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Zu Besuch beim Hamburger Musiksammler Norbert Noritz:
Schellack-Fans, gesungene Kleinkunst aus den 20er Jahren und ein eigenes Label


© für das Manuskript bei Heinz-Peter Katlewski, 2003. 


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für Deutschlandfunk - Musikszene
Sonntag, 27. April 2003, 15:05 - 15:55 Uhr

Teil 3 (von 5)

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O-Ton 7 (Norbert Noritz)
Meine erste CD war Willy Rosen „Text und Musik von mir“. Er hat sich ja immer selbst angesagt „Text und Musik von mir“. Ist 1926 nach Berlin gekommen, hat sich ans Klavier gesetzt, dann da seine Lieder gebracht und war dann über Nacht – man kann sagen – der Liebling der Berliner. Das ging wie ein Lauffeuer rum. Wo er aufgetreten ist nur volle Häuser. Und das Tolle ist ja auch, die Leute haben ja damals – ich sag zum Beispiel, der Charleston ist rausgekommen, drei Tage später hat Willy Rosen ein Lied über den Charleston gesungen mit 'n witzigen Text. Also, der lag mir am meisten am Herzen, da ne CD herzustellen, weil diese Platten – ich kenn’ Sammler, die sammeln 20-30 Jahre und haben nicht eine Willy Rosen Platte, obwohl sie dieses Kabarett/Kleinkunst sammeln. Die sind also äußerst rar.

Musik 4

Charleston,
auf: Willy Rosen „Text und Musik von mir!“
Musant 001/ 1997, keine Industrie-Nr., keinen LC

„Charleston“ von Willy Rosen ist 1927 auf Schellack erschienen. 50 Jahre müssen die Aufnahmen mindestens alt sein, damit die großen Plattenfirmen keine Ansprüche mehr anmelden können. Charleston ist das erste Lied auf der ersten CD des Hamburger Labels Musik-Antik-Records.

O-Ton 8 (Norbert Noritz)
Wenn man sagt Willy Rosen, dann wird er verwechselt oftmals mit Willy Rose, das war ein Schauspieler in Berlin. Das ist er ja natürlich nicht. Also, Willy Rosen hat wahnsinnig viele Texte geschrieben. Der hat ja nicht nur seine eigenen Sachen gesungen, sondern auch für viele, viele andere Künstler getextet. Es gibt Unmengen. Ich wunder mich immer wieder, wenn ich ne tolle Platte finde irgendwo und spiel die ab und sag: Das ist ja wieder 'n toller Text, und dann guckt man drauf, ach ja, klar, Willy Rosen.

Berlin war berühmt für seine Kleinkunstszene, aber auch Hamburg hatte während des ersten Drittels des 20. Jahrhunderts seine Berühmtheiten. Manche wurden erst in jüngster Zeit wieder entdeckt und erfahren heute neue Wertschätzung. Ein Beispiel dafür sind die Gebrüder Wolf. Sie waren Gesangshumoristen und Volkssänger in der Hansestadt. Einige ihrer Lieder sind in die Hamburger Folklore eingegangen, während die Autoren selbst zeitweilig in Vergessenheit geraten waren. Mittlerweile gibt es einen Film über sie, eine Ausstellung, ein Buch zur Familiengeschichte und eine CD mit historischen Aufnahmen. Wer waren die Gebrüder Wolf?

O-Ton 9 (Norbert Noritz)
Das waren drei Brüder eines Hamburger Schlachtergesellen, und die sind in den letzten Jahren des vorletzten Jahrhunderts, um die 1895, haben sich zusammengetan und sind auch getingelt, in den Lokalen aufgetreten, und erst mal haben sie so Gassenhauer gesungen. Dann ist 1906 der James Wolf aus der Gruppe ausgetreten hat sich dann in Hamburg in der Bismarckstraße einen kleinen Zeitungs- und Zigarrenladen eröffnet, und dann haben die zwei Brüder allein weitergemacht und haben dann irgendwann gesagt, mein Gott, was machen wir diese Gassenhauer. Und dann hat man gesagt, Mensch zieht doch diesen "Buscherump" an, das ist dieser – ich hätte bald Klempnerkittel gesagt – blaugestreift mit so’n rotes Halstuch dazu, singt Hamburger Lieder. Ja, und dann haben sie 1911 eine Revue im neuen Operettentheater ein Jahr gespielt. Das hieß „Rund um Hamburg“ .

