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Am
Mikrofon begrüßt sie Heinz-Peter Katlewski. Das Konzert, durch
das ich sie heute Abend begleiten werde, wurde vor knapp zwei
Monaten im Kuppelsaal des Kongreßzentrums in Hannover aufgeführt.
Andor Izsák, Direktor des Europäischen Zentrums für Jüdische
Musik an der
Musikhochschule Hannover veranstaltete es zur Erinnerung an die
Reichspogromnacht.
Zu
Beginn ein Gebet. Roslyn Barak, Oberkantorin der großen Synagoge
von San Francisco "Congregation Emanu-El" singt ein
Glaubensbekenntnis. Es besteht aus 13 Artikeln und geht auf einen
großen jüdischen Gelehrten des Mittelalters zurück – auf
Maimonides. Es gehört nicht zu den traditionellen regelmäßigen
Gebeten, wird aber auch heute noch von vielen Juden zum Abschluss
des täglichen Morgengottesdienstes gebetet.
Ani Ma’amin – Ich glaube! |
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Musik 1
Ani
Ma’amin (Ich glaube)
Musik: Louis Lewandowski (1821 – 1894)
Text: hebräisch, trad. von Vishnitzer Chassidim, überliefert von
Elie Wiesel
Interpretin: Kantorin Roslyn Barak, San Francisco |
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Ani
Ma’amin – Ich glaube. Die Sängerin dieses Gebets, Roslyn
Barak, ist Kantorin der Congregation Emanu-El, einer bedeutenden liberalen jüdischen
Gemeinde in San Francisco. In der orthodoxen Tradition wäre es
undenkbar, dass eine Frau liturgische Handlungen im Gottesdienst
übernimmt. In den jüdischen Reformbewegungen - vor allem in den
USA – ist das anders. Frauen können sowohl Kantorinnen als auch
Rabbinerinnen sein.
Andor
Izsák, der Leiter dieses Konzerts, sieht sich selbst als Teil
einer orthodoxen Tradition. Aber er meint, die Nationalsozialisten
unterschieden nicht zwischen orthodoxen und liberalen Juden.
Damals, vor 60 Jahren, am 9. November 1938, begannen sie ihr
Vorhaben, das Judentum schlechthin auszulöschen. |
O-Ton
1 (Prof. Andor Izsák, Hannover)
In dieser Nacht brannten die Synagogen, und mit den Gebäuden
zusammen unsere Torarollen, brannten unsere Noten, brannten unsere
Orgeln - sämtliche Merkmale, die zur Ausübung unseres religiösen
Lebens notwendig sind. Die Nazis wussten das sehr gut. Sie haben
uns genau dort getroffen: an der empfindlichsten Stelle, wo wir am
besten verletzbar sind. Sie wollten unsere jüdische Identität
zerstören. Dass ihnen das nicht gelang und nicht gelingen
wird, dazu kann eine
solche Bemühung beitragen wie diese, die Liturgie dieser Synagogen
wiederzufinden
und der Welt bekannt zu machen. |
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Diese
Liturgie hatte in Deutschland und einigen seiner Nachbarstaaten
eine eigene Geschichte. Bis Anfang des 19. Jahrhunderts war es im
Judentum generell nicht üblich, Instrumente im Gottesdienst zu
verwenden. Das war ein Ausdruck der Trauer um den verlorenen
Tempel – dort gehörten nämlich viele Instrumente zum Kult.
Im Gefolge der Aufklärung und der durch Napoleon
eingeleiteten, wenn auch zunächst kurzlebigen Judenemanzipation
begannen viele jüdischen Gemeinden damit, sich neu zu
orientieren. Manche Synagogen nannten sich fortan Tempel und
unterstrichen damit, dass sie sich als Juden nicht mehr als ein Volk im
Exil verstanden. 1810 gründete sich im Harzstädtchen Seesen eine
Reformsynagoge und integrierte erstmals eine Orgel in den Gottesdienst. Und
wenig später, 1818, wurden im Israelitischen Tempel von Hamburg,
einer 1817 gegründeten Reformgemeinde, Choräle und Chorgesang in den Gottesdienst
eingeführt. Diese neue Synagogenmusik orientierte sich an der
damaligen evangelischen Kirchenmusik. Die erlebte im 19.
Jahrhundert eine Blüte. Als schließlich
1854 der Tempel der Reformgemeinde von Berlin fertiggestellt wurde, hatten die
Bauherren oberhalb des Toraschreins
ein
mächtiges Orgelgestühl eingefügt.
