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Zum
Hintergrund
Heute gibt es
wieder eine kleine jüdische Gemeinde in Peking.
Sie besteht vor allem aus Mitarbeitern ausländischer
Firmen. Seit dem 19. Jahrhundert bis in die erste Hälfte
des 20. Jahrhundert gab es jedoch sogar einige bedeutende jüdische
Siedlungen in China. Zur ersten Einwanderungswelle gehörten
im 19. Jahrhundert irakische und sephardische Juden. Sie
nahmen als Kaufleute an der Entwicklung Schanghais teil.
Eine weitere Gruppe von mehr als 20 000 Juden kam Ende des
19. Jahrhunderts aus Russland ins nordchinesische Harbin.
Viele von ihnen hatte der Eisenbahnbau im Norden Chinas
angelockt. Andere flüchteten vor Pogromen und nach 1917
auch vor der Oktoberrevolution. Aber Ende der dreißiger/
Anfang der vierziger Jahre
erlebte Schanghai innerhalb von wenigen
Jahren eine jüdische Zuwanderung ohne Beispiel in der
Geschichte Chinas. Sie währte bis zum Ende des zweiten
Weltkrieges bzw. bis zur Gründung des Staates
Israel.
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O-Ton 1
(Prof. Dr. Tang Yating, Shanghai Conservatory of Music)
The greatest influx of Jews into Shanghai was caused by
Nazism, mainly from Germany-Austria and Poland between
1939 and 1941, and formed the third and the fourth Jewish
communities in the city . The third community consisted of
nearly 30,000 central European refugees, of which over 300
were musicians.
Die
größte Gruppe Juden, die jemals in Schanghai lebte, kam
zwischen 1939 und 1941 aus Deutschland, Österreich und
Polen. Diese Menschen suchten vor dem Nationalsozialismus
Schutz und formten eine große jüdische Gemeinde aus fast
30 000 Flüchtlingen. Etwa 300 waren Musiker. |
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Yating
Tang ist Professor an der sozialwissenschaftlichen Fakultät
des Konservatoriums von Schanghai und darum bemüht, das
kulturelle und vor allem das musikalische Leben der kurzen
Spanne einer großen jüdischen Siedlung in der chinesischen
Hafenstadt zu rekonstruieren. In seiner Jugend lebte er in
Hongkew, nordöstlich von Schanghai und damit in
unmittelbarer Nähe des ehemaligen jüdischen Ghettos. In
diesen heruntergekommenen Stadtteil hatten nämlich Ende
1941 die japanischen Besatzungstruppen auf Wunsch der
nationalsozialistischen Führung in Deutschland rund 18 000
Juden eingewiesen.
Diese
Flüchtlinge aus der dritten und größten jüdischen
Einwanderungswelle nach China innerhalb von 150 Jahren kamen
zum weitaus größten Teil aus Deutschland, Österreich und
Polen. Die deutschen Juden aber unterschieden sich von den
anderen.
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O-Ton 2 (Prof.
Dr. Tang Yating, Shanghai Conservatory of Music)
The German Jews conducted their service in the reformed
tradition they had developed since the 19th century, which
identified itself with Christian services. As a poster in
the 8-Uhr Abendblatt (8-O’clock Evening Paper) showed,
in a Liberal service for the 1940 Jewish New Year held at
the Eastern Theatre, a harmonium and a large mixed choir
were used., chanting the well-known Kol Nidre. Even a
female soloist joined the event. Here the female singing
in the service was remarkably alien to the Judaic
tradition at the time.
Die
deutschen Juden führten ihre Gottesdienste in jener
Reformtradition durch, die sie in Deutschland seit dem 19.
Jahrhundert entwickelt hatten. Zum liberalen Gottesdienst
anlässlich des jüdischen Neujahrsfestes „Rosch
haSchana“ im Osttheater Schanghais gehörten 1940
selbstverständlich ein Harmonium und ein gemischter Chor.
Sogar eine weibliche Solo-Sängerin nahm an diesem
Gottesdienst teil. Weibliche Stimmen im Gottesdienst, das
war damals mehr als fremd für die Vertreter der
jüdischen Tradition. |
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Obwohl
sie die weitaus größte Gruppe der Einwanderer in Schanghai
stellten, hatten sie offenbar keinen Einfluss auf den örtlichen
Bet Din, den Rabbiner-Gerichtshof der Jüdischen Gemeinde der
Millionenstadt. Zu dem gehörten vor allem polnische und russische
Rabbiner. Der Bet Din intervenierte gleich zweimal mit seiner
religionsgesetzlichen Autorität gegen Mehrheitsbeschlüsse des
Gemeindevorstandes, sowohl einen orthodoxen wie einen liberalen
Gottesdienst anzubieten. Die liberalen Gottesdienste konnten
deshalb nicht in einer der Synagogen, sondern mussten im Theater
abgehalten werden.
