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Fremde Klänge in Shanghai
Jüdische Musik in China


© für das Manuskript bei Heinz-Peter Katlewski, 2002. 


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für NDR INFO - Schabbat Schalom
Freitag, 9. August 2002, 19:30 - 20:00 Uhr

Zum Hintergrund
Heute gibt es wieder eine kleine jüdische Gemeinde in Peking. Sie besteht vor allem aus Mitarbeitern ausländischer Firmen. Seit dem 19. Jahrhundert bis in die erste Hälfte des 20. Jahrhundert  gab es jedoch sogar einige bedeutende jüdische Siedlungen in China. Zur ersten Einwanderungswelle gehörten im 19. Jahrhundert irakische und sephardische Juden. Sie nahmen als Kaufleute an der Entwicklung Schanghais teil. Eine weitere Gruppe von mehr als 20 000 Juden kam Ende des 19. Jahrhunderts aus Russland ins nordchinesische Harbin. Viele von ihnen hatte der Eisenbahnbau im Norden Chinas angelockt. Andere flüchteten vor Pogromen und nach 1917 auch vor der Oktoberrevolution. Aber Ende der dreißiger/ Anfang der vierziger Jahre erlebte Schanghai innerhalb von wenigen Jahren eine jüdische Zuwanderung ohne Beispiel in der Geschichte Chinas. Sie währte bis zum Ende des zweiten Weltkrieges bzw. bis zur Gründung des Staates Israel. 


O-Ton 1 (Prof. Dr. Tang Yating, Shanghai Conservatory of Music)
The greatest influx of Jews into Shanghai was caused by Nazism, mainly from Germany-Austria and Poland between 1939 and 1941, and formed the third and the fourth Jewish communities in the city . The third community consisted of nearly 30,000 central European refugees, of which over 300 were musicians.

Die größte Gruppe Juden, die jemals in Schanghai lebte, kam zwischen 1939 und 1941 aus Deutschland, Österreich und Polen. Diese Menschen suchten vor dem Nationalsozialismus Schutz und formten eine große jüdische Gemeinde aus fast 30 000 Flüchtlingen. Etwa 300 waren Musiker.

Yating Tang ist Professor an der sozialwissenschaftlichen Fakultät des Konservatoriums von Schanghai und darum bemüht, das kulturelle und vor allem das musikalische Leben der kurzen Spanne einer großen jüdischen Siedlung in der chinesischen Hafenstadt zu rekonstruieren. In seiner Jugend lebte er in Hongkew, nordöstlich von Schanghai und damit in unmittelbarer Nähe des ehemaligen jüdischen Ghettos. In diesen heruntergekommenen Stadtteil hatten nämlich Ende 1941 die japanischen Besatzungstruppen auf Wunsch der nationalsozialistischen Führung in Deutschland rund 18 000 Juden eingewiesen.

Diese Flüchtlinge aus der dritten und größten jüdischen Einwanderungswelle nach China innerhalb von 150 Jahren kamen zum weitaus größten Teil aus Deutschland, Österreich und Polen. Die deutschen Juden aber unterschieden sich von den anderen.

O-Ton 2 (Prof. Dr. Tang Yating, Shanghai Conservatory of Music)
The German Jews conducted their service in the reformed tradition they had developed since the 19th century, which identified itself with Christian services. As a poster in the 8-Uhr Abendblatt (8-O’clock Evening Paper) showed, in a Liberal service for the 1940 Jewish New Year held at the Eastern Theatre, a harmonium and a large mixed choir were used., chanting the well-known Kol Nidre. Even a female soloist joined the event. Here the female singing in the service was remarkably alien to the Judaic tradition at the time.

Die deutschen Juden führten ihre Gottesdienste in jener Reformtradition durch, die sie in Deutschland seit dem 19. Jahrhundert entwickelt hatten. Zum liberalen Gottesdienst anlässlich des jüdischen Neujahrsfestes „Rosch haSchana“ im Osttheater Schanghais gehörten 1940 selbstverständlich ein Harmonium und ein gemischter Chor. Sogar eine weibliche Solo-Sängerin nahm an diesem Gottesdienst teil. Weibliche Stimmen im Gottesdienst, das war damals mehr als fremd für die Vertreter der jüdischen Tradition.

