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Die Musik der zerstörten Synagogen.
Ein Konzert zur Erinnerung an die moderne Tradition jüdisch-liturgischer Musik in Deutschland vor der Reichspogromnacht und dem Holocaust


© für das Manuskript bei Heinz-Peter Katlewski, 1999. 


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für Deutschlandfunk - Konzertdokument der Woche
Sonntag, 7. Februar 1999, 21:05 - 23:00 Uhr

Teil 2 (von 4)

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„El Male Rachamin“ – Herr voller Gnaden, gesungen von Oberkantor Moshe Schulhof vom orthodoxen jüdischen Zentrum Beth Jacob in Miami/Florida.

Der Kantor in einer jüdischen Gemeinde hat eine andere Rolle als der Kantor in einer Kirche. Für den Gottesdienst ist er fast noch wichtiger als ein Rabbiner, denn der ist eigentlich nur einer, der die Tora kennt - die Gebote aus den fünf Büchern Mose und die Deutungen dazu aus dem Talmud und anderen Schriften der jüdischen Überlieferung. Er kann in Konfliktfällen religionsgesetzliche Entscheidungen fällen, er ist Berater und geistlicher Lehrer seiner Gemeinde, aber seine spirituelle Bedeutung ist eigentlich nicht die eines Pfarrers, eines christlichen Predigers - auch wenn sich seine Rolle immer mehr der von Pfarrern angleicht. Andor Izsák schildert wie er die Rolle eines jüdischen Kantors einschätzt.

O-Ton 3 (Prof. Andor Izsák, Hannover)   
Der Kantor ist der Vorbeter. Man sagt auch Vorsänger. Ich glaube, das ist der große Unterschied zu dem Kantor in der Kirche, dass er als ein  Geistlicher betrachtet werden könnte. Er ist das nicht. Aber seine Aufgabe ist eine wirklich geistliche Herausforderung, zwischen dem Gläubigen und dem lieben Gott zu verbinden, zu vermitteln durch die Schönheit seiner göttlichen Gabe, Schönheit seiner Stimme und herausragende Kunst, was die Interpretation der Gebete betrifft. Noch einfacher zu sagen: Er betet für uns, und wir hoffen, wenn wir einen guten Kantor haben, werden wir auch gut beten.

Gut beten heißt allerdings nicht unbedingt, dass etwas persönlich erbeten wird. Beten ist im Judentum vor allem auf das Wohl der Gemeinschaft ausgerichtet.

Im orthodoxen Judentum ist die Gebetssprache beim Synagogengottesdienst prinzipiell hebräisch, in den liberalen Strömungen wird auch die Landessprache benutzt. Es geht vor allem um die Herrlichkeit Gottes und seiner Werke, es wird an die Tora erinnert und bekannt, dass man oft gegen sie verstoßen hat. Zuweilen wird auch geklagt. Wichtig ist aber stets, dass dieses Beten nicht zur Routine erstarrt. Das wäre unerträglich. Deshalb hat der Kantor das Recht, in den Gebetstext seine ganze Ausdruckskraft zu geben, - ja, es wird sogar von ihm erwartet, dass er improvisiert. Die Disziplin der kirchlichen Liturgie ist dem jüdischen Gottesdienst fremd, meint Andor Izsák:

O-Ton 4 (Prof. Andor Izsák, Hannover)       
Was verstehe ich unter Disziplin. In der Kirche findet der Gottesdienst sehr organisiert statt. Da fängt der Organist mit seinem Choralvorspiel an. Da fängt dann der Chor zu singen an. Die Gläubigen haben ihre Noten, ihre Kirchenlieder. Sie singen in einer bestimmten Tonart, in einem bestimmten Tempo in der Form, dass sie das ruhig mit dem Chor, der sie in gut gedachten Harmonien begleitet, zusammen singen können. In der Synagoge ist das nicht möglich. Sie können nicht dem Gläubigen sagen, du sollst in dem Tempo singen, weil dann wird er sagen, um Himmels Willen, warum gerade in diesem Tempo. Ich stehe dem lieben Gott gegenüber, ich bestimme auch das Tempo mit dem ich zu ihm bete.

Insofern sind auch die niedergeschriebenen Kompositionen für Chor, Orgel und Kantor nicht immer verlässlich. Der Organist muss sich darauf einstellen, wie der Kantor seinen Gesang entwickelt. Der Chor hat immerhin  eine Partitur, aber auch dort lassen die Chorleiter beim Einüben Abweichungen zu und fördern das auch.

