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Die
"Neue Jüdische Schule" in Russland
Ein
Forschungsprojekt an der Universität Potsdam
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©
für das Manuskript bei Heinz-Peter Katlewski, 2002.
Hyperlinks
sollten aktuell sein. Bei fehlerhaften oder toten
URLs bitte ich um ein kurzes E-Mail mit Hinweis auf die
entsprechende Seite und den Link. Danke. |
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für
Deutschlandfunk - Musikszene
Sonntag, 1. Dezember 2002, 15:05 - 15:55 Uhr |
| Teil
2 (von 5) |

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O-Ton 2
(Interview Professor Dr. Karl-Erich Grözinger, 28.10.02)
Die Rabbiner, die hier ausgebildet werden, sollen – das
ist unser Plan – in Chasanut ausgebildet werden, d.h.
sie sollen lernen, wie man in der Synagoge die Gebete vorsingt
und wie man Tora singt. Und wir haben jetzt auch schon
einen Lehrauftrag vergeben, dass hier ein ausgebildeter
Synagogenvorsänger wenigstens den Studenten des
Rabbinerkollegs eben das beibringt. Das heißt, da gibt es
noch einen weiteren musikalischen Aspekt, der dann auch
für die Neue Jüdische Schule durchaus wichtig werden
kann. Insofern hat gerade die Einrichtung der
Rabbinerausbildung eine weitere Rechtfertigung für diese
Musikprojekte gegeben – nicht nur wegen der sakralen
Musik. Die Realität in den jüdischen Gemeinden in
Deutschland, in Europa insgesamt sieht ja so aus, dass ein
Rabbiner – abweichend vom traditionellen
mittelalterlichen Rabbinerbild wo etwas ist wie ein
moderner Geistlicher in protestantischen Kirchen, der also
seelsorgerlich, kulturell aktiv sein muss. Und gerade
dafür sind auch Kenntnisse in populärer und in
Kunstmusikkultur wichtig, um das Gemeindeleben kulturell
attraktiv zu machen, weil das wichtige Elemente sind ein
einer, sich säkularisierenden, auch jüdischen
Gesellschaft, andere Elemente als das Gebet etwa, für
lebendige Gemeindearbeit heranzuziehen. |
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Das
sind vorausschauende Ideen. Erstaunlich, wenn man bedenkt,
dass die beiden Forscher, Jascha Nemtsov und Beate Schröder-Nauenburg,
selbst diesen musikalischen Schatz erst vor wenigen Jahren
entdeckt haben, oder genauer gesagt, angeregt wurden, ihn zu
heben.
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O-Ton 3
(Interview Beate Schröder-Nauenburg, 28.10.02)
Ein gemeinsamer Freund von uns, ein Dirigent aus Israel,
er heißt auch Israel Yinon, hat mal gefragt, warum
spielt Jascha Nemtsov als Pianist nicht jüdische Musik
aus der russisch-jüdischen Schule, so ist diese
Bezeichnung für die Neue Jüdische Schule auch. Und wir
kannten gar keine russisch-jüdische Schule. Er hat ein
paar Komponistennamen genannt: Achron, Saminsky
– kannten wir nicht. Er hat sich als Dirigent damit
befasst, auf symphonischen Gebiet natürlich, und hat
gesagt, wäre das nicht mal was für den Jascha, so was
auch mal auf dem Klavier zu spielen. Und daraufhin haben
wir angefangen, uns darum zu kümmern. |
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Musik
4
Scher
(op.42) von Joseph Achron,
auf: Ingold Urban und Jascha Nemtsov "Hebrew Melodies",
CD 93.028, 4 010276 011699, LC 10622 |
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O-Ton
4 (Interview Jascha Nemtsov, 28.10.02)
Die Komponisten, die diese Schule gründeten, sie waren zum
größten Teil Schüler von Rimski-Korsakow. Sie haben zunächst
eine Gesellschaft für jüdische Musik gründen wollen ohne sich
genaue Vorstellungen zu machen, was sie eigentlich als jüdische Musik
pflegen werden. Sie haben zunächst so eine Gesellschaft geplant,
wo überhaupt alles Jüdische in der Musik pflegen werden, auch
jüdische Komponisten der Vergangenheit, die eigentlich gar nichts
mit jüdischer Musik zu tun haben. Solche wie Offenbach
oder Goldmark oder Mendelssohn. Und dann haben sie
gedacht, dass sie auch Kompositionen von ihren Zeitgenossen
jüdischer Abstammung dort aufführen werden. Dass sie vielleicht
auch die Synagogenmusik präsentieren werden, auch Werke von
russischen Komponisten, die mit Judentum etwas zu tun haben. Zum
Beispiel gab's ja solche Versuche, Lieder oder andere Werke im
quasi-jüdischen Stil zu komponieren – es gibt ja bei Mussorgsky
und Rimski-Korsakow und bei Balakirew entsprechende
Kompositionen. Es gab auch sehr viele Werke mit jüdischer
Thematik, wie zum Beispiel eine Oper des Komponisten Alexander
Sirow: Judif. Und all das wurde als jüdische Musik damals
verstanden. Und erst allmählich , so im Laufe der Arbeit dieser
Gesellschaft für jüdische Volksmusik in Petersburg kam man zur
Erkenntnis, das so was nicht geht, dass getrennt werden muss, was
zu jüdischer Musik gehört und was zu jüdischer Musik nicht
gehört. Aber man kann schon das als ein wichtiges Datum
festhalten: eben 1908, die Gründung dieser Gesellschaft für
jüdische Volksmusik in Petersburg, hauptsächlich durch Schüler
und ehemalige Schüler von Rimski-Korsakow. |
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Ursprünglich wollten
sich diese jüdischen Studierenden nur mit einem bedeutenden
Tondichter jüdischer Herkunft identifizieren. Sie hatten sich
deshalb vorgenommen, um den 3. Februar 1909 herum, den 100.
