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Wie
Musik zur Predigt werden kann
- Eindrücke von
einem internationalen Kongress für "Neue Musik" in der Kirche
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©
für das Manuskript bei Heinz-Peter Katlewski, 1997.
Hyperlinks
sollten aktuell sein. Bei fehlerhaften oder toten
URLs bitte ich um ein kurzes E-Mail mit Hinweis auf die
entsprechende Seite und den Link. Danke. |
Links
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für
Schweizer Radio DRS 2 - Besinnung am Sonntag: Blickpunkt Religion
Sonntag, 30. November 1997, 08:30 - 09:00 Uhr
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| Teil
2 (von 3) |

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O-Ton 4 (Dr.
Matthias Krieg, Zürich)
Und zur Weihnacht dann erstrahlt die Stube in barocker
Philharmonie, dank der Kunst der Töne. Der Sinnenraum wird zum
Gemütsraum. Gefälligkeit und Beschaulichkeit haben die
Sinnenhaftigkeit fest im Griff. Schön ist was gefällt. Kunst
wird zur Dekoration, oder sie stört. Religion als gelegentliche
Gemütsverfassung, und der Kirchenraum als gelegentliches Reduit
in einer Welt, in der das Gemüt allenthalben zu kurz kommt. Das
Schöne ist auch das Gemütliche: Kein Wunder, dass sich die
Dekorationsindustrie bis an die Pforten der Kirchen wagt und ihren
Geist bereits gestaltend vorausschickt. Ich denke, die Kategorie
der Gemütlichkeit zeigt falsches Wahrnehmen von Kunst. |
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Falsches
Wahrnehmen, falsches Bewusstsein, niedrige und hohe Kunst.
Denkweisen, die ganz den Debatten der 60er und 70er Jahre
verhaftet sind, aber offenbar auch im pluralistischen
Nebeneinander der Postmoderne noch gut dazu taugen, die eigene
Identität mit einer bildungsbürgerlich-schöngeistigen Attitüde
auszustatten. Das geht auch theologisch. Roman Brotbeck, Dozent
für Musikgeschichte und Musikanalyse an verschiedenen Schweizer
Konservatorien und Präsident des Schweizerischen
Tonkünstlervereins fühlte sich im Tagungssaal der Kartause
Ittingen, einem ehemaligen Kloster, auf sicherem Gelände. Er
erinnerte an den Übervater der Neuen Musik, an Arnold Schönberg
und seine unvollendete Oper Moses und Aron: |
O-Ton
5 (Dr. Roman Brotbeck, Bern)
Moses hält sich ans Sinnbildlose, an den Sinn ohne Sinnlichkeit,
ans Absolute. Aron möchte dieses Absolute mit den
Übersetzungsmöglichkeiten, mit der Effektenkammer der Werbung
unters Volk bringen und verfehlt dessen Innerstes. |
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Sacro-Pop,
Gospel-Rock und die populären Varianten des Neuen geistlichen
Liedes erhalten damit das Stigma des Aron‘schen, des Tanzes um
das goldene Kalb. Die schwerer zugängliche Neue Musik dagegen ist
offenbar quasi aus sich selbst heraus bereits geheiligt: eine
Musik, die keinen Zwecken dient. Roman Brotbeck sieht eine solche
Kirchenmusik als einen letzten Hort für ein musikphilosophisches
Konzept:
O-Ton
6 (Dr. Roman Brotbeck, Bern)
Je stärker im 20. Jahrhundert innerhalb der
Theologiegeschichte abstraktere Gottesvorstellungen (–
gleichsam eine Entaronisierung -) befördert wurden und
auch Interpretationen Platz finden, die die Existenz
Gottes letztlich in dessen Abwesenheit erkennen, desto
größeres Gewicht erhält die Idee einer absoluten Musik,
die mit abstrakten Gottesvorstellungen korrespondieren
könnte, so kommt es zur Prekarie, dass die Idee "absolute
Musik", die außerhalb der Kirche längst als eine
Form von Kunstreligion denunziert ist, gerade innerhalb
der Kirche weiterlebt und die theologische Exegese
weitgehend ersetzt. |
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Musik
4
"In
Hora Mortis" von Daniel Glaus
(Reporterband)
((20
Sekunden stehen lassen, dann unter den Text ziehen)) |
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„In
Hora Mortis, in der Stunde des Todes“, ein Auszug aus einem
Stück des Bieler Komponisten und Kirchenmusikers Daniel Glaus,
inspiriert von der gregorianischen Missa defunctis. Das
wesentliche dieses Stückes spielt um einen Ton auf dem
Violoncello: Im Teilnehmerkreis schwankt die Reaktion darauf
zwischen Faszination für den vibrierenden, lauter und leiser
werdenden und schließlich abreißenden Ton, und völligem Unverständnis.
Ist das noch Musik? Ist das noch geistliche Musik? Was ist
geistliche Musik? Für den Kirchenmusiker, Theologen und
Liturgie-Dozenten am Berner Konservatorium Andreas Marti gibt es
keine geistliche Musik an und für sich. Ob Musik diese Rolle
ausfüllt, ist von dem konkreten Zusammenhang abhängig, in dem
sie gespielt wird: |
O-Ton
7 (Prof. Dr. Andreas Marti, Bern)
Musik ereignet sich auch nicht an sich, sondern als Vorgang
zwischen Menschen: Jemand singt oder spielt, jemand hört zu . Die
Extremfälle, dass eine Gruppe für sich Musik macht, dass jemand
sein eigener und einziger Zuhörer ist oder dass jemand beim Lesen
einer Partitur die Musik nur in seinem Kopf entstehen lässt,
ändern daran prinzipiell nichts. Musik lässt sich zwar
keineswegs auf Kommunikationsprozesse reduzieren, aber es finden
um sie herum immer solche Prozesse verschiedenster Art statt.
