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Ein
anderer Besucher konnte sich zwar kein Boot auf der Alster
leisten, aber ein Grammophon war durchaus drin. Ihn zog es
in seinen jungen Jahren mit dem Grammophon zur Beach-Party
an die Elbe: |
O-Ton 13 (Kunde 2 im Laden)
Ich bin ja viel an der Elbe am Strand gewesen. Und da
haben wir die Dinger mitgehabt. Vor allen Dingen, da
konnte ja Sand reinkommen, das ging ja trotzdem weiter.
Nur, wir mussten aufpassen, dass die Platten sauber waren.
Die Dinger, die konntest du ja aus dem Fenster schmeißen,
die liefen ja unten weiter. Die waren stabil und robust.
Und das haben wir viel gemacht. Und auch wie er, der
gesagt hat, von wegen mit dem Tanzen. Heb wie ok mok, getanzt
dabei, abends an der Elbe. Ging alles. Und weniger
Aufwand, wir brauchten nicht viel Geld, wir brauchten nur
die Freiheit. Dat brauchten wir allerdings.
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Für
Jugendliche, die in den dreißiger Jahren ihre Freiheit suchten,
bot die Alster eine Möglichkeit, Abstand von der
Gesinnungskontrolle zu gewinnen . Auf dem Wasser konnten sie die
Musik zu hören, die sie mochten, aber offiziell nicht hören
durften.
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O-Ton
14 (Norbert Noritz)
Wo wir gerade eben sagen, Kanu fahren. Wenn sie Kanu
fahren, müssen sie ab und zu mal ein bisschen tauchen,
wenn’s auf der Alster ist, weil ich hab hier Kunden, die
nach 33, wo es verboten war Swing tanzen zu lernen,
haben die sich 'n Kanu gemietet, ihr Koffergrammofon, die
jungen Leute, und dann haben sie auf der Alster schön
ihre Platten gespielt. Und wenn dann Patrouille kam, haben
sie die vor Schreck und Angst über Bord geworfen. Ich
habe hier viele alte sogenannten Swing-Heinis, die sagen,
oh, meine schönsten Platten, jage ich heute noch
hinterher, die wiederzufinden. Die liegen alle auf dem
Grund der Alster. |
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An
die Zeit, als Swing politisch als entartete Musik betrachtet und der Plattebesitz
geahndet wurde, können sich aus persönlicher Erfahrung nur noch wenige
erinnern: Schließlich liegt die nationalsozialistische Herrschaft nahezu
60 Jahre zurück. Schellackplatten und Koffergrammophone aber gab es in
Deutschland immerhin bis in die zweite Hälfte der fünfziger Jahre, in anderen
Ländern sogar noch bis in die sechziger Jahre hinein. Und Kanus –
Paddelboote – gibt es bis heute. Und nostalgische Erinnerungen auch.
Jetzt ist Perfektion gefragt: Nicht nur die Musik muss historisch sein,
auch das Grammophon, die Kleidung und natürlich das Boot, einschließlich
der Fender, des Stoßschutzes am Boot:
O-Ton
15 (Kunde 1 im Laden)
Insofern haben wir jetzt alles komplett: Die Fender sind gehäkelt
mit Stoff und die Kissen sind alles so mit weißer Spitze. Und
meine Frau hat auch so ein altes Kleid von 1930 und von Schirm
Eggers noch so einen ausgestopften Sonnenschirm, den man so
drehte, der von innen noch so ausgefüttert ist. Also es passt
alles genau dazu. Ist eben so ein Stück lebendige Vergangenheit,
sag ich mal. Ja, ich bin auch wegen dem Kanu nach Amerika rüber
und habe erst mal wieder das Kanu mit Stoff da bespannen gelernt
in der Fabrik da. Und nun ist das ein mit Stoff bespanntes, mit
Kautschuk getränktes, richtiges historisches Boot. Aber an einer Boots-Werft
Sierichstraße, die es heute auch nicht mehr gibt, gebaut. Habe
ich auch ein Zertifikat drüber. |
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Musik
7
In
Hollyhollyhollywood,
auf: Max Hansen „Jetzt geht’s der Dolly gut“
Musant 002/ 1997, keine Industrie-Nr., keinen LC
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Dieses
immer noch aktuelle Couplet schrieb Ralph Benatzky, der Komponist
vom „Weißen Rössl“. Interpret war aber der Kabarettist,
Chansonnier, Filmschauspieler und Operntenor Max Hansen. Zu
seinem 100. Geburtstag im Dezember 1997 erschien bei Musik-Antik
erstmals eine CD von ihm, zusammengestellt aus Schellackplatten,
die in den zwanziger und dreißiger Jahren erschienen waren. Auch
Max Hansen hatte Probleme mit den Nazis. In manchen Quellen zu
seiner Biografie wird angegeben, dass er eine jüdische Mutter
hatte aus Wien, andere geben an, sie wäre aus Dänemark. Seine
Konflikte mit den deutschen Machthabern nach 1933 rühren aber
wohl hauptsächlich daher, dass er schon früh Schmähverse auf
Adolf Hitler von sich gegeben hat. Die Quellen zu seiner Herkunft
sind offenbar schwer zu ermitteln. Bei vielen Interpreten, die bei
Musik Antik wieder zu Gehör gebracht werden, ist noch weniger zu
finden. Gelegentlich aber geschieht auch Überraschendes.
