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Die "Neue Jüdische Schule" in Russland
Ein Forschungsprojekt an der Universität Potsdam


© für das Manuskript bei Heinz-Peter Katlewski, 2002. 


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für Deutschlandfunk - Musikszene
Sonntag, 1. Dezember 2002, 15:05 - 15:55 Uhr

Teil 5 (von 5)

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"Chants rigoureux op. 9" von Alexander Weprik, gespielt von Tabea Zimmermann auf der Viola und Jascha Nemtsov am Klavier.

Sieben Jahre lang währte die relative Freiheit für die jüdische Kultur bis unter Stalin heftige antireligiöse und auch antisemitische Kampagnen einsetzten. Zugleich wurden die Freiheiten der neuen ökonomischen Politik für kleinere Privatbetriebe zurückgenommen und die Wirtschaft immer restriktiver geführt.

O-Ton 13  (Interview Jascha Nemtsov, 28.10.02) 
Diese Moskauer Gesellschaft für jüdische Musik hat leider noch kürzer durchgehalten als die frühere Petersburger Gesellschaft für jüdische Volksmusik. Dieses Mal waren wirklich eindeutig politische Gründe im Spiel, nämlich gab's in der Sowjetunion schon in der Mitte der 20er Jahre ausgeprägte antireligiöse Kampagnen, die auch jüdische Musik betrafen, weil ein großer Teil der Werke durch die Synagogenmusik inspiriert, und da wurde auch die neue ökonomische Politik immer wieder zurückgedreht, die wirtschaftliche Basis verschwand mit der Zeit. Sie lebte ja von den Spenden, und diese Spenden konnten nur diese Kleinkapitalisten aufbringen, die damals noch für kurze Zeit erlaubt wurden. Aber Ende der 20er Jahre gab's fast keine mehr. Die Betriebe wurde entweder aufgelöst oder nationalisiert, und die jüdische Bevölkerung verarmte. Gleichzeitig kamen da viele Kommunisten in diese Gesellschaft, die auch versucht haben, sie in eine andere Richtung zu lenken, also dann so ein neues Repertoire verlangten, dass angeblich den Bedürfnissen der jüdischen Proletarier angepasst werden sollte und insofern gab's schon um das Jahr 1930 eigentlich keine nennenswerte Aktivität in dieser Gesellschaft mehr. Die letzten Konzerte fanden Ende 1929 und danach hat die Gesellschaft noch formal einige Zeit existiert, aber es war im Prinzip schon das Ende und hörte im Prinzip und hörte auch die selbstständige jüdische Kultur in Russland so gut wie auf. 

Ein letztes Mittelpunkt für jüdische Musik entstand 1927 in Wien. Die Werke der Neuen Jüdischen Schule waren dort bekannt und kamen auch schon zuvor in Konzerten zu Gehör. Als sich in Moskau die Bedingungen für die Gesellschaft für jüdische Musik verschärften, gründete sich in der österreichischen Hauptstadt ein Verein zur Förderung jüdischer Musik. Er wurde jetzt zum Zentrum für viele jüdische Musikvereine in ganz Europa.

O-Ton 14  (Interview Jascha Nemtsov, 28.10.02) 
Dort hat die neue jüdische Schule einen sehr wichtigen Vermittler dann gefunden. Das war Joachim Stutschewsky, ein Cellist, der selbst erst vor kurzem nach Wien gekommen ist, der hat früher in der Schweiz gelebt, noch früher hat er in Leipzig studiert. Er stammt eigentlich aus der Ukraine, aber er hat praktisch seitdem er Jugendlicher war im Westen gelebt, und die deutsche Sprache war für ihn die zweite Muttersprache. Und dieser Stutschewsky hat sich sehr stark gerade für die Neue Jüdische Musik engagiert – zunächst als Interpret. Er hat dann selbst solche Konzerte organisiert, zusammen auch mit dem berühmten Kolisch-Quartett, wo er Mitglied war, das war ja schon Mitte der 20er Jahre in Wien der Fall, dass eben die Musik der Neuen Jüdischen Schule relativ bekannt wurde durch die Konzerte. Und natürlich mit der Gründung des Vereins zur Förderung jüdischer Musik bekam diese Tätigkeit eine ganz neue Dimension. Da wurden die Konzerte einfach systematisch veranstaltet, hatten eine breite Resonanz, vor allem in jüdischen Kreisen. Und dann gab's auch noch viele Partnerorganisationen – musikalische und nicht-musikalische – die auch beteiligt waren. Als musikalischen Organisationen muss man vor allem den Wiener jüdischen Gesangverein erwähnen, der sich Ende der 20er Jahre ebenfalls falls ausschließlich auf die Musik der Neuen Jüdischen Schule spezialisierte. Und der andere Faktor war, dass auch in Wien selbst so einige Komponisten auftraten, die diese Tradition der Neuen Jüdischen Schule dann weiterpflegten, und die eben begannen, Werke in diesem Stil zu schaffen.

 

Musik 10 (CD)

Vivo aus: Joachim Stutschewsky "Vier jüdische Tanzstücke"
            auf: Robert-Bosch-Stiftung - Die Neue Jüdische Schule
            Rechte beim SWR, Archiv-Nr. 2302357 (unveröffentlcht)

"Vivo" aus Joachim Stutschewkys "Vier jüdischen Tanzstücken". Das Ende der Neuen Jüdischen Schule kam 1938 mit dem Anschluss Österreichs an das Deutsche Reich schnell und plötzlich. Alle jüdischen Vereine wurden verboten, ihr Vermögen eingezogen. Von den führenden Mitgliedern des Vereins zur Förderung jüdischer Musik konnten sich die meisten durch Flucht retten. Joachim Stutschewsky entkam nach Israel, hat aber dort keine Karriere mehr aufbauen können. Er musste sein Geld zum Teil in Tel Aviv mit Straßenmusik verdienen. 

Das Ende des Wiener Vereins bedeutete faktisch auch das Ende der Neuen Jüdischen Schule, und fast hätte es auch bedeutet, dass sie auch der Vergessenheit anheim fällt. Tatsächlich ist es so, dass die Musikwissenschaftlerin Beate Schröder-Nauenburg und der Pianist Jascha Nemtsov sie im Rahmen eines Forschungsprojektes am Lehrstuhl für Religionswissenschaft der Universität Potsdam musikalisch und musikgeschichtlich der Öffentlichkeit wieder zugänglich machen werden - Jascha Nemtsov nicht zuletzt durch seine CD-Einspielungen. Bislang sind sechs CDs erschienen. Drei bei Hänssler Classic und drei in der Edition Abseits.

Musik 11

Joseph Achron: Hebräische Melodie
            auf: Ingolf Turban/ Jascha Nemtsov: Hebrew Melodies
            CD 93.028, 4 010276 011699, LC 10622

"Hebräische Melodie" heißt diese Komposition von Joseph Achron. Mit diesem Stück geht die heutige Musikszene zu Ende. Anlass war ein Forschungsprojekt an der Universität Potsdam zu einer Komponistenbewegung in Russland während des ersten Drittels des 20. Jahrhunderts: Die Neue Jüdische Schule. 

Am Mikrophon verabschiedet sich Heinz-Peter Katlewski


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