O-Ton
6
(Interview Beate Schröder-Nauenburg, 28.10.02)
Die Gesellschaft hat ja dann relativ bald mit solcher jüdischer
Musik – vor allem mit Bearbeitungen – veranstaltet, und
die haben in Sankt Petersburg ein gutes Echo gehabt. Wir
haben in einem russischen Archiv in Sankt Petersburg die
Programme gefunden, die die Gesellschaft da veranstaltet hat
– es waren in erster Linie jiddische Lieder mit
Klavierbegleitung und Klavierstücke oder auch mal Stücke
mit Violine und Klavier oder Cello und Klavier, so kleine
Besetzung, Kammermusikbesetzung, und es sind auch Berichte
darüber erhalten wie die Resonanz war. Und der Zulauf zu
diesen Konzerten wurde immer größer.
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Musik
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Gibt's
ein Land op.39 Nr. 1 von Joel Engel,
auf: Helene Schneidermann/Jascha Nemtsov
"On Wing of Jewish Songs"
Hänssler CD 93.041, LC 10622 |
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Julie
oder Joel Engel war der Vertreter eines klassisch
volksmusikalischen Kurses in der Gesellschaft für jüdische
Volksmusik in Sankt Petersburg, doch es gab auch andere Positionen
neben ihm.
O-Ton
7
(Interview Jascha Nemtsov, 28.10.02)
Da gab's in dieser Gesellschaft wirklich ständige
Diskussionen über die Wege jüdischer Musik und über die
Wege der jüdischen Komposition. Und es gab auch
verschiedene Auseinandersetzungen in verschiedenen
Aspekten. Es gab zum Beispiel eine sehr intensive öffentliche
Polemik zwischen zwei Komponisten und Theoretikern jüdischer
Musik, dem bereits erwähnten Julie Engel aus Moskau und
einem Protagonisten dieser Petersburger Gesellschaft
Lazare Saminsky. Julie Engel war der erste Musiker, der jüdische
Volkslieder in der Art für Konzertpodium bearbeitet hat.
Und Lazare Saminsky ist etwas später dazu gekommen, er
war ja erst 1908 eben der Mitbegründer dieser
Gesellschaft, während Engel schon um 1900 das gemacht
hat, aber trotzdem ist Lazare Saminsky viel weiter
gegangen. Und er hat sich solche Fragen gestellt wie zum
Beispiel: Sind es authentische jüdische Melodien, oder
sind es nur entlehnte Melodien aus der Folklore anderer Völker?
Was ist jüdisch in diesen Melodien? Welche verschiedenen
Schichten gibt es in der jüdischen Musik? Sollen wir jede
Musik, die im jüdischen Volk gesungen wird, nehmen für
unsere Komposition oder sollen wir vielleicht genau
hinschauen ob das eine künstlerisch wertvolle Melodie
ist, ob sie in nationaler Hinsicht authentisch ist, und
darüber wurde öffentliche Polemik geführt zwischen
Engel und Saminsky in jüdischen Medien und auch in
privaten Kreisen und bei verschiedenen Vorträgen. Und ein
sehr großer Teil zum Beispiel von instrumentaler
Klezmer-Musik sind einfach rumänische, ukrainische,
russische Melodien. Und das ist eben die Frage: Soll man
das als jüdische Musik betrachten oder nicht? Engel war
der Meinung, alles, was im jüdischen Volk gesungen und
gespielt wird, ist jüdische Musik. Und Saminsky war
gerade auf der Suche nach einem wirklich ganz
authentischen Material. Und da ist er auch zu einer
bestimmten Schicht jüdischer Musik vorgestoßen, die gar
nicht so auf der Oberfläche war, wie diese allgemein jüdischen
Lieder und Klezmer-Musik, sondern die einen sehr alten
Ursprung hatte und die Saminsky eigentlich auf seinen
Expeditionen in entlegene Gebiete von Kaukasus entdeckte.
Also das waren die sogenannten Bibelkantillationen, also
das heißt Motive mit denen im Gottesdienst Texte der Tora
vorgetragen werden. |
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In
der Synagoge werden Texte aus der Tora, also aus den fünf Büchern Mose,
nur dann vorgelesen, wenn es niemand besser kann. Denn normalerweise
werden die Verse aus der hebräischen Bibel nach einem sehr komplizierten
Muster gesungen, also kantilliert. Die Grundsubstanz der Kantillationen,
die Tropen, haben im Prinzip überall auf der Welt die gleiche Struktur,
dennoch klingen sie sehr unterschiedlich. Nur um einen Klangeindruck zu
vermitteln, was Kantillationen sind, hier ein kurzes, sehr präzise
gesungenes Beispiel. Es handelt sich um einen Zeile aus dem 2. Buch Mose:
"Mose ließ Israel vom Schilfmeer aufbrechen, und sie zogen zur Wüste
Schur weiter".
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Musik 6
Track
36, The Art of Torah Cantillation
Transcontinental/New Jewish Music Press No. 386503
((nur das zweite
Zitat aus Exodus 15:22)) |
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Wie
alt die Kantillationstropen tatsächlich sind, ist unter den
Gelehrten umstritten. Manche glauben, dass sie bis in die Zeit des
zweiten Tempels zurück reichen. Dann wäre diese Tradition älter
als 2000 Jahre. Einigermaßen gesichert ist, dass sie bereits in
den ersten Jahrhunderten unserer Zeitreichung praktiziert und
seitdem über viele Jahrhunderte hinweg überliefert wurde. Sicher
hat sie sich in dieser Zeit der mündlichen Überlieferung auch
verändert, aber das Muster ist über die Generationen hin
weitergetragen worden. Mit Lazare Saminsky hielt die Idee nach dem
Vorbild dieser Tropen zu komponieren, allmählich Einzug in die
musikalischen Arbeiten von Komponisten, die sich bewusst in einer
jüdischen Tradition bewegen wollten.
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O-Ton
8 (Interview Beate Schröder-Nauenburg, 28.10.02)
Saminsky hat ja dann 15 bis 20 Jahre später über dieses
ganze Problem auch ein Buch geschrieben als er schon längst in
New York war und da Musikdirektor der größten Synagoge von New
York, dem Temple Emanu-El geworden war, da hat er ein Buch
darüber geschrieben, das heißt
"Music of the Ghetto and the Bible". Also, er hat
sich weiter damit beschäftigt. Saminsky hat ja dann ganze Zyklen
von rituellen Gottesdienstgesängen komponiert, und ich glaube, er
hat viel Wert darauf gelegt, dass das an die alten Quellen und die
Sammlungen und seine minutiösen Kenntnisse darüber anknüpfte. |
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Musik 7
Danse
rituelle du Sabbath – 1919 von Lazare Saminsky
Across Boundaries – Discovering Russia Vol 2
EDA 014-2, 4 015380 001420, LC 06597
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"Ritueller
Tanz zum Schabbat". Lazare Saminsky hat dieses Stück im
Jahre 1919 geschrieben.
Seit
der Februarrevolution 1917 war Russland fortwährend im Umbruch.
Diese erste Revolution brachte den Juden die vollen Bürgerrechte
und der Gesellschaft für jüdische Volksmusik einen erheblichen
Zulauf. Schon in den Jahren zuvor hatten sich auch in anderen Städten
Dependancen gegründet. Nach dem 1. Weltkrieg und der
Oktoberrevolution aber, verschlechterte sich die wirtschaftliche
Lage im Lande so rapide, dass viele der aktiven Mitglieder der
Gesellschaft das Land verließen und woanders ihr Glück suchten.
1919 stellt die Gesellschaft für jüdische Volksmusik ihre Arbeit
ein. Lazare Saminsky geht nach einigen Zwischenstationen in
Jerusalem, Paris und London nach New York und macht dort eine
berufliche Karriere als Dirigent, Präsident des US-amerikanischen
Komponistenverbandes und schließlich als Musikdirektor der größten
Reformsynagoge New
Yorks, des Temple Emanu-El. Viele andere zieht es nach Berlin.
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O-Ton
9
(Interview Jascha Nemtsov, 28.10.02)
Nach dem Ende des ersten Weltkriegs wurde das Sowjetrussland
eigentlich von keinem einzigen Land anerkannt. Eins der wenigen Länder,
das das Sowjetrussland diplomatisch anerkannte war Deutschland,
dass international damals genauso geächtet war. Und so kam es,
dass der größte Emigrantenstrom nach Deutschland kam, weil es
einfach keine andere Möglichkeit gab, ein Einreisevisum zu
bekommen. Und die meisten Emigranten kamen dann nach Berlin, und
es gab bekanntlich eine sehr große russische Gemeinschaft in
Berlin, darunter waren auch viele Juden. Und dort fand sich Ende
1922/ Anfang 1923 solche prominente Vertreter der Gesellschaft für
jüdische Volksmusik wie Julie Engel, Joseph Achron, Michael
Gnesin, zeitweise auch Salomon Rosowsky. Und so kamen sie auf die
Idee, eben dort in Berlin die Aktivitäten der Gesellschaft für jüdische
Volksmusik fortzuführen, während in Russland in der Zeit überhaupt
nichts mehr ging.
Und sie haben dort Konzerte veranstaltet, sie haben zwei
verschiedene Verlagshäuser gegründet. Julie Engel, der hat den
Verlag "Juval" geleitet und Joseph Achron und Michael
Gnesin haben den Verlag "Jibneh" künstlerisch geleitet.
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