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Die Musik der zerstörten Synagogen.
Ein Konzert zur Erinnerung an die moderne Tradition jüdisch-liturgischer Musik in Deutschland vor der Reichspogromnacht und dem Holocaust


© für das Manuskript bei Heinz-Peter Katlewski, 1999. 


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für Deutschlandfunk - Konzertdokument der Woche
Sonntag, 7. Februar 1999, 21:05 - 23:00 Uhr

Teil 3 (von 4)

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Allerdings wissen die heutigen jüdischen Gemeinden in Deutschland damit wenig anzufangen. Die meisten ihrer Mitglieder wurden von einer anderen Tradition geprägt. Viele von ihnen sind nach dem Krieg aus Osteuropa nach Deutschland gekommen und hatten zum deutschen Judentum vor der Schoa keine Beziehung. Für sie bleiben Orgel und gemischter Chor fremd. Einzig in Berlin gibt es noch eine Synagoge, in der diese Tradition lebt. Insofern ist Andor Izsák darauf angewiesen, mit nichtjüdischen Sängerinnen und Sängern zusammenarbeiten, um diese Musik erklingen lassen zu können.

O-Ton 7 (Prof. Andor Izsák, Hannover)   
Das ist natürlich nicht im Rahmen der Normalität, dass ein gläubiger Jude mit Kirchenchören hebräische Texte, jüdische Gebete singt. Aber ich als General ohne Armee, Synagogenorganist ohne Synagogenorgel, Synagogenchorleiter ohne Synagogenchor habe mich natürlich durch meine wissenschaftliche Arbeit mit Kirchenmusikern und Kirchenchören bekannt gemacht. Und so wurde es dann möglich, die Notenveröffentlichungen, die Psalmen und die Gebete zum Klingen zu bringen.

Der erste Teil dieses Konzertdokuments mit Musik aus den vor 60 Jahren zerstörten Synagogen schließt mit einer liturgischen Dichtung aus dem fünfzehnten Jahrhundert „Adon Olam“ – Herr der Welt. Die Vertonung stammt von Salomon Sulzer. Es singen alle beteiligten Chöre und im solistischen Mittelteil die beiden Kantoren, Mosche Schulhof aus Miami und Joseph Malovany aus New York.

Musik 7

Adon Olam in Es-Dur (Herr der Welt)
Musik: Salomon Sulzer (1804 – 1894)
Text: hebräisch trad.
Interpreten: Kantor Mosche Schulhof,. Miami
Kantor Joseph Malovany, New York
Orgel: Prof. Gerhard Dickel, Hamburg

Das war der erste Teil unseres Konzertdokuments „Musik der zerstörten Synagogen“. Es folgen die 22-Uhr-Nachrichten, und danach der zweite Teil.


Am Mikrofon ist wieder Heinz-Peter Katlewski mit dem zweiten Teil unseres Konzertdokuments „Musik der zerstörten Synagogen“. Die Aufnahmen stammen von einer Konzertübertragung des Norddeutschen Rundfunks, die am 9. November 1998 aus dem Kuppelsaal des hannoverschen Kongreßzentrums ausgestrahlt wurde. Leiter dieser Veranstaltung war Andor Izsák, der Direktor des Europäischen Zentrums für jüdische Musik an der Hochschule für Musik und Theater in Hannover.

Vor den Nachrichten erklang eine liturgische Dichtung, die bereits seit dem 15. Jahrhundert Teil des Schacharit, des jüdischen Morgengottesdienstes ist: Adon Olam. Natürlich nicht mit diesem musikalischen Arrangement, denn Orgel und Chor hielten erst im 19. Jahrhundert Einzug in die Synagogen. Die Vertonung stammt aus der zweiten Hälfte des letzten Jahrhunderts aus der Feder des Wiener Kantors Salomon Sulzer. Diese erste Version hatte er in Es-Dur geschrieben. Die zweite, die jetzt folgt, hat er in G-Dur gesetzt.

 „Der Herr der Welt, er hat regiert,
eh‘ ein Gebild geschaffen war,
zur Zeit, da durch seinen Willen das All entstand,
da wurde sein Name König genannt.
Und nachdem das All aufhören wird,
wird er allein, der Ehrfurchtbare gebieten.“

Musik 8

Adon Olam in G-Dur (Herr der Welt)
Musik: Salomon Sulzer (1804 – 1894)
Text: hebräisch trad.
Interpreten: Kantor Mosche Schulhof, Miami
Orgel: Prof. Gerhard Dickel, Hamburg

Adon Olam ist ein Lied, das gesungen wird, wenn die Gläubigen die Synagoge verlassen. Das kann sehr verschieden klingen. Im einen Fall eher fröhlich, in einem anderen eher traurig. Die Traditionen sind unterschiedlich. Und auch der Wiener Kantor Salomon Sulzer hat sich von dieser liturgischen Dichtung offenbar zu unterschiedlichen Kompositionen angeregt gefühlt: Andor Izsák:

