Über die Folgen der Globalisierung wird in
der Musikwissenschaft erst seit kurzem diskutiert. Das gilt
nicht nur für Deutschland sondern weltweit. Allein die
Musikethnologen, die von jeher beobachten, wie Musik durch
Länder und Kulturen wandert, haben sich schon zuvor damit
beschäftigt. Sie fasziniert, was vor Ort geschieht, wie und
warum Klänge aus anderen Teilen der Welt in die eigene
lokale Musikkultur aufgesogen werden. Auf dem Kongress der ,
um die damit zu bereichern oder zu aktualisieren. Auf dem
17. Kongress der 'International Musicological Society' im
belgischen Leuven (Löwen) war das eines der großen Themen.
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Der Altmeister der
Musikethnologie, der US-Amerikaner
Bruno Nettl, berichtete auf dem Kongress in Löwen darüber,
dass die
Schwarzfußindianer in seiner Heimat sog. Weltmusik aus Indien
kennen und völlig unproblematisch in ihre eigene ethnische Musik
eingebaut haben, während auf der anderen Seite westliche Musik im
Iran kaum Einflüsse hinterlassen hat, obwohl ob lange Periode enger
ökonomischer und kultureller Beziehungen mit Persien gab. Die
musikalischen Erfahrungen bis hinein in die Melodiebildung sind
offenbar so verschieden, dass eine Integration nicht ohne weiteres
möglich ist. Aber das ist natürlich nicht der einzige Grund, gibt
Detlef Altenburg zu bedenken, Professor an der Hochschule
für Musik „Franz Liszt“ Weimar/Jena und zugleich Präsident der
Deutschen Gesellschaft für Musikforschung:
O-Ton 1 (Prof. Dr. Detlef Altenburg,
Weimar)
Das ist natürlich auch immer wieder abhängig von den
politischen Bedingungen. Vor nicht allzu langer Zeit war ja
auch eine sehr unterschiedliche Situation bei zwei Staaten,
die sehr eng beieinander liegen. Ich meine jetzt Polen und
die DDR. Die Wahrnehmung des Westens war in Polen eine ganz
andere als in der DDR. Und in der polnischen Neuen Musik
wurde etwas überspitzt formuliert, der Eiserne Vorhang
übersprungen, einschließlich der gesamten DDR. Die
Wahrnehmung von dem was in Frankreich oder was in
Deutschland passiert, war in Polen sehr viel intensiver als
die Wahrnehmung etwa in der DDR. |
Seit diese Grenzen vor mehr als 10
Jahren gefallen sind, hat die Globalisierung noch einmal an Dynamik
gewonnen. Künstler spielen jetzt immer häufiger mit den
Möglichkeiten, die sich daraus ergeben. Musik, klangliche und
visuelle Images aus aller Herren Länder können nicht mehr nur durch
Reisen zusammengetragen werden. Auf Servern in aller Welt steht
vieles davon auch zum Download aus dem Internet zur Verfügung und
verlockt zur Nutzung. Mit diesem Material lässt sich durch
Synthesen neue Musik schaffen, die in die Zeit hinein spricht.
Der
Videokünstler
Yo-Yo Ma hat zwar japanische Wurzeln, aber er ist
Amerikaner. Er spricht auch kein Japanisch. Dennoch experimentiert
er in einer Videoserie u.a. mit einer alten japanischen
Tanztradition, dem Kabuki-Tanz und Musik von Johann-Sebastian Bach,
z.B. mit einer Suite für Cello-Solo. Yo-Yo Ma empfindet Bachs Musik
nicht nur als poetisch, sondern sogar als malend. Und das versucht
er umzusetzen. Die Wiener Professorin für Musikgeschichte,
Cornelia Szabó-Knotik beschreibt dieses Projekt.
O-Ton 2 (Prof. Dr. Cornelia Szabó-Knotik,
Wien)
Es gibt in der Anfangssequenz so einen Blick auf Tokio aus
der Vogelperspektive, wo eine Kreuzung mit einem
Zebrasteifen ganz grafisch aufgenommen wurde in einem sehr
harten grauen Licht. Und danach kommt sozusagen eine Feder,
die auf offensichtlich sehr körniges Pergament einen
japanischen Buchstaben malt. Ich habe da das Beispiel
erwähnt von Peter Greenaways' Bettlektüre, wo es ja auch
darum geht, dass seine Frau die Rücken ihrer Liebhaber mit
japanischen Texten bemalt. In der Visualisierung spielt das
Projekt mit demselben Mittel. Da sieht man auch immer diese
Rücken und diese Buchstaben, die sinnlich, feucht geradezu,
auf die Haut aufgetragen werden. So ähnlich ist das, wenn
hier dieser weiße Buchstabe auf dieser schwarzen Fläche den
programmatisch gewählten Titel des nächsten Bachsatzes
einleitet. Aber es sind natürlich auch diese ganz
komplizierten Kleidungsstücke des Kabuki-Tänzers, der der
Tradition folgend als Frau auftritt und zwar in jedem Satz
als ein anderes Frauenrollenmodell. Das gehört zum
Kabuki-Theater auch dazu. |
Große
multinationale Musikunternehmen, in diesem Fall SONY, unterstützen
solche Projekte und hoffen auf diese Weise klassische Musik durch
Visualisierung popularisieren zu können. Exotisch soll es sein, aber
irgendwie auch ernsthaft. Eine Melodie, die auf dem Plattenmarkt
kaum Chancen hätte erfolgreich zu sein, wird durch die Bebilderung
aufgepeppt, gerät dabei allerdings gleichzeitig in den Hintergrund.
O-Ton 3 (Prof. Dr. Cornelia Szabó-Knotik,
Wien)
Ich glaube, dass solche Produkte sehr komplexe Verbindungen
von verschiedensten Elementen sind, von verschiedenen
Klischees sind. Insofern hat eben so ein Produkt wie dieses
eine Video, um jetzt bei diesem Fallbeispiel zu bleiben,
definitiv zu tun mit einer gleichzeitig stattgefundenen
Japanmode. Die muss man ja konstatieren, also dieser Trend
von Sushi-Lokalen und Lackmöbeln und allem, was damit
verbunden ist: so Coolness, aber gleichzeitig auch alte
Tradition. Das findet sich ja auch in diesem Video, denn die
alte Tradition ist ja hier kurioserweise nicht der Bach,
sondern das Kabuki-Theater. Das ist ja an sich noch eine
ältere Sache. Und der Bach wäre dann das abendländische
Raffinement dazu. |
Bachs Musik und
der traditionelle Tanz haben sich an sich nichts zu sagen und doch
entsteht etwas Neues. Was hier dem exotischen Tanz widerfahren ist,
geschieht eben auch mit exotischer Musik. Prof. Altenburg zur
Diskussion während des Kongresses über den Wandel der Musik:
O-Ton 4 (Prof. Dr. