zur Übersicht "Schwerpunkt Musik"

AUTOR
TITEL


Für Inhalte und Verlässlichkeit von  externen Webseiten übernehme ich keine Verantwortung!

Noten bei Notenbuch.de

 

 

Die "Neue Jüdische Schule" in Russland
Ein Forschungsprojekt an der Universität Potsdam


© für das Manuskript bei Heinz-Peter Katlewski, 2002. 


Hyperlinks
sollten aktuell sein. Bei fehlerhaften oder toten URLs bitte ich um ein kurzes E-Mail mit Hinweis auf die entsprechende Seite und den Link. Danke.


für Deutschlandfunk - Musikszene
Sonntag, 1. Dezember 2002, 15:05 - 15:55 Uhr

Teil 4 (von 5)

Zurück zu Teil 3

weiter zu Teil 5

 


Beides beziehungsreiche Namen: Juwal wird im 1. Buch Mose 4, 22 als der erste Harfen- und Zitterspieler bezeichnet, und Jibneh ist hebräisch und bedeutet: Er wird aufbauen. 

Joseph Achron galt in seiner Warschauer Jugendzeit als ein musikalisches Wunderkind. Mit seinem Violinspiel vermochte er das Publikum zu bezaubern. Mit 13 Jahren kam er an das Petersburger Konservatorium, mit 25 Jahren schließt er sich dort der Gesellschaft für jüdische Volksmusik an und wird in diesem Kreis dazu angeregt, mit jüdischen Material zu komponieren. Sein erstes Stück wird gleich ein großer Erfolg: die Hebräische Melodie. Sie wird am Ende dieser Sendung zu hören sein.

Während in der Gesellschaft für jüdische Volksmusik anfänglich noch zwischen richtigem Komponieren und dem bloßen Veredeln von Volksliedern unterschieden wird, gelingt Achron etwas Neues.

O-Ton 10  (Interview Jascha Nemtsov, 28.10.02) 
Achron war einer der ersten, der diese beiden Sphären zusammengeführt hat und verbunden hat. Es war wirklich eine vollwertige kunstvolle Komposition für das Konzertrepertoire, und trotzdem basierte sie auf einer authentischen jüdischen Volksmelodie. Er hat auch gezeigt, und nicht er allein, sondern da gab's auch andere begabte Komponisten, die auch diese Weg beschritten haben, dass es möglich ist, wirklich eigene Kompositionen, anspruchsvolle Kompositionen im jüdischen Stil zu schaffen. Und eine der ersten war eben diese hebräische Melodie.

Bekannt wurde diese Melodie nicht durch den Komponisten selbst, der immerhin ein angesehener Violinist war, sondern durch seinen Studienfreund, den Geiger Jascha Heifitz. Joseph Achron selbst hatte den Wunsch als Komponist anerkannt zu werden und trat kaum noch auf die Bühne. Vielleicht nicht zuletzt deshalb hat er viel Energie in den kleinen Verlag Jibneh investiert, der durch seine Arbeit immerhin 33 Werke von jüdischen Komponisten publizieren konnte. Die Inflation jedoch machte diesem Verlag bald ein Ende. Achron wanderte 1924 nach Palästina aus und hoffte, ihn dort weiterführen zu können. Aber die Chancen dort waren noch schlechter dafür, und so zog er noch im gleichen Jahr weiter in die USA. Der andere künstlerische Leiter des Jibneh-Verlages, Alexander Gnesin, dagegen ging zurück nach Russland. Von dort kam die Kunde, dass ein liberaleres Klima Einzug gehalten habe und sich die wirtschaftliche Verhältnisse besserten. Wichtiger noch, es hatte sich in Moskau eine neue Gesellschaft für jüdische Musik gegründet. Dort sah man die Volksmusik mittlerweile als eine Etappe auf dem Weg zu einer eigenständigen jüdischen Kunstmusik an.

