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Nachlass der frühen Moderne
Das Arnold-Schönberg-Center in Wien


© für das Manuskript bei Heinz-Peter Katlewski, 2004. 


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für Deutschlandfunk - Musikszene
Sonntag, 24. Oktober 2004, 15:05 - 15:55 Uhr

Teil 5 (von 5)

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Kongressbericht "Arnold Schönberg und sein Gott", erhältlich beim Arnold-Schönberg-Center Wien
Buch
Christian Meyer (Hrg.)
Arnold Schönberg
und sein Gott.

Bericht zum Symposium 2002

Dieses Forschungsinstitut „Wissenschaftszentrum Arnold Schönberg“ ist räumlich mit dem Schönberg-Center eng verbunden, es ist auf der gleichen Etage untergebracht aber nur über winklige Gänge zu erreichen. Dort sind zur Zeit drei Mitarbeiter damit beschäftigt, handschriftliche Notizen und festgehaltene Gedankensplitter von Arnold Schönberg zu entziffern.

 Hier wird in einem mehrjährigen Kraftakt die kritische Gesamtausgabe von Schönbergs Schriften vorbereitet. Dazu gehören nicht nur die kleineren und größeren Veröffentlichungen, sondern auch die Vorstudien dazu mit den Anmerkungen und Zettelkästen. Der Komponist hat auch die fragmentarischen Texte ernst genommen, er hat sie sogar nummeriert, signiert, zuweilen auch kommentiert – vielleicht nur für sich, vielleicht auch, damit die Nachwelt seinen Gedanken folgen kann. Die promovierte Musikwissenschaftlerin Eike Rathgeber hat solche Aphorismen vor sich.

Track 19 (Dr. Eike Rathgeber, Wissenschaftszentrum Arnold Schönberg)
Das sind Werke. Also er nummeriert sie und sortiert zum Teil unter richtigen Aphorismen ein, unter Dramen, unter Künstlerisches , unter Musikalisches , und das sind sozusagen seine Schriften. Und die haben einen ganz eigenen Charakter. Und es gibt wenig, wo es sich nicht zu äußern versucht drüber. Von der Produktion von Schuhen, den Obstanbau, die Straßenbahnfahrkarten in Berlin, das Untergrundsystem – es gibt kaum etwas, wo er nicht sich seine eigenen Gedanken macht und die schriftlich auch fasst. Das wird nicht alles so weit ausgeführt, wie wenn es wirklich um sein Metier geht, wo er dann wirklich länger dran arbeitet – an musikalischen Fragen.

 

((einsetzen erst bei 2:44))

Track 20 

Suite for String Orchestra in G,
auf: Arnold Schönberg in Hollywood,
DECCA 0 28944 86192 1, LC 0171

Ein Ausschnitt aus Schönbergs Suite für Streichorchester in G. Diese Suite entstand 1934 in Hollyood. Damals verdiente Schönberg u.a. sein Geld mit Vorträgen an der University of Southern California, eben der Universität, die später auch zuerst seinen Nachlass betreut. Therese Muxeneder hat ein Vierteljahr vor dessen Umzug am dortigen Archiv mitgearbeitet und leitet es heute, wo es seit 1998 im Wiener Arnold-Schönberg-Center am Schwarzenbergplatz sein Domizil hat.

Track 21 (Therese Muxenender, Arnold-Schönberg-Center, Wien)
Das Schönberg-Insitute in Los Angeles war ein abgeschlossener Nucleus, ein kaum zugänglicher, wie es schien, im Rahmen eines Universitäts Campusses. Er hat quasi Orchideen-Stellung eingenommen innerhalb eines sehr von Hollywood und von der Musikindustrie dominierten Los Angeles. Und das Archiv ist da Anfang 1998 physisch transferiert worden nach Wien. Und innerhalb von wenigen Wochen hier installiert worden in eine architektonisch neu gestaltete Umgebung. Und April 98 hat also dann der Archiv-Betrieb begonnen. Und der erste Archiv-Benutzer war ein Professor aus Japan, der, auf die Frage, wie lange er denn das Archiv zu benutzen gedenke, mir geantwortet hat: ein dreiviertel Jahr. Das war also der denkwürdige erste Archivbenutzer.

Der durfte damals noch an die Originale. Heute ist bereits fast die Hälfte der Schriften und Aufzeichnungen eingescannt und digitalisiert und steht Benutzern als Digitalfaksimile weltweit unter der Internetadresse des Schönberg-Centers zur Verfügung, und zwar kostenlos, denn das Schönberg-Center ist eine gemeinnützige Einrichtung, die sich im wesentlichen aus Mittel der Schönberg-Stiftung, Zuwendungen der Stadt Wien und der Regierung Österreichs finanziert. Die Internet-Adresse lautet: www.schoenberg.at.

