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Zu Besuch beim Hamburger Musiksammler Norbert Noritz:
Schellack-Fans, gesungene Kleinkunst aus den 20er Jahren und ein eigenes Label


© für das Manuskript bei Heinz-Peter Katlewski, 2003. 


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für Deutschlandfunk - Musikszene
Sonntag, 27. April 2003, 15:05 - 15:55 Uhr

Teil 1 (von 5)

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Am Mikrofon ist Heinz-Peter Katlewski. "Musik Antik“ prangt auf einem Ladenschild unweit von der Hamburger U-Bahn-Haltestelle Christuskirche. Das kleine Geschäft am Weidenstieg ist meist geschlossen, außer am Samstag.

Musik 1

Ladenglocke (Reporterband)

Von 10 bis 14 Uhr herrscht hier Hochbetrieb. Die Antike, die hier zu hören ist, ist noch keine hundert Jahre alt, oft nicht einmal fünfzig, meist gerade mal 70. Sie klingt ein bisschen kratzig und eigentlich unverkäuflich im Zeitalter von Dolby Surround. Aber hier setzen Experten den Tonarm auf und liften ihn wieder, um noch eine schönere Stelle zu finden:

O-Ton 1 (Christoph Gottschalck stellt seine Lieblingsplatten vor)
Das ist zum Beispiel noch nicht so ein wahnsinnig aufregendes 20er Jahre-Arrangement – Musik – (Publikum: Unwahrscheinlich, ja). Also, ne, die Streicher haben irgendwie die Melodie, und dahinter mach das Orchester bop, bop, bop, bop, bop. So, und es passieren noch ein paar kleine Dinge, aber im Großen und Ganzen ist das übersichtlich was das passiert. Wenn man jetzt zum Beispiel – meinetwegen – das ist auch noch nicht der Höhepunkt der Sache, aber ....

Musik (liftet) Musik (liftet)

... ah, jetzt singt er, also das ist die Melodie, und nachher wird sie noch einmal variiert. – Musik – Na also, da gibt’s so rhythmische Verschiebungen. Das ist „Wir zahlen keine Miete mehr“. Schlager von 1932. Fred Bert. Also das ist auch noch nicht alles Spitze, es gibt noch viel tollere Sachen aus der Zeit.

Es gibt noch viel tollere Sachen. Christoph Gottschalck ist von Beruf Schauspieler, aber nicht verwandt mit den Brüdern Gottschalck aus Post-Werbung und Fernsehshows. Er ist so oft wie möglich samstags im Laden am Weidenstieg und kramt in Erdgeschoss und Keller in den Beständen.

O-Ton 2 (Christoph Gottschalck stellt seine Lieblingsplatten vor)
Es fing an mit lustigen Texten, mit Kabarettvorträgen und mit Ulk-Schlagern. So: Tante Paula liegt im Bett und isst Tomaten und solche Sachen. Das fand ich toll. Und später - es hat lange gedauert – die ersten 4-5 Jahre habe ich mich nur für Texte interessiert. Und irgendwann habe ich dann begriffen, dass die Musik auch ganz toll ist.

Andere fangen erst mit der Musik und den großen Stimmen an, und lassen sich dann von skurrilen Texten faszinieren. Hier ist nahezu alles zu finden, was es auf Schellack gibt: Jazz, Tango, Klassik, Schlager, Tanzmusik. Gespielt wird normalerweise vom guten alten Grammophon:

O-Ton 3 (Christoph Gottschalck stellt seine Lieblingsplatten vor)
Ich habe das als Kind schon gerne im Radio gehört, komischerweise, ich weiß auch nicht warum. Und fand dann sehr unbefriedigend damals was nachveröffentlicht war auf LP, und dann stand ich irgendwann auf dem Flohmarkt vor Herrn Henner Pfau, der da seine Sachen verkaufte und sah, dass es das alles im Original auf Schellackplatten gibt und habe gefragt, was man da tun muss. Und der hat gesagt, ach, wenn sie ein Gerät haben mit 78 Umdrehungen und die richtige Nadel – die kosten 30 Mark – dann geht das. Mein Vater hatte so ein Gerät. Die Nadel kostete dann nicht 30 sondern 100, aber so habe ich meine erste Platte gekauft. Und dann bin ich selber über Flohmärkte gelaufen nachher, und dann ist man zwischendurch stark suchtgefährdet, und wenn man das begriffen hat, dann wird es langsam schön am Ende.