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O-Ton 16 (Norbert Noritz)
Eines Tages kam ich mal am Samstag Morgen in meinen kleinen Laden
am Weidenstieg, und dann waren drei/vier/fünf Anrufe auf dem
Anrufbeantworter. Und da suchte einer ne bestimmte Platte. Und der
nächste sagt, ach schade, dass sie nicht da sind, ich melde mich
Sonnabend wieder. Und auf einmal kam eine Stimme:
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O-Ton 17 (Telefonanruf
Martha Eggerth)
Ja, guten Tag. Mein Name ist Martha Eggerth. Ich rufe aus Amerika
an, und ich hätte mich gerne erkundigt, ob sie eventuell noch
irgendwelche Platten noch von Jan Kiepura und Martha Eggerth
haben, das ich gebrauchen könnte. Bitte lassen Sie mich wissen,
weil wegen die Zeitverschiedenheit kann ich Sie zwischen 10 und 14
Uhr in der Früh nicht anrufen, weil dann ist noch nacht bei uns.
Aber, ich werde ihnen dann – Hallo? – ich werde ihnen dann
lieber schreiben. Ja? Ich werde Ihnen schreiben, und dann können
Sie mir antworten. Danke vielmals.
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O-Ton 18 (Norbert Noritz)
Da habe ich Gänsehaut bekommen. Ich wusste, ehrlich gesagt, gar
nicht, dass sie noch lebt. Hatte einige Platten auch im Laden noch
von ihr. Und, ja, wie gesagt, ich habe dann Verbindung zu ihr
aufgenommen, und das war mit eines der schönsten Erlebnisse in
der Zeit dieser Sammelei. Und wir sind heute noch in Verbindung.
Sie ruft Weihnachten an:
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O-Ton 19 (Telefonanruf
Martha Eggerth)
Hallo, hallo, ich wollte nur „Frohe Weihnachten“ wünschen.
Hier spricht Martha Eggerth aus New York. Und ich habe mich sehr
gefreut über ihre Weihnachtsgrüße, ich wollte sie erwidern, und
sie sind nicht zuhause. So, Merry Christmas! Auf Wiederhören,
wiedersehen.
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Musik 8
Martha
Eggerth: Mir fehlt ein Freund wie Du,
auf: Soubretten und Chansonetten,
Musant 004/ 1998, keine Industrie-Nr., keinen LC
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Martha
Eggerth in einer Aufnahme vom 15. Juni 1932 auf einer Musik Antik
CD „Soubretten und Chansonetten“, die sich den berühmten
historischen Chanson- und Operettensängerinnen von Bühne und
Film widmet.
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O-Ton 20 (Norbert Noritz)
Das ist ne Sampler eben, gemischt. Trude Hesterberg, ne ganz
Große. Nur, da würde ich keine ganze CD mit machen wollen. Da
gibt’s einige schöne Lieder, aber auch viele, die mir da nicht
so zusagen, und das wird vielleicht langweilig werden. Was bei
Rosen nicht der Fall wäre. Da ist die Claire Waldoff drauf, da
ist die Fritzi Frou drauf, die heute kaum noch einer kennt,
Berlinerin. Die Waldoff sang Lieder, die Fritzi Frou schon vorher
gesungen hat. Und diese Stimme irgendwie, die ist noch
ausdruckskräftiger irgendwie. So frech. Die gefällt mir fast
noch besser als die Claire Waldoff, wo die Claire Waldorf, ja
natürlich, weltberühmt geworden ist, kann bald sagen.
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