|
Am
Mikrofon ist Heinz-Peter Katlewski. "Musik Antik“
prangt auf einem Ladenschild unweit von der Hamburger
U-Bahn-Haltestelle Christuskirche. Das kleine Geschäft am
Weidenstieg ist meist geschlossen, außer am Samstag. |
|
Musik
1
Ladenglocke
(Reporterband)
|
|
|
Von
10 bis 14 Uhr herrscht hier Hochbetrieb. Die Antike, die hier zu hören
ist, ist noch keine hundert Jahre alt, oft nicht einmal fünfzig,
meist gerade mal 70. Sie klingt ein bisschen kratzig und
eigentlich unverkäuflich im Zeitalter von Dolby Surround. Aber
hier setzen Experten den Tonarm auf und liften ihn wieder, um noch
eine schönere Stelle zu finden:
|
O-Ton
1 (Christoph Gottschalck stellt seine Lieblingsplatten
vor)
Das ist zum Beispiel noch nicht so ein wahnsinnig
aufregendes 20er Jahre-Arrangement – Musik –
(Publikum: Unwahrscheinlich, ja). Also, ne, die Streicher
haben irgendwie die Melodie, und dahinter mach das
Orchester bop, bop, bop, bop, bop. So, und es passieren
noch ein paar kleine Dinge, aber im Großen und Ganzen ist
das übersichtlich was das passiert. Wenn man jetzt zum
Beispiel – meinetwegen – das ist auch noch nicht der
Höhepunkt der Sache, aber ....
–
Musik – (liftet) –
Musik – (liftet) -
... ah,
jetzt singt er, also das ist die Melodie, und nachher wird
sie noch einmal variiert. – Musik – Na also, da
gibt’s so rhythmische Verschiebungen. Das ist „Wir
zahlen keine Miete mehr“. Schlager von 1932. Fred
Bert. Also das ist auch noch nicht alles Spitze, es
gibt noch viel tollere Sachen aus der Zeit. |
|
Es
gibt noch viel tollere Sachen. Christoph Gottschalck ist von Beruf
Schauspieler, aber nicht verwandt mit den Brüdern Gottschalck aus
Post-Werbung und Fernsehshows. Er ist so oft wie möglich samstags im
Laden am Weidenstieg und kramt in Erdgeschoss und Keller in den
Beständen.
O-Ton
2 (Christoph Gottschalck stellt seine Lieblingsplatten vor)
Es fing an mit lustigen Texten, mit Kabarettvorträgen und mit
Ulk-Schlagern. So: Tante Paula liegt im Bett und isst Tomaten
und solche Sachen. Das fand ich toll. Und später - es hat lange
gedauert – die ersten 4-5 Jahre habe ich mich nur für Texte
interessiert. Und irgendwann habe ich dann begriffen, dass die
Musik auch ganz toll ist. |
|
Andere
fangen erst mit der Musik und den großen Stimmen an, und lassen
sich dann von skurrilen Texten faszinieren. Hier ist nahezu alles
zu finden, was es auf Schellack gibt: Jazz, Tango, Klassik,
Schlager, Tanzmusik. Gespielt wird normalerweise vom guten alten
Grammophon: |
O-Ton
3 (Christoph Gottschalck stellt
seine Lieblingsplatten vor)
Ich habe das als Kind schon gerne im Radio gehört,
komischerweise, ich weiß auch nicht warum. Und fand dann sehr
unbefriedigend damals was nachveröffentlicht war auf LP, und dann
stand ich irgendwann auf dem Flohmarkt vor Herrn Henner Pfau,
der da seine Sachen verkaufte und sah, dass es das alles im
Original auf Schellackplatten gibt und habe gefragt, was man da
tun muss. Und der hat gesagt, ach, wenn sie ein Gerät haben mit
78 Umdrehungen und die richtige Nadel – die kosten 30 Mark –
dann geht das. Mein Vater hatte so ein Gerät. Die Nadel kostete
dann nicht 30 sondern 100, aber so habe ich meine erste Platte
gekauft. Und dann bin ich selber über Flohmärkte gelaufen
nachher, und dann ist man zwischendurch stark suchtgefährdet, und
wenn man das begriffen hat, dann wird es langsam schön am Ende. |
|
Henner
Pfau ist einer von den wenigen Händlern, die neben einem regulären
Beruf, Schellackplatten auf Flohmärkten und übers Internet
vertreiben. Seine Spezialität ist deutsche Tanzmusik. Auch für
Norbert Noritz sind die Schellackplatten ein Hobby. Er ist der
Besitzer des kleinen Musik-Antik-Ladens am Weidenstieg
in Hamburg. Ihn faszinieren die alten Lied-, Schlager- und
Chansoninterpreten. Zum Ladeninhaber wurde er eher aus
Verlegenheit: |
O-Ton
4 (Norbert Noritz)
Erst mal bin ich ja angefangen rein nur als Sammler. So, und dann
habe ich auch nur das gekauft oder kaufen wollte, was ich haben
wollte für meine Sammlung. Das war eben Tauber, Joseph
Schmidt usw.. Und dann kam ich aber zu Leuten, die hatten 50
Platten zu liegen. Davon waren dann drei oder vier, und wenn ich
Glück hatte mal fünf, die mich interessierten und der Rest
nicht. So, und dann habe ich gesagt „Die fünf möchte ich haben“.
