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Noten bei Notenbuch.de

 

 

Zu Besuch beim Hamburger Musiksammler Norbert Noritz:
Schellack-Fans, gesungene Kleinkunst aus den 20er Jahren und ein eigenes Label


Buch
Christopher Proudfoot:
Grammophone und Phonographen


Buch (engl., über Amazon.com)
George L. Frow:
The Edison disc phonographs and the diamond discs.
A history with illustrations


Buch (engl., über Amazon.com)
Timothy C. Fabrizio / 
George F. Paul:
Discovering Antique Phonographs


Buch
Mike Zwerin:
Swing unter den Nazis.
La Tristesse de Saint Louis


Buch
Alenka Barber-Kersovan /
Gordon Uhlmann (Hrg.):
Getanzte Freiheit.
Swingkultur zwischen NS-Diktatur und Gegenwart


Buch
Wilfried Breyvogel (Hrg.):
Piraten, Swings
und Junge Garde.
Jugendwiderstand im Nationalsozialismus


CD (Box-Set)
Stars auf Schelllack:
Schlager
von 1910 bis 1951


Doppel-CD
Populäre jüdische Künstler:
Musik und Entertainment 1903 - 1933.
Berlin - Hamburg - München


CD
Martha Eggerth /
Jan Kiepura:
Die Stars von Bühne und Film


DVD
Martha Eggerth /
Johannes Heesters in
Das Hofkonzert


© für das Manuskript bei Heinz-Peter Katlewski, 2003. 


Hyperlinks
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für Deutschlandfunk - Musikszene
Sonntag, 27. April 2003, 15:05 - 15:55 Uhr

Teil 4 (von 5)

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Ein anderer Besucher konnte sich zwar kein Boot auf der Alster leisten, aber ein Grammophon war durchaus drin. Ihn zog es in seinen jungen Jahren mit dem Grammophon zur Beach-Party an die Elbe:

O-Ton 13 (Kunde 2 im Laden)
Ich bin ja viel an der Elbe am Strand gewesen. Und da haben wir die Dinger mitgehabt. Vor allen Dingen, da konnte ja Sand reinkommen, das ging ja trotzdem weiter. Nur, wir mussten aufpassen, dass die Platten sauber waren. Die Dinger, die konntest du ja aus dem Fenster schmeißen, die liefen ja unten weiter. Die waren stabil und robust. Und das haben wir viel gemacht. Und auch wie er, der gesagt hat, von wegen mit dem Tanzen. Heb wie ok mok, getanzt dabei, abends an der Elbe. Ging alles. Und weniger Aufwand, wir brauchten nicht viel Geld, wir brauchten nur die Freiheit. Dat brauchten wir allerdings.

Für Jugendliche, die in den dreißiger Jahren ihre Freiheit suchten, bot die Alster eine Möglichkeit, Abstand von der Gesinnungskontrolle zu gewinnen . Auf dem Wasser konnten sie die Musik zu hören, die sie mochten, aber offiziell nicht hören durften.

O-Ton 14 (Norbert Noritz)
Wo wir gerade eben sagen, Kanu fahren. Wenn sie Kanu fahren, müssen sie ab und zu mal ein bisschen tauchen, wenn’s auf der Alster ist, weil ich hab hier Kunden, die nach 33, wo es verboten war Swing tanzen zu lernen, haben die sich 'n Kanu gemietet, ihr Koffergrammofon, die jungen Leute, und dann haben sie auf der Alster schön ihre Platten gespielt. Und wenn dann Patrouille kam, haben sie die vor Schreck und Angst über Bord geworfen. Ich habe hier viele alte sogenannten Swing-Heinis, die sagen, oh, meine schönsten Platten, jage ich heute noch hinterher, die wiederzufinden. Die liegen alle auf dem Grund der Alster.

An die Zeit, als Swing politisch als entartete Musik betrachtet und der Plattebesitz geahndet wurde, können sich aus persönlicher Erfahrung nur noch wenige erinnern: Schließlich liegt die nationalsozialistische Herrschaft nahezu 60 Jahre zurück. Schellackplatten und Koffergrammophone aber gab es in Deutschland immerhin bis in die zweite Hälfte der fünfziger Jahre, in anderen Ländern sogar noch bis in die sechziger Jahre hinein. Und Kanus – Paddelboote – gibt es bis heute. Und nostalgische Erinnerungen auch. Jetzt ist Perfektion gefragt: Nicht nur die Musik muss historisch sein, auch das Grammophon, die Kleidung und natürlich das Boot, einschließlich der Fender, des Stoßschutzes am Boot:

O-Ton 15 (Kunde 1 im Laden)
Insofern haben wir jetzt alles komplett: Die Fender sind gehäkelt mit Stoff und die Kissen sind alles so mit weißer Spitze. Und meine Frau hat auch so ein altes Kleid von 1930 und von Schirm Eggers noch so einen ausgestopften Sonnenschirm, den man so drehte, der von innen noch so ausgefüttert ist. Also es passt alles genau dazu. Ist eben so ein Stück lebendige Vergangenheit, sag ich mal. Ja, ich bin auch wegen dem Kanu nach Amerika rüber und habe erst mal wieder das Kanu mit Stoff da bespannen gelernt in der Fabrik da. Und nun ist das ein mit Stoff bespanntes, mit Kautschuk getränktes, richtiges historisches Boot. Aber an einer Boots-Werft Sierichstraße, die es heute auch nicht mehr gibt, gebaut. Habe ich auch ein Zertifikat drüber.
 

