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„El
Male Rachamin“ – Herr voller Gnaden, gesungen von Oberkantor
Moshe Schulhof vom orthodoxen jüdischen Zentrum Beth Jacob in
Miami/Florida.
Der
Kantor in einer jüdischen Gemeinde hat eine andere Rolle als der
Kantor in einer Kirche. Für den Gottesdienst ist er fast noch
wichtiger als ein Rabbiner, denn der ist eigentlich nur einer, der
die Tora kennt - die Gebote aus den fünf Büchern Mose und die
Deutungen dazu aus dem Talmud und anderen Schriften der jüdischen
Überlieferung. Er kann in Konfliktfällen
religionsgesetzliche Entscheidungen fällen, er ist Berater und
geistlicher Lehrer seiner Gemeinde, aber seine spirituelle
Bedeutung ist eigentlich nicht die eines Pfarrers, eines christlichen
Predigers - auch wenn sich seine Rolle immer mehr der von Pfarrern
angleicht. Andor Izsák schildert wie er die Rolle eines jüdischen
Kantors einschätzt. |
O-Ton
3 (Prof. Andor Izsák, Hannover)
Der Kantor ist der Vorbeter. Man sagt auch Vorsänger. Ich glaube,
das ist der große Unterschied zu dem Kantor in der Kirche, dass
er als ein
Geistlicher betrachtet werden könnte. Er ist das nicht.
Aber seine Aufgabe ist eine wirklich geistliche Herausforderung,
zwischen dem Gläubigen und dem lieben Gott zu verbinden, zu
vermitteln durch die Schönheit seiner göttlichen Gabe,
Schönheit seiner Stimme und herausragende Kunst, was die
Interpretation der Gebete betrifft. Noch einfacher zu sagen: Er
betet für uns, und wir hoffen, wenn wir einen guten Kantor haben,
werden wir auch gut beten. |
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Gut
beten heißt allerdings nicht unbedingt, dass etwas persönlich
erbeten wird. Beten ist im Judentum vor allem auf das Wohl der
Gemeinschaft ausgerichtet.
Im
orthodoxen Judentum ist die Gebetssprache beim
Synagogengottesdienst prinzipiell hebräisch, in den liberalen Strömungen
wird auch die Landessprache benutzt. Es geht vor allem um die
Herrlichkeit Gottes und seiner Werke, es wird an die Tora
erinnert und bekannt, dass man oft gegen sie verstoßen hat.
Zuweilen wird auch geklagt. Wichtig ist aber stets, dass dieses
Beten nicht zur Routine erstarrt. Das wäre unerträglich. Deshalb
hat der Kantor das Recht, in den Gebetstext seine ganze
Ausdruckskraft zu geben, - ja, es wird sogar von ihm erwartet,
dass er improvisiert. Die Disziplin der kirchlichen Liturgie ist
dem jüdischen Gottesdienst fremd, meint Andor Izsák: |
O-Ton
4 (Prof. Andor Izsák, Hannover)
Was verstehe ich unter Disziplin. In der Kirche findet der
Gottesdienst sehr organisiert statt. Da fängt der Organist mit
seinem Choralvorspiel an. Da fängt dann der Chor zu singen an.
Die Gläubigen haben ihre Noten, ihre Kirchenlieder. Sie singen in
einer bestimmten Tonart, in einem bestimmten Tempo in der Form,
dass sie das ruhig mit dem Chor, der sie in gut gedachten Harmonien
begleitet, zusammen singen können. In der
Synagoge ist das nicht möglich. Sie können nicht dem Gläubigen
sagen, du sollst in dem Tempo singen, weil dann wird er sagen, um
Himmels Willen, warum gerade in diesem Tempo. Ich stehe dem lieben
Gott gegenüber, ich bestimme auch das Tempo mit dem ich zu ihm
bete. |
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Insofern
sind auch die niedergeschriebenen Kompositionen für Chor, Orgel
und Kantor nicht immer verlässlich. Der Organist muss sich darauf
einstellen, wie der Kantor seinen Gesang entwickelt. Der Chor hat
immerhin
eine Partitur, aber auch dort lassen die Chorleiter beim
Einüben Abweichungen zu und fördern das auch.
O-Ton
5 (Prof. Andor Izsák, Hannover)
Das konnte man mit den niedergeschriebenen Noten gar nicht
verhindern, dass die typischen jüdischen Chorsänger, die
in ihren Händen keinen Noten halten, weil sie die Noten
eigentlich gar nicht kennen, sondern mit den Hebräischen
Gebetbüchern dort herumstehen, man kann das von ihnen
nicht verlangen, dass sie sich an etwas halten, das sie
nicht kennen. So entsteht eine merkwürdige Tradition.
Aber aus dieser Tradition ist das schönste, das
improvisatorische Element, das nie niedergeschrieben wurde.
