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Die "Neue Jüdische Schule" in Russland
Ein Forschungsprojekt an der Universität Potsdam


CD
Jascha Nemtsov /
Helene Schneidermann:
On Wings of Jewish Songs. 
Music from the New Jewish School


CD
Helene Schneidermann:
Kleyne Lider.
Yiddish and Ladino-Songs


Buch
Jascha Nemtsov /
Ernst Kuhn:_
Jüdische Musik in Sowjetrussland.


Buch
Jascha Nemtsov /
Ernst Kuhn /
Andreas Wehmeyer:_
Samuel' Goldenberg und 'Schmuyle'


Buch
Jascha Nemtsov /
Ernst Kuhn /
Andreas Wehmeyer:_
Schostakowitsch und die Folgen; Shostakovich and the Consequences'


Buch mit CD (engl.)
Marshall Portnoy /
Josee Wolff:
The Art of Torah Cantillation.
A Step-by-Step Guide to Chanting Torah


Buch mit CD (engl.)
Marshall Portnoy /
Josee Wolff:
The Art of Torah Cantillation.
A Step-by-Step Guide to Chanting Haftarot and Megillot


Buch (engl.)
Cissy Grossman:
A Temple Treasury.
Judaica Collection of Congregation Emanu-El of the City of New York


CD
Jascha Nemtsov:
Across Boundaries.
Discovering Russia 1910-1940, Vol 1


CD
Lous Kaufman (Violine):
Joseph Achron, Aram Il'yich Khachaturian Bernard Herrmann, Jacques Rachmilovich

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© für das Manuskript bei Heinz-Peter Katlewski, 2002. 


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für Deutschlandfunk - Musikszene
Sonntag, 1. Dezember 2002, 15:05 - 15:55 Uhr

Teil 3 (von 5)

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O-Ton 6  (Interview Beate Schröder-Nauenburg, 28.10.02) 
Die Gesellschaft hat ja dann relativ bald mit solcher jüdischer Musik – vor allem mit Bearbeitungen – veranstaltet, und die haben in Sankt Petersburg ein gutes Echo gehabt. Wir haben in einem russischen Archiv in Sankt Petersburg die Programme gefunden, die die Gesellschaft da veranstaltet hat – es waren in erster Linie jiddische Lieder mit Klavierbegleitung und Klavierstücke oder auch mal Stücke mit Violine und Klavier oder Cello und Klavier, so kleine Besetzung, Kammermusikbesetzung, und es sind auch Berichte darüber erhalten wie die Resonanz war. Und der Zulauf zu diesen Konzerten wurde immer größer.
 

Musik 5

Gibt's ein Land op.39 Nr. 1 von Joel Engel,
auf: Helene Schneidermann/Jascha Nemtsov
"On Wing of Jewish Songs"
Hänssler CD 93.041, LC 10622

Das war Helene Schneidermann - am Piano begleitet von Jascha Nemtsov: ein von Julie Engel vertontes hebräisches Lied. Es drückt die Sehnsucht nach dem Land Israel aus: Gibt's ein Land? 

Julie oder Joel Engel war der Vertreter eines klassisch volksmusikalischen Kurses in der Gesellschaft für jüdische Volksmusik in Sankt Petersburg, doch es gab auch andere Positionen neben ihm.

O-Ton 7  (Interview Jascha Nemtsov, 28.10.02) 
Da gab's in dieser Gesellschaft wirklich ständige Diskussionen über die Wege jüdischer Musik und über die Wege der jüdischen Komposition. Und es gab auch verschiedene Auseinandersetzungen in verschiedenen Aspekten. Es gab zum Beispiel eine sehr intensive öffentliche Polemik zwischen zwei Komponisten und Theoretikern jüdischer Musik, dem bereits erwähnten Julie Engel aus Moskau und einem Protagonisten dieser Petersburger Gesellschaft Lazare Saminsky. Julie Engel war der erste Musiker, der jüdische Volkslieder in der Art für Konzertpodium bearbeitet hat. Und Lazare Saminsky ist etwas später dazu gekommen, er war ja erst 1908 eben der Mitbegründer dieser Gesellschaft, während Engel schon um 1900 das gemacht hat, aber trotzdem ist Lazare Saminsky viel weiter gegangen. Und er hat sich solche Fragen gestellt wie zum Beispiel: Sind es authentische jüdische Melodien, oder sind es nur entlehnte Melodien aus der Folklore anderer Völker? Was ist jüdisch in diesen Melodien? Welche verschiedenen Schichten gibt es in der jüdischen Musik? Sollen wir jede Musik, die im jüdischen Volk gesungen wird, nehmen für unsere Komposition oder sollen wir vielleicht genau hinschauen ob das eine künstlerisch wertvolle Melodie ist, ob sie in nationaler Hinsicht authentisch ist, und darüber wurde öffentliche Polemik geführt zwischen Engel und Saminsky in jüdischen Medien und auch in privaten Kreisen und bei verschiedenen Vorträgen. Und ein sehr großer Teil zum Beispiel von instrumentaler Klezmer-Musik sind einfach rumänische, ukrainische, russische Melodien. Und das ist eben die Frage: Soll man das als jüdische Musik betrachten oder nicht? Engel war der Meinung, alles, was im jüdischen Volk gesungen und gespielt wird, ist jüdische Musik. Und Saminsky war gerade auf der Suche nach einem wirklich ganz authentischen Material. Und da ist er auch zu einer bestimmten Schicht jüdischer Musik vorgestoßen, die gar nicht so auf der Oberfläche war, wie diese allgemein jüdischen Lieder und Klezmer-Musik, sondern die einen sehr alten Ursprung hatte und die Saminsky eigentlich auf seinen Expeditionen in entlegene Gebiete von Kaukasus entdeckte. Also das waren die sogenannten Bibelkantillationen, also das heißt Motive mit denen im Gottesdienst Texte der Tora vorgetragen werden.

