zur Übersicht "Schwerpunkt Musik"

AUTOR
TITEL


Für Inhalte und Verlässlichkeit von  externen Webseiten übernehme ich keine Verantwortung!

Noten bei Notenbuch.de

 

 

Die Musik der zerstörten Synagogen.
Ein Konzert zur Erinnerung an die moderne Tradition jüdisch-liturgischer Musik in Deutschland vor der Reichspogromnacht und dem Holocaust


© für das Manuskript bei Heinz-Peter Katlewski, 1999. 


Hyperlinks
sollten aktuell sein. Bei fehlerhaften oder toten URLs bitte ich um ein kurzes E-Mail mit Hinweis auf die entsprechende Seite und den Link. Danke.



für Deutschlandfunk - Konzertdokument der Woche
Sonntag, 7. Februar 1999, 21:05 - 23:00 Uhr

Teil 1 (von 4)

Zurück zur Eingangsseite "Die liturgische Musik der Synagoge"

weiter zu Teil

 


Am Mikrofon begrüßt sie Heinz-Peter Katlewski. Das Konzert, durch das ich sie heute Abend begleiten werde, wurde vor knapp zwei Monaten im Kuppelsaal des Kongreßzentrums in Hannover aufgeführt. Andor Izsák, Direktor des Europäischen Zentrums für Jüdische Musik an der Musikhochschule Hannover veranstaltete es zur Erinnerung an die Reichspogromnacht.

Zu Beginn ein Gebet. Roslyn Barak, Oberkantorin der großen Synagoge von San Francisco "Congregation Emanu-El" singt ein Glaubensbekenntnis. Es besteht aus 13 Artikeln und geht auf einen großen jüdischen Gelehrten des Mittelalters zurück – auf Maimonides. Es gehört nicht zu den traditionellen regelmäßigen Gebeten, wird aber auch heute noch von vielen Juden zum Abschluss des täglichen Morgengottesdienstes gebetet. Ani Ma’amin – Ich glaube!

Musik 1

Ani Ma’amin (Ich glaube)
Musik: Louis Lewandowski (1821 – 1894)
Text: hebräisch, trad. von Vishnitzer Chassidim, überliefert von Elie Wiesel
Interpretin: Kantorin Roslyn Barak, San Francisco

Ani Ma’amin – Ich glaube. Die Sängerin dieses Gebets, Roslyn Barak, ist Kantorin der Congregation Emanu-El, einer bedeutenden liberalen jüdischen Gemeinde in San Francisco. In der orthodoxen Tradition wäre es undenkbar, dass eine Frau liturgische Handlungen im Gottesdienst übernimmt. In den jüdischen Reformbewegungen - vor allem in den USA – ist das anders. Frauen können sowohl Kantorinnen als auch Rabbinerinnen sein.

Andor Izsák, der Leiter dieses Konzerts, sieht sich selbst als Teil einer orthodoxen Tradition. Aber er meint, die Nationalsozialisten unterschieden nicht zwischen orthodoxen und liberalen Juden. Damals, vor 60 Jahren, am 9. November 1938, begannen sie ihr Vorhaben, das Judentum schlechthin auszulöschen.

O-Ton 1 (Prof. Andor Izsák, Hannover)   
In dieser Nacht brannten die Synagogen, und mit den Gebäuden zusammen unsere Torarollen, brannten unsere Noten, brannten unsere Orgeln - sämtliche Merkmale, die zur Ausübung unseres religiösen Lebens notwendig sind. Die Nazis wussten das sehr gut. Sie haben uns genau dort getroffen: an der empfindlichsten Stelle, wo wir am besten verletzbar sind. Sie wollten unsere jüdische Identität zerstören. Dass  ihnen das nicht gelang und nicht gelingen wird, dazu kann eine solche Bemühung beitragen wie diese, die Liturgie dieser Synagogen wiederzufinden und der Welt bekannt zu machen.

Diese Liturgie hatte in Deutschland und einigen seiner Nachbarstaaten eine eigene Geschichte. Bis Anfang des 19. Jahrhunderts war es im Judentum generell nicht üblich, Instrumente im Gottesdienst zu verwenden. Das war ein Ausdruck der Trauer um den verlorenen Tempel – dort gehörten nämlich viele Instrumente zum Kult. Im Gefolge der Aufklärung und der durch Napoleon eingeleiteten, wenn auch zunächst kurzlebigen Judenemanzipation begannen viele jüdischen Gemeinden damit, sich neu zu orientieren. Manche Synagogen nannten sich fortan Tempel und unterstrichen damit, dass sie sich als Juden nicht mehr als ein Volk im Exil verstanden. 1810 gründete sich im Harzstädtchen Seesen eine Reformsynagoge und integrierte erstmals eine Orgel in den Gottesdienst. Und wenig später, 1818, wurden im Israelitischen Tempel von Hamburg, einer 1817 gegründeten Reformgemeinde, Choräle und Chorgesang in den Gottesdienst eingeführt. Diese neue Synagogenmusik orientierte sich an der damaligen evangelischen Kirchenmusik. Die erlebte im 19. Jahrhundert eine Blüte. Als schließlich 1854 der Tempel der Reformgemeinde von Berlin fertiggestellt wurde, hatten die Bauherren oberhalb des Toraschreins ein mächtiges Orgelgestühl eingefügt.