Wir wissen das heute nur deshalb, weil relativ frühe
Aufnahmetechnik eingesetzt wurde, ich denke etwa an Wachswalzen, an
Schellackplatten. Damit wurden solche Gesänge, solche Gebete
aufgezeichnet. |
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Originalaufnahmen
davon sind allerdings selten. Ton- oder Bildaufnahmen sind fast immer
gestellt oder im Rahmen eines Konzertes entstanden. Orthodoxe und auch
viele liberale Rabbiner halten generell Aufzeichnungen für unvereinbar
mit Gottesdienst und Gebet.
Im
Rahmen dieses Konzertdokuments kommen wir zum Kaddisch. Das Kaddisch wird
traditionell in aramäisch vorgetragen. Es ist ein Trauergebet. Aber mit
keinem Wort ist von Trauer die Rede. Es erinnert ein wenig an das Buch
Hiob in der hebräischen Bibel. Auch bei bittersten Erfahrungen unterwirft
sich der Gläubige dem Willen Gottes. Statt zu klagen, rühmt er ihn und
preist seinen Namen. Wörtlich heißt es in diesem Gebet: Gepriesen sei
und gerühmt und verherrlicht und erhoben und erhöht und gefeiert und
hocherhoben und gepriesen der Name des Heiligen, gelobt sei er, hoch über
jedem Lob und Gesang, Verherrlichung und Trostverheißung, die je in der
Welt gesprochen wurde“.
Es
singt Joseph Málovany aus New York. Er
ist dort Oberkantor der Synagoge in der Fifth Avenue. Begleitet wird er
auf dem Harmonium von Andor Izsák.
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Musik
4
Kaddisch
(Heilig)
Musik: trad./ Improvisation
Text: aramäisch trad.
Interpret: Kantor Joseph Malovany, New York
Harmonium: Prof. Andor Izsák, Hannover |
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„Der,
der Frieden stiftet in seinen Himmelshöhen, stifte Frieden unter
uns und ganz Israel“, so lautete die letzte Zeile des
Trauergebets, des Kaddisch.
Es
folgt ein Psalm, der 62igste, diesmal in deutscher Sprache,
vorgetragen von einem Soloquartett aus den Chören, die sich an
diesem Konzert beteiligen: „Ganz in Gott ergeben ist meine
Seele, von ihm kommt meine Hilfe.“
| Musik
5
Psalm 62
(aus: 18. Liturgische Psalmen)
Musik: Louis Lewandowski (1821 – 1894);
Text: deutsch trad.
Interpreten: Solisten des Knaben- und
Jugendchors
der Hamburger
Hauptkirche St. Michaelis
Orgel: Prof. Gerhard Dickel, Hamburg |
Ein
ganz ähnliches Thema hat das folgende Chorstück. „Gott ist
unsere Zuflucht und Feste, ein Beistand in Drangsalen“ – es ist
eine Vertonung des 46. Psalms. Der Knaben- und Jugendchor der
Hamburger Hauptkirche St. Michaelis singt und wird dazu begleitet
von Gerhard Dickel an der Orgel.
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Musik
6
Psalm
46 (aus: 18. Liturgische Psalmen)
Musik: Louis Lewandowski (1821 – 1894)
Text: deutsch trad.
Interpreten: Knaben- und Jugendchor der Hamburger
Hauptkirche St.Michaelis
Orgel: Prof. Gerhard Dickel, Hamburg |
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Der
Veranstalter und Organisator dieses Konzerts in Hannover
vom 9. November des letzten Jahres, Andor Izsák, Professor
an der Musikhochschule Hannover und Direktor des Europäischen
Zentrums für Jüdische Musik, beschäftigt sich
seit nunmehr zehn Jahren damit, die spezifisch deutsche Tradition
der Synagogenmusik aufzuarbeiten. Mit der Zerstörung der
Synagogen sind freilich auch die Noten und Aufzeichnungen
der Kantoren verloren gegangen. Forschung ist daher nicht
immer einfach. |
O-Ton
6 (Prof. Andor Izsák, Hannover)
Man baut darauf, dass Verwandte von diesen ehemaligen
Kantoren, oder Freunde oder Anhänger oder Fans diese
Dokumente noch vor der Schoa nach Amerika, nach Afrika,
nach Australien, nach Israel, damals hieß es natürlich
nach Palästina, mitgebracht haben. Und ich kann einfach um
Hilfe rufen, bitte schaut nach in euren Kellern und in
ihren Kämmerchen, ob ihr nicht so was Schriftliches
findet. Und man findet so was. Dadurch können wir das
rekonstruieren in einer Form, wie man ein Puzzle spielen würde.
Und das Bild wird immer voller und die Palette immer
bunter und die synagogale Musik immer exakter anzufassen. |
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