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Nachlass der frühen Moderne
Das Arnold-Schönberg-Center in Wien


© für das Manuskript bei Heinz-Peter Katlewski, 2004. 


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für Deutschlandfunk - Musikszene
Sonntag, 24. Oktober 2004, 15:05 - 15:55 Uhr

Teil 4 (von 5)

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Für ihn persönlich scheint es zwei Jahre später dennoch gut zu laufen. Er macht Karriere. 1925 erhält er einen Ruf als Professor an die Akademie der Künste in Berlin. Schönberg übernimmt eine Meisterklasse und hat das erste Mal in seinem Berufsleben keine finanziellen Sorgen.

Track 15 (Dr. Christian Meyer, Schönberg-Center Wien)
Wo er auch einen großzügigen Vertrag hatte in der Hinsicht, dass er nur sechs Monate pro Jahr arbeiten musste, und da konnte er sich aussuchen, wann das ist. Sechs Monate hatte er Zeit zu komponieren. Dadurch hat er dann auch zu reisen begonnen. Da ist er nach Paris gekommen, ist er nach Spanien gegangen, nach Barcelona. Und in dieser Zeit schreibt er die größten Werke , seine Orchestervariationen, op. 31, die großen Teile von Moses und Aron. Das alles wäre ohne diese luxuriöse Anstellung an der Akademie der Künste in Berlin nicht möglich gewesen.

Das währt knapp acht Jahre. Als 1933 nach der Machtübernahme der Nazis der neue Präsident der Akademie, Max von Schillings, verkündet, dass alle ihre jüdischen Mitglieder ausgeschlossen werden, entschließt er sich mit seiner Familie, in die Vereinigten Staaten auszuwandern. Eine Zwischenstation ist Paris. Dort, in der liberalen Synagoge, vollzieht er – mit Marc Chagall als Zeugen – endgültig seine Rückkehr ins Judentum.

Track 16 

Arnold Schönberg: Prelude,
auf: Genesis Suite (1945),
A Musical Collaboration by Arnold Schönberg, Nathanial Shilkret, 
Alexandre Tansman, Darius Mihaud, Mario Castelnuovo-Tedesco, 
Ernst Toch, Igor Stravinsky
Naxos 6 36943 94422 6, LC 05537

Das war von Arnold Schönberg das Präludium zur Genesis Suite, gespielt vom Rundfunk-Sinfonieorchester Berlin unter Leitung von Gerhard Schwarz. In der Genesis-Suite geht es um die Schöpfung; Schönbergs Präludium fantasiert zu der Zeit unmittelbar davor: Vor der Schöpfung und den biblischen Schöpfungslegenden.

Das Werk entstand 1945 als ein locker verbundenes Gemeinschaftsunternehmen von sieben Komponisten, in der Mehrheit jüdischen Emigranten aus Europa: Neben Schönberg nahmen daran teil: der New Yorker Nathaniel Shilkret, der aus Polen stammenden Alexandre Tansman, der Franzose Darius Milhaud, der aus Italien geflüchtete Mario Castelnuovo-Tedesco, der Wiener Ernst Toch und der Exil-Russe Igor Strawinsky.

Arnold Schönberg ist zwar ein angesehener Komponist in Amerika, aber er ist – wie viele andere emigrierte Kollegen auch – deutlich überqualifiziert für die Arbeiten, mit denen er den größten Teil seines Einkommens verdienen muss. Nach einigen Zwischenstationen lässt er sich in Los Angeles nieder und übernimmt dort an der University of California einen Lehrstuhl für Komposition. Für viele seiner Studenten ist das freilich nur eine Pflichtübung im Studienprogramm.

Track 17 (Dr. Christian Meyer, Schönberg-Center Wien)
In Amerika ist er dieser verletzte verwundete Mensch, der aus seinem Umfeld herausgerissen ist, und der aber die Kraft hat, sich in der Fremde eine neue Existenz aufzubauen, die nicht nur in einer neuen eigenen Familie mündet, sondern auch mit einem neuen Schülerkreis. Allerdings mit Leuten wie Lou Harrison und John Cage, die völlig andere Dinge machen als er gemacht hat. Ansonsten muss er leider einfach Musiktheorie unterrichten – wie viel Kreuz hat die G-Dur. Also jemand, der Alban Berg unterrichtet hat, da ist das natürlich sehr schmerzhaft, wenn er dann amerikanischen Kindern, die vielleicht Musik gar nicht so interessant finden, dann die Basics beibringen muss. Er schreibt auch entsprechende Publikationen dann für Anfänger...