O-Ton 5 (Prof. Andor Izsák, Hannover)   
Das konnte man mit den niedergeschriebenen Noten gar nicht verhindern, dass die typischen jüdischen Chorsänger, die in ihren Händen keinen Noten halten, weil sie die Noten eigentlich gar nicht kennen, sondern mit den Hebräischen Gebetbüchern dort herumstehen, man kann das von ihnen nicht verlangen, dass sie sich an etwas halten, das sie nicht kennen. So entsteht eine merkwürdige Tradition. Aber aus dieser Tradition ist das schönste, das improvisatorische Element, das nie niedergeschrieben wurde. Wir wissen das heute nur deshalb, weil relativ frühe Aufnahmetechnik eingesetzt wurde, ich denke etwa an Wachswalzen, an Schellackplatten. Damit wurden solche Gesänge, solche Gebete aufgezeichnet.

Originalaufnahmen davon sind allerdings selten. Ton- oder Bildaufnahmen sind fast immer gestellt oder im Rahmen eines Konzertes entstanden. Orthodoxe und auch viele liberale Rabbiner halten generell Aufzeichnungen für unvereinbar mit Gottesdienst und Gebet.

Im Rahmen dieses Konzertdokuments kommen wir zum Kaddisch. Das Kaddisch wird traditionell in aramäisch vorgetragen. Es ist ein Trauergebet. Aber mit keinem Wort ist von Trauer die Rede. Es erinnert ein wenig an das Buch Hiob in der hebräischen Bibel. Auch bei bittersten Erfahrungen unterwirft sich der Gläubige dem Willen Gottes. Statt zu klagen, rühmt er ihn und preist seinen Namen. Wörtlich heißt es in diesem Gebet: Gepriesen sei und gerühmt und verherrlicht und erhoben und erhöht und gefeiert und hocherhoben und gepriesen der Name des Heiligen, gelobt sei er, hoch über jedem Lob und Gesang, Verherrlichung und Trostverheißung, die je in der Welt gesprochen wurde“.        

Es singt Joseph Málovany aus New York. Er ist dort Oberkantor der Synagoge in der Fifth Avenue. Begleitet wird er auf dem Harmonium von Andor Izsák.

Musik 4

Kaddisch (Heilig)
Musik: trad./ Improvisation
Text: aramäisch trad.
Interpret: Kantor Joseph Malovany, New York
Harmonium: Prof. Andor Izsák, Hannover

„Der, der Frieden stiftet in seinen Himmelshöhen, stifte Frieden unter uns und ganz Israel“, so lautete die letzte Zeile des Trauergebets, des Kaddisch.

Es folgt ein Psalm, der 62igste, diesmal in deutscher Sprache, vorgetragen von einem Soloquartett aus den Chören, die sich an diesem Konzert beteiligen: „Ganz in Gott ergeben ist meine Seele, von ihm kommt meine Hilfe.“

Musik 5

Psalm 62 (aus: 18. Liturgische Psalmen)
Musik: Louis Lewandowski (1821 – 1894); Text: deutsch trad.
Interpreten: Solisten des Knaben- und Jugendchors
der Hamburger Hauptkirche St. Michaelis
Orgel: Prof. Gerhard Dickel, Hamburg

Ein ganz ähnliches Thema hat das folgende Chorstück. „Gott ist unsere Zuflucht und Feste, ein Beistand in Drangsalen“ – es ist eine Vertonung des 46. Psalms. Der Knaben- und Jugendchor der Hamburger Hauptkirche St. Michaelis singt und wird dazu begleitet von Gerhard Dickel an der Orgel.

Musik 6

Psalm 46 (aus: 18. Liturgische Psalmen)
Musik: Louis Lewandowski (1821 – 1894)
Text: deutsch trad.
Interpreten: Knaben- und Jugendchor der Hamburger Hauptkirche St.Michaelis
Orgel: Prof. Gerhard Dickel, Hamburg

Der Veranstalter und Organisator dieses Konzerts in Hannover vom 9. November des letzten Jahres, Andor Izsák, Professor an der Musikhochschule Hannover und Direktor des Europäischen Zentrums für Jüdische Musik, beschäftigt sich seit nunmehr zehn Jahren damit, die spezifisch deutsche Tradition der Synagogenmusik aufzuarbeiten. Mit der Zerstörung der Synagogen sind freilich auch die Noten und Aufzeichnungen der Kantoren verloren gegangen. Forschung ist daher nicht immer einfach.

O-Ton 6 (Prof. Andor Izsák, Hannover)   
Man baut darauf, dass Verwandte von diesen ehemaligen Kantoren, oder Freunde oder Anhänger oder Fans diese Dokumente noch vor der Schoa nach Amerika, nach Afrika, nach Australien, nach Israel, damals hieß es natürlich nach Palästina, mitgebracht haben. Und ich kann einfach um Hilfe rufen, bitte schaut nach in euren Kellern und in ihren Kämmerchen, ob ihr nicht so was Schriftliches findet. Und man findet so was. Dadurch können wir das rekonstruieren in einer Form, wie man ein Puzzle spielen würde. Und das Bild wird immer voller und die Palette immer bunter und die synagogale Musik immer exakter anzufassen.

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