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Songleading
in der Jüdischen Jugendlagerbewegung der USA. Songs
im populären Stil
integrieren vor allem junge Menschen ins Judentum, irritieren dafür aber ältere und musikalisch anspruchsvolle.
Übersetzungen von O-Tönen
(Zitaten) berücksichtigen nach bestem Wissen den weiteren
Kontext des Gesagten (Redebeitrag oder Interview). Sie geben den
englischen Text deshalb nicht unbedingt wörtlich wieder.
für
Westdeutscher Rundfunk - WDR 2 "Zum jüdischen
Laubhüttenfest: Sukkot"
Freitag, 20. September 2002, 15:05 - 15:20 Uhr
O-Ton 1
(Interview Judah Cohen, Harvard University)
In the 1930s a number of people came over to the United States
from Germany, they were rabbinic students, and they wanted to do
things similar to the way did things in Germany. And this included
a lot of the Kinderwandern, a lot of youth-group type of
experience. They came over and wanted to start something similar
in the United States.
In
den dreißiger Jahren kamen viele Menschen aus Deutschland in die
USA, darunter eine Reihe von Rabbinerstudenten. Und die wollten
alles so machen wie zuvor in Deutschland. Dazu gehörte ihre
Erfahrung mit der Jugendbewegung, vor allem mit den jüdischen
Jugendbünden. So etwas ähnliches wollten sie auch in den
Vereinigten Staaten aufziehen.
Jüdische
Jugendlagerbewegungen
in Nordamerika
Judah
Cohen ist Musikwissenschaftler an der amerikanischen
Harvard Universität*. Er beschäftigt sich dort u.a. mit
einer Bewegung innerhalb des Reformjudentums, die die
Synagogalmusik fundamental verändert hat: dem Camp
Movement – auf deutsch: der Jugendlagerbewegung. Das
erste Camp fand bereits 1939 statt, aber Lieder spielten
damals eine untergeordnete Rolle. Jugendliche und junge
Erwachsene sollten vor allem im lockeren Rahmen etwas über
ihr Judentum erfahren und ihr Wissen vertiefen. Das ist
bis heute das Ziel dieser Lager. Aber seit Anfang der fünfziger
Jahre hat dort unüberhörbar die Gitarre Einzug gehalten.
Sie macht auch vor großen jüdischen Gebeten nicht halt.
Im Gegenteil: sie macht sie für viele junge Menschen überhaupt
erst zugänglich. Das gilt auch für das Sch'ma Israel –
Höre Israel:
((etwa
0:10 Sekunden unterlegen, evtl. vorher bereits unterlegen))
Musik
1
Sh'ma
(Shabbat Evening Services),
auf: Shir L'L'Yom Chadash
1999 UAHC Camp Institutes for Living
Judaism
Capm Newman and Camp Swig Album
SoundsWrite Productions
((bei 0:35
rausziehen und dem Text kurz unterlegen))
O-Ton 2 (Interview Dr
Judah Cohen, Harvard University)
The first summer camp, that was established in Wisconsin, north of
Chicago. And it was really through that Chicago region and through
these rabbis that were trained in Cincinnati and came over from
Germany, that this whole song leading movement really got started.
After that, then songleading became a very important part of the
camp experience.
Das
erste etablierte Sommerlager wurde in Wisconsin nördlich von
Chicago eingerichtet. Also nicht in New York, wie sonst alles im
amerikanischen Judentum. Und begonnen hat es mit diesen Rabbinern
aus Deutschland, die in Cincinnati am Hebrew Union College ihre
Ausbildung abgeschlossen hatten. Und von da an wurde Songleading,
das Singen von Gemeinschaftsliedern ein wichtiger Teil des
Lagererlebnisses.
Aber dabei blieb es nicht. Die klassischen
Schabbatfeiern im amerikanischen Reformjudentum waren ursprünglich
– trotz im einzelnen großer Unterschiede – stark vom
evangelischen Sonntagsgottesdienst beeinflusst, und das seit rund
150 Jahren. Die zuvor sehr lange traditionelle jüdische Liturgie
wurde streng geordnet und gestrafft auf eine gute Stunde. Rabbiner
und Kantorteilen
sich die Gottesdienstleitung. Der Beruf des Kantors wurde schließlich
sogar professionalisiert. Die Gemeinde singt einen Teil der
Liturgie selbst und wird dabei unterstützt von einer Orgel oder
einem Piano, einen anderen Teil übernimmt ein gemischter Chor.
