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Die
jüdische Reformbewegung hatte einst aus Deutschland eine
klassisch geprägte Musik nach Amerika mitgebracht mit
Chor, Gemeindegesang und Orgel-Begleitung. Als Ende des
19. Jahrhunderts rund zwei Millionen osteuropäische Juden
in die USA einwanderten, kam eine neue Farbe jüdischer
Kultur hinzu. Diese Gruppe kam vor allem aus dem Schtetl
in Ostpolen, dem Westen des russischen Reiches und aus der
Ukraine. Im Gottesdienst hingen diese Menschen an
orthodoxen Formen; aber sie begeisterten sich für den
Kantor als Solisten, den Chasan. Allenfalls unterstützt
von einem Männerchor, bestritt er die
Gottesdienstliturgie allein mit seiner ausdrucksstarken
Stimme und seinen kunstvollen Improvisationen. Ab Ende des
19. bis in die dreißiger Jahre des 20. Jahrhunderts
hinein prägten osteuropäische Kantoren in den USA eine
sog. Goldene Ära des Kantorengesangs. Josef „Yossele“
Rosenblatt – ursprünglich aus der Ukraine – war einer
der herausragenden Vertreter dieser Tradition. Zu seiner
Zeit war er ein Star. Von ihm stammen zahlreiche
Vertonungen jüdischer Gebete, darunter auch dieses „Höre
Israel“: Shomer Yisroel. |
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((bei
2:49 aufblenden))
Musik
9
Cantor
Benzion Miller + Schola Hebraica,
singen Joseph Rosenblatt „Shomer Yisroel“
auf: Only in America – A Commemorative Souvenir
Recording
oft he International Conference-Festival
Excerpte aus der NAXOS Serie des Milken-Archives
LC 05537
((etwa
bei 3:22 ausblenden)) |
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Auch
für den Alltag hatten die osteuropäischen Einwanderer
musikalische Traditionen mitgebracht, die sie im Schtetl
entwickelt hatten: das Jiddische Theater, jüdische Volksmusik,
Klezmer.
Dieses
Material inspiriert heute wieder weltweit jüdische und
nichtjüdische Künstler der populären Musik, in den USA aber
sicher mit dem meisten Varianten. Manches davon ist kaum mehr als
das nostalgische Spiel mit einer Kultur, die so jedenfalls nicht
mehr existiert. In Amerika komponieren aber auch jüdische
Komponisten für neue Musik mit Elementen des Klezmer. Der 1960 geborene
Osvaldo Golijov lässt den Klarinettisten David Krakauer sein
Instrument wie ein Schofar, ein Widderhorn in einer Rakete
schmettern. So lautet jedenfalls der Titel: Rocketekya:
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((bei
ca. 2:26 aufblenden))
Musik
10
Osvaldo
Golijov: Rocketekya,
auf: Klezmer Concertos and Encores
NAXOS 6 36943 94032 7, LC 05537
((nach
ca. 2:58 rausziehen)) |
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Klezmer,
jüdische Gebetsmelodien, Kantillationstropen, aber auch ganz unabhängig
von solchen Vorlagen - die überlieferten Texte der jüdischen Tradition,
nicht zuletzt die der Bibel haben in Amerika mehr als anderen Orts jüdische
Komponisten zu neuer Musik angeregt: zu säkularer, religiöser, populärer
oder kunstvoller. Was davon jüdisch ist, was unjüdisch, was überhaupt
identifizierbar jüdische Kennzeichen einer Musik sind, die sich nicht nur
aus arabischer, spanischer, osteuropäischer oder deutscher Folklore
speist, sondern auch aus der klassischen Musik Westeuropas, aus
Lagerfeuergesängen, über Jahrhunderte überlieferten Gebetsmelodien und
den Tropen der Tora-Kantillation, das bleibt offen. Auch der
Klezmer-Experte, Professor Mark Slobin von der Wesleyan University weiß
keine Antwort:
O-Ton
8 (Prof. Dr. Mark Slobin, Wesleyan University)
Nobody knows the answer to this question. Its debated endlessly
and to no results. It’s a matter of definition. If it is done by
somebody who was born from a Jewish fam-ily, then the people will
claim, everything what that person is Jewish music. If it is done
for a Jewish purpose, like a service, a liturgical purpose, than
people call ist Jew-ish music even when it is written by Non-Jew.
But if it stands for Jewish audiences who accept it as part of
their legacy and their condition, that's another way to define
Jewish music. There is absolutely no agreement what should be
included in the ideal fo Jewish music.
Niemand
hat die Antwort dafür. Das ist eine Frage der Definition. Wenn es
jemand aus einer jüdischen Familie gemacht hat, werden manche
Leute sagen, alles was diese Person geschrieben hat, ist jüdische
Musik. Wenn es für einen jüdischen Anlass geschrieben wurde,
einen Gottesdienst zum Beispiel, wird es von manchen jüdische
Musik genannt, selbst es wenn ein Nichtjude geschrieben hat. Eine
dritte Definition ist, wenn ein jüdisches Publikum die Musik als
jüdisch akzeptiert, dann ist es jüdische Musik. Es gibt in der
Frage keine Übereinstimmung welches das Ideal jüdischer Musik
ist. |
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Wichtiger
als die akademische Frage, was jüdische Musik ist, ist für Juden
in Amerika, dass sie amerikanischen Ursprungs ist. Sie feiern 350
Jahre nach der ersten organisierten Einwanderung ihrer Glaubensbrüder
in die neue Welt, dieses Land als das Land der Freiheit in dem sie
erstmals als Gemeinschaft ungefährdet eine Vielfalt entwickeln
konnten, die in der jüdischen Geschichte einmalig ist. Professor
Neil Levin vom New Yorker Milken Archive: |
O-Ton
9 (Rede Prof. Dr. Neil Levin, Milken Archive + JTS, New York)
I think they would be shocked beyond all belief, to imagine what
the American Jewish community has become in all of its respects,
but the diversity of musical culture that exists would ever have
happened anywhere, let be on the wilderness shores of those days.
Ich
denke, die ersten Siedler wären über alle Maßen geschockt
gewesen, was aus der amerikanischen Jüdischen Gemeinschaft
erwachsen ist in all ihren Facetten. Diese musikalische Verfalt,
die wir heute erleben, hätte man sich nirgendwo vorstellen
können, vor allem nicht an den Küsten dieser Wildnis, die sie
hier vorfanden zu dieser Zeit. |
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Musik 11
Joseph Achron: The Golem
4,
auf: Introducing the World of American Jewish Music
NAXOS 6 36943 94032 4, LC 05537
((auf Schluss spielen))
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