O-Ton 11  (Interview Jascha Nemtsov, 28.10.02) 
Die jüdische Volksmusik ist eine wichtige Sache, eine interessante Sache. Es war ganz wichtig, zunächst sie zu erforschen und in die Werke einzubeziehen, aber jetzt haben wir festgestellt, das ist ja nur ein Teil jüdischer Musik. Und inzwischen haben wir auch jüdische Kunstmusik. Wir haben sehr interessante wertvolle Kompositionen, die nicht mehr der Volksmusik zuzuordnen sind. Das sind große Kompositionen, da sind auch schon darunter Opern und Symphonien und Kantaten und große Instrumentalwerke für  Kammermusikbesetzungen. Das gehört einfach nicht mehr zur Volksmusik, und wir wollen speziell eben diese Kunstmusik jetzt pflegen und den Komponisten helfen und diese Musik jetzt verlegen und verbreiten , in Konzerten aufführen, also wir wollen uns wirklich hauptsächlich der Neuen Jüdischen Musik widmen. Und diese Gesellschaft hat dann auch viele Konzerte veranstaltet, die übrigens in Moskau sehr beachtet worden ist. Es war praktisch die einzige Musikgesellschaft, die eine große Resonanz nicht nur im jüdischen Kulturleben, sondern im allgemeinen Kulturleben hatte.

Musik 8  (CD)

Allegro non troppo
            aus der Suite Dansée von Alexander Krein
            auf: Across Boundaries – Discovering Russia, Vol. 3: Waiting Room
                        EDA 016-2,  4 015380 001628, LC 06597

Das "Allegro non troppo" aus der "Suite Dansée" von Alexander Krejn. Er gehört zur Gruppe der Moskauer Vier, zu der Gruppe der bedeutendsten Komponisten in dieser neuen Gesellschaft. Das Niveau und der musikalische Anspruch sind deutlich höher als noch in der Petersburger Gesellschaft. Kein Wunder, meint Beate Schröder-Nauenburg:

O-Ton 12 (Interview Beate Schröder-Nauenburg, 28.10.02) 
Angesichts der Tatsache, dass bei der Gründung der Petersburger Gesellschaft ne Reihe von jungen, gerade europäisch ausgebildeten Komponisten beteiligt waren. Und wenn die dann also später sich voll entfalten konnten, und diese jüdischen Einflüsse bewusst mit aufgegriffen haben, dann haben die also in den 20er Jahren in Moskau ihre erste große Entwicklungsphase durchlaufen und haben dann also geleistet, was ihnen künstlerisch zu der Zeit zu leisten überhaupt möglich war. Und das war ne Verbindung, ne Symbiose von europäischen, auch westeuropäischen Traditionen mit diesem Touch – könnte man vielleicht sagen – manchmal war's auch mehr als ein Touch, mit der Integrierung, der Eingliederung von originalen jüdischen Musikelementen. Also nicht im Sinne von irgendwelchen Zitaten, sondern von Stilelementen. Beispielsweise gab's einen, in der Moskauer Gesellschaft den jüngsten Komponisten dieser Gruppe, Alexander Weprik. Der ist musikalisch zum Teil in Deutschland ausgebildet worden, weil seine ursprünglich aus Polen stammende Familie, jüdische Familie nach Deutschland emigriert war aus Angst vor polnischen Pogromen. Und Alexander Weprik hat am Leipziger Konservatorium studiert bis der erste Weltkrieg ausbrach und die Familie nach Russland zurückgehen musste als feindliche Ausländer dann in Deutschland. Und nach der Oktoberrevolution bzw. den Bürgerkriegswirren hat Weprik seine musikalische Ausbildung in Russland noch fortgesetzt. Und er war sicherlich der avancierteste Komponist dieser Gruppe, der die stilistisch avanciertesten Mittel eingesetzt hat, und der trotzdem viel darüber gewusst hat über das Wesen jüdischer Musik. Das kommt zum Beispiel zum Ausdruck in seinen Kompositionen , dass die sich ganz bewusst von der Dur-/Moll-Tonalität abwenden, dass es typisch jüdische Arten der Melodiebildung gibt, dass es typische, jüdische komplizierte Rhythmen in seinen Stücken gibt, dass die Verzierungstechnik aus der Melismatik jüdischer Musik kommt. Und das alles hat er aber eingebettet in ein harmonisches Konzept, was wirklich auf der Höhe der Zeit war, also was genauso – jeder natürlich auf seine individuelle, persönliche Weise, aber genauso radikal war, wie zum Beispiel Hindemith in den 20er Jahren, der übrigens in Russland in den zwanziger Jahren auch bekannt war, weil er ja oft in Russland aufgeführt wurde.

 

Musik 9 (CD)

Chants rigoureux op.9 von Alexander Weprik,
            auf: Tabea Zimmermann and Jascha Nemtsov
            play Jewish Chamber Music
            CD 93.008,  4 10276 011163, LC 10622


Teil 4 (von 5)

Zurück zu Teil 3

weiter zu Teil 5  

Hier können Sie einen Blick in einige Kapitel des Buches werfen.

Zurück zur Eingangsseite "Was ist jüdische Musik ?"