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Kuschelsound statt Orgelklang
- Die neue Kirchenmusik ist umstritten -


© für das Manuskript bei Heinz-Peter Katlewski, 1997. 


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für Norddeutscher Rundfunk NDR 4
Sonntag, 16. Februar 1997, 17:30 - 18:00 Uhr

Teil 3 (von 4)

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Für die Musiker auf beiden Seiten war das offenbar eine spannende Auseinandersetzung. In der Öffentlichkeit dagegen und selbst innerhalb der Kirche wurde dieser Begegnungsversuch von Gregorianik und Technomusik eher als ein Desaster wahrgenommen. Denn das Techno-Publikum hat sich vor allem an der neuen, ungewöhnlichen Location erfreut. Im Vordergrund der Mediendebatte standen folglich die Techno-Drogen und die Sorge um den Missbrauch des Kirchenraums. Aus der geplanten bundesweiten Veranstaltungsserie mit diesem Crusade-Konzept wurde nichts. Immerhin, andere Experimente mit Techno sind günstiger verlaufen. Sie allerdings verstanden Techno als eine potentiell liturgische Musik. In Berlin-Charlottenburg zum Beispiel lud die Junge Gemeinde der Luisenkirche Ende Mai 1996 erstmals zu einer liturgischen Nacht, einer Halleluja-Mega-Night

Musik 8 a 

(Halleluja Mega-Night in Berlin, 31.05.96)

((kurz stehen lassen, dann unterlegen))

O-Ton 11 (Halleluja Mega-Night in Berlin, 31.05.96)

Pfarrer Hamann: Im Psalm 98 heißt es „Singet dem Herrn ein neues Lied“.
Wir können doch in der Kirche nicht immer das alte Lied singen.

((wieder hochziehen, kurz stehen lassen))

Musik 8 b 

(Halleluja Mega-Night in Berlin, 31.05.96)

((langsam unter der Moderation rausziehen))

Bernd-Jürgen Hamann*) ist Jugendpfarrer an der Berliner Luisenkirche. Die stolze Parole der Techno-Pioniere vor einigen Jahren, endlich ein Pop-Genre erfunden zu haben, das keine Botschaft hat, wenden Pfarrer Hamann und seine Junge Gemeinde im Gespräch mit der Berliner Techno-Szene in ein Manko: Ihr habt die Sounds, aber keine Botschaft. Wir dagegen haben eine Botschaft. Einige DJs - sie gestalten den Sound-Mix in den Techno-Clubs - ließen sich überzeugen.

Sie fanden das Kooperationsangebot reizvoll und spielten mit beim neuen Lied. Im November schließlich kam auch der Bischof von Berlin-Brandenburg, Wolfgang Huber, und sprach den Segen. Künftig wird es nun drei- bis viermal im Jahr Techno-Messen geben in der Luisenkirche. Eine Selbstverständlichkeit für Pfarrer Hamann:

O-Ton 12 (Pfarrer Bernd-Jürgen Hamann)
Im Psalm 150 werden alle Instrumente aufgezählt, die am Jerusalemer Tempel notwendig waren, um das Gotteslob erklingen zu lassen: die Harfen, die Zimbeln, die Pauken, die Trompeten, die Hörner, ja sogar die Hackbretter werden da genannt. Zu diesen Tempelinstrumenten ist inzwischen die Orgel hinzugekommen, ist inzwischen das kammermusikalische Kirchenorchester hinzugekommen. Dazu ist inzwischen längst der Synthesizer und die E-Gitarre gekommen. Und das Gotteslob wäre unvollkommen, wenn nun nicht auch der Techno-Sound dazukommt, um das Gotteslob vollständig zu machen.

Auch auf dem Leipziger Kirchentag im Juni 1997 bietet die Berliner Luisenkirche Techno-Messen an. Für Bertold Höcker beginnt hier der Sündenfall. Der musikalische Dialog ist eine Sache für ihn, die Anpassung an zeitgenössische Strömungen populärer Musik eine andere. Schon elektronisch verstärkte Musik gehört für ihn nicht zu einem Sonntagmorgen:

O-Ton 13 (Interview KMDir Bertold Höcker, Kiel)
Wir müssen, wenn wir glaubwürdig bleiben wollen, immer auf authentische Musizierformen in unseren Gottesdiensten setzen. Also vom Band oder gar über Lautsprecher darf nichts kommen. Das ist zum Beispiel auch das zentrale Argument gegenüber elektronischen Instrumenten. Weil das nicht authentisch ist, sondern über Lautsprecher kommt, und dann, von der elektronischen Orgel zur CD ist ja überhaupt kein Schritt mehr. Wenn jede Musikkultur ihre authentische Ausdrucksweise beibehalten kann, dann können sie sich rein begegnen. Und daraus kommt ne fruchtbare Spannung. Der gregorianische Choral ist eine authentische Ausdrucksform der Kirche. Und Techno ist eine authentische Ausdrucksform gegenwärtiger Jugendkultur. Und unser Konzept war es, beide sich authentisch begegnen zu lassen, denn natürlich trägt Techno kultische Züge und hat starke religiöse Dimensionen.