O-Ton 8 (Prof. Andor Izsák, Hannover)   
Nach der Pause haben wir wieder Salomon Sulzer, wieder „Adon Olan“ gesungen, aber ganz anders. Nicht nur wegen des Klangs, nicht nur wegen dem Charakter der Tonart „D-Dur“, sondern auch weil hier die Möglichkeit für die Belcanto-Stimme gegeben sind, die für den Kantor so wichtig ist, weil viel mehr vorhanden ist. Also, wenn ich sagen darf, wir haben in dem ersten Adon Olam eine majestätische, eine herrlich konstruierte Krönung der Beendigung des Gottesdienstes gemacht. Und in dem G-Dur Sulzer Gebet, haben wir eben die lyrischen Elemente betonen wollen. (spielt, dann:) ... wie die Wolken im Himmel, so ruhig fließen diese herrlichen Klänge.

Solche romantischen Empfindungen waren damals nicht nur unter Kirchenmusikern verbreitet, auch die Komponisten der Synagogenmusik teilten sie.

Schiru La’Schem – Der gemeinsame Psalm, das war das Motto der zweiten Hälfte dieses Konzerts. Hier singen nämlich Juden und Christen gemeinsam    jüdische  Psalmen – die Kantorin und die Kantoren aus den amerikanischen Synagogen und die Chöre - überwiegend Kirchenchöre. Für Andor Izsák birgt diese Gemeinsamkeit die Hoffnung, dass diese verstummte Seite der Synagogenmusik eines Tages wieder erklingen kann.

Psalmen jedenfalls gehören zu den ältesten religiösen Liedern, die uns bekannt sind. Rund 3000 Jahre dürften die ältesten sein, die uns die Hebräische Bibel – Christen sagen: das Alte oder Erste Testament - überliefert haben. 150 sind es dort, und viele darunter enthalten Anweisungen, mit welchen Instrumenten und zu welchen Melodien sie zu singen sind. Im jüdischen Gottesdienst spielen bis heute Psalmen eine große Rolle. Sie werden von den Gläubigen gebetet und von Kantoren rezitiert.

O-Ton 9 (Prof. Andor Izsák, Hannover) 
Ich kann ihnen die Gefühle des jüdischen Gläubigen in der Synagoge nicht beschreiben, wenn er dieses Gebet mit einem solchen wunderbaren Kantor hört, wie wir Gott-sei-Dank für diesen Abend hier in Hannover engagieren konnten. Solche Kantoren wie Mosche Schulhof aus Miami oder Albert ... aus New York. So was gibt es nicht überall. Das können nur wirklich so gewaltige, so starke Gemeinden leisten wie die Jüdische Gemeinde in der 5th Avenue in New York oder innerhalb dieser Riesengemeinde in Miami, wo in seiner Synagoge für einen Freitag oder einen Samstag, also einen Schabbatgottesdienst 2000 Leute kommen. Das kann man hier in Deutschland kaum vorstellen.

Hierzulande leiden die Gottesdienste in der Synagoge in der Regel genauso unter geringen Besucherzahlen wie die Kirchen. Dort wo ein bedeutender Kantor die Gemeindemitglieder zu faszinieren vermag, sieht es gelegentlich anders aus.

Als nächstes hören wir ein Lied, das gesungen wird, wenn am Schabbat – am Sabbat – der Toraschrein geöffnet wird, um die Torarolle herauszuheben und zu öffnen.

O-Ton 10 (Prof. Andor Izsák, Hannover)   
Es ist eine ganz wichtige Stelle, weil diese Stelle ist für uns die Kundgebung „Wir nehmen die Thora in die Hand“, „Wir zeigen die Tora“ und wir sagen das berühmte jüdische Glaubensbekenntnis „Sch'ma Israel“ (Höre Israel). Spielt:

Wenn die Lade aufbrach - Vajehi Binosa, heißt dieses Lied in einer Komposition von Louis Lewandowski. Mit der Lade ist die Bundeslade gemeint, die das Volk Israel auf seinen vierzig Jahre währenden Wanderschaft durch die Wüste mit sich geführt haben soll. Sie enthielt die Gesetzestafeln, die Tora - jene Texte und Gebote, die nach der biblischen Überlieferung Moses am Sinai übergeben wurden. Der Toraschrein in der Synagoge erinnert an diese Bundeslade. Bis heute macht der Stolz auf die Tora die Kraft des jüdischen Glaubens aus.

Musik 9

Vajehi Binsoa (Und als die Lade aufbrach)
Musik: Louis Lewandowski (1821 – 1894)
Text: hebräisch trad.
Interpreten: Kantor Joseph Malovany, New York, und alle beteiligten Chöre
Orgel: Prof. Gerhard Dickel, Hamburg


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