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((aufblenden))
O-Ton
1 (Dr. Berthold Höcker,
Kiel)
singt
einen Gregorianischen Choral
((nach
10" absenken und noch ein wenig dem
Text unterlegen)) |
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Es
war wenig Musik zu hören im Schlösschen Schönburg der
Evangelischen Akademie während dieses Konsultationstages zum Verhältnis
von Protestantismus und Musik. Berthold Höcker*), Oberkirchenrat
der Evangelischen Landeskirche Nordelbien, improvisierte mit einem
Gregorianischen Choral aus dem 10. Jahrhundert, um seine These zu
begründen, dass die Kirche eine authentisch eigene Musik benötigt,
Klänge, die ein eigenes emotionales Deutungspotential haben,
eines, das leistet, was nach Luther auch die Aufgabe der Theologie
ist, zu trösten im Leben und im Sterben. |
O-Ton
2 (Dr. Berthold Höcker,
Kiel)
Wenn
die Kirche Kirche sein will, d.h. ein bestimmtes Deute-System in
der Konkurrenz verschiedener Deutungssysteme vorzuhalten und in
der Gesellschaft präsent zu machen, dann geht es darum mit
welcher Form der Musik wir dieses Deutungssystem im Wettbewerb der
Systeme am besten präsentieren können. D.h., wie können wir
nicht-sprachlich an diese religiösen Sehnsüchte herankommen, die
ich versuchte als Erfahrungskategorien zu beschreiben, am besten
verwirklichen. |
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Für
den Komponisten und Musiker Reinhard Karger scheint Kirche eine ähnliche
Rolle zu spielen. Obwohl vor mehr als 25 Jahren aus der Kirche
ausgetreten, waren seine ersten Kompositionen damals welche für
den Kirchenraum. Und an den und die dafür angemessene Musik hat
er trotz großer Distanz zur Institution "Kirche" bis
heute spezielle Erwartungen: Kirche als ein Gegen-Ort zum Alltag: |
O-Ton
3
(Reinhard
Karger,
Kassel)
Musik in der Kirche ist Musik, die mit Versenkung zu tun hat und
eher in diese Richtung geht, und sagen wir mal, jetzt nicht so
viel mit tanz zu tun hat. Das ist mein Bild davon, und das, was
ich auch brauche als Mensch, als Zuhörer. Und wir alle sind im
christlichen Wertesystem, auch jemand, der da mit Gewalt
ausbrechen will, kommt nicht raus. Und deswegen hat jeder auch
Anknüpfungspunkte, jeder Musiker, jeder Komponist, der was
versucht hat, hat Anknüpfungspunkte bei diesem kulturellen
Zusammenhang. Es geht gar nicht anders. |
Aber
die Anknüpfungspunkte sind notwendig verschieden. Harald Homann,
Kulturwissenschaftler an der Universität Leipzig, wies darauf hin, dass
man unter den Bedingungen der Postmoderne nicht unbedingt von gemeinsamen
Erfahrungen ausgehen kann. Ethische und moralische Vorstellungen zum
Beispiel seien weitgehend säkularisiert und in erster Linie mit Recht und
Gesetz verbunden und nur noch sehr lose mit dem sogenannten christlichen
Wertesystem. Kirche und Religion träten als ein kulturelles Angebot auf,
und in dieser Funktion würden sie von den Menschen auch nach eigenen Bedürfnissen
in Anspruch genommen, das gelte auch für die Musik in der Kirche:
O-Ton
4
(Dr. Harald Homann,
Leipzig)
Ich leide etwas darunter, dass mir die Art der Musik hier
als religiöse Musik quasi kontemplativ oktroyiert wird. Ich will
das gar nicht
bestreiten, dass
Kontemplation und auch kontemplative Musik einen wichtigen
Teil auch religiöser Erfahrung auszudrücken vermag. Mein
Spektrum
ist damit nicht abgedeckt, und wenn die Kirchenmusik,
gerade auch die moderne Orgelmusik, die ich in Kirchen höre, dann
ist das mitnichten kontemplativ. Das ist aufregend, das ist
Herzschlag und Puls steigernd, das ist dissonant, das ist ärgerlich.