Ne Ne, die Rosinen rauspicken, das wird nichts. Entweder sie
kaufen sie alle, oder sie bleiben liegen. Habe ich notgedrungen
alle gekauft. Und das ging dann nicht einmal so, das ging dann
fünfmal und zehnmal so. Und irgendwann hatte ich dann so viel
Schellackplatten zu Hause liegen, dass ich immer warten musste,
dass meine Frau einkaufen ging, um schnell mal wieder 'ne Schrankfach
leer zuräumen, die Tassen und Teller raus, das ich Platz für
meine Platten hatte. Und dann bin ich angefangen, Flohmärkte zu
machen. Dann habe ich eben die Dubletten und das, was mich gar
nicht interessierte auf dem Flohmarkt wieder verramscht. Das ist
aber auch mühsam. Morgens früh hoch um fünf oder sechs Uhr. Den
ganze Tag da stehen. Das habe ich dann jahrelang gemacht – und
Antikmärkte – und dann habe ich überlegt: Mensch, wie wäre
das mit 'nem kleinen Laden. Aber wenn man dann die Miete sah, das
war eigentlich gar nicht zu machen für vier Stunden die Woche.
So, und dann habe ich hier – ich arbeite ne Straße weiter von
dem Weidenstieg, habe ich dann diesen Laden über Wochen leer
stehen sehen. Und dann hat man mir erzählt, ja der Vermieter, der
wohnt da im Haus nebenan. Da war aber die Vormieterin noch drin,
nur sie wollte den Laden abgeben. So, und da habe ich gesagt,
jetzt gucke ich mal, brannte Licht hier, und sie kam raus,
begrüßte mich freundlich, schön, sie kommen ja ne halbe Stunde
zu spät, habe ich gesagt, wie, wir sind nicht verabredet – ja,
ich warte hier auf 'nen Nachmieter – das bin ich aber nicht, ich
komme zufällig vorbei, habe den Laden immer leer gesehen. Der
hatte sie also versetzt. Dann bin ich mit ihr ins Gespräch gekommen,
haben wir bei dem Vermieter geklingelt, der über dem Laden wohnt:
Ja, was wollen sie verkaufen? Schallplatten. Sind sie wahnsinnig.
Das ist laut, kommt überhaupt nicht infrage. Dann habe ich
gesagt, ich verkaufe aber Schellackplatten, das ist von Beethoven,
Bach, diese Opernsachen. Jedenfalls habe ich ihn dann überzeugen
können – die Miete stimmte dann wirklich, so dass man es wagen
konnte mit 4 Stunden die Woche. Gut, und mal trägt er die Miete
und mal nicht. Der Umsatz steht nicht im Vordergrund, sondern
diese 4 Stunden beisammen sein mit seinen Sammlerfreunden, mal
bringt der eine seine Flohmarktfunde mit, hören wir mal rein, und
man immer irgendwas zu sich erzählen, und das ist eigentlich der Hauptgrund.
Bisschen Hintergrund ist allerdings auch noch, dass ich dann
früher die Sammler bei mir zuhause hatte, weil die kamen denn
abends 6 Uhr mal 'n Tütchen Nadel kaufen, und dann saßen wir
abends um Eins/ Halbzwei noch beim Platten hören. Da guckt man ja
nicht auf die Uhr. Und das wollte ich meiner Frau dann auch nicht
auf die Dauer antun. Ja, und so ist dann dieser Laden zustande
gekommen. |
|