Der Zusammenbruch der DDR bedeutete für die
meisten Musikwissenschaftler an den Universitäten
Ostdeutschlands den Verlust ihrer Lehrstühle. Das galt in
jedem Fall für die ausgewiesen marxistischen Professoren.
War im Osten Musikwissenschaft einst per definitionem
marxistisch geprägt, konnten sich im Westen nur einige auf
ihrem Marsch durch die Institutionen akademisch etablieren.
Zehn Jahre nach dem Zusammenbruch der sozialistischen
Staaten, trafen sich die Abgewickelten aus dem Osten und die
verbliebenen Etablierten aus dem Westen, um über die Zukunft
marxistisch inspirierter Musiktheoriebildung und -forschung
zu diskutieren.
|
Fast alle Musikwissenschaftler auf der
Oldenburger Tagung verstanden sich irgendwie als Marxisten oder vom
Marxismus beeinflusst. Die einen repräsentierten in 40 Jahren DDR
das dort vorherrschende Verständnis von Musik, die anderen dagegen
aus dem Westen spielten in der akademischen Welt der Bundesrepublik
auch mit Professur eher die Rolle von Paradiesvögeln: sie setzten
sich ab von der hier dominierenden Lehre und versuchten Akzente für
eine neue Musikforschung zu setzen, für einen Paradigmenwechsel. Die
Tagung sollte versuchen, diese beiden Erfahrungen in den Dialog zu
bringen.
Für die Bremer
Professorin für Sozialgeschichte der Musik,
Eva Rieger, zum Beispiel war die Beschäftigung mit marxistischen
Ansätzen der Erklärung von Musikgeschichte eine Inspiration:
O-Ton 1 (Interview mit Prof. Dr. Eva Rieger,
Bremen)
Im Studium haben wir gelernt, dass Musik etwas Autonomes
ist, was sich selbst gehorcht, und es war für mich eine neu
Erfahrung, eine wichtige Erfahrung als ich die Theorien auch
von Kollegen aus der DDR und der Sowjetunion las, auch die
von Adorno, wonach Musik in sich eingebettet ist in
Gesellschaft - die Tatsache, dass alle Musik in sich, auch
in dem Tönenden, was man zu hören bekommt, selbst auch
Gesellschaftliches in sich enthält, hat mich sehr
beschäftigt. |
Ohne die
wirtschaftlichen Verhältnisse zu betrachten, ist für Marxisten ein
angemessenes Gesellschaftsverständnis freilich nicht vorstellbar.
Auf ihrem Weg zur feministischen Musikgeschichte, war für Eva Rieger
der Marxismus ein Zwischenschritt, einer, der ihr z.B. durch
marxistische wissenschaftliche Literatur vermittelte, das die Musik
Ende des 18. Jahrhunderts immer weniger höfisch beeinflusst und
dafür umso stärker vom aufstrebenden Bürgertum und seinen Werten
geprägt wurde.
O-Ton 2 (Interview mit Prof. Dr. Eva Rieger,
Bremen)
Ich habe lange Jahre gesungen im philharmonischen Chor in
Berlin. Und bei den Messen Oratorien fiel mir auf, dass die
Beschreibung von Gott immer mit Posaunen, mit Hörnern, mit
einem repräsentativen Instrumentarium vor sich ging, während
die Beschreibung von Maria mit Flöte, Harfe, Sologeige usw.
geschah. Ich wusste, dass aufgrund auch von Büchern, dass
die Musik verbürgerlicht wurde um 1790, und mir war klar,
dass diese Musik, die Gott beschreibt, auf den bürgerlichen
Mann übergegangen ist, und die filigrane Musik, die Maria
beschreibt, auf die tugendhafte Frau übergegangen ist. |
Auch wenn sich bei ihr seit den
achtziger Jahren mit den Theorien der Postmoderne Ernüchterung über
solch große Welterklärungen wie den Marxismus einstellte, nutzt Eva
Rieger marxistisch inspirierte Forschungsergebnisse. Ihre
Schlussfolgerung: die Charakterrollen von Mann und Frau, wie sie uns
heute noch vertraut sind, sind nicht etwa natürlich, sondern ein
Produkt des Emanzipationsprozesses des Bürgertums seit Ende des 18.
Jahrhunderts und der Rolle, die sich Männer dabei angeeignet haben.
Musikwissenschaftler in Osteuropa waren lange Zeit nicht so frei in
der Auswahl ihres wissenschaftlichen Repertoires. Sie hatten den
Auftrag, mit marx'scher Theorie die Welt zu verändern. Ihr Kriterium war
Fortschrittlichkeit. Fortschrittlich war Musik dann, wenn sie vom
musikalischen Material her und kompositionstechnisch ein Spiegel
ihrer Zeit war. Danach war Beethoven auf der Höhe seiner Zeit,
während Schubert und Schumann als minderwertig galten. Dieses
Konzept öffnete der politischen Gängelung Tür und Tor. Für den
slowakischen Musikwissenschaftler
Oskar Elschek aus Bratislava
begann das schon in den zwanziger Jahren und bestimmte das Fach auch
später in den sozialistischen Ländern - mit fatalen Folgen - nicht
zuletzt für zeitgenössische Neue Musik. Sein Verdikt in Oldenburg war ziemlich
eindeutig.
