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Wie Musik zur Predigt werden kann
- Eindrücke von einem internationalen Kongress für "Neue Musik" in der Kirche -


© für das Manuskript bei Heinz-Peter Katlewski, 1997. 


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für Schweizer Radio DRS 2 - Besinnung am Sonntag: Blickpunkt Religion
Sonntag, 30. November 1997, 08:30 - 09:00 Uhr

Teil 1 (von 3)

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Musik 1  a

Hans-Ola Ericsson + Dror Feiler,
aus: Dror Feiler, Die Versunkenen und Geretteten“ (1996),
Mitschnitt DRS 2 Konzert Kathedrale St. Gallen, 19.11.97

((nach 15 Sekunden absenken für O-Ton))

Mittwoch, 19.November 1997 in der Kathedrale von St. Gallen. Der schwedische Organist und Komponist Hans-Ola Ericsson spielt gerade zusammen mit seinem israelischen Kollegen Dror Feiler*) ein Stück für Kirchenorgel und Elektronik . Titel: „Die Versunkenen und die Geretteten“. Es ist der vierte Tag eines Internationalen Kongresses für Kirchenmusik, ein Exkursionstag zu bedeutenden Orgeln der Stadt.

Konferenzthema ist ein kunstmusikalisches Genre, das seit Anfang dieses Jahrhunderts  immer neu die Grenzen der Musik auszuloten versucht: Neue Musik. Sie beschränkt sich nicht allein auf das klassische Tonspektrum, vertraute Klangfarben und herkömmliche Instrumente, sondern sucht stets neue Klänge zu entdecken und in Kompositionen zu verarbeiten. In dieser ökumenischen Studienwoche sollen Ansätze vorgestellt und diskutiert werden, diese Musik auch in der Kirche erklingen zu lassen – als geistliche Musik. Die Teilnehmer kommen vor allem aus den deutschsprachigen Ländern, aber auch aus Teilen Nord- und Osteuropas. Darunter aus beiden großen Konfessionen Komponisten, Organistinnen und Organisten, Kantorinnen und Kantoren, Geistliche und Studierende. Hier in St. Gallen erleben sie nun den Höhepunkt eines langen Orgeltages mit zwei sehr profilierten Musikern.

Musik 1 b 

((wieder hochziehen, etwa 10 Sekunden stehen lassen, wieder absenken))

Einige hier hören intensiv zu, ein paar halten sich schon bald die Ohren zu, um die massiven Schallwellen dieses Stückes etwas zu dämpfen, manche verlassen das Gotteshaus. Nach dem Stück Stille. Keine Hand rührt sich zum Beifall. Am nächsten Tag – zurück in den Konferenzräumen der Kartause Ittingen im Kanton Thurgau – heftige Debatten und Angriffe:

O-Ton 1 (Diskussion Plenum 3)
Ich war eine derer, die da rausgegangen ist gestern Abend. Es sind nicht nur die empfindlichen Ohren, sondern es ist eine Gewalteinwirkung, eine Schwingungseinwirkung gewesen. Und ich denke, das wäre ein Feld, wo man diese Auswirkungen prüfen müsste, wie sie für verschiedene Menschen sich auswirken. Ich hab gesagt, jetzt muss ich mich wieder zusammenflicken, nachher, so kam ich mir vor. (Beifall)
Ich glaube, sie sind sich nicht bewusst, dass gestern Abend, dieses dritte Stück, sich sehr viele, die im Dom anwesend waren, und ich erlaube mir zu sagen, sehr viele, weil ich mit sehr vielen gesprochen habe, und weil ich auch die große Diskussion auf dem Domplatz miterlebt habe, dass diese Musik als sehr gewalttätig empfunden wurde und auch sehr destruktiv ist und wirkt und viele in die Tiefe gezogen hat emotional. Etliche haben mir heute morgen erzählt, dass sie enorm schlecht geschlafen haben, etliche haben Alpträume gehabt. Ich appelliere an ihre Verantwortung als Interpret.