Auch
das hat sich in den USA und Kanada bereits zu einer Tradition
entwickelt, und die hat wiederum ihre Ursprünge im liberalen
Judentum Deutschlands während des 19. Jahrhunderts. Heute ist
dieser Stil hierzulande kaum noch vertreten, dafür ist er in
Nordamerika sehr weit verbreitet. Und selbst in England sind in
vielen Synagogen Orgel und gemischter Chor zu hören –
allerdings nicht dort, wo die Orthodoxie das Sagen hat. Für sie
sind Instrumente am Schabbat und Frauenstimmen im Gottesdienst
unvorstellbar. Kantoren der amerikanischen Reformbewegung müssen
ein umfangreiches Studium absolvieren, um in ihrer Gemeinde sowohl
theologisch eine führende Rolle übernehmen zu können als auch
die Gottesdienstästhetik zu prägen. Sie lernen dafür an einer
eigenen Hochschule die ganze Breite jüdischer Musiktraditionen
aus Geschichte und Gegenwart kennen und neigen heute eher dazu,
sich auf alte Gebetsgesänge zu besinnen. Ein großer Teil der
neuen Rabbinergeneration dagegen ist anders geprägt, weiß der
New Yorker Kantor Bruce Ruben:
O-Ton 3
(Cantor Bruce Ruben, Temple Shaaray Tefila)
Many Rabbis that serve in the rabbinate in America grew up in the
camp movement. They went to the summer camps and had services
around the campfire. They learnt folksongs for the service, and
they loved that experience. In some cases, this is why they became
Rabbis. They wanted to create a movement that is informal and
intimate the way campfire services are at camps. And so their
preference in many cases is for – low church music: Folksongs,
that are easily accessible, where you can clap to, very easy to
catch on . (klatscht) And that's the way they want the
services in many cases.
Viele
Rabbiner heute in Amerika, sind in der jüdischen Jugendbewegung
aufgewachsen. Im Sommer fuhren sie zu Zeltlagern und erlebten dort
gemeinsam Gottesdienste am Lagerfeuer. Sie lernten dort religiöse
Folksongs und diese Erfahrung bedeutete ihnen alles. Manche wurden
deshalb Rabbiner. Sie wollten eine Bewegung begründen, die
informell und intim ist, so wie am Lagerfeuer. Und da schien
vielen von ihnen einfache Musik am besten geeignet zu sein.
Lieder, die leicht zugänglich sind und bei denen man mitklatschen
kann. (Kleine Pause!) Und so wollen viele von ihnen auch die
Gottesdienste.
((nach 27 Sek. hochziehen))
Musik 2
L'cha
Dodi, auf: Tov Lanu Lashir: It Is Good For Us To Sing,
2002 UAHC Camp Swig and Camp Newman/ Sounds Write Productions
((bei 0:59 zügig rausziehen und kurz
unterlegen))
Ein
typisches Lied mit dem am Freitagabend der Schabbat – der
Ruhetag – begrüßt wird. So klingt es im Jugendlager und so ähnlich
kann man es auch in vielen nordamerikanischen Synagogen hören.
Nicht unbedingt immer im Hauptgottesdienst, aber dann in denen von
sog. Chavurot, größeren Gebetsgruppen, die parallel zum
offiziellen Angebot ihrer Synagogengemeinde einen eigenen
Gottesdienst in einem anderen Saal anbieten. Heute kommt das
Liedmaterial dafür auch aus eigner kleinen jüdisch-religiösen
Popszene. Die Songschreiberin Debbie Friedman ist ihre populärste
Ikone. Auch sie kommt ursprünglich aus der Singebewegung der
Jugendlager:
Musik
3
Not
by Might - Not by Power, auf: Debbie Friedman at Carnegie Hall
Sounds Write Productions 612, Industrie-Nr.
6-06261-6121-2
((nach 26
Sek. rausziehen))
Mittlerweile
entscheidetin den jüdischen Gemeinden Amerikas auch die Musik darüber, ob
Beter in die Synagoge kommen oder nicht. Kantor Bruce Ruben sind die populären
Stile zwar zuwider – für ihn ist das eine Musik des kleinsten
gemeinsamen Nenners, aber er kann die Bedürfnisse seiner
Gemeindemitglieder nicht ignorieren. Die neuen Aspiranten für eine
Kantorenstelle müsse heute auf jeden Fall Gitarre spielen können. Aber
natürlich identifizieren sich nicht alle Synagogenbesucher mit
Lagerfeuergesängen:
O-Ton
4 (Cantor Bruce Ruben, Temple Shaaray Tefila)
My position all the way along is, you need all sorts of music in a
synagogue. You attract people of all sorts. There are people that
come and love to hear the choir. They say, don’t make me sing
the whole service. I come after a hard week, I want to hear the
choir. It moves me to an-other place. It gives me a spiritual
experience. So they need that. And than there are people who want
to sing every note in the service. And they want a very
participatory service. So have to give them something of what they
need. It’s a matter of compromise. I believe you should draw
from all areas of the music heritage of our people.
Ich
glaube, letztendlich brauchen wir alle Arten von Musik in einer Synagoge.
Es gibt Menschen, die finden es wunderschön, den Chor zu hören.
Die sagen, lasst mich nicht die ganze Liturgie über singen. Ich
hatte eine harte Woche, und ich möchte deshalb den Chor hören.
Das führt mich in eine andere Welt, es vermittelt mir ein
spirituelles Erlebnis. Die brauchen das. Und dann gibt es Leute,
die wollen mitmachen und jede Note im Gottesdienst selber singen.
Denen muss ich auch etwas geben. Ich muss Kompromisse machen. Aber
ich glaube, wir sollten auf das ganze Spektrum der musikalischen
Traditionen des jüdischen Volkes zurückgreifen.
*)Judah
Cohen lehrt jetzt (2004) am Department of Hebrew and Judaic Studies (Faculty
of Arts and Science) der New York University