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Allerdings
wissen die heutigen jüdischen Gemeinden in Deutschland damit wenig
anzufangen. Die meisten ihrer Mitglieder wurden von einer anderen
Tradition geprägt. Viele von ihnen sind nach dem Krieg aus
Osteuropa nach Deutschland gekommen und hatten zum deutschen
Judentum vor der Schoa keine Beziehung. Für sie bleiben Orgel und
gemischter Chor fremd. Einzig in Berlin gibt es noch eine
Synagoge, in der diese Tradition lebt. Insofern ist Andor Izsák
darauf angewiesen, mit nichtjüdischen Sängerinnen und Sängern
zusammenarbeiten, um diese Musik erklingen lassen zu können. |
O-Ton
7 (Prof. Andor Izsák, Hannover)
Das ist natürlich nicht im Rahmen der Normalität, dass ein gläubiger
Jude mit Kirchenchören hebräische Texte, jüdische Gebete singt.
Aber ich als General ohne Armee, Synagogenorganist ohne
Synagogenorgel, Synagogenchorleiter ohne Synagogenchor habe mich natürlich
durch meine wissenschaftliche Arbeit mit Kirchenmusikern und Kirchenchören
bekannt gemacht. Und so wurde es dann möglich, die Notenveröffentlichungen, die
Psalmen und die Gebete zum Klingen zu bringen. |
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Der
erste Teil dieses Konzertdokuments mit Musik aus den vor 60 Jahren
zerstörten Synagogen schließt mit einer liturgischen Dichtung
aus dem fünfzehnten Jahrhundert „Adon Olam“ – Herr der
Welt. Die Vertonung stammt von Salomon Sulzer. Es singen alle
beteiligten Chöre und im solistischen Mittelteil die beiden
Kantoren, Mosche Schulhof aus Miami und Joseph Malovany aus New
York. |
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Musik
7
Adon
Olam in Es-Dur (Herr der Welt)
Musik: Salomon Sulzer (1804 – 1894)
Text: hebräisch trad.
Interpreten: Kantor Mosche Schulhof,. Miami
Kantor Joseph Malovany, New York
Orgel: Prof. Gerhard Dickel, Hamburg |
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Das
war der erste Teil unseres Konzertdokuments „Musik der zerstörten
Synagogen“. Es folgen die 22-Uhr-Nachrichten, und danach der
zweite Teil.
Am
Mikrofon ist wieder Heinz-Peter Katlewski mit dem zweiten Teil
unseres Konzertdokuments „Musik der zerstörten Synagogen“.
Die Aufnahmen stammen von einer Konzertübertragung des
Norddeutschen Rundfunks, die am 9. November 1998 aus dem Kuppelsaal des
hannoverschen Kongreßzentrums ausgestrahlt wurde. Leiter dieser Veranstaltung war
Andor Izsák, der Direktor des Europäischen Zentrums für jüdische
Musik an der Hochschule für Musik und Theater in Hannover.
Vor
den Nachrichten erklang eine liturgische Dichtung, die bereits
seit dem 15. Jahrhundert Teil des Schacharit, des jüdischen
Morgengottesdienstes ist: Adon Olam. Natürlich nicht mit diesem
musikalischen Arrangement, denn Orgel und Chor hielten erst im 19.
Jahrhundert Einzug in die Synagogen. Die Vertonung stammt aus der
zweiten Hälfte des letzten Jahrhunderts aus der Feder des Wiener
Kantors Salomon Sulzer. Diese erste Version hatte er in Es-Dur
geschrieben. Die zweite, die jetzt folgt, hat er in G-Dur gesetzt.
„Der
Herr der Welt, er hat regiert,
eh‘ ein Gebild geschaffen war,
zur Zeit, da durch seinen Willen das All entstand,
da wurde sein Name König genannt.
Und nachdem das All aufhören wird,
wird
er allein, der Ehrfurchtbare gebieten.“
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Musik
8
Adon
Olam in G-Dur (Herr der Welt)
Musik: Salomon Sulzer (1804 – 1894)
Text: hebräisch trad.