O-Ton 3 (Prof. Dr. Oskar Elschek, Bratislava)
Das Musikkonzept des 19. Jahrhunderts wurde als das
Erwünschte hochstilisiert. Es wurde dadurch zu einem
wertenden Segregations- und Selektionsprozess der Kunst,
die nicht weit entfernt vom Konzept der entarteten Kunst und
Musik stand. Sie spielte die Vergangenheit, paradoxerweise
der Bürger - aus ihrer Sicht also fortschrittlicher Musik -
gegen die zeitgenössische Musik aus, die sie verunglimpfte,
verfälschte und unzulässigerweise ideologisierte. Die
geistliche Musik wurde in ihrer Bedeutung in der
Musikgeschichte heruntergespielt, missinterpretiert und
abgewertet. Es entstand ein unwahres, politisiertes Bild
von der Musikgeschichte, für welche die sog. marxistische
Musikwissenschaft in ihrer kulturpolitischen Einordnung oder
Unterordnung mitverantwortlich war. Es entstand dadurch ein
gestörtes Verhältnis zur Musikrealität und zur Realität
überhaupt. |
Es gab im Osten
allerdings auch andere Projekte, denen es gerade um eine verbesserte
Wahrnehmung der Realität ging. Anfang der achtziger Jahre gründeten
junge Musikwissenschaftler ohne Rücksprache mit der Partei an der
Berliner Humboldt-Universität ein Forschungszentrum Populäre Musik.
Dort beschäftigte man sich ernsthaft mit einem zeitgenössischem
musikalischen Phänomen - einem, das die Musikwissenschaft hüben wie
drüben als minderwertig erachtete und immer noch missachtet.
Ihr Leiter,
Peter Wicke, hat heute an dieser Universität eine
Professur für Populäre Musik. Die Aktualität marxistischer
Analysemethoden illustrierte er zur Einführung in seinen Arbeitkreis
"Musik und Politik" mit einer Polemik:
O-Ton 4 (Prof. Dr. Peter Wicke, Berlin)
Wer bei Eric Clapton nicht an den New Beetle von Volkswagen
denkt, um nur ein Beispiel für die anvisierte Verschmelzung
von Markenname und Musiker zu nennen, darf für sich in
Anspruch nehmen, nicht mehr ganz von dieser Welt zu sein.
Besser noch: die hedonistischen Guerillakämpfer der
Subkultur lassen sich ihre politisch gemeinten
Demonstrationen der Sinneslust, vom internationalen
Großkapital sponsern. Die Medien sorgen mit einer
publizistischen Aufmerksamkeit, die keinem anderen Ereignis
der Zeitgeschichte zugebilligt wird, für das angemessene
Produktplacement. Und die Alt-Achtundsechziger in den
Amtsstuben der kommunalen Verwaltungen legen für einen
Moment den Rotstift aus der Hand und die Krawatte ab, um
wenigstens bei dieser Gelegenheit ihre Jugendverbundenheit
zu demonstrieren. |
Die
Musikwissenschaft in ihrer traditionellen Ausprägung sei kaum dafür
gerüstet, Themen wie Musik, Medien, Globalisierung und Politik
angemessen wahrzunehmen, geschweige denn, sie zu analysieren, meint
Peter Wicke. Noch immer führe sie Debatten darüber ob irgendeine
Musik Kunst sei oder nicht, während die unterschiedlichsten
Klangformen der Musik aber tatsächlich wichtige Rollen spielten für
die Inszenierung der Kämpfe um die wirtschaftlichen Ressourcen der
Zukunft: die Körper, das Denken, Weltbilder, Wünsche, Hoffnungen und
Glücksansprüche und die ganz individuellen Koordinaten der Subjektivität.
O-Ton 5 (Prof. Dr. Peter Wicke, Berlin)
Wenn das Alltagsbewusstsein der Macher,
gleich welcher Art, einen höher entwickelten Sinn für die
Komplexität der Unterschiede, ihrer Interdependenzen und
Widersprüche aufzuweisen hat, als die mit ihnen befassten
Akademiker - das lässt sich an den Zeugnisse von
MusikerInnen, DJ's und den subkulturellen Aktivisten der
diversen Szenen ebenso festmachen, wie an einer Reihe von
Statements von Repräsentanten der Kulturindustrie - dann
muss daran erinnert werden, dass Denkzeuge brachliegen, die
es wert sind, darauf befragt zu werden, ob sich mit ihnen
dieser Rückstand nicht abtragen lässt. |
|