Henner Pfau ist einer von den wenigen Händlern, die neben einem regulären Beruf, Schellackplatten auf Flohmärkten und übers Internet vertreiben. Seine Spezialität ist deutsche Tanzmusik. Auch für Norbert Noritz sind die Schellackplatten ein Hobby. Er ist der Besitzer des kleinen Musik-Antik-Ladens am Weidenstieg in Hamburg. Ihn faszinieren die alten Lied-, Schlager- und Chansoninterpreten. Zum Ladeninhaber wurde er eher aus Verlegenheit:

O-Ton 4 (Norbert Noritz)
Erst mal bin ich ja angefangen rein nur als Sammler. So, und dann habe ich auch nur das gekauft oder kaufen wollte, was ich haben wollte für meine Sammlung. Das war eben Tauber, Joseph Schmidt usw.. Und dann kam ich aber zu Leuten, die hatten 50 Platten zu liegen. Davon waren dann drei oder vier, und wenn ich Glück hatte mal fünf, die mich interessierten und der Rest nicht. So, und dann habe ich gesagt „Die fünf möchte ich haben“. Ne Ne, die Rosinen rauspicken, das wird nichts. Entweder sie kaufen sie alle, oder sie bleiben liegen. Habe ich notgedrungen alle gekauft. Und das ging dann nicht einmal so, das ging dann fünfmal und zehnmal so. Und irgendwann hatte ich dann so viel Schellackplatten zu Hause liegen, dass ich immer warten musste, dass meine Frau einkaufen ging, um schnell mal wieder 'ne Schrankfach leer zuräumen, die Tassen und Teller raus, das ich Platz für meine Platten hatte. Und dann bin ich angefangen, Flohmärkte zu machen. Dann habe ich eben die Dubletten und das, was mich gar nicht interessierte auf dem Flohmarkt wieder verramscht. Das ist aber auch mühsam. Morgens früh hoch um fünf oder sechs Uhr. Den ganze Tag da stehen. Das habe ich dann jahrelang gemacht – und Antikmärkte – und dann habe ich überlegt: Mensch, wie wäre das mit 'nem kleinen Laden. Aber wenn man dann die Miete sah, das war eigentlich gar nicht zu machen für vier Stunden die Woche. So, und dann habe ich hier – ich arbeite ne Straße weiter von dem Weidenstieg, habe ich dann diesen Laden über Wochen leer stehen sehen. Und dann hat man mir erzählt, ja der Vermieter, der wohnt da im Haus nebenan. Da war aber die Vormieterin noch drin, nur sie wollte den Laden abgeben. So, und da habe ich gesagt, jetzt gucke ich mal, brannte Licht hier, und sie kam raus, begrüßte mich freundlich, schön, sie kommen ja ne halbe Stunde zu spät, habe ich gesagt, wie, wir sind nicht verabredet – ja, ich warte hier auf 'nen Nachmieter – das bin ich aber nicht, ich komme zufällig vorbei, habe den Laden immer leer gesehen. Der hatte sie also versetzt. Dann bin ich mit ihr ins Gespräch gekommen, haben wir bei dem Vermieter geklingelt, der über dem Laden wohnt: Ja, was wollen sie verkaufen? Schallplatten. Sind sie wahnsinnig. Das ist laut, kommt überhaupt nicht infrage. Dann habe ich gesagt, ich verkaufe aber Schellackplatten, das ist von Beethoven, Bach, diese Opernsachen. Jedenfalls habe ich ihn dann überzeugen können – die Miete stimmte dann wirklich, so dass man es wagen konnte mit 4 Stunden die Woche. Gut, und mal trägt er die Miete und mal nicht. Der Umsatz steht nicht im Vordergrund, sondern diese 4 Stunden beisammen sein mit seinen Sammlerfreunden, mal bringt der eine seine Flohmarktfunde mit, hören wir mal rein, und man immer irgendwas zu sich erzählen, und das ist eigentlich der Hauptgrund. Bisschen Hintergrund ist allerdings auch noch, dass ich dann früher die Sammler bei mir zuhause hatte, weil die kamen denn abends 6 Uhr mal 'n Tütchen Nadel kaufen, und dann saßen wir abends um Eins/ Halbzwei noch beim Platten hören. Da guckt man ja nicht auf die Uhr. Und das wollte ich meiner Frau dann auch nicht auf die Dauer antun. Ja, und so ist dann dieser Laden zustande gekommen.

Teil 1 (von 5)

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