Geburtstag von Felix Mendelssohn-Bartholdy
zu zelebrieren. Tatsächlich hat aber dessen Vater Abraham
Mendelssohn diesen Enkel des großen jüdischen Philosophen Moses
Mendelssohn schon als Kind christlich taufen lassen. Einen großen
Teil seinen kompositorischen Schaffens hat Felix
Mendelssohn-Bartholdy im übrigen der Kirchenmusik gewidmet.
Schließlich begeisterten sich die Studenten tatsächlich für
etwas anderes. Warum hat Jascha
Nemtsov herausgefunden:
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O-Ton
5 (Interview Jascha Nemtsov, 28.10.02)
Durch Zufall haben sie erfahren, da gibt's ja in Petersburg einen
Volksliedsammler, einen jüdischen Volksliedsammler. Und dieser
Sammler hieß Sussman Kiselgof. Und dieser Sussman Kiselgof
war eigentlich gar kein Musiker, sondern er war Lehrer in einer
jüdischen Schule, und er hat sich für jüdische Folklore –
aber völlig unabhängig von dieser Gesellschaft oder von
irgendwelchen Strömungen – interessiert und war schon seit 1902
mehrmals im jüdischen Ansiedlungs-Rayon im Westen Russland, von
wo er auch stammte, wie die meisten Juden in Russland und hat dort
Lieder aufgenommen. Und dann kamen sie in Kontakt mit diesem
Kiselgof, und er hat diesen Komponisten gezeigt, was er so an
Notenaufzeichnungen hat – und das hat sie dann interessiert. Der
andere Zufall: Die haben gehört, da gibt's in Moskau noch so
einen Musikkritiker und Komponisten Julie Engel. Und dieser
Engel hat schon im Jahre 1900 auch einige Bearbeitungen jüdischer
Volkslieder gemacht. Der hatte nämlich damals einen Auftrag bekommen
für ein Konzert so einige Bearbeitungen jiddischer Volkslieder zu
machen. Und dann haben sie diesen Engel auch nach Petersburg
eingeladen, damit er zeigt, was er damals schon gemacht hat. Der
hat ein Konzert dort organisiert, und da haben sie gesehen, ja,
das ist eigentlich viel interessanter und auch neuartiger als Mendelssohn.
Und dann haben sie versucht, auch selber solche Bearbeitungen zu
machen aufgrund des Materials, was Ihnen Kiselgof geliefert hat,
und dann kam das richtig in Bewegung. Es war wirklich keine
ursprüngliche Intention so was in dieser Richtung zu machen,
sondern ein purer Zufall. |
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In
Sankt Petersburg studierten zu dieser Zeit besonders viele Juden
aus den jüdischen Ansiedlungsrayons – an anderen Orten in
Russland war das nicht so ohne weiteres möglich. Denn bis zur
Februarrevolution 1917 waren Juden im russischen Reich keine
gleichberechtigten Staatsbürger. Auch in Sankt Petersburg wollten
die Behörden die Zahl der jüdischen Studenten begrenzen. Doch Alexander
Glasunow, der Direktor des Konservatoriums, widersetzte sich
diesen Ansinnen. Gleichwohl, das Interesse an jüdischer Musik
erfasste kaum die Mehrheit der jüdischen Kompositionsstudenten.
Es war eine kleine Zahl von Aktivisten, die zionistischen Ideen
nahe stand und hoffte, durch die Identifikation mit einer
irgendwie authentisch jüdischen Musik einen Akt der
Selbstbefreiung vollziehen zu können. Die Gesellschaft für
Jüdische Volksmusik wurde zum ersten Forum für dieses
Experiment. Beate Schröder-Nauenburg:
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| Teil
2 (von 5) |

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