O-Ton 7 (Norbert Noritz)
Meine erste CD war Willy Rosen „Text und Musik
von mir“. Er hat sich ja immer selbst angesagt „Text
und Musik von mir“. Ist 1926 nach Berlin gekommen, hat
sich ans Klavier gesetzt, dann da seine Lieder gebracht
und war dann über Nacht – man kann sagen – der
Liebling der Berliner. Das ging wie ein Lauffeuer rum. Wo
er aufgetreten ist nur volle Häuser. Und das Tolle ist ja
auch, die Leute haben ja damals – ich sag zum Beispiel,
der Charleston ist rausgekommen, drei Tage später hat
Willy Rosen ein Lied über den Charleston gesungen mit 'n
witzigen Text. Also, der lag mir am meisten am Herzen, da
ne CD herzustellen, weil diese Platten – ich kenn’
Sammler, die sammeln 20-30 Jahre und haben nicht eine
Willy Rosen Platte, obwohl sie dieses Kabarett/Kleinkunst
sammeln. Die sind also äußerst rar.
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Musik
4
Charleston,
auf: Willy Rosen „Text und Musik von mir!“
Musant 001/ 1997, keine Industrie-Nr., keinen LC |
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„Charleston“
von Willy Rosen ist 1927 auf Schellack erschienen. 50 Jahre müssen die
Aufnahmen mindestens alt sein, damit die großen Plattenfirmen keine Ansprüche
mehr anmelden können. Charleston ist das erste Lied auf der ersten CD des
Hamburger Labels Musik-Antik-Records.
O-Ton
8 (Norbert Noritz)
Wenn man sagt Willy Rosen, dann wird er verwechselt oftmals mit
Willy Rose, das war ein Schauspieler in Berlin. Das ist er ja
natürlich nicht. Also, Willy Rosen hat wahnsinnig viele Texte
geschrieben. Der hat ja nicht nur seine eigenen Sachen gesungen,
sondern auch für viele, viele andere Künstler getextet. Es gibt
Unmengen. Ich wunder mich immer wieder, wenn ich ne tolle Platte
finde irgendwo und spiel die ab und sag: Das ist ja wieder 'n
toller Text, und dann guckt man drauf, ach ja, klar, Willy Rosen. |
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Berlin
war berühmt für seine Kleinkunstszene, aber auch Hamburg hatte
während des ersten Drittels des 20. Jahrhunderts seine
Berühmtheiten. Manche wurden erst in jüngster Zeit wieder
entdeckt und erfahren heute neue Wertschätzung. Ein Beispiel
dafür sind die Gebrüder Wolf. Sie waren Gesangshumoristen
und Volkssänger in der Hansestadt. Einige ihrer Lieder sind in
die Hamburger Folklore eingegangen, während die Autoren selbst
zeitweilig in Vergessenheit geraten waren. Mittlerweile gibt es
einen Film über sie, eine Ausstellung, ein Buch zur
Familiengeschichte und eine CD mit historischen Aufnahmen. Wer
waren die Gebrüder Wolf? |
O-Ton
9 (Norbert Noritz)
Das waren drei Brüder eines Hamburger Schlachtergesellen, und die
sind in den letzten Jahren des vorletzten Jahrhunderts, um die
1895, haben sich zusammengetan und sind auch getingelt, in den
Lokalen aufgetreten, und erst mal haben sie so Gassenhauer
gesungen. Dann ist 1906 der James Wolf aus der Gruppe ausgetreten
hat sich dann in Hamburg in der Bismarckstraße einen kleinen
Zeitungs- und Zigarrenladen eröffnet, und dann haben die zwei
Brüder allein weitergemacht und haben dann irgendwann gesagt,
mein Gott, was machen wir diese Gassenhauer. Und dann hat man
gesagt, Mensch zieht doch diesen "Buscherump" an, das
ist dieser – ich hätte bald Klempnerkittel gesagt –
blaugestreift mit so’n rotes Halstuch dazu, singt Hamburger
Lieder. Ja, und dann haben sie 1911 eine Revue im neuen
Operettentheater ein Jahr gespielt. Das hieß „Rund um Hamburg“
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Nach
dieser Revue waren die Gebrüder Wolf als echt Hamburger Originale
bald so bekannt, dass sie in weiten Teilen Europas auf die
Varieté-Bühnen gebeten wurden, auch im Berliner Wintergarten.
