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Nachlass
der frühen Moderne
Das
Arnold-Schönberg-Center in Wien
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für das Manuskript bei Heinz-Peter Katlewski, 2004.
Hyperlinks
sollten aktuell sein. Bei fehlerhaften oder toten
URLs bitte ich um ein kurzes E-Mail mit Hinweis auf die
entsprechende Seite und den Link. Danke. |
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für
Deutschlandfunk - Musikszene
Sonntag, 24. Oktober 2004, 15:05 - 15:55 Uhr |
| Teil
3 (von 5) |

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Und
so finden sich neben dem ausgefeilt strategischen Koalitionsschach
allerlei selbst gebastelte und entwickelte Kuriositäten. Zum
Beispiel
-
ein
Modell seines Gebisses, um dem Zahnarztstellvertreter zu
zeigen, wo die dritten Zähne nicht mehr passen,
-
ein
höhenverstellbarer Notenständer,
-
ein
Telefonregister,
-
Rechenschieber,
Boxen und Rollen für die Festlegung und Kombination von
Tönen der Zwölf-Ton-Reihe,
-
musikalische
Lehrspiele, Puzzles, oder
-
eine
Notationsschrift für die Aufzeichnung von Tennisspielen,
Gertrud
Schönberg, geb. Kolisch, nach dem Tod seiner ersten Frau
Mathilde, seit 1924 seine Ehepartnerin, schildert am 13. März
1954 ihren Mann in einem Beitrag für den NDR als einen Menschen,
der fortwährend neue praktische Dinge schuf:
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Track
11 (Gertrud Schönberg, Tonaufnahme aus dem
Schönberg-Archiv)
Alles, was er für seine Arbeiten brauchte, fertigte er
sich selbst an. Sonderbarerweise waren auch diese
Erfindungen oft der Industrie weit voraus und wurden
einige Zeit später als Massenartikel verfertigt. Ich
besitze zum Beispiel noch immer einen Kleiderhaken, den er
vor dreißig Jahren mit Wäscheklammern versah, genauso,
wie man ihn heute in jedem Kaufhaus bekommt. Auch
unzähligen Tinten- und Federständer sind noch vorhanden,
Modelle, die heute in allen möglichen Materialien im
Handel zu finden sind. Und er war glücklich uns stolz wie
ein kleines Kind, wenn seine Modelle zu seiner und meiner
Zufriedenheit ausgefallen waren. |
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Dieser
Teil des Nachlasses von Arnold Schönberg ist heute Bestandteil des Archivs
im Schönberg-Center und in der Ausstellung zu sehen. Dort
hängen aber auch Bilder von ihm.
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Track
12
Rasch,
aber leicht,
auf: Arnold Schönberg „Verklärte Nacht“
(Daniel Barenboim, Piano und Dirigent; Chicago Symphony
Orchestra),
TELDEC 7 4509-98256-2, LC 6019 |
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„Rasch,
aber leicht“ – ein sehr kurzes Stück aus den sechs kleinen Klavierstücken,
op. 19, komponiert im Jahre 1911, hier gespielt von Daniel
Barenboim.
Schönberg
war vielseitig begabt. Vor allem in den Jahren zwischen 1908 und
1911 hat er viel gemalt. Das waren Jahre in denen er auf der Suche
nach neuen Ausdrucksformen war. Musikalisch wollte er radikal
wahrhaftig sein und seine Empfindungen nicht auf das
konventionelle Repertoire und die Stereotype beschränken, die bis
dahin in der klassischen Musik galten. Er begann damit,
Konsonanzen und Dissonanzen gleichrangig zu behandeln – und fiel
damit häufig bei der Kritik durch.
In
der Malerei sucht er eine zweite Einnahmequelle. Er malt
realistisch, aber es sind häufig Blicke und Porträts. Er
beobachtet sich selbst, malt seine Emotionen und Gedanken. Etwa
160 Aquarelle und rund 70 Ölgemälde gibt es von ihm. Über 160
Werke insgesamt verfügt das Schönberg-Center. Mit einigen dieser
Arbeiten findet Schönberg auch bei Malern Anerkennung.
