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1 (von 3) |

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Musik
1 a
Hans-Ola
Ericsson + Dror Feiler,
aus: Dror Feiler, Die Versunkenen und Geretteten“ (1996),
Mitschnitt DRS 2 Konzert Kathedrale St. Gallen, 19.11.97
((nach
15 Sekunden absenken für O-Ton))
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Konferenzthema
ist ein kunstmusikalisches Genre, das seit Anfang dieses
Jahrhunderts immer
neu die Grenzen der Musik auszuloten versucht: Neue Musik. Sie
beschränkt sich nicht allein auf das klassische Tonspektrum,
vertraute Klangfarben und herkömmliche Instrumente, sondern sucht
stets neue Klänge zu entdecken und in Kompositionen zu
verarbeiten. In dieser ökumenischen Studienwoche sollen Ansätze
vorgestellt und diskutiert werden, diese Musik auch in der Kirche
erklingen zu lassen – als geistliche Musik. Die Teilnehmer
kommen vor allem aus den deutschsprachigen Ländern, aber auch aus
Teilen Nord- und Osteuropas. Darunter aus beiden großen
Konfessionen Komponisten, Organistinnen und Organisten,
Kantorinnen und Kantoren, Geistliche und Studierende. Hier in St.
Gallen erleben sie nun den Höhepunkt eines langen Orgeltages mit
zwei sehr profilierten Musikern. |
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Musik 1
b
((wieder
hochziehen, etwa 10 Sekunden stehen lassen, wieder absenken)) |
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Einige
hier hören intensiv zu, ein paar halten sich schon bald die Ohren
zu, um die massiven Schallwellen dieses Stückes etwas zu dämpfen,
manche verlassen das Gotteshaus. Nach dem Stück Stille. Keine
Hand rührt sich zum Beifall. Am nächsten Tag – zurück in den
Konferenzräumen der Kartause Ittingen im Kanton Thurgau –
heftige Debatten und Angriffe:
O-Ton
1 (Diskussion Plenum 3)
Ich war eine derer, die da rausgegangen ist
gestern Abend. Es sind nicht nur die empfindlichen Ohren,
sondern es ist eine Gewalteinwirkung, eine
Schwingungseinwirkung gewesen. Und ich denke, das wäre
ein Feld, wo man diese Auswirkungen prüfen müsste, wie
sie für verschiedene Menschen sich auswirken. Ich hab
gesagt, jetzt muss ich mich wieder zusammenflicken,
nachher, so kam ich mir vor. (Beifall)
Ich glaube, sie sind sich nicht bewusst, dass gestern Abend,
dieses dritte Stück, sich sehr viele, die im Dom anwesend
waren, und ich erlaube mir zu sagen, sehr viele, weil ich
mit sehr vielen gesprochen habe, und weil ich auch die große
Diskussion auf dem Domplatz miterlebt habe, dass diese
Musik als sehr gewalttätig empfunden wurde und auch sehr
destruktiv ist und wirkt und viele in die Tiefe gezogen
hat emotional. Etliche haben mir heute morgen erzählt, dass
sie enorm schlecht geschlafen haben, etliche haben Alpträume
gehabt. Ich appelliere an ihre Verantwortung als Interpret. |
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Der
Interpret reagiert und erläutert den Hintergrund des Stückes. Dror
Feiler, dessen Eltern vor den Nazis nach Israel geflohen waren, wurde dazu
inspiriert durch ein Lied des jiddischen Schriftsteller Mordachaj Gebirtig
über das Krakauer Ghetto: Es brennt Brüder, es brennt. Vor dieser
Information wurden die dröhnenden Orgelcluster bloß als Lärm empfunden,
danach konnten sich manche vorstellen, so das flammende Inferno des
Ghettos zu beschreiben, und die Emotionen, die diese Musik auslöst, sogar
in einen Gottesdienst einzubinden.
O-Ton
2 (Diskussion Plenum 3)
Ich bin auch rausgegangen bei Herrn Feiler. Ich bin heute zu Herrn
Ericsson gegangen und wollte wissen, worum dieses Stück ging, und
was er damit will. Und ich möchte eine Anregung geben: Wenn sie
doch ein nächstes Mal versuchen ein solches Stück als Zentrum zu
nehmen und vielleicht mit einer Predigt zu verbinden, dass wir
wirklich einen gottesdienstlichen Rahmen haben und spüren, dass
man das dort einbringen kann. |
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Musik 2
Mechthild
Seitz: „Omnia tempus habent“ von Arne Mellnäs,
auf: neue musik in der kirche,
Cantate – Musicaphon C58009, LC0147
((nach 56
Sekunden absenken und rausziehen)) |
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Omnia
tempus habent, alles hat seine Zeit. Das ist das Thema der ersten
acht Verse im dritten Kapitel des biblischen Weisheitsbuches
Prediger oder Kohelet. Ein Stück des schwedischen Komponisten
Arne Mellnäs für Stimme Solo. Mit diesem Gesang begann der
IV. Internationale Kongress für Kirchenmusik, 25 Jahre
nach dem dritten Treffen in Bern 1972. Ganz so offen freilich, wie
dieses Eröffnungsstück suggerieren könnte, war der Titel nicht
gemeint. Es gab so etwas wie einen Gegner. Immer wieder wurde in
den Referaten kritisch eine Tendenz in den Gemeinden ausgemacht
zum Leichtverdaulichen, zur Easy-Listening Musik, zum frommen
Popsong, zu Jodlermessen, zur Gitarre, zur Blockflöte, zum allzu
Gemütlichen.
Dieser Kongress dagegen sollte einen Aufbruch markieren zur
Wiederbelebung künstlerischer Ansprüche an die musikalische
Arbeit der Kirchen, Ansprüche, die in den Ausdrucksformen unserer
Zeit eingelöst werden müssten. Eine Mission, die am Ende der
Tagung noch einmal eindringlich beschworen wurde durch die
Begegnung mit Vertretern der Neuen Kunst in den Kirchen, die sich
in der Lukasgesellschaft zusammengeschlossen haben. Deren Credo
formulierte mit
einer leicht hochnäsigen Süffisanz Matthias Krieg:
O-Ton
3 (Dr.
Matthias Krieg,
Zürich)
Heimelig muss es sein, wo man sich zu Hause fühlen will.
Holz erfüllt die Forderung. Fremdes bleibt draußen.
Ungewohntes ängstigt. Kunst wird so zur Störung.
Philodendron, Araucaria exselsa und Ficus benjamina
bringen ewiges Grün ins graue Gemäuer. Selbstgewobenes,
Kunsthandwerkliches und Diakoniebeflissenes setzen
schmucke Akzente an kahle Wände. Und der Teppich als
Inbegriff des Gemütlichen verbreitet aniline Wärme im
schwer beheizbaren Raum. Nicht nur die Kunst der
Materialien, nein, auch die Kunst der Worte kann in den
Sog der Gemütlichkeit geraten. Die Predigt sagt dieses,
jenes und vor allem jedem etwas, wird zum geistlichen
Small talk, der zufrieden stellt. Der Dialekt wird heimattümelnd
mit Vertrautheit verwechselt, dringt kehlig knarrend in
Gebete und Lieder ein und verbreitet wohlige Nähe. |
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((kurz
vorher unterlegen, Refrain 15 Sekunden oben stehen
lassen))
Musik
3
Wached
uuf, schlafed nöd!,
auf CD D’Zäller Wiehnacht,
EMI/CDP 8286922, LC 8497
((in
den O-Ton rausziehen)) |
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