Ein Grund dafür, dass nur noch digitalisierte Kopien zur Verfügung gestellt werden, ist, dass man die Originale schützen möchte. Sie sollen möglichst selten in die Hand genommen werden, damit der natürliche Verfallsprozess nicht auch noch begünstigt wird. Ein zweiter Aspekt:

Track 22 (Therese Muxenender, Arnold-Schönberg-Center, Wien)
Der große Vorteil, der im Internet publizierten Digitalfaksimiles besteht darin, dass er nicht mehr nur einem einzelnen Menschen zugänglich ist, das Manuskript, also nicht nur der, der den Weg in ein Archiv findet, sondern jedem. Ob das jetzt ein Musikstudent ist, ob das ein Liebhaber von Schönberg-Schriften der frühen zwanziger Jahre ist. Jeder kann an jedem Winkel der Welt Zugriff auf den Archivbestand nehmen.

Gelegentlich tragen Anfragen sogar dazu bei, dass Materialien, die noch nicht digitalisiert wurden, vorgezogen werden, weil es einen aktuellen Bedarf gibt. Therese Muxeneder nennt ein Beispiel für eine solche Anfrage:

Track 23 (Therese Muxenender, Arnold-Schönberg-Center, Wien)
Von einer 16jährigen Gymnasiastin aus Wuppertal, die ein Referat über Musikleistungskurs über Schönbergs „Verklärte Nacht“ und den Tristan-Akkord hier bringen wollte. Und die also durch Google auf www.schoenberg.at gestoßen ist und auch gesehen hat, dass man hier Originalquellen einsehen kann. Und das, was sie wollte, gab es also damals noch nicht, und wir haben dann einem Nachmittag noch mal schnell „Verklärte Nacht“ digitalisiert. Und die war ganz glücklich, weil sie konnte ihre Kommilitonen dann mit einem selbst gebastelten PowerPoint und Schönberg-Manuskripten über-raschen. Und das finde ich eigentlich sehr schön, dass hier kein Unterschied mehr gemacht wird, ob man jetzt wirklich mit dem höchsten wissenschaftlichen Anspruch an die Materie herangeht oder mit dem Basisinteresse. Und je mehr Interesse man bekommt, und je mehr Feedback man bekommt, eben auch von Nichtspezialisten, umso schöner ist es dann Vermittlungsebenen zu schaffen. Und das liegt sehr wohl auch im Interesse der Schönberg-Erben. Die sind immer die, die uns die neuesten Technologien nahe bringen, und die sagen: Naja, gut, was MTV kann, das kann ja das Schönberg-Center dreimal, und das müssen wir sofort haben, und das gibt’s , und das gibt’s, und jetzt wird aber Film gemacht im Internet . Dahinter steht kein finanzielles Interesse, sondern einfach die Liebe zur Materie, die weiter gegeben wird.

Das gilt auch für ein anderes Projekt. Seit einem guten Jahr können Besucher der Website online Webradio hören. Darüber werden zum Beispiel live Konzerte übertragen, die im Schönberg-Center stattfinden. Im allgemeinen läuft ein wöchentlich wechselndes vierstündiges vorproduziertes Programm. Es enthält  Interviews, Dokumentationen, historische Mitschnitte und häufig auch die Stimme Schönbergs. Wer Tonaufnahmen gezielt sucht, muss sich allerdings nicht ständig an den Computerlautsprecher setzen. Es gibt auf dieser Website immer wieder neue Klangdateien im Real-Audio-Format. Darunter vielleicht auch – in etwas ausführlicherer Form – dieser selbstbewusste Diskussionsbeitrag von Arnold Schönberg aus dem Jahre 1931:

Track 24 (Arnold Schönberg, 1931)
Unterschätzen Sie nicht die Größe des Kreis, der sich um mich bildet. Er wird wachsen durch die Wissbegierde einer idealistischen Jugend, die sich mehr durch das Geheimnisvolle angezogen fühlt, als durch das Alltägliche. Aber wie immer das auch kommen mag, so kann ich doch nichts anderes weder denken noch sagen, als das, was mir meine Aufgabe vorschreibt. Nehmen sie das nicht für Hochmut. Ich hätte gerne besseren Erfolg. Es ist keineswegs mein Wunsch als einsamer Säulenheiliger dazustehen. Jedoch, so lange ich mein Denken und meine Fantasien für richtig halten darf, werde ich nichts anderes glauben können, als dass Gedanken gedacht werden müssen und gesagt, auch wenn sie nicht verstanden werden, auch wenn sie nie verstanden werden könnten. Ich selbst bin ja gar nicht der Meinung, dass ich so ganz unverständlich bin, aber überlegen wir, hätten unbestritten große Gedanken – wie zum Beispiel die eines Kant – nicht gedacht, nicht gesagt werden sollen, weil noch heute Aufrichtige zugeben müssen, dass sie ihnen nicht folgen können? Wenn unser Herrgott die Bestimmung gegeben hat, Unpopuläres zu sagen, dem hat er die Fähigkeit verliehen, sich damit abzufinden, dass es immer die anderen sind, die verstanden werden.

((unterlegen bei 2:43))

Track 25 

Arnold Schönberg: Prelude,
auf: Genesis Suite (1945),
A Musical Collaboration by Arnold Schönberg, Nathanial Shilkret,
Alexandre Tansman,Darius Mihaud, Mario Castelnuovo-Tedesco, 
Ernst Toch, Igor Stravinsky
Naxos 6 36943 94422 6, LC 05537


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