Der Interpret reagiert und erläutert den Hintergrund des Stückes. Dror Feiler, dessen Eltern vor den Nazis nach Israel geflohen waren, wurde dazu inspiriert durch ein Lied des jiddischen Schriftsteller Mordachaj Gebirtig über das Krakauer Ghetto: Es brennt Brüder, es brennt. Vor dieser Information wurden die dröhnenden Orgelcluster bloß als Lärm empfunden, danach konnten sich manche vorstellen, so das flammende Inferno des Ghettos zu beschreiben, und die Emotionen, die diese Musik auslöst, sogar in einen Gottesdienst einzubinden.

O-Ton 2 (Diskussion Plenum 3)    
Ich bin auch rausgegangen bei Herrn Feiler. Ich bin heute zu Herrn Ericsson gegangen und wollte wissen, worum dieses Stück ging, und was er damit will. Und ich möchte eine Anregung geben: Wenn sie doch ein nächstes Mal versuchen ein solches Stück als Zentrum zu nehmen und vielleicht mit einer Predigt zu verbinden, dass wir wirklich einen gottesdienstlichen Rahmen haben und spüren, dass man das dort einbringen kann.

Musik 2

Mechthild Seitz: „Omnia tempus habent“ von Arne Mellnäs,
auf: neue musik in der kirche,
Cantate – Musicaphon C58009, LC0147

((nach 56 Sekunden absenken und rausziehen))

Omnia tempus habent, alles hat seine Zeit. Das ist das Thema der ersten acht Verse im dritten Kapitel des biblischen Weisheitsbuches Prediger oder Kohelet. Ein Stück des schwedischen Komponisten Arne Mellnäs für Stimme Solo. Mit diesem Gesang begann der  IV. Internationale Kongress für Kirchenmusik, 25 Jahre nach dem dritten Treffen in Bern 1972. Ganz so offen freilich, wie dieses Eröffnungsstück suggerieren könnte, war der Titel nicht gemeint. Es gab so etwas wie einen Gegner. Immer wieder wurde in den Referaten kritisch eine Tendenz in den Gemeinden ausgemacht zum Leichtverdaulichen, zur Easy-Listening Musik, zum frommen Popsong, zu Jodlermessen, zur Gitarre, zur Blockflöte, zum allzu Gemütlichen.  Dieser Kongress dagegen sollte einen Aufbruch markieren zur Wiederbelebung künstlerischer Ansprüche an die musikalische Arbeit der Kirchen, Ansprüche, die in den Ausdrucksformen unserer Zeit eingelöst werden müssten. Eine Mission, die am Ende der Tagung noch einmal eindringlich beschworen wurde durch die Begegnung mit Vertretern der Neuen Kunst in den Kirchen, die sich in der Lukasgesellschaft zusammengeschlossen haben. Deren Credo formulierte mit  einer leicht hochnäsigen Süffisanz Matthias Krieg: 

O-Ton 3 (Dr. Matthias Krieg, Zürich)           
Heimelig muss es sein, wo man sich zu Hause fühlen will. Holz erfüllt die Forderung. Fremdes bleibt draußen. Ungewohntes ängstigt. Kunst wird so zur Störung. Philodendron, Araucaria exselsa und Ficus benjamina bringen ewiges Grün ins graue Gemäuer. Selbstgewobenes, Kunsthandwerkliches und Diakoniebeflissenes setzen schmucke Akzente an kahle Wände. Und der Teppich als Inbegriff des Gemütlichen verbreitet aniline Wärme im schwer beheizbaren Raum. Nicht nur die Kunst der Materialien, nein, auch die Kunst der Worte kann in den Sog der Gemütlichkeit geraten. Die Predigt sagt dieses, jenes und vor allem jedem etwas, wird zum geistlichen Small talk, der zufrieden stellt. Der Dialekt wird heimattümelnd mit Vertrautheit verwechselt, dringt kehlig knarrend in Gebete und Lieder ein und verbreitet wohlige Nähe.

((kurz vorher unterlegen, Refrain 15 Sekunden oben stehen lassen))

Musik 3

Wached uuf, schlafed nöd!, 
auf CD D’Zäller Wiehnacht,
EMI/CDP 8286922, LC 8497

((in den O-Ton rausziehen))


*) Dror Feiler (*1951) lebt jetzt in Stockholm. (weiter im Manuskripttext)


Teil 1 (von 3)

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