Peter Bubmann, Experte für christliche Popularmusik und Mitglied des Gottesdienstausschusses beim Deutschen Evangelischen Kirchentag stellt ähnliche Überlegungen an, auch wenn er weniger traditionell denkt und neue Varianten der Kirchenmusik nicht nur für legitim, sondern auch für notwendig hält:

O-Ton 14 (Dr.Peter Bubmann, Münster-Sarmsheim)
Man kann wegen mir gern mal ne Techno-Nacht in der christlichen Gemeinde machen und damit signalisieren, ihr seid bei uns willkommen, ihr mit eurer Techno-Kultur. Das deutet an, wir sind eine gastfreie Gemeinde. Wir laden alle unterschiedlichen Milieus bei uns ein. Dennoch entbindet das ja nicht von der Frage welche eigenen kulturellen Strömungen wir in unser Gemeindeleben betonen wollen, welche wir auch besonders geeignet halten, um die Botschaft des Glaubens, meinetwegen im Gottesdienst zu vermitteln. Das ist noch mal eine eigene Aufgabe zu prüfen, was steckt hinter solchen Bewegungen wie der Techno-Bewegung, wie können wir es in unser Gemeindeleben umsetzen, wo müssen wir uns selbst auch verändern, wo erfahren wir - jetzt mal theologisch gesprochen - im Medium solcher Jugendkulturen, oder ja in der Popmusik, eine Art von Fremdprophetie, die uns auf die Dinge hinweist, die bei uns in unserer Spiritualität zu kurz kommen.

Atmo 9

World Wide Message Tribe:
The Year of The Lords Favour,
auf: Come follow Jesus - ein musikalischer Querschnitt 
Pila Music CD 27268-2, LC 8632

((nach 34 Sekunden runterziehen, unter dem Text rausziehen))

"World Wide Message Tribe" Als einen Stamm weltweiter Botschafter bezeichnet sich diese fromme Techno-Band aus dem englischen Manchester. Ihre musikalischen Predigten vom Erlöser Jesus Christus tragen oben auf der Bühne in knappen Worten und unterstützt von schnellen mächtigen Beats je zwei schwarze und zwei weiße Frontsänger vor: in futuristisch silbrigen Kostümen, während im Hintergrund sechs Teenies im milchigen Dunst aus Nebelmaschinen tanzen. Christian Contemporary Music - Zeitgenössische christliche Musik, kurz: CCM, heißt diese Sparte der Popbranche. Sie wird zwar auch in Kirchen präsentiert, aber sie ist in dieser Form genauso wenig liturgie- und damit gottesdienstfähig, wie die Sounds der säkularen Technogrößen.

CCM gehört zur missionarischen Offensive theologisch konservativer Christen aus protestantischen Kirchen und Gemeinschaften. Dort glaubt man, dass es in einer von Massenmedien geprägten Gesellschaft vor allem auf die attraktive und zielgruppengerechte Inszenierung der eigenen Botschaft ankommt, um in die verschiedenen Milieus der Gesellschaft eindringen zu können. Schließlich werden diese Milieus zum Teil durch Musik repräsentiert. CCM gibt es deshalb in allen Stilrichtungen moderner Musik.

Musik 10 (Collage CCM)

 Mercy River:
Elvis Has Left The Building, Jesus is coming soon,
 auf: Feel it - New Country,
PILA Music CD 33124-2 - LC 8632

Mark Farmer: 
Judgement Day Blues
auf: Feel it!- Blues,
PILA Music CD 33123-2 - LC 8632

Hoodlums Prayer
auf: T-Bone, Redeemed, Metro One MOCD 1172

Iona: Irish Day
auf: Collection 3,
PILA-Music CD 27212-2 - LC 8632

Es ist eine rundum professionell und gut gemachte Musik. Aber können solche Klänge, die kommerziell erfolgreich sein wollen und eigentlich ihren Weg in die Popcharts suchen, können christliche Stars auch etwas dazu beitragen christliche Gemeinde neu zu bilden in einer Zeit in der die Kirchen immer mehr an Rückhalt in der Gesellschaft einbüßen? Peter Bubmann ist skeptisch, und er kann sich dabei auf eine Untersuchung der Unternehmensberatungsfirma "McKinsey" berufen:


*) Pfarrer Bernd-Jürgen Hamann starb am 9. Juni 2004 im Alter von 62 Jahren an den Folgen eines 
    Autounfalls. Ein Nachruf ist auf der Webseite von "Christ und Motorrad" zu finden. 


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