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Kantoren für die Reformsynagoge
Die "School of Sacred Music" am Hebrew Union College von New York


© für das Manuskript bei Heinz-Peter Katlewski, 2002. 


Übersetzungen
von O-Tönen (Zitaten)  berücksichtigen nach bestem Wissen den weiteren Kontext des Gesagten (Redebeitrag oder Interview). Sie geben den englischen Text deshalb nicht unbedingt wörtlich wieder. 


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für Saarländischer Rundfunk - SR 2 "Thema: Kultur/Musik"
Dienstag, 30. Juli 2002, 09:30 - 10:00 Uhr

Teil 2 (von 4)

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((Vorspiel dem Text unterlegen))

Musik 4

 Shehecheyanu,
auf: Sacred Chants of the Contemporary Synagogue
Bari Productions, Inc. New York 1998

((nach 28“ rausziehen und noch etwas unterlegen))

Shehecheyanu – Ein traditionelles Gebet, das an besonderen Festtagen gesungen wird. Es dankt dafür, diesen frohen Tag erleben zu können. Komponiert wurde es in dieser Version von Kantor Robert Solomon, einem der bekannteren zeitgenössischen amerikanerischen Komponisten von Synagogalmusik. 

 Die Interpretin, Rebecca Garfein, ist Kantorin einer großen New Yorker Gemeinde, der Congregation Rodeph Sholom. Welche Aufgaben hat sie?

O-Ton 2 (Interview Cantor Rebecca Garfein, Congreg. Rodeph Sholom, New York)
Singing and leading the music at all the services, all the holidays, all the chagim, high holidays, besides that I also have a children’s choir that I work with and that sings, and I have an adult volunteer choir that I train. And I also have professional singers that sing with me in the sanctuary, so that’s a whole other group of people. But in addition to this I am really responsible for the training of all the Bnai Mitzwa students. Usually we have about a hundred Bnai Mitzwa students a year. So I don’t do it by myself, but I do train and I do work with every single Bnai Mitzwa that comes through this synagogue. I have an opportunity to really get to know them. I am the person along with Rabbi Levine who is with them the way they become a Bar/Bat Mitzwa. So it is very important to us, that we have a personal connection with children. So its not that I am having my Bar Mitzwa, you know, its really about the day and about the future, its about the connection of that person will have not only on that day, but for the rest of their lives with the community, maybe not always necessarily, but as they go forward in life .

Ich singe und führe den musikalischen Teil aller Gottesdienste, am Schabbat, an allen Festen und hohen Feiertagen. Außerdem leite ich einen Kinderchor und ich unterrichte einen Gemeindechor aus Laien. Dann wiederum gehört dazu, mit dem professionellen Chor der Gemeinde zusammenzuarbeiten. Und darüber hinaus bin ich verantwortlich für die Vorbereitung der Kinder und Jugendlichen auf ihre Bar- oder Bat Mitzwa. Wir haben jedes Jahr ungefähr hundert hier. Ich unterrichte zwar nicht alles selbst, aber ich widme mich jedem einzelnen persönlich, gemeinsam mit unserem Rabbiner. Dass ist mir sehr wichtig, diesen persönlichen Kontakt zu den Kindern zu haben. Der Kontakt soll sich ja nicht nur auf diesen Tag allein konzentrieren. Es geht ja auch um die Zukunft, darum, die Verbindung über diesen Tag hinaus zu festigen zwischen ihnen und der Gemeinde auf ihrem Weg hinaus ins Leben.

In der traditionellen Synagoge ist ein Kantor einfach nur ein Vorbeter. Das ist eine ehrenvolle Aufgabe. In der Regel übernehmen das die Männer, die am besten hebräisch können, die die Gebetsmelodien am besten beherrschen, die die Tora am besten kantillieren können und die das größte religiöse Wissen haben. Ein Beruf ist daraus erst geworden, als auch in der jüdischen Gemeinschaft Religion ihre zentrale Rolle im Leben eingebüßt hat, während zugleich die Ansprüche an die ästhetische Qualität gottesdienstlicher Veranstaltungen enorm gestiegen sind. Die Kriterien dafür entstammen den Erfahrungen mit Kunst und Musik außerhalb des Gotteshauses.

Heute wird dieser musikalische Geschmack immer stärker von populären musikalischen Genres bestimmt. Die theologisch gebildeten und kunstmusikalisch trainierten Kantoren müssen sich deshalb auf Lieder einlassen, die – abgesehen von den Texten – wenig mit jüdischer Tradition zu tun haben. Ein Beispiel dafür sind die Lieder von Debbie Friedman. Sie ist z.Zt. die populärste zeitgenössische jüdische Liedermacherin in Amerika:

((ca. 3” vorher unterlegen))

Musik 5

Not by Might - Not by Power,
auf: Debbie Friedman at Carnegie Hall,
SWP 612, Industrie-Nr. 6-06261-6121-2

((bei 0:43 rausziehen und noch einen Augenblick unterlegen))

Ein Zitat aus dem Buch Sacharja der Hebräischen Bibel: Nicht durch Macht und nicht durch Stärke, sondern durch meinen Geist, spricht der Ewige, der Herr aller Geschöpfe.