...und nimmt auch dann noch Schüler, als er 1944 im Alter von 70 Jahren emeritiert wird. Die finanziellen Umstände machen das notwendig. Amerika kennt keine vergleichbare Besamtenversorgung für Professoren wie in Österreich oder Deutschland. Bis 1951, kurz vor seinem Tod komponiert er auch noch, zuletzt an Modernen Psalmen.

Der Nachlass Arnold Schönbergs bleibt zwei Jahrzehnte lang in Los Angeles im Familienbesitz. Erst 1974 gelang es den Kindern Schönbergs, die private University of Southern California zu überzeugen, auf ihrem Campus ein Arnold-Schönberg-Institute einzurichten und den Nachlass dort zu archivieren, aufzubereiten, Arbeitsvoraussetzungen für Forscher zu schaffen und durch wissenschaftliche Tagungen und Konferenzen zu begleiten. Erst als diese Einrichtung im Rahmen einer Neuorientierung der Universität an den Rand gedrängt zu werden droht, entscheidet die Familie, den Nachlass an einen anderen Ort zu geben. Dafür gab es eine Reihe von Bewerberstädten, darunter auch Berlin. Den Zuschlag erhielt Wien. Hartmut Krones, Professor an der Wiener Musikuniversität – früher Hochschule für Musik und Theater – und Leiter des dort angesiedelten Wissenschaftszentrums Arnold Schönberg glaubt zu wissen, warum.

Track 18 (Prof. Dr. Hartmut Krones, Wissenschaftszentr. Arnold Schönberg) 
Es gibt hier in Österreich natürlich seit Jahrzehnten Schönbergianer. Eine Zelle der Schönbergianer war die Österreichische Musikzeitschrift und der Verlag Lafite, der die Musikzeitschrift herausgibt. Und als in den frühen siebziger Jahren das Schönberg-Haus in Mödling, also das Haus, in dem er in Mödling gewohnt hat, eigentlich von der Spitzhacke bedroht war – es ist ne schöne Lage, und da sollte irgendwas anderes hin – ist diese Musikzeitschrift und die Frau Professor Lafite aktiv geworden und haben – wie das so ist – mit vielen, vielen Canossagängen zu Politikern und Bittgängen es erreicht, dass das Haus gekauft werden konnte. Um das zu machen wurde eine Internationale Schönberg-Gesellschaft gegründet, und die hat so viel Mittel bekommen vom Staat und Land – Land Niederösterreich, weil ja Mödling in Niederösterreich ist, dass dieses Haus erworben werden konnte – von der Schönberg-Gesellschaft – und renoviert. Und in diesem Schönberg-Haus in Mödling ist dann die Schönberg-Gesellschaft gesessen. Es war dort eine Forschungsstelle, und, was wichtig ist, es waren sämtliche, im Schönberg-Nachlass in Los Angeles vorhandenen Schönberg-Dokumente, so der ganze Nachlass – de facto – in Film in Mödling auch, so dass Forscher, die nicht das Geld haben nach Los Angeles zu fliegen, in Mödling auch alles einsehen konnten. Alles in Mikrofiche gewesen in Mödling! Die Forschung, die am Schönberg-Haus passiert ist, die war natürlich nur sehr klein, weil das Geld war nicht da. Deswegen hat die Frau Professor Lafite dann in der Schönberg-Gesellschaft dafür geworben, dass man einen Vorstoß machen soll – das hieß damals noch Musikhochschule – ein Schönberg-Institut gründet. 1996 wurde dieses Schönberg-Institut der Musikhochschule gegründet als Forschungsinstitut. Und als dann die Frage war, wohin soll der Nachlass kommen, war eine der Bedingungen der Familie Schönberg, weil sie ja mit dieser amerikanischen Universität so schlechte Erfahrungen hatte, dass ein Schönberg gewidmetes Forschungsinstitut einer Universität oder Hochschule an dem Ort, wo der Nachlass hinkommt, sein soll. Und da haben wir gerade zwei Jahr vorher das gegründet gehabt als Forschungsinstitut der Hochschule. Und das war sicher ein Argument für die Schönbergs, dass es dann nach Wien gegeben haben, den Nachlass.


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