Beide
Traditionen, die liberale wie die orthodoxe entwickelten in den
wenigen Jahren gerade im Bereich der Synagogenmusik ein hohes
Niveau und wurden deshalb oft eingeladen, bei Veranstaltungen der
internationalen Siedlung in Schanghai aufzutreten. Die orthodoxen
Kantoren hatten einen legendären Ruf. Der Männerchor des
liberalen Gottesdienstes galt als der beste in der ganzen Stadt.
Aber der religiöse und liturgische Gesang bildete nur einen Teil
des jüdischen Musiklebens in diesen Jahren.
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O-Ton
3 (Prof. Dr. Tang Yating, Shanghai Conservatory of Music)
Serious music, though in a difficult situation, was
significant to the refugees. They found that they were
able to approach upper-class society by this kind of music.
Besides family concerts and guest performances, they soon
appeared in the programs of the Municipal Orchestra of the
Shanghai International Settlement led by the Italian Mario
Paci, or also in the Lyceum Theatre, church concerts, and
in other grand evenings. The best of the refu-gee
musicians were enlisted by the Municipal Orchestra before
long. The Municipal Orchestra was actually the only most
important or authoritative institution then in Shang-hai,
to which the Jews were able to attach their homeland’s
European musical life. In addi-tion, this institution was
also actually the only channel for Jewish/European art
music to be related in performing with the Shanghai
society. Most of the other were restricted within the
Jewish communities.
Ernste
Musik, Kunstmusik war den Flüchtlingen selbst in der
schwierigen Lage während der japanischen Besatzung und
der Zeit im Ghetto wichtig. Sie gab ihnen die
Möglichkeit, zeitweilig die Ghettogrenzen zu verlassen
und zu den gehobenen Gesellschaftsschichten der
Millionenstadt Kontakt zu halten. Neben Auftritten im
Familienrahmen und als Gastkünstler gelang es einigen der
Musiker bald im Orchester der Internationalen Siedlung
Furore zu machen. Dieses Orchester war eine wichtige
Institution für viele Juden. Sie konnten sowohl Kunst und
Kultur ihrer Heimat pflegen und zugleich in gewissem Maße
Teil der bürgerlichen Kreise von Schanghai werden. Jene,
die diese Möglichkeit nicht hatten, waren dagegen
weitgehend auf ihre jüdischen Gemeinschaften verwiesen. |
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Kultur
und Musik waren auch in den Grenzen des Ghettos wichtig. Es wurde allerlei
gewagt, um sich musikalisch zu zerstreuen – sogar mit eigenen Operaufführungen
wurde experimentiert – mit mäßigem Erfolg. Die Menschen suchten unter
den bedrückenden Umständen leichtere Kost.
Jüdische
Musiker spielten Begleitmusik zu festlichen Dinners in den besseren Teilen
der Stadt und quälten das Saxophon in der schwülen Atmosphäre der
Kellerspelunken. Sogar ein Operettenensemble gründete sich und brachte in
der ersten Hälfte der vierziger Jahre in
Schanghai "Die Fledermaus", "Die lustige Witwe"
und den "Graf von Luxemburg" auf die Bühne – trotz der
massiven Einschränkungen, die ihnen die japanischen Besatzer auferlegten.
Viele der Flüchtlinge waren in ihrer Heimat Entertainer. So verdienten
sie ihr Geld auch in kleinen Bars, Nachtclubs, Restaurants und Dachgärten
in und außerhalb des Ghettos. Kabarett, Schlager und Wiener Kultur,
Heurigenabende, das lief am besten.
O-Ton
4 (Prof. Dr. Tang Yating, Shanghai Conservatory of Music)
As a Jewish journal said at a time: "In the ghetto period “Jewish
idealism in Shanghai was not overcome by any difficulties or
obstructions and the flag of art enthusiasm was kept high and in
honor.”
Ein
jüdisches Journal schrieb einmal über die Zeit im Ghetto:
Jüdischer Idealismus ließ sich auch unter den größten
Schwierigkeiten nicht unterkriegen und die Flagge des Enthusiasmus
wurden hoch und Ehren gehalten. |
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