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Kuschelsound statt Orgelklang
- Die neue Kirchenmusik ist umstritten -


© für das Manuskript bei Heinz-Peter Katlewski, 1997. 


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für Norddeutscher Rundfunk NDR 4
Sonntag, 16. Februar 1997, 17:30 - 18:00 Uhr

Teil 2 (von 4)

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O-Ton 5 (Dr. Peter Bubmann, Münster-Sarmsheim)
Im Moment sind wir mehr auf der Kuschelwelle, immer noch auf der Psychowelle. Und das findet sich schon auch im Gesangbuch. Das ist ja, denke ich mal, das, was in den Gemeinden vor Ort, das was am beliebtesten ist, was gewünscht ist. Auch Kanones, einfache Kanones. Darin spiegelt sich eigentlich eine theologische Richtung, die sehr stark das Zu-sich-selbst-Finden, das Harmoniefinden, das Die-eigene-Seele-Entdecken und In-der-Seele-zur-Ruhe-Finden in den Vordergrund stellt.

Solche Töne freilich entsprechen vor allem den Befindlichkeiten der späten siebziger und frühen achtziger Jahre, als sich eine andere Jugend ihre Ausdrucksformen in der Kirche schuf. Sie gibt der mittleren Generation der Aktiven in den Gemeinden eine emotionale Heimat. Die Sorge, wie die jungen Leute von heute und morgen musikalisch zu gewinnen sind, ist den Kirchen geblieben.

O-Ton 6 (Dr.Peter Bubmann, Münster-Sarmsheim)
Wer damit den Anspruch hegt, dass jetzt im Gesangbuch einige neue geistliche Lieder rhythmischer Art drinstecken, auf die gegenwärtige popkulturelle Lebenswelt heutiger junger Menschen Bezug genommen würde, der würde sich gründlich täuschen. Aber das tun die Leute auch gar nicht, die diese Lieder ins Gesangbuch aufgenommen haben. Da sind neue Traditionen entstanden, nämlich neue Formen von Kirchenmusik, die stärker rhythmisch orientiert sind, die leichter aufzunehmen sind von den Hörern, die zum Teil wenigstens noch Menschen erreichen, die ansonsten nur mit popkulturellen musikalischen Welten aufwachsen.

((die ersten 2 Sekunden dem O-Ton unterlegen, mit dem Text hochziehen))

Musik 5: 

 I will follow him,
auf: Whoopi, Sister Act,
Hollywood 7 2061-61334-2 7, LC 0309

((nach dem Solo, kurz nach Refrain „I will follow him" langsam rausziehen))

Wenn eure Songs nicht mehr so langweilig sind, wenn die Musik ansteckend wirkt in der Kirche, dann kommen auch die Menschen wieder in die Gotteshäuser. Das etwa ist die Botschaft dieses bekannten Whoopie-Goldberg-Films „Sister Act". Ob die rhythmisch ein wenig aufgepeppten neuen geistlichen Lieder solche Erwartungen erfüllen können, ist umstritten. Bertold Höcker ist Pastor in der Arbeitsstelle für Gottesdienst und Kirchenmusik der Evangelisch-lutherischen Kirche Nordelbien in Kiel. Als Kirchenmusikdirektor hat er unter anderem mit der Fortentwicklung von Gottesdiensten zu tun. Ihm sind diese kirchlichen Popsongs ein Gräuel:

O-Ton 7 (Interview KMDir Bertold Höcker, Kiel)
Ich finde, gut gemachten Pop und besonders gut gemachten Jazz für die Kirche eine ganz wichtige Musizierform. Und es ist auch ganz wichtig, dass wir sie in unsere Kirchen holen und sie pflegen. Aber sie muss gut gemacht sein, und muss auch authentisch sein. Ich würde gerne authentische Popmusik in der Kirche haben und authentischen Jazz. Aber nicht in dem er in so 'ner speziellen - ich sag's jetzt mal ganz hässlich - duttigen und muffigen Kirchlichkeit adaptiert wird. Sondern, die Kirche braucht sich doch vor nichts zu fürchten. Und dann kann sie auch die jeweils authentischen Ausdrucksformen ihrer Zeit in ihren Mauern erklingen lassen, wenn sie sich selber sicher ist, was denn ihre ureigene Ausdrucksform ist.