Debbie Friedman ist auch ein Kind des Greenwich Village. In diesem Stadtteil New Yorks indem die School of Sacred Music ihren Sitz hat, entstand in den sechziger Jahren des 20. Jahrhunderts die amerikanische Folkbewegung. Mit Liedern in diesem Stil versucht eine ganze Generation von Sängerinnen und Sängern, Menschen für die Religion neu zu motivieren. Eine Studie der über"konfessionellen" Bewegung "Synagogue 2000" hat nämlich herausgefunden, dass sich unter den sechs Millionen Juden in den USA nur noch die über 55jährigen stark mit ihrer Religion und der jüdischen Gemeinschaft identifizieren. In den Altersgruppen darunter steigt der Grad an Indifferenz. Synagogen lassen sie kalt, die meisten Gottesdienste sind ihnen unverständlich. In immer mehr Synagogen erklingen deshalb neben Sopran, Tenor oder dem Bariton der professionellen Vorbeter – sofern die Gemeinde sie sich diese teuren Experten überhaupt leistet – auch solche Gesänge:

Musik 6

Hineh mahtov (Feldaufnahme),
auf: Begleit-CD zum Buch von Jewffrey A. Summit
“The Lord’s Sang in a Strange Land“
Oxford University Press, ISBN 0-19-511677-1

((bei ca. 0:41 rausziehen))

Impressionen aus einem Gottesdienst in einer großen Reformgemeinde von New York. Kantor Bruce Ruben glaubt, dass die liturgischen Gesänge zur Gitarre wenig dazu beitragen können, eine angemessene zeitgenössische jüdisch-religiöse Musik zu entwickeln. Sie nutzen sich zu schnell ab. Schuld an dieser Entwicklung sind die Rabbiner in Amerika, meint er – viele von denen jedenfalls, die heute in den mittleren Jahren sind.

O-Ton 3 (Interview Cantor Bruce Ruben, Temple Shaaray Tefila, New York)
Many Rabbis who serve in the rabbinate in America grew up in the camp movement. They went to the summer camps and had services around the campfire. They learnt folksongs for the service, and they loved that experience. In some cases, this is why they became Rabbis. They wanted to create a movement that is informal and intimate the way campfire services are at camps. And so their preference in many cases is for – low church music: Folksongs, that are easily accessible, where you can clap to, very easy to catch on . (klatscht). And that’s the way they want the services in many cases. The cantors are trained in the whole history of Jewish liturgical music from Rossi in the renaissance through the great composers of the German and Austrian synagogues like Sulzer, Lewandowski, Naumbourg in France. They are trained in Nusach, in the traditional chant modes and they are trained in the Eastern European cantorial pieces. They know the whole richness of it, and they have to work with a Rabbi, who is saying, I want sing along Guitar Music at my service, because that’s the feeling I want at my service. So, now you have a turf battle going on. The cantor who is the music specialist and knows the rich heritage of Judaism and a Rabbi that grew with a love of a certain style, and wants his congregation to have that style, wants to pull them in to a love of their tradition through – what I call – the lowest common denominator music.

Viele Rabbiner heute in Amerika sind in der jüdischen Jugendbewegung aufgewachsen. Im Sommer fuhren sie zu Zeltlagern und erlebten dort gemeinsam Gottesdienste am Lagerfeuer. Sie lernten dort religiöse Folksongs und diese Erfahrung bedeutete ihnen alles. Manche wurden deshalb Rabbiner. Sie wollten eine Bewegung begründen, die informell und intim ist, so wie am Lagerfeuer. Und da schien vielen von ihnen einfache Musik am besten geeignet zu sein. Lieder, die leicht zugänglich sind und bei denen man mitklatschen kann. So wollten viele von ihnen auch die Gottesdienste. Die Kantoren dagegen kennen die ganze Geschichte jüdischer liturgischer Musik – angefangen von Rossi in der Renaissance bis hin zu den großen Komponisten der deutschen und österreichischen Synagogen. Sie haben auch Nussach gelernt, die alten überlieferten Melodietypen für die Gebete, sie kennen auch die Werke der osteuropäischen Kantoren. Und dann kommt so ein Rabbiner, der sagt, ich will in meinem Gottesdienst zur Gitarre singen, dieses Gefühl möchte ich vermitteln. So, und dann geht eine Schlammschlacht los. Hier der Kantor, der ein Kenner der Musik und der Tradition ist und dort der Rabbiner mit seiner Liebe zu einem ganz bestimmten Stil, und der gern möchte, das die Gemeinde, diesen Stil übernimmt und darüber jüdische Traditionen lieben lernt – ausgerechnet durch eine Musik des kleinsten gemeinsamen Nenners.


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