Den Anlass bot die magische Zahl: das Jahr
2000. Bis dahin hatte es zwar immer wieder
Kooperationskongresse zwischen verschiedenen
musikwissenschaftlichen Verbänden gegeben, aber noch nie mit
dieser Breite an wissenschaftlichen Zugängen, Interessen und
Genres. Dieses Milleniums-Event forderte von den beteiligten
Organisationen ein hohes Maß an Offenheit. Alle
Veranstaltungen waren für alle offen, und die beteiligten
Institutionen einigten sich darüber hinaus auf ein partiell
gemeinsames Programm. Das sollte die Schnittstellen, die 'Intersections'
markieren.
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O-Ton 1 (Interview mit Prof. Dr. Walter
Frisch,
New York)
Was sie hier suchen, ich glaube, ist das: “Was für Fragen
haben wir gemeinsam. Zum Beispiel mit klassischer Musik kann
man ja die Formenanalysen oder die biografische Detail des
Kompositoriums. Aber man kann auch eine mehr ethnografische
oder 'sociological' Forschung machen. So kann von einem Fach
in einem anderen einige Methoden importieren ein bisschen. |
Der Brahmsforscher
Walter Frisch von der Columbia University in New York war einer
von rund 3400 Teilnehmern, die sich in Toronto zu dieser
Mega-Konferenz zusammengefunden hatten. 15 verschiedene kanadische
und US-amerikanische Organisationen aus allen Feldern der
Musikforschung hatten sich hier versammelt , um über den Tellerrand
ihrer jeweiligen Disziplin hinauszublicken: die noch stark von der
europäischen Musikwissenschaft und der europäischen klassischen
Musik beeinflusste American Musicological Society, die allen
Stilrichtungen der Musik zugewandte Gesellschaft für amerikanische
Musik, die Blasmusikforscher, die Musikethnologen, Musikpsychologen,
Vertreter der Musikhochschulen und der Popularmusikforschung. Und so
ist es kein Wunder, dass in unzähligen Workshops und den
Musikdarbietungen in den Pausen ganz unterschiedliche Klänge zu
hören waren.
Während die
Musikethnologen das Gamelanmusik-Ensemble der Eastman School of
Music der University of Rochester aufspielen ließen, präsentierte
die Society for American Music die Pianistin Elaine Chew mit
zeitgenössischer chinesischer Musik:
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Atmo 2 (chinesische Klaviermusik)
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Jedes Genre hatte
hier sein wissenschaftliches Forum, auch Musik, die zwar gehört,
aber oft nicht bewusst wahrgenommen wird, weil sie Teil einer
Bildergeschichte ist: als Dramatisierung im Nachrichten-Fernsehen,
als Musik-Video und natürlich als stilistisches Element im
Unterhaltungs- oder Dokumentarfilm. Es ging aber erst in zweiter
Linie um die bekannten populären Soundtracks. Im Mittelpunkt standen
vielmehr die feinen musikalischen Akzente. Zum Beispiel in „Pleasantville“,
einem Film, der 1998 in die Kinos kam und gegen eine allzu simple
Gegenüberstellung von Gut und Böse und Richtig und Falsch in der
amerikanischen Gesellschaft zu Felde zieht. Die Filmhelden werden
zurückversetzt in die fünfziger Jahre und sehen sich verblüfft im
Schwarz-Weiß-Fernsehen. Ihre spontane Reaktion: „We are supposed to
be in Colour“ – Wir müssten farbig sein.
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Atmo 3 (Szene, Filmmusik aus "Pleasantville")
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Die Musik akzentuiert das Erlebnis
eher minimalistisch, um dem Erstaunen Raum zu geben.