Obwohl sie die weitaus größte Gruppe der Einwanderer in Schanghai stellten, hatten sie offenbar keinen Einfluss auf den örtlichen Bet Din, den Rabbiner-Gerichtshof der Jüdischen Gemeinde der Millionenstadt. Zu dem gehörten vor allem polnische und russische Rabbiner. Der Bet Din intervenierte gleich zweimal mit seiner religionsgesetzlichen Autorität gegen Mehrheitsbeschlüsse des Gemeindevorstandes, sowohl einen orthodoxen wie einen liberalen Gottesdienst anzubieten. Die liberalen Gottesdienste konnten deshalb nicht in einer der Synagogen, sondern mussten im Theater abgehalten werden.

Beide Traditionen, die liberale wie die orthodoxe entwickelten in den wenigen Jahren gerade im Bereich der Synagogenmusik ein hohes Niveau und wurden deshalb oft eingeladen, bei Veranstaltungen der internationalen Siedlung in Schanghai aufzutreten. Die orthodoxen Kantoren hatten einen legendären Ruf. Der Männerchor des liberalen Gottesdienstes galt als der beste in der ganzen Stadt. Aber der religiöse und liturgische Gesang bildete nur einen Teil des jüdischen Musiklebens in diesen Jahren.

O-Ton 3 (Prof. Dr. Tang Yating, Shanghai Conservatory of Music)
Serious music, though in a difficult situation, was significant to the refugees. They found that they were able to approach upper-class society by this kind of music. Besides family concerts and guest performances, they soon appeared in the programs of the Municipal Orchestra of the Shanghai International Settlement led by the Italian Mario Paci, or also in the Lyceum Theatre, church concerts, and in other grand evenings. The best of the refu-gee musicians were enlisted by the Municipal Orchestra before long. The Municipal Orchestra was actually the only most important or authoritative institution then in Shang-hai, to which the Jews were able to attach their homeland’s European musical life. In addi-tion, this institution was also actually the only channel for Jewish/European art music to be related in performing with the Shanghai society. Most of the other were restricted within the Jewish communities.

Ernste Musik, Kunstmusik war den Flüchtlingen selbst in der schwierigen Lage während der japanischen Besatzung und der Zeit im Ghetto wichtig. Sie gab ihnen die Möglichkeit, zeitweilig die Ghettogrenzen zu verlassen und zu den gehobenen Gesellschaftsschichten der Millionenstadt Kontakt zu halten. Neben Auftritten im Familienrahmen und als Gastkünstler gelang es einigen der Musiker bald im Orchester der Internationalen Siedlung Furore zu machen. Dieses Orchester war eine wichtige Institution für viele Juden. Sie konnten sowohl Kunst und Kultur ihrer Heimat pflegen und zugleich in gewissem Maße Teil der bürgerlichen Kreise von Schanghai werden. Jene, die diese Möglichkeit nicht hatten, waren dagegen weitgehend auf ihre jüdischen Gemeinschaften verwiesen.

Kultur und Musik waren auch in den Grenzen des Ghettos wichtig. Es wurde allerlei gewagt, um sich musikalisch zu zerstreuen – sogar mit eigenen Operaufführungen wurde experimentiert – mit mäßigem Erfolg. Die Menschen suchten unter den bedrückenden Umständen leichtere Kost. 

Jüdische Musiker spielten Begleitmusik zu festlichen Dinners in den besseren Teilen der Stadt und quälten das Saxophon in der schwülen Atmosphäre der Kellerspelunken. Sogar ein Operettenensemble gründete sich und brachte in der ersten Hälfte der vierziger Jahre in  Schanghai "Die Fledermaus", "Die lustige Witwe" und den "Graf von Luxemburg" auf die Bühne – trotz der massiven Einschränkungen, die ihnen die japanischen Besatzer auferlegten. Viele der Flüchtlinge waren in ihrer Heimat Entertainer. So verdienten sie ihr Geld auch in kleinen Bars, Nachtclubs, Restaurants und Dachgärten in und außerhalb des Ghettos. Kabarett, Schlager und Wiener Kultur, Heurigenabende, das lief am besten.

O-Ton 4 (Prof. Dr. Tang Yating, Shanghai Conservatory of Music)
As a Jewish journal said at a time: "In the ghetto period “Jewish idealism in Shanghai was not overcome by any difficulties or obstructions and the flag of art enthusiasm was kept high and in honor.”

Ein jüdisches Journal schrieb einmal über die Zeit im Ghetto: Jüdischer Idealismus ließ sich auch unter den größten Schwierigkeiten nicht unterkriegen und die Flagge des Enthusiasmus wurden hoch und Ehren gehalten.


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