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Nachlass der frühen Moderne
Das Arnold-Schönberg-Center in Wien


© für das Manuskript bei Heinz-Peter Katlewski, 2002. 


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für Deutschlandfunk - Musikszene
Sonntag, 24. Oktober 2004, 15:05 - 15:55 Uhr

Teil 2 (von 5)

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Track 6

1. Leicht, zart,
aus: Arnold Schönberg – Sechs kleine Klavierstücke, op.19
auf: CD 2 Karl Steiner – Ein später Pianist der Wiener Schule
Österreichischer Musikrat / Wissenschaftszentrum Arnold Schönberg
AUME, ohne Industrie-Nr., ohne LC

Mit acht Jahren bringt Arnold Schönberg sich das Violine spielen bei und schreibt bald erste kleinere Kompositionen. Als Sechszehnjähriger – nach der Realschule – fängt er in einer Wiener Privatbank an, um Bankbeamter zu werden. Er absolviert seine Lehre, nebenbei aber komponiert er Lieder und Klavierstücke und spielt das Cello im Amateurorchester „Polyhymnia“. Dessen Dirigent ist der drei Jahre ältere studierte Komponist Alexander von Zemlinsky. Schönberg freundet sich mit ihm an, zehn Jahre später heiratet er sogar dessen Schwester Mathilde.

Zemlinsky gibt Schönberg einige Hinweise zum Komponieren. Aber es ist ein Geben und Nehmen. Schönberg ist sein eigener Lehrer. Als seine Bank schließt, entscheidet er sich, künftig nur noch als Musiker zu arbeiten. Er leitet einen Arbeiterchor, schreibt Konzerte für Streicher, vertont Liedgedichte. 1901 geht er mit seiner eben angetrauten Frau Mathilde nach Berlin und ist einige Monate lang Kapellmeister an dem von Ernst von Wolzogen gegründeten „Bunten Theater ÜBERBRETTL“, einer einflussreichen, aber kurzlebigen Bühne für literarisches Kabarett. Danach kopiert er Partituren für Richard Strauss und nimmt in Berlin ein Liszt-Stipendium des Deutschen Allgemeinen Musikvereins in Anspruch und lehrt für kurze Zeit am Sternschen Konservatorium. 1903 geht er zurück nach Wien. Dort unterrichtet er Musik an der ambitionierten Schwarzwaldschule und gibt nebenbei Privatkurse in Komposition.

Lehren wird eine Leidenschaft von ihm und in Zukunft ein Standbein für seine künstlerische Entwicklung. Zu seinen ersten Schülern gehören Alban Berg und Anton Webern. Gemeinsam begründen sie die zweite Wiener Schule. Am Ende seines Lebens schätzt Schönberg, hatte er über 1000 Schüler. Christian Meyer, Direktor des Arnold-Schönberg-Centers in Wien.

Track 7 (Dr. Christian Meyer, Schönberg-Center Wien)
Der Lehrer Arnold Schönberg ist eines der vielen Paradoxa in Schönbergs Leben, denn er selbst war ja Autodidakt als Komponist wie als Theoretiker. Er hat keine höhere Schule besucht, er hat keine Musikuniversität besucht, er hatte keine theoretische Ausbildung und ist doch einer der größten Lehrer geworden mit ganz unterschiedlichen Lehrern mit ganz unterschiedlichen Ergebnissen. Da ist einmal Berg und Webern. Da kann man vielleicht noch sagen, gut, das geht in eine Richtung, und da kann man vielleicht den Viktor Ullmann auch noch dazu geben, der auch ein Komponist im Gefolge Schönbergs geworden ist. Aber schon Hanns Eisler ist etwas ganz was anderes geworden. Der war halt ein sozialistischer Komponist und hat das Komponieren für ganz andere Dinge gebraucht wie Arnold Schönberg. Aber auch Eisler hat bei Schönberg sein Handwerk gelernt, hat wesentliche Dinge gelernt. Dann gab es Theodor Adorno, der in eine ganz andere Richtung wieder gegangen ist, der auch ständig diskutiert hat mit Schönberg, aber der auch von Schönberg so fasziniert war und so geprägt wurde, dass er – wie er schreibt über "Die Philosophie der Neuen Musik" – gibt’s erst überhaupt nur einen großen Teil über Schönberg, die Schönberg-Schule und die Wiener Schule, und dann, in weiterer Folge noch einen Teil über Strawinsky, den er in Amerika kennen lernt. Aber so prägend ist das, was Schönberg macht und so unterschiedlich sind die Schüler, die er hervorbringt. Und bei Cage und Lou Harrison und bei anderen amerikanischen Studenten ist es noch mal in ganz andere Richtungen gegangen. Was Schönberg als Lehrer auszeichnet ist, dass er auf die Schüler enorm eingeht, und dass er den Schüler das gibt, was die Schüler brauchen. Es ist keine Schönberg-Schule à la McDonalds – jeden scheren wir über denselben Kamm und egal, wo jemand herkommt und wo jemand hin will ist er nachher ein guter Zwölfton-Komponist, sondern Schönberg entwickelt das, was in den jungen Menschen drinnen steckt. Und das ist ja – glaube ich – das höchste, was ein Lehrer erreichen kann