Für
Andor Izsák, den Direktor des Europäischen Zentrums für Jüdische
Musik in Hannover und Leiter dieses Konzerts „Musik der zerstörten
Synagogen“ begann in diesen Jahrzehnten ein Prozess der Modernisierung, der später
auch Teile der traditionellen Gemeinden erfasste:
O-Ton
2 (Prof. Andor Izsák, Hannover)
Modernisierung der jüdischen Liturgie bedeutet eigentlich
Anpassung. Anpassung an das Umfeld. Genauso, wie die
Rabbiner sich jetzt anders kleiden. Genauso, wie die
einfachen Synagogenbesucher Kaftan und Strejml und
andere religiöse Merkmale jetzt auf die Seite tun und
sich so kleiden und versuchen, so auszusehen, wie die
anderen. Genauso der Kantor in der Synagoge. Er ist in den
meisten Fällen auch der Komponist, und der modernisiert
jetzt seine
Musik in der Weise, wie das auch in den Kirchen passiert. |
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Breite
Bedeutung für die Gemeinden gewann diese neue Bewegung,
als in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts jüdische Kantoren
darangingen, Synagogenmusik für Kantor, Chor und Orgel zu schreiben. Die
knüpfte zwar auch an Vorbilder in der Kirchenmusik an, aber sie verband
sie kunstvoll mit älteren jüdischen Traditionen. Vor allem solche
Kompositionen sind in diesem Konzertdokument zu hören: die von Kantoren
wie Louis Lewandowski aus Berlin, Salomon Sulzer aus Wien und Samuel
Naumbourg aus Paris.
In
Deutschland ist diese Tradition heute fast ausgestorben. Die erste Stunde
dieser Sendung ist deshalb dem Gedenken gewidmet. Heute gibt es nämlich
nur noch in Berlin eine Synagoge in der Kantor, Synagogenchor und Orgel den Gottesdienst gestalten. Zu seinem Konzert in Hannover hat
Andor Izsák deshalb Kantoren aus den USA eingeladen. Unterstützt werden
sie von zehn Chören: dem Breslauer Synagogenchor, der Domkantorei Berlin,
dem Braunschweiger Domchor, dem Hannoverschen Oratorienchor, dem Knaben-
und Jugendchor St. Michaelis in Hamburg, dem Chor des Gymnasiums Carolinum
Osnabrück, der Camerata vocale Hannover, dem Jungen Kammerchor Hannover, dem Kammerchor der Hochschule für Musik und Theater
Hannover, der Kantorei St. Johannis Hannover sowie Sängerinnen und Sängern
der Musikhochschulen in Rostock, Leipzig, Detmold und Dresden.
Das
nächste Stück ist ein Stück für Chor und Orgel, komponiert von Louis
Lewandowski: Es handelt sich um einen Ausschnitt aus dem Psalm 103. Er hat
die Vergänglichkeit des Menschen zum Thema aber auch seine Hoffnung.
Diese Verse werden bei Seelengedächtnisfeiern rezitiert: „Des Menschen
Tage sind wie Gras.“
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Musik 2
Enosh
K’Chozir Jomow (Des Menschen Tage sind wie Gras)
Musik: Louis Lewandowski (1821 – 1894)Text: hebräisch trad.
nach Psalm 103, 15-17
Interpreten: alle Chöre gemeinsam
Orgel: Prof. Gerhard Dickel, Hamburg |
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„Des
Menschen Tage sind wie Gras, er blüht wie eine Blume auf dem
Feld. Fährt der Wind darüber, ist sie dahin; der Ort wo sie
stand, weiß von ihr nicht mehr. Doch die Huld des Herrn währt
immer und ewig für alle, die ihn fürchten und ehren; sein Heil
erfahren noch Kinder und Enkel.“ Das war der Text dieses Gebets.
Nun
folgt ein Gebet um Ruhe und Frieden für die Seelen Verstorbener:
El Male Rachamin – Herr voller Gnaden - oder „Herr voller
Barmherzigkeit“. Dieser Text wird in unterschiedlichen Varianten
bei Beerdigungen und beim Jahresgedächtnis gebetet – der
Jahrzeit. Seine Ursprünge hat er in den Verfolgungen des
Mittelalters. Hier verweist er auf die Opfer der
Nationalsozialismus. Er bittet Gott, denen Ruhe und Frieden im
Garten Eden zu gewähren, die – wörtlich – „getötet,
ermordet, hingemetzelt, verbrannt, ertrunken und erwürgt
wurden“. Der Text nennt die Orte des Schreckens und erinnert an
die Verfolger. Text und Melodie werden vom Kantor zum Teil
improvisiert. Es singt Moshe Schulhof, Oberkantor in Miami,
begleitet von Andor Izsák auf einem Harmonium.
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Musik
3
El
Male Rachamin (Herr voller Barmherzigkeit)
Musik: trad./ Improvisation
Text: hebräisch trad.: liturgische Dichtung +
Improvisation
Intepret: Kantor Moshe Schulhof, Miami
Harmonium: Prof. Andor Izsák, Hannover |
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