In der Synagoge werden Texte aus der Tora, also aus den fünf Büchern Mose, nur dann vorgelesen, wenn es niemand besser kann. Denn normalerweise werden die Verse aus der hebräischen Bibel nach einem sehr komplizierten Muster gesungen, also kantilliert. Die Grundsubstanz der Kantillationen, die Tropen, haben im Prinzip überall auf der Welt die gleiche Struktur, dennoch klingen sie sehr unterschiedlich. Nur um einen Klangeindruck zu vermitteln, was Kantillationen sind, hier ein kurzes, sehr präzise gesungenes Beispiel. Es handelt sich um einen Zeile aus dem 2. Buch Mose: "Mose ließ Israel vom Schilfmeer aufbrechen, und sie zogen zur Wüste Schur weiter".

Musik 6

Track 36, The Art of Torah Cantillation
Transcontinental/New Jewish Music Press No. 386503

((nur das zweite Zitat aus Exodus 15:22))

Wie alt die Kantillationstropen tatsächlich sind, ist unter den Gelehrten umstritten. Manche glauben, dass sie bis in die Zeit des zweiten Tempels zurück reichen. Dann wäre diese Tradition älter als 2000 Jahre. Einigermaßen gesichert ist, dass sie bereits in den ersten Jahrhunderten unserer Zeitreichung praktiziert und seitdem über viele Jahrhunderte hinweg überliefert wurde. Sicher hat sie sich in dieser Zeit der mündlichen Überlieferung auch verändert, aber das Muster ist über die Generationen hin weitergetragen worden. Mit Lazare Saminsky hielt die Idee nach dem Vorbild dieser Tropen zu komponieren, allmählich Einzug in die musikalischen Arbeiten von Komponisten, die sich bewusst in einer jüdischen Tradition bewegen wollten.

O-Ton 8 (Interview Beate Schröder-Nauenburg, 28.10.02) 
Saminsky hat ja dann 15 bis 20 Jahre später über dieses ganze Problem auch ein Buch geschrieben als er schon längst in New York war und da Musikdirektor der größten Synagoge von New York, dem Temple Emanu-El geworden war, da hat er ein Buch darüber geschrieben, das heißt  "Music of the Ghetto and the Bible". Also, er hat sich weiter damit beschäftigt. Saminsky hat ja dann ganze Zyklen von rituellen Gottesdienstgesängen komponiert, und ich glaube, er hat viel Wert darauf gelegt, dass das an die alten Quellen und die Sammlungen und seine minutiösen Kenntnisse darüber anknüpfte.

Musik 7

Danse rituelle du Sabbath – 1919 von Lazare Saminsky
Across Boundaries – Discovering Russia Vol 2
EDA 014-2, 4 015380 001420, LC 06597

"Ritueller Tanz zum Schabbat". Lazare Saminsky hat dieses Stück im Jahre 1919 geschrieben. 

Seit der Februarrevolution 1917 war Russland fortwährend im Umbruch. Diese erste Revolution brachte den Juden die vollen Bürgerrechte und der Gesellschaft für jüdische Volksmusik einen erheblichen Zulauf. Schon in den Jahren zuvor hatten sich auch in anderen Städten Dependancen gegründet. Nach dem 1. Weltkrieg und der Oktoberrevolution aber, verschlechterte sich die wirtschaftliche Lage im Lande so rapide, dass viele der aktiven Mitglieder der Gesellschaft das Land verließen und woanders ihr Glück suchten. 1919 stellt die Gesellschaft für jüdische Volksmusik ihre Arbeit ein. Lazare Saminsky geht nach einigen Zwischenstationen in Jerusalem, Paris und London nach New York und macht dort eine berufliche Karriere als Dirigent, Präsident des US-amerikanischen Komponistenverbandes und schließlich als Musikdirektor der größten Reformsynagoge New
Yorks, des Temple Emanu-El. Viele andere zieht es nach Berlin.

O-Ton 9  (Interview Jascha Nemtsov, 28.10.02) 
Nach dem Ende des ersten Weltkriegs wurde das Sowjetrussland eigentlich von keinem einzigen Land anerkannt. Eins der wenigen Länder, das das Sowjetrussland diplomatisch anerkannte war Deutschland, dass international damals genauso geächtet war. Und so kam es, dass der größte Emigrantenstrom nach Deutschland kam, weil es einfach keine andere Möglichkeit gab, ein Einreisevisum zu bekommen. Und die meisten Emigranten kamen dann nach Berlin, und es gab bekanntlich eine sehr große russische Gemeinschaft in Berlin, darunter waren auch viele Juden. Und dort fand sich Ende 1922/ Anfang 1923 solche prominente Vertreter der Gesellschaft für jüdische Volksmusik wie Julie Engel, Joseph Achron, Michael Gnesin, zeitweise auch Salomon Rosowsky. Und so kamen sie auf die Idee, eben dort in Berlin die Aktivitäten der Gesellschaft für jüdische Volksmusik fortzuführen, während in Russland in der Zeit überhaupt nichts mehr ging.  Und sie haben dort Konzerte veranstaltet, sie haben zwei verschiedene Verlagshäuser gegründet. Julie Engel, der hat den Verlag "Juval" geleitet und Joseph Achron und Michael Gnesin haben den Verlag "Jibneh" künstlerisch geleitet. 

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