Interpreten: Kantor Mosche Schulhof, Miami
Orgel: Prof. Gerhard Dickel, Hamburg |
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Adon
Olam ist ein Lied, das gesungen wird, wenn die Gläubigen die Synagoge
verlassen. Das kann sehr verschieden klingen. Im einen Fall eher fröhlich,
in einem anderen eher traurig. Die Traditionen sind unterschiedlich. Und
auch der Wiener Kantor Salomon Sulzer hat sich von dieser liturgischen
Dichtung offenbar zu unterschiedlichen Kompositionen angeregt gefühlt:
Andor Izsák:
O-Ton
8 (Prof. Andor Izsák, Hannover)
Nach der Pause haben wir wieder Salomon Sulzer, wieder „Adon
Olan“ gesungen, aber ganz anders. Nicht nur wegen des Klangs,
nicht nur wegen dem Charakter der Tonart „D-Dur“, sondern auch
weil hier die Möglichkeit für die Belcanto-Stimme gegeben sind, die für den Kantor
so wichtig ist, weil viel mehr vorhanden ist. Also, wenn ich
sagen darf, wir haben in dem ersten Adon Olam eine majestätische,
eine herrlich konstruierte Krönung der Beendigung des
Gottesdienstes gemacht. Und in dem G-Dur Sulzer Gebet, haben wir
eben die lyrischen Elemente betonen wollen. (spielt,
dann:) ... wie die Wolken im Himmel, so ruhig fließen diese
herrlichen Klänge. |
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Solche
romantischen Empfindungen waren damals nicht nur unter
Kirchenmusikern verbreitet, auch die Komponisten der
Synagogenmusik teilten sie.
Schiru
La’Schem – Der gemeinsame Psalm, das war das Motto der zweiten
Hälfte dieses Konzerts. Hier singen nämlich Juden und Christen
gemeinsam –
jüdische Psalmen
– die Kantorin und die Kantoren aus den amerikanischen Synagogen
und die Chöre - überwiegend Kirchenchöre. Für Andor Izsák
birgt diese Gemeinsamkeit die Hoffnung, dass diese verstummte
Seite der Synagogenmusik eines Tages wieder erklingen kann.
Psalmen
jedenfalls gehören zu den ältesten religiösen Liedern, die uns
bekannt sind. Rund 3000 Jahre dürften die ältesten sein, die uns
die Hebräische Bibel – Christen sagen: das Alte oder Erste
Testament - überliefert haben. 150 sind es dort, und viele darunter
enthalten Anweisungen, mit welchen Instrumenten und zu welchen
Melodien sie zu singen sind. Im jüdischen Gottesdienst spielen
bis heute Psalmen eine große Rolle. Sie werden von den Gläubigen
gebetet und von Kantoren rezitiert.
O-Ton
9 (Prof. Andor Izsák, Hannover)
Ich kann ihnen die Gefühle des jüdischen Gläubigen in
der Synagoge nicht beschreiben, wenn er dieses Gebet mit
einem solchen wunderbaren Kantor hört, wie wir
Gott-sei-Dank für diesen Abend hier in Hannover
engagieren konnten. Solche Kantoren wie Mosche Schulhof
aus Miami oder Albert ... aus New York. So was gibt es
nicht überall. Das können nur wirklich so gewaltige, so
starke Gemeinden leisten wie die Jüdische Gemeinde in der
5th Avenue in New York oder innerhalb dieser
Riesengemeinde in Miami, wo in seiner Synagoge für einen
Freitag oder einen Samstag, also einen
Schabbatgottesdienst 2000 Leute kommen. Das kann man hier
in Deutschland kaum vorstellen. |
Hierzulande
leiden die Gottesdienste in der Synagoge in der Regel genauso
unter geringen Besucherzahlen wie die Kirchen. Dort wo ein
bedeutender Kantor die Gemeindemitglieder zu faszinieren vermag,
sieht es gelegentlich anders aus.
Als
nächstes hören wir ein Lied, das gesungen wird, wenn am Schabbat
– am Sabbat – der Toraschrein geöffnet wird, um die Torarolle herauszuheben und zu öffnen.
O-Ton
10 (Prof. Andor Izsák, Hannover)
Es ist eine ganz wichtige Stelle, weil diese Stelle ist für
uns die Kundgebung „Wir nehmen die Thora in die Hand“,
„Wir zeigen die Tora“ und wir sagen das berühmte jüdische
Glaubensbekenntnis „Sch'ma Israel“ (Höre Israel). Spielt: |
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Wenn
die Lade aufbrach - Vajehi Binosa, heißt dieses Lied in
einer Komposition von Louis Lewandowski. Mit der Lade ist
die Bundeslade gemeint, die das Volk Israel auf seinen
vierzig Jahre währenden Wanderschaft durch die Wüste mit sich geführt haben
soll. Sie enthielt die Gesetzestafeln, die Tora - jene
Texte und Gebote, die nach der biblischen Überlieferung
Moses am Sinai übergeben wurden. Der Toraschrein in der
Synagoge erinnert an diese Bundeslade. Bis heute macht der
Stolz auf die Tora die Kraft des jüdischen Glaubens aus. |
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Musik
9
Vajehi
Binsoa (Und als die Lade aufbrach)
Musik: Louis Lewandowski (1821 – 1894)
Text: hebräisch trad.
Interpreten: Kantor Joseph Malovany, New York, und
alle beteiligten Chöre
Orgel: Prof. Gerhard Dickel, Hamburg |
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