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Die Forschungsstelle für Musik- und Medientechnologie.
Eine musikwissenschaftlich und musikpädagogisch orientierte Einrichtung an der Universität Osnabrück


© für das Manuskript bei Heinz-Peter Katlewski, 2000. 


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für Deutschlandfunk "Musikszene"
Sonntag, 30. April 2000, 15:05 - 15:58 Uhr

Teil 13 (von 15)

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Audio 13


Ein Computer hat mit Geschwindigkeit und Komplexität – sofern das entsprechende Programm das verarbeiten kann – keine Schwierigkeiten. Was er bislang allerdings nicht kann, ist das, was Musikwissenschaftler „Rubato“ nennen, also die kleinen Tempowechsel innerhalb eines Stückes, ohne dass sich die Gesamtlänge dadurch wesentlich verändert. Der Computer kann nicht aus eigener Emotion oder Logik interpretieren, bislang jedenfalls nicht. Aber in Osnabrück hofft man, früher oder später, auch diese Hürde zu nehmen. Joachim Stange-Elbe ist wissenschaftlicher Mitarbeiter des Instituts für Musikwissenschaft der Universität Rostock und darüber hinaus assoziiert zur Osnabrücker Forschungsstelle Musik- und Medientechnologie. Er hat sich auf dieses Gebiet mit seiner Habilitationsschrift vorgewagt:. Sein These ist, die Voraussetzungen für die Interpretation liegen wesentlich im Notentext selbst, folglich muss es auch möglich sein, eine lebendige Interpretation zu berechnen.

O-Ton  17 (Dr. Joachim Stange-Elbe, Osnabrück/Rostock)      
Ich stützte nun meine Arbeit auf ein Computerprogramm, das ein Mathematiker – auch Jazzmusiker, insofern war er von beiden Bereichen berührt – in der Schweiz entwickelt hat „Guerino Mazzola“. Er hat auch mit seinem Buch „Geometrie der Töne“ eine mathematische Musiktheorie verfasst, die – muss ich dazu sagen -  für Musikwissenschaftler sehr schwer kommensurabel ist, weil man doch ein gerüttelt Maß an mathematischem Verständnis braucht, um da durchzusteigen. Und der hat eine Software geschrieben und im Internet veröffentlicht -  auch im Rahmen eines Forschungsprojektes – die es ihm ermöglicht, Musik auf eine bestimmte Art und Weise zu analysieren, und die Ergebnisse  so zu gestalten, dass man sie für eine Interpretation einsetzen kann, dass man sie für eine Interpretation verwenden kann.   Das ist ein relativ komplizierter Mechanismus, der sich unter einer wunderschönen Programmoberfläche verbirgt, so dass man, wenn man dieses Programm, das im übrigen „Rubato“ heißt, verwendet, von der ganzen Mathematik überhaupt erst mal nicht so viel Ahnung haben muss. Mit Rubato wird nun nach Motivähnlichkeiten gesucht, wird geschaut, gibt es ähnliche Motive in einem Stück. Und das passiert folgendermaßen, dass man beispielsweise die Intervallrichtung abbildet in Form von geometrischen Mustern, wenn man zum Beispiel ein aufsteigendes und danach ein absteigendes Intervall hat, mit unterschiedlichen Tondauern, dann werden die Töne geometrisch vermessen dergestalt, man muss sich das vorstellen, wie in einem Koordinatensystem: Die X-Achse repräsentiert den zeitlichen Ablauf der Musik und die Y-Achse den Tonhöhenablauf der Musik. Und der trägt man nun die Töne aus der Partitur wie geometrische Punkte ab, und kann dann zwischen den einzelnen Tönen Streckenverhältnisse und Winkelverhältnisse berechnen.

Diese Messergebnisse sind die Grundlage für einen aufwendigen Rechenvorgang, der auf der Basis eines bestimmten Motivs, also auf der Basis des  kleinsten Bedeutungsträgers eines Musikstückes, eine vergleichende Analyse vornimmt.

O-Ton 18 (Dr. Joachim Stange-Elbe, Osnabrück/Rostock)     
Bei einer vierstimmigen Bach’schen Fuge, die ungefähr 70 Takte umfasst, braucht man hierfür bei einem derzeit handelsüblichen Computer ungefähr zwei bis drei Tage Rechenzeit. Man bekommt ja dann als Ergebnis eine Gewichtung der Töne, und zwar eine Gewichtung nach ihrem motivischen Gehalt, das heißt, ein Ton, der in vielen ähnlichen Motiven teil hat, hat ein sehr hohes motivisches Gewicht, hat eine sehr hohe motivische Bedeutung. Ähnlichkeit, mathematisch gesprochen, heißt hier schauen wo sind – mit einer bestimmten Toleranz – die Winkel- und die Streckenverhältnisse gleich bis ähnlich. Heißt  beispielsweise wenn man bei der Kompositionstechnik der Fuge bleibt, ist es ja so, dass das Fugenthema contrapunktiert wird und in der Regel eine Quinte höher erscheint. Die Antwort kommt in der Quint. Und da muss ich oft, je nachdem wie das Thema gebaut ist, Konzessionen bei den Intervallschritten machen, also beispielsweise, dass aus einer Anfangsquint eine Quarte wird, um eben in dem harmonischen Rahmen zu bleiben. Das heißt nun, ich hätte nun eine motivische Veränderung, aber wir erkennen das trotzdem als das Motiv, das, wo sich ein Intervallschritt verändert hat. D.h., diese Gestalt, die das Motiv besitzt, bleibt erhalten, obwohl sie leicht deformiert wurde, die Gestalt. Aus einem Quartschritt resultiert eine andere motivische Bedeutung als der Ton, der aus dem Quintschritt resultiert. Und das wirkt sich nun auf die Interpretation aus.

Mit solchen Informationen und dem Computerprogramm Rubato lassen sich nun rechnerisch naheliegende Interpretationsmöglichkeiten gestalten. Das bedeutet also nicht, das nur eine möglich ist. Der Unterschied ist jedenfalls offenbar. So klingt – ohne jede Interpretation - der reine Notentext von Johann-Sebastian Bachs „Kunst der Fuge“. Ein Ausschnitt.

Berechnet das Programm nur die im Notentext vorgeschriebene Artikulation, neigt es dazu, zu überzeichnen.

Atmo 9 (Stange-Elbe: Bach, Kunst der Fuge)
Artikulation, Computer auf Klavier
((zügig ausblenden))

Wird nur die Dynamik eines Stückes isoliert, dann klingt es fast wie seine eigene Parodie.

Atmo 10 (Stange-Elbe: Bach, Kunst der Fuge)
Dynamik, Computer auf Klavier
((zügig ausblenden))

Werden Notentext, Artikulation und Dynamik rechnerisch zueinander ins Verhältnis gesetzt, vermag das Programm  für dieses Stück eine lebendige Interpretation auszurechnen, eine Interpretation allerdings bei einer erneuten Rechenoperation wieder zu ganz anderen Ergebnisse führen kann.


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