Und das obwohl sie Hamburger Missingsch gesungen haben, also einer
Mischung aus norddeutschem Platt und Hochdeutsch. Eine Strophe aus
einem Couplet von Ludwig Wolf – er war der Liederdichter der
Beiden – diente fast wörtlich als Material für einen
populären plattdeutschen Schlager, der heute bereits eine Art
Hamburger Volkslied ist.
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O-Ton 10 (Norbert Noritz)
Das bekannteste Lied der Gebrüder Wolf eigentlich „An der Eck
steiht 'n Jung mit 'nem Trudelband. Und ich betone Trudelband.
Heute singen ja alle „An der Eck steiht 'n Jung mit Tüdelband“.
Und das ist falsch. Das Lied der Gebrüder Wolf hieß „Ein echt
Hamburger Jung“, und in einer Strophe kam (singt:) „An der Eck
steiht 'n Jung mit 'nem Trudelband, in der andern Hand 'n
Butterbrot mit Käs“. So und dann wurde das Lied umgedichtet.
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Und
zwar von dem Hamburger Schallplattenmillionär Walther
Rothenburg. Von dem Originalcouplet gibt es leider keine
Aufnahme. Für eine Melange aus Ludwig Wolfs Originaltext und
Walther Rothenburgs Version entschieden sich im vergangenen Jahr
die Autoren eines Hamburger Theaterstücks in Erinnerung an die
Gebrüder Wolf im vergangenen Jahr. Ein Auszug aus dem Mitschnitt:
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Musik
5
Een
Echt Hamburger Jung,
auf CD Beilage zu: Gebrüder Wolf – Hamburger
Gesangshumoristen und Revuestars von 1895 bis 1953 „An de Eck
steiht’n Jung mit’n Tüdelband“
Kunstwerk e.V. Hamburg, ISBN 3-9808320-0-7
keine Industrie-Nr., keinen LC
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Das
eigentlich von ihnen 1912 geschriebene Stück durften die Gebrüder
Wolf gut 20 Jahre später nicht mehr vortragen. Es war
eingegliedert worden von den neuen Machthabern des Hitler-Regimes,
während sie selbst ausgegliedert worden waren:
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O-Ton 11 (Norbert Noritz)
Die Gebrüder Wolf durften das Lied dann nach 33 selbst nicht
singen, weil sie Juden waren, jüdischer Abstammung waren – sie
hießen ja eigentlich Isaac, haben dann den Namen Wolf als
Künstlernamen und später den Namen dann auch angenommen. Und sie
durften es selbst nicht singen, weil das deutsches Kulturgut war.
Und sie durften das als Juden nicht singen. Das ist natürlich
kaum zu begreifen heute.
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Themenwechsel.
Ein einst populärer Schlager der Gebrüder Wolf stellt die Brücke
wieder her zu Schellackplatten, Grammophonen und den Sammlern.
Eine plattdeutsche Originalaufnahme mit den Gebrüdern Wolf,
wiederveröffentlicht von Musik-Anktik-Records in Hamburg:
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Musik
6
Dat
Paddelboot,
auf: Gebrüder Wolf „Snuten und Poten“
Musant 006/ 1998, keine Industrie-Nr., keinen LC
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Unüberhörbar,
ein frivoles Liedchen, aber nicht ohne einen Funken Wahrheit.
Zwischen Alster oder Elbe, Grammophon, Schellackplatten und
Paddelbooten gab es und gibt es zum Teil auch heute noch tatsächlich
eine enge Beziehung. Ein Kunde im Hamburger Musik-Antik-Laden am
Weidenstieg erinnert sich an seine Jugend:
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O-Ton 12 (Kunde 1 im
Laden)
Man muss sich die Zeit vorstellen, als wir noch kein Radio so
richtig hatten. Und gerade Beginn Radio und noch kein Fernsehen
hatten. Und die erste Freundin dann eingeladen zum Kanufahren,
Rondeel-Teich. Das sind ja alles Flüsse und Kanäle, die sind ja
für Hamburger Familien ausgebaggert worden. Und da gab’s dann
so eine Art Kennen Lernen. Waren viele Kanus dann auf der Alster,
und die hatten auch so ein Grammophon dabei. Gab ja eben kein
Radio. Und dann man das schön, entsprechend bisschen
Kerzenteichlicht abends im Dunkeln, Grammophon ablaufen lassen.
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