Vielleicht haben diese Prozesse ja auch ein starkes Eigengewicht,
und die Musik verbindet sich als zusätzlicher, als weiterer
Vorgang mit ihnen – von militärischer Marschmusik über Musik
zu säkularen Feiern bis zu Musik, die liturgische Handlungen
begleitet. Wenn Musik als Ereignis in verschiedenartige Prozesse
einbezogen ist, dann leuchtet ein, dass es dieser Kontext, diese
Vorgänge sind, die geistliche Qualität haben können, und nicht
die Musik selbst. Geistliche Musik gibt sich ja als solche zu
erkennen, sei es durch Texte, sei es nur durch Titel - wir hatten
gestern die Diskussion, wäre In Hora Mortis noch als geistliche
Musik erkennbar? Ohne Titel?, Titel, die geistliche Kontexte
wenigstens assoziieren lassen, vielleicht nur? So entsteht
zwischen Komponist, Ausführenden und hörend Nachvollziehenden
ein Kommunikationsgefüge ad hoc, das sich als geistlich definiert
und die entsprechenden Begriffs- und Wertesystem mit einbringt,
und sei es um diesen Systemen zu widersprechen, was ja gerade in
neuerer Musik bekanntlich recht oft geschieht. |
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| Musik
5
Meister Eckhart von
Daniel Glaus,
(Reporterband)
((50 Sekunden stehen lassen, dann unter
den Text ziehen)) |
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Meister
Eckhart, ein anderes Stück
des Bieler Komponisten und Kirchenmusikers Daniel Glaus. Zu
einer streng aufgebauten und vom Dirigenten durch die technische
Hilfe von zwei Stoppuhren geführten Musik wird eine Sammlung von
24 Zitaten des mittelalterlichen Mystikers kontrastierend und überlappend
von zwei Solostimmen, einem Chor und einem Instrumental-Ensemble
vorgetragen. Fast lautmalerisch singt diese Komposition von der
Allgegenwart des Göttlichen, seiner Bildlosigkeit und seiner völligen
Andersartigkeit im Verhältnis zu allem, was Menschen über Gott
denken können.
O-Ton
8 (Prof. Dr. Andreas Marti, Bern)
Wenn „geistlich“ mit dem Heiligen Geist zu tun hat,
liegt hier doch wohl der zentrale Punkt: Musik hat teil an
der bewegenden Kraft des Geistes, der „Dynamis“. Sie
ist dann geistliche Musik, wenn sie Vorgegebenes – auch
kirchlich und liturgisch Vorgegebenes – in Frage stellt
und überbietet, wenn sie es von ihrer Gotteserfahrung
oder vielleicht besser von ihrem Fragen nach Gott her
aufbricht und überholt. Damit hat geistliche Musik eine
wesentlich prophetische Funktion, und zwar schon dem
Vorgang nach, noch vor allen sprachlichen Inhalten. Man
braucht also keinen Jerimias-Text vertonen, um diesen
Dienst zu leisten. Diesen prophetischen Dienst an der
Kirche kann die Musik aber offensichtlich nur leisten,
wenn ihr nicht zum Vornherein von dieser Kirche ein Rahmen
gesetzt wird. Musik kann letztlich der Kirche nur dann
dienen, wenn diese darauf verzichtet, dieses Dienst vorweg
zu definieren, zu verorten. Die Kirche bekommt von der
Musik nur etwas, wenn sie nicht vorab sagt, was sie von
ihr wollen könnte. Darum ist im liturgischen Rahmen
konzipierte Musik zwar wichtig und nützlich und
intensiver Beschäftigung und Anstrengung wert. Geistliche
Musik darf aber auf die nicht beschränkt, ja nicht einmal
auf sie zentriert werden. Vielleicht müssten wir sie
sogar bewusst einmal außerhalb Liturgie zentrieren. |
Andreas
Marti möchte auf diese Weise verhindern, dass geistliche Musik
auf die mehr oder weniger fromme Subkultur der Kirchen beschränkt
bleibt und nur deren Regeln folgt. Die Frage bleibt freilich, wer
unter solchen Umständen noch Musik schreibt, die sich selbst als
geistlich identifiziert. Die Kirchen jedenfalls werden es sich
finanziell künftig immer weniger leisten können, als bloße
Mäzene aufzutreten, die keine konkreten Erwartungen haben. In der
Debatte des Kongresses blieb die liturgische Rolle der
Kirchenmusik deshalb das zentrale Thema, vor allem ihre
prophetische Aufgabe. Bei dem Beitrag des aus Bern stammenden,
heute in Bremen lebenden Komponisten Professor Klaus Huber war das
Prophetische auch an einen prophetischen Text gebunden, nämlich
an die Klagelieder Jerimias, geistlich und weltlich ausgedeutet: |
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| Teil
2 (von 3) |

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