Dass Filmmusik
bislang auch in Amerika noch wenig beachtet wird und erst bei dieser
Konferenz an prominenter Stelle im Programm erscheint, erklärt der
Musikwissenschaftler
James Deaville von der kanadischen MacMaster-University*)
so:
O-Ton 2 (Interview mit Prof. Dr. James
Deaville,
Ottawa)
Zunächst mal gab es immer eine Kritik an der Filmmusik, und
das hat seine Anfänge im 19. Jahrhundert als Eduard Hanslick
und andere Musikkritiker die Programmmusik so scharf
verurteilt haben. Und das heißt, dass eine Verbindung von
Musik und etwas Nicht-Musikalischem nicht ins Bild passt.
Und das hängt natürlich auch mit der Philosophie von Hegel
und anderen deutschen Idealisten – und das ist ein Erbe aus
alter Zeit, was wir in den USA und auch in Kanada, mit dem
wir noch leben müssen. Zum Teil weil unsere
Musikwissenschaft zum großen Teil von den deutschen
Musikwissenschaftlern früher in diesem Jahrhundert geprägt
wurde. D.h. Positivismus, Musik als Text, aber als Text der
nichts anderes sagt als etwas Musikalisches und jede
Verbindung mit Wort und Bild war zu vermeiden, weil das die
Grenzen der Musik überschreitet. |
Aber Musik ist heute natürlich
allgegenwärtig. Insofern steigt auch in der etablierten
Musikwissenschaft das Interesse an Phänomenen, die die Musik
begleiten oder die Musik begleitet.
Die Idee zu diesem
– auch für amerikanische Verhältnisse – außergewöhnlichen
musikwissenschaftlichen Spektakel entstand vor fünf Jahren in den
Reihen der eher musikpraktisch orientierten College Music Society.
Den Anlass bot die magische Zahl: das Jahr 2000. Das Milleniumsevent
forderte von den beteiligten Organisationen ein zumindest partiell
gemeinsames Programm zu entwickeln, um damit dem Anspruch,
musikalische Schnittstellen zu markieren, zu konkretisieren. Das
Verhältnis von Medien, Technologien und Musik wurde ein zentrales
Thema. Die Musikethnologin
Virginia Danielson hat an dem Katalog gemeinsamer Sitzungen
mitgearbeitet.
O-Ton 3 (Dr. Virginia Danielson, Harvard
University)
I think, there is also a great interest in
digital technology, and one sees that in the joint sessions
where digital technology is addressed as a teaching
mechanism, as a resource, for musical attitudes towards
music, and of course as a way for transmitting music and for
preserving and perpetuating and so far and so on. We’ve seen
a couple of sessions involved in that. One yesterday, that
included mechanisms for using technology. At the same time
did the final paper critiqued the ways on which digital
audio technology comes into our lives as being excessively
top down or controlling from external agencies rather than
controllable. So, both, the processes of using the
technology and the impact that it has on our social life is
part of the discussion.
Es gibt
ein großes Interesse an digitalen Technologien. In den
gemeinsamen Sitzungen werden sie als Methode und Mittel in
der Lehre diskutiert, oder als Informationsquelle über Musik
und musikalisches Verhalten, und natürlich als ein Medium
der Übermittlung von Musik oder Möglichkeit , Musik
aufzubewahren und zu verewigen. In einer Sitzung gestern zum
Beispiel ging es um Mechanismen, die es nahe legen,
Technologien einzusetzen, etwa zur Interpretation. Der
letzte Beitrag allerdings kritisierte, dass die
Digitaltechnologie ausufert und uns mehr oder weniger in
allen Lebensbereichen aufgezwungen wird. Diese Einflüsse
kämen von Agenturen außerhalb der Musik und seien praktisch
nicht zu kontrollieren. Also, Teil unserer Debatten über
Technologien sind die Prozesse, die dazu führen, dass wir
sie nutzen, aber zugleich auch die Frage, welche
Auswirkungen das auf unser Musikleben hat. |
Mindestens ebenso
wichtig ist die Frage, wie Musik künftig unterrichtet werden soll,
und vor allem was unterrichtet werden soll. In einer Zeit, in der
ständig neue Formen und Varianten von Musik entstehen, ist die Frage
schwer zu beantworten, was notwendig zum Kanon gehört, und das blieb
natürlich auch in Toronto umstritten.
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