Ich glaube, wir müssen damit rechnen, dass sehr viel verschiedene
Musikvorstellungen sich auch in einem Kirchenraum treffen bei den
Individuen, und dass es hier nach Kontemplation und dort nach
Erregung und Aufregung, nach Spannungen, nach Konflikten, aber
auch nach Versöhnung tatsächlich Bedürfnisse gibt. |
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Was
aber bedeutet das für die protestantischen Kirchen? Mit der
Reformation haben sie eine musikalische Entwicklung ausgelöst,
die bis in letzte Jahrhundert immer wieder große Komponisten zu
religiöser Musik inspiriert hat. Von dieser Geschichte
- von Schütz, Bach, Teleman, Händel, Mendelssohn - zehrt
die Kirchenmusik noch heute. Muss sich die Kirche damit abfinden,
dass ihre Musik künftig nur noch kulturprotestantisch sein kann
und damit auf kleine Segmente der Gesellschaft, ja sogar der
Kirche beschränkt bleibt? Klaus Röhring, Oberkirchenrat bei der
Landeskirche Kurhessen-Waldeck ist seit Jahren einer der
Initiatoren von "Neuer Musik" in der Kirche. Er
formulierte dieses Dilemma in einer Frage: |
O-Ton
5
(Dr. Klaus Röhring,
Kassel):
Was bedeutet es eigentlich, ein protestantisches
Musikverständnis zu entwickeln in unserer Zeit. Das heißt, wir
haben nicht mehr einen Stilmonismus, wie etwa die mittel- und
norddeutsche Geschichte zur Zeit zwischen Schütz und Bach.
Wir haben eine Vielfältigkeit von Musikentwicklungen, von
Musikstilen, die zwischen U + E sich angesiedelt haben. Wie
entwickeln wir in diesem Kontext etwas, was nicht nur "Anything
goes", alles ist möglich, alles bleibt beliebig, aber wo wir
zwischen den Phänomenen so herumflanieren können, dass wir
Bedeutungszusammenhänge entdecken, dass wir etwas herausstellen können,
dass etwas deutlich wird. Welche Leistungen müsste die
protestantische Theologie erbringen für ein protestantisches
Musikverständnis in der Postmoderne? |
Das
freilich war die wichtigste Frage der ganzen Tagung. Und die wurde nicht
beantwortet. Hans Darmstadt, Komponist, Musiker und Kirchenmusikdirektor
der Hessen-Waldeck'schen Landeskirche berief sich auf Martin Luther:
O-Ton
6
(Hans
Darmstadt,
Kassel):
Luther hat keine Musik für sich vereinnahmt - sehr kluger weise - und
der Kulturprotestantismus andererseits kann keine bedeutenden
Komponisten nennen, der in irgendeiner Nähe zu ihm gestanden hätte und
aus seinem Geist Musik gemacht hätte. So sehe ich auch heute keine
sinnvolle Schnittstelle zur Musik der Gegenwart oder zu neuer Musik in
der Kirche auf der Schiene Kulturprotestantismus. Und zwar einfach, weil
die Theologie, die hiermit verknüpft ist, zu schwach ist.
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Die
Alternative dazu ist pragmatisch: nicht Kulturprotestantismus, sondern
eine Kirche, die der Kunst Raum gibt und sich den Komponisten öffnet,
ohne ihre Gefolgschaft zu verlangen. Vielleicht regt dann der Raum und
das, was diese Kirche als Kirche lebt, Komponisten an, Musik in ihrem
Geist zu schreiben. Mit dieser Hoffnung zog der Hannoversche
Musikwissenschaftler Professor Arnfried Edler das Fazit dieses
Konsultationstages:
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O-Ton
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(Prof.
Dr. Arnfried Edler,
Hannover)
Das Kriterium für protestantische Kirchenmusik wäre für mich,
wie stark schafft der Protestantismus es in seinem Bereich eine aktuelle
Musikaktivität hervorzurufen. Das heißt, dass hier Dinge gemacht
werden, d.h. kompositorisch sowohl wie auch von der Aufführung her, die
Fragen beantworten, die dazuführen, dass Menschen dort hingehen, die
bisher dort nicht hingegangen sind. Das heißt also, dass Kulturaktivitäten,
die jetzt in kommunalen Kulturzentren etwa stattfinden,
oder in die Festivalkultur abgewandert sind, dass die in diesem
Bereich, im Bereich des Kirchlichen zurückgeholt werden. Dass im
Kirchlichen die aufregendsten musikkulturellen Ereignisse stattfinden.
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*)
Dr.
Berthold Höcker ist seit dem 5. September 2004
Citykirchenpfarrer an der Antoniterkirche der Evangelischen Gemeinde
Köln.
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