Die Frage ist, ob es solche ureigenen authentischen Ausdrucksformen der Kirche überhaupt gibt. Auf jeden Fall ist ein authentischer Ausdruck von großen Teilen der derzeitigen Jugendgeneration eine Musik, die Puristen kaum als solche akzeptieren werden. Sie kennt kaum noch Worte und erst recht keine physisch präsenten Instrumente. Der Sound wird aus den Bits und Bytes eines Computerspeichers moduliert: Techno. Manche seiner sphärischen Varianten scheinen religiöse Sehnsucht auszudrücken. In den Kirchen ist das aufmerksam registriert worden, doch richtig vorbereitet sind sie darauf trotzdem nicht. Bisher jedenfalls gab es nur wenige Versuche der Begegnung, und die waren oft innerkirchlich und in der Öffentlichkeit heftig umstritten. Vorreiter, Anfang 1996, war die Hauptkirche St.Katharinen in der Hamburger Altstadt, u.a. mit den Trance-Techno-DJs Sven Väth und Cosmic Baby:

((kurz vorher unterlegen, ein Stück vor(!) dem Liedtext hochziehen))

Musik 6 

Jam El Mar (Funny How The Times Flies Mix),
auf: Cosmic Baby "Heaven's Tears,
MFS/Deutsche Schallplatten 7041-5, LC 6407

((in den Text rausziehen))

Unter dem Titel "Crusade" - Kreuzzug - sollten hier zwei Genres aufeinander treffen: der durch die Hitparaden-Erfolge von Enigma und den Mönchen von Silos unerwartet populär gewordene alte gregorianische Choral und eben Techno.

Bertold Höcker gehörte seinerzeit zu den Mitinitiatoren dieses Projektes in der Hamburger St. Katharinenkirche. Er brachte seine bereits 1989 an der Kieler St.Nikolai-Kirche gegründete gregorianische Choralschola zur Crusade-Nacht mit.

Musik 7 a

Offertorium "Illustorum Animae",
auf: Kieler Kreuz - Gregorianischer Choral aus St.Nikolai zu Kiel
BH W 96, keine LC 

((nach 10 Sekunden unter den Text ziehen, danach wieder hochziehen))

 

O-Ton 8 (Interview KMDir Bertold Höcker, Kiel)
"Die Seelen der Gerechten sind in Gottes Hand und keine Qual der Bosheit rührt sie mehr an. In den Augen der Unverständigen scheinen sie zu sterben, aber sie sind im Frieden. Alleluja."

Atmo 7 b 

Offertorium "Illustorum Animae",
auf: Kieler Kreuz - Gregorianischer Choral aus St.Nikolai zu Kiel
BH W 96, ohne LC

((kurz stehen lassen, dann langsam in den Text rausziehen))

O-Ton 9 (Interview KMDir Bertold Höcker, Kiel)
Bei Techno ist es so, dass das eine Ekstase ist, die nach außen geht. Sie tanzen sich die ganze Kraft, ihre religiöse Inbrunst, alles das, was sie ausmacht, heraus. Es muss raus. Deswegen wird da geschrieen. Deswegen sind die Tanzbewegungen so toll. Deswegen ist der Rhythmus so mächtig. Und das ist auch eine Ausdrucksform des Religiösen.

Aber wo liegt das anregende Potential für den Vergleich zwischen Techno und der für unsere Hörgewohnheiten heute so archaischen Gregorianik? Was fasziniert Bertold Höcker an Techno?

O-Ton 10 (Interview KMDir Bertold Höcker, Kiel)
Das Wort Ekstase zum Beispiel. Das ist ja nun ein Wort, das in unseren Liturgien ständig auftaucht: Exultate, Jubilate. Es wird immer sehr schwach im Deutschen mit Jauchzen wiedergegeben. Aber dieses Jauchzen ist aus der Kirche ausgewandert. Aber das ist jetzt bei Techno. Und das Interessante ist ja, dass sich zwischen Gregorianik und Techno zwei Wege aufzeigen. Der Gregorianische Choral ist doch eher eine Ekstase nach innen, denn er stellt die Möglichkeiten bereit, dass sie mit sich selbst konfrontiert werden und dadurch überhaupt Gelegenheit haben, sich innerlich mit sich selbst auseinandersetzen zu können. Und der Gregorianische Choral schafft ihnen die Ruhe und den Raum dafür.

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