Für Andor Izsák, den Direktor des Europäischen Zentrums für Jüdische Musik in Hannover und Leiter dieses Konzerts „Musik der zerstörten Synagogen“ begann in diesen Jahrzehnten ein Prozess der Modernisierung, der später auch Teile der traditionellen Gemeinden erfasste:

O-Ton 2 (Prof. Andor Izsák, Hannover)   
Modernisierung der jüdischen Liturgie bedeutet eigentlich Anpassung. Anpassung an das Umfeld. Genauso, wie die Rabbiner sich jetzt anders kleiden. Genauso, wie die einfachen Synagogenbesucher Kaftan und Strejml und andere religiöse Merkmale jetzt auf die Seite tun und sich so kleiden und versuchen, so auszusehen, wie die anderen. Genauso der Kantor in der Synagoge. Er ist in den meisten Fällen auch der Komponist, und der modernisiert jetzt seine Musik in der Weise, wie das auch in den Kirchen passiert.

Breite Bedeutung für die Gemeinden gewann diese neue Bewegung, als in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts jüdische Kantoren darangingen, Synagogenmusik für Kantor, Chor und Orgel zu schreiben. Die knüpfte zwar auch an Vorbilder in der Kirchenmusik an, aber sie verband sie kunstvoll mit älteren jüdischen Traditionen. Vor allem solche Kompositionen sind in diesem Konzertdokument zu hören: die von Kantoren wie Louis Lewandowski aus Berlin, Salomon Sulzer aus Wien und Samuel Naumbourg aus Paris.

In Deutschland ist diese Tradition heute fast ausgestorben. Die erste Stunde dieser Sendung ist deshalb dem Gedenken gewidmet. Heute gibt es nämlich nur noch in Berlin eine Synagoge in der Kantor, Synagogenchor und Orgel den Gottesdienst gestalten. Zu seinem Konzert in Hannover hat Andor Izsák deshalb Kantoren aus den USA eingeladen. Unterstützt werden sie von zehn Chören: dem Breslauer Synagogenchor, der Domkantorei Berlin, dem Braunschweiger Domchor, dem Hannoverschen Oratorienchor, dem Knaben- und Jugendchor St. Michaelis in Hamburg, dem Chor des Gymnasiums Carolinum Osnabrück, der Camerata vocale Hannover, dem Jungen Kammerchor Hannover, dem Kammerchor der Hochschule für Musik und Theater Hannover, der Kantorei St. Johannis Hannover sowie Sängerinnen und Sängern der Musikhochschulen in Rostock, Leipzig, Detmold und Dresden.

Das nächste Stück ist ein Stück für Chor und Orgel, komponiert von Louis Lewandowski: Es handelt sich um einen Ausschnitt aus dem Psalm 103. Er hat die Vergänglichkeit des Menschen zum Thema aber auch seine Hoffnung. Diese Verse werden bei Seelengedächtnisfeiern rezitiert: „Des Menschen Tage sind wie Gras.“

Musik 2

Enosh K’Chozir Jomow (Des Menschen Tage sind wie Gras)
Musik: Louis Lewandowski (1821 – 1894)Text: hebräisch trad. nach Psalm 103, 15-17
Interpreten: alle Chöre gemeinsam
Orgel: Prof. Gerhard Dickel, Hamburg

„Des Menschen Tage sind wie Gras, er blüht wie eine Blume auf dem Feld. Fährt der Wind darüber, ist sie dahin; der Ort wo sie stand, weiß von ihr nicht mehr. Doch die Huld des Herrn währt immer und ewig für alle, die ihn fürchten und ehren; sein Heil erfahren noch Kinder und Enkel.“ Das war der Text dieses Gebets.

Nun folgt ein Gebet um Ruhe und Frieden für die Seelen Verstorbener: El Male Rachamin – Herr voller Gnaden - oder „Herr voller Barmherzigkeit“. Dieser Text wird in unterschiedlichen Varianten bei Beerdigungen und beim Jahresgedächtnis gebetet – der Jahrzeit. Seine Ursprünge hat er in den Verfolgungen des Mittelalters. Hier verweist er auf die Opfer der Nationalsozialismus. Er bittet Gott, denen Ruhe und Frieden im Garten Eden zu gewähren, die – wörtlich – „getötet, ermordet, hingemetzelt, verbrannt, ertrunken und erwürgt wurden“. Der Text nennt die Orte des Schreckens und erinnert an die Verfolger. Text und Melodie werden vom Kantor zum Teil improvisiert. Es singt Moshe Schulhof, Oberkantor in Miami, begleitet von Andor Izsák auf einem Harmonium.

Musik 3

El Male Rachamin (Herr voller Barmherzigkeit)
Musik: trad./ Improvisation
Text: hebräisch trad.: liturgische Dichtung + Improvisation
Intepret: Kantor Moshe Schulhof, Miami
Harmonium: Prof. Andor Izsák, Hannover


Teil 1 (von 4)

Zurück zur Eingangsseite "Die liturgische Musik der Synagoge"

weiter zu Teil 2  

The Jewish History Ring
The Jewish History Ring
[ Join Now | Ring Hub | Random | << Prev | Next >> ]
Shalom
[ Join Now | Ring Hub | Random | << Prev | Next >> ]

Zurück zur Eingangsseite "Die liturgische Musik der Synagoge"