Musik 7

In Hollyhollyhollywood,
            auf: Max Hansen „Jetzt geht’s der Dolly gut“
            Musant 002/ 1997, keine Industrie-Nr., keinen LC

Dieses immer noch aktuelle Couplet schrieb Ralph Benatzky, der Komponist vom „Weißen Rössl“. Interpret war aber der Kabarettist, Chansonnier, Filmschauspieler und Operntenor Max Hansen. Zu seinem 100. Geburtstag im Dezember 1997 erschien bei Musik-Antik erstmals eine CD von ihm, zusammengestellt aus Schellackplatten, die in den zwanziger und dreißiger Jahren erschienen waren. Auch Max Hansen hatte Probleme mit den Nazis. In manchen Quellen zu seiner Biografie wird angegeben, dass er eine jüdische Mutter hatte aus Wien, andere geben an, sie wäre aus Dänemark. Seine Konflikte mit den deutschen Machthabern nach 1933 rühren aber wohl hauptsächlich daher, dass er schon früh Schmähverse auf Adolf Hitler von sich gegeben hat. Die Quellen zu seiner Herkunft sind offenbar schwer zu ermitteln. Bei vielen Interpreten, die bei Musik Antik wieder zu Gehör gebracht werden, ist noch weniger zu finden. Gelegentlich aber geschieht auch Überraschendes.

O-Ton 16 (Norbert Noritz)
Eines Tages kam ich mal am Samstag Morgen in meinen kleinen Laden am Weidenstieg, und dann waren drei/vier/fünf Anrufe auf dem Anrufbeantworter. Und da suchte einer ne bestimmte Platte. Und der nächste sagt, ach schade, dass sie nicht da sind, ich melde mich Sonnabend wieder. Und auf einmal kam eine Stimme:
O-Ton 17 (Telefonanruf Martha Eggerth)
Ja, guten Tag. Mein Name ist Martha Eggerth. Ich rufe aus Amerika an, und ich hätte mich gerne erkundigt, ob sie eventuell noch irgendwelche Platten noch von Jan Kiepura und Martha Eggerth haben, das ich gebrauchen könnte. Bitte lassen Sie mich wissen, weil wegen die Zeitverschiedenheit kann ich Sie zwischen 10 und 14 Uhr in der Früh nicht anrufen, weil dann ist noch nacht bei uns. Aber, ich werde ihnen dann – Hallo? – ich werde ihnen dann lieber schreiben. Ja? Ich werde Ihnen schreiben, und dann können Sie mir antworten. Danke vielmals.
O-Ton 18 (Norbert Noritz)
Da habe ich Gänsehaut bekommen. Ich wusste, ehrlich gesagt, gar nicht, dass sie noch lebt. Hatte einige Platten auch im Laden noch von ihr. Und, ja, wie gesagt, ich habe dann Verbindung zu ihr aufgenommen, und das war mit eines der schönsten Erlebnisse in der Zeit dieser Sammelei. Und wir sind heute noch in Verbindung. Sie ruft Weihnachten an:
O-Ton 19 (Telefonanruf Martha Eggerth)
Hallo, hallo, ich wollte nur „Frohe Weihnachten“ wünschen. Hier spricht Martha Eggerth aus New York. Und ich habe mich sehr gefreut über ihre Weihnachtsgrüße, ich wollte sie erwidern, und sie sind nicht zuhause. So, Merry Christmas! Auf Wiederhören, wiedersehen.

Musik 8

Martha Eggerth: Mir fehlt ein Freund wie Du,
auf: Soubretten und Chansonetten,
Musant 004/ 1998, keine Industrie-Nr., keinen LC

Martha Eggerth in einer Aufnahme vom 15. Juni 1932 auf einer Musik Antik CD „Soubretten und Chansonetten“, die sich den berühmten historischen Chanson- und Operettensängerinnen von Bühne und Film widmet.

O-Ton 20 (Norbert Noritz)
Das ist ne Sampler eben, gemischt. Trude Hesterberg, ne ganz Große. Nur, da würde ich keine ganze CD mit machen wollen. Da gibt’s einige schöne Lieder, aber auch viele, die mir da nicht so zusagen, und das wird vielleicht langweilig werden. Was bei Rosen nicht der Fall wäre. Da ist die Claire Waldoff drauf, da ist die Fritzi Frou drauf, die heute kaum noch einer kennt, Berlinerin. Die Waldoff sang Lieder, die Fritzi Frou schon vorher gesungen hat. Und diese Stimme irgendwie, die ist noch ausdruckskräftiger irgendwie. So frech. Die gefällt mir fast noch besser als die Claire Waldoff, wo die Claire Waldorf, ja natürlich, weltberühmt geworden ist, kann bald sagen.

Teil 4 (von 5)

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