Schüler von Arnold Schönberg waren in der Regel des Lobes voll, wenn sie von ihrem Lehrer sprechen.

Kritiker bemängeln gleichwohl, dass er nicht den klassischen Bildungsweg absolviert hat. Hartmut Krones, Professor für musikalische Stilforschung und Aufführungspraxis an der Wiener Musikuniversität und Direktor des Wissenschaftszentrums Arnold Schönberg findet diese Argumentation in seinem Fall abwegig:

Track 8 (Prof. Dr. Hartmut Krones, Wissenschaftszentrum. Arnold Schönberg)
Man unterstellt ihm, nicht universell gebildet zu sein. Er hat ja die zeitgenössische Literatur gekannt, er hat die gesamte Musikgeschichte gekannt, er hat ja seinen Unterricht hauptsächlich auf Analysen alter, älterer Musik aufgebaut. Er hat ja gar keine eigenen Werke analysiert, sondern er hat Mozart analysiert, Bach analysiert, Beethoven, Brahms – diesen berühmten Aufsatz "Brahms der Fortschrittliche" – und hat überall gezeigt, wie der Komponist arbeitet, wichtiges Wort "Fasslichkeit", dass es fasslich ist, was er macht, dass aber da drinnen auch eben der Mensch steht und die Emotion steht.

Schönberg hat sich in seinen Anfängen stark an Brahms und Wagner orientiert. Eines dieser frühen Werke – Opus 4 – und das erste groß dimensionierte zeichnet musikalisch die Gefühle nach aus einem romantischen Liebesgedicht von Richard Dehmel: „Die verklärte Nacht“. Komponiert wurde es bereits 1899 als ein Streichsextett. 1943 schrieb es Arnold Schönberg noch einmal um für Streichorchester. Sie hören den 3. Abschnitt "A tempo", gespielt vom Chicago Symphony Orchestra dirigiert von Daniel Barenboim.

Track 9 

A Tempo,
auf: Arnold Schönberg „Verklärte Nacht“
(Daniel Barenboim, Piano und Dirigent; Chicago Symphony Orchestra),
TELDEC 7 4509-98256-2, LC 6019

Offiziell residiert das Schönberg-Center am Schwarzenbergplatz 6, aber das gläserne Portal bleibt verschlossen. Der Eingang ist um die Ecke: in der Zaunergasse. An der Hausnummer 1 geht es durch eine ehemalige Droschkeneinfahrt in einen Innenhof – und von dort mit dem Fahrstuhl in den ersten Stock auf die Belletage. Man muss läuten, um hineinzukommen, aber dann zeigt sich das Zentrum als ein offenes Haus. Forscher können das Archivmaterial an Computern recherchieren, Fans können CDs, Bücher, Postkarten und sogar T-Shirts mit Sinnsprüchen des Meisters erwerben und gelegentlich auch an Konzerten teilnehmen. Neugierigen schließlich gewähren ein bis zweimal jährlich wechselnde Ausstellungen einen Einblick in das künstlerische Schaffen von Arnold Schönberg. Im Eintrittspreis ist stets ein mehrsprachiger Audio-Guide inbegriffen.

Die aktuelle Präsentation "Schachzüge" zeigt ihn als Erfinder und Konstrukteur – angefangen von seiner Zwölf-Ton-Methode über Entwürfe für eine Noten-Schreibmaschine oder einen Umsteigefahrschein für die Berliner Verkehrbetriebe bis hin zu Kartenspielen für seine Kinder und ein neues Schachspiel: das Koalitions-Schach.

Track 10 (Dr. Christian Meyer, Schönberg-Center Wien)
Wir wollten uns mit Schönbergs Zwölf-Ton-Werken und seiner Zwölf-Ton-Methode auseinandersetzen. Diese Werke entstanden ab den frühen 20er Jahren und dann Zeit seines Lebens bis er 1951 gestorben ist. Und wir haben sehr viele Manuskripte zu seinen Zwölf-Ton-Werken. Die wollten wir gerne herauslegen. Wir wollten auch gern zeigen, wie die Zwölf-Ton-Methode funktioniert, und wie Schönberg dahin gekommen ist. Und dann sind wir drauf gekommen, dass genau in der Zeit, wo sich Schönberg mit der Neuordnung der Töne beschäftigt in der Zwölf-Ton-Methode, dass er da auch das Schachspiel hernimmt, aus einem Acht-Mal-Acht-Feld ein Zehn-Mal-Zehn-Feld macht, es gibt noch zwei Könige, die einander gegenüberstehen und gegeneinander spielen. 

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Arnold Schönberg:
Spiele, Konstruktionen, Bricolagen
Games, Contructions, Bricolages

Dann gibt es aber ganz andere Figuren, die er erfindet. Es gibt keine Rössl, sondern Flieger, die doppelte Rössl-Sprünge machen. Die sind natürlich sehr gefährlich, durchmessen das halbe Spielfeld in einem Spielzug. Und er erfindet dann lauter Kriegsfiguren. Es gibt Motorradfahrer, es gibt Flieger, es gibt Unterseeboote, es gibt Kanonen, andere Geschütze. Es gibt Soldaten, die so ähnlich wie die Bauern funktionieren. Und nur der König bleibt eigentlich so, dass er auf die umliegenden Felder fahren kann, so, wie das beim herkömmlichen Schach ist. Und dann erfindet er noch zwei zusätzliche Mannschaften, die in die Seiten hineinspielen als Kleinmächte. 

Es gibt also zwei Großmächte mit den Königen und zwei Kleinmächte, die in die Seiten hineinspielen. Und nach spätestens drei Runden muss sich eine Kleinmacht eine Großmacht gefunden haben und mit der koalieren, und die spielen dann gegen die beiden anderen. Und da haben wir gedacht, das ist doch dasselbe, wie die Zerlegung des tonalen Systems und die Neuordnung der Zwölf-Ton-Ordnung, dass Schönberg das Königsspiel hernimmt, die Regeln zerlegt und wieder neu zusammenfügt zu einem neuen Spiel. Und auch da versucht er dann wieder – so, jetzt habe ich neue Regeln, und wie kann ich die denn spielen? Gibt’s stärkere und schwächere Parteien, oder ist das ausgeglichen? Kann man da sich erfreuen an diesem Spiel? Und Spielen heißt das ja nicht nur beim Schachspiel, sondern auch in der Musik. Und so haben wir nicht nur seine Zwölf-Ton-Werke herausgelegt, von denen wir meinen, es war ein Schachzug, als Ausgang aus der romantischen Bewegung, die Musik des 20. Jahrhunderts seriell zu organisieren. Wir haben auch sehr viele Basteleien, Spielereien, Regelwerke, die Schönberg so nebenbei geschaffen hat, aus dem Archiv herausgeholt und daraus den zweiten Teil dieser Ausstellung gemacht.


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