II

((nach ca. 0:50 Minuten raus))


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