Nach dieser Revue waren die Gebrüder Wolf als echt Hamburger Originale bald so bekannt, dass sie in weiten Teilen Europas auf die Varieté-Bühnen gebeten wurden, auch im Berliner Wintergarten. Und das obwohl sie Hamburger Missingsch gesungen haben, also einer Mischung aus norddeutschem Platt und Hochdeutsch. Eine Strophe aus einem Couplet von Ludwig Wolf – er war der Liederdichter der Beiden – diente fast wörtlich als Material für einen populären plattdeutschen Schlager, der heute bereits eine Art Hamburger Volkslied ist.

O-Ton 10 (Norbert Noritz)
Das bekannteste Lied der Gebrüder Wolf eigentlich „An der Eck steiht 'n Jung mit 'nem Trudelband. Und ich betone Trudelband. Heute singen ja alle „An der Eck steiht 'n Jung mit Tüdelband“. Und das ist falsch. Das Lied der Gebrüder Wolf hieß „Ein echt Hamburger Jung“, und in einer Strophe kam (singt:) „An der Eck steiht 'n Jung mit 'nem Trudelband, in der andern Hand 'n Butterbrot mit Käs“. So und dann wurde das Lied umgedichtet.

Und zwar von dem Hamburger Schallplattenmillionär Walther Rothenburg. Von dem Originalcouplet gibt es leider keine Aufnahme. Für eine Melange aus Ludwig Wolfs Originaltext und Walther Rothenburgs Version entschieden sich im vergangenen Jahr die Autoren eines Hamburger Theaterstücks in Erinnerung an die Gebrüder Wolf im vergangenen Jahr. Ein Auszug aus dem Mitschnitt:

Musik 5

Een Echt Hamburger Jung,
auf CD Beilage zu: Gebrüder Wolf – Hamburger Gesangshumoristen und Revuestars von 1895 bis 1953 „An de Eck steiht’n Jung mit’n Tüdelband“
Kunstwerk e.V. Hamburg, ISBN 3-9808320-0-7
keine Industrie-Nr., keinen LC

Das eigentlich von ihnen 1912 geschriebene Stück durften die Gebrüder Wolf gut 20 Jahre später nicht mehr vortragen. Es war eingegliedert worden von den neuen Machthabern des Hitler-Regimes, während sie selbst ausgegliedert worden waren:

O-Ton 11 (Norbert Noritz)
Die Gebrüder Wolf durften das Lied dann nach 33 selbst nicht singen, weil sie Juden waren, jüdischer Abstammung waren – sie hießen ja eigentlich Isaac, haben dann den Namen Wolf als Künstlernamen und später den Namen dann auch angenommen. Und sie durften es selbst nicht singen, weil das deutsches Kulturgut war. Und sie durften das als Juden nicht singen. Das ist natürlich kaum zu begreifen heute.

Themenwechsel. Ein einst populärer Schlager der Gebrüder Wolf stellt die Brücke wieder her zu Schellackplatten, Grammophonen und den Sammlern. Eine plattdeutsche Originalaufnahme mit den Gebrüdern Wolf, wiederveröffentlicht von Musik-Anktik-Records in Hamburg:

Musik 6

Dat Paddelboot,
            auf: Gebrüder Wolf „Snuten und Poten“
            Musant 006/ 1998, keine Industrie-Nr., keinen LC

Unüberhörbar, ein frivoles Liedchen, aber nicht ohne einen Funken Wahrheit. Zwischen Alster oder Elbe, Grammophon, Schellackplatten und Paddelbooten gab es und gibt es zum Teil auch heute noch tatsächlich eine enge Beziehung. Ein Kunde im Hamburger Musik-Antik-Laden am Weidenstieg erinnert sich an seine Jugend:

O-Ton 12 (Kunde 1 im Laden)
Man muss sich die Zeit vorstellen, als wir noch kein Radio so richtig hatten. Und gerade Beginn Radio und noch kein Fernsehen hatten. Und die erste Freundin dann eingeladen zum Kanufahren, Rondeel-Teich. Das sind ja alles Flüsse und Kanäle, die sind ja für Hamburger Familien ausgebaggert worden. Und da gab’s dann so eine Art Kennen Lernen. Waren viele Kanus dann auf der Alster, und die hatten auch so ein Grammophon dabei. Gab ja eben kein Radio. Und dann man das schön, entsprechend bisschen Kerzenteichlicht abends im Dunkeln, Grammophon ablaufen lassen.

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