Insbesondere bei dem zu dieser Zeit in München lebenden Wassily
Kandinsky. Der verehrt den Komponisten Schönberg und ist auch von
manchen seiner Gemälde so angetan, dass er und sein Mitstreiter
Franz Marc ihn einladen, Teil der Künstlergruppe "Blauer
Reiter" zu werden.
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Track
13 (Dr. Christian Meyer, Schönberg-Center Wien)
Ein Bild, die "Impression III", die heute im
Lehmbach-Haus in München hängt, das ist gemalte
Schönberg-Musik. Das ist das Erlebnis Kandinskys, seine Gefühle,
die er hatte, wie er Schönbergs Musik bei einem Konzert in
München Anfang 1911 das erste Mal begegnet. Und Kandinsky knüpft
ja dann auch an mit einem sehr interessanten Briefwechsel, der
sich ergibt. Er malt eben dieses Bild "Impression III"
und lädt dann Schönberg später ein, schickt Schönberg dann
auch auf ein Dirigat nach Sankt Petersburg, alles das organisiert
Kandinsky, weil er so überzeugt ist von dem, was Schönberg
macht. Und er schreibt dann später auch, dass Schönberg ihm bei
seinem Schritt in die Abstraktion, auf diesem Weg, der bis dahin
für ihn so unbestimmt war, ganz entscheidend geholfen hat mit
seinem musikalischen Werk. Weil er Schönbergs Musik zu dieser
Zeit gehört hat, hat er gewusst, wie er als Maler das leisten
kann wofür er in die Kunstgeschichte eingegangen ist. |
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Die
Beziehung zu Kandinsky bricht 1923 radikal ab. Nach mehr als zehn Jahren,
vielen ausführlichen und freundschaftlichen Briefwechseln und
einigen Begegnungen erfährt Schönberg aus dritter Quelle, das
sich der russische Maler abfällig über Juden geäußert hat.
1923
wird in München auch das Jahr des Kapp-Putsches. Im Jahr zuvor
war der liberale Politiker Walter Rathenau ermordet worden.
Schönberg
erlebt Antisemitismus seit seiner Erfahrung in Mattsee
existentiell. Am 19. April 1923 schreibt er aus seinem Wohnort im
Wiener Vorort Mödling an Kandinsky einen letzten Brief, hier
gelesen von Dietmar Schönherr.
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Track
14 (Arnold Schönberg an Wassily Kandinsky, 19.4.1923)
Was ich im letzten Jahre zu lernen gezwungen wurde, habe
ich nun endlich kapiert und werde es nicht wieder
vergessen. Dass ich nämlich kein Deutscher, kein Europäer,
ja, vielleicht kaum ein Mensch bin – wenigstens ziehen
die Europäer die Schlechtesten ihrer Rasse mir vor –
sondern, dass ich Jude bin. Ich bin damit zufrieden. Heute
wünsche ich mir gar nicht mehr, eine Ausnahme zu machen.
Ich habe gar nichts dagegen, dass mich mit allen anderen
in einen Topf wirft. Denn ich habe gesehen, dass auf der
Gegenseite, die ja für mich nicht weiter vorbildlich ist,
auch alles in einem Topf ist. Ich habe gesehen, dass
einer, mit dem ich gleiches Niveau zu haben glaubte, die
Gemeinschaft des Topfes aufgesucht hat. Ich habe gehört,
dass auch ein Kandinsky in den Handlungen der Juden nur
Schlechtes und in ihren schlechten Handlungen nur das
Jüdische sieht. Und da gebe ich die Hoffnung auf
Verständigung auf.
Gelesen:
von Dietmar Schönherr
Aus: Wassily Kandinsky und Arnold Schönberg –
Briefwechsel aus den Jahre 1911 – 1936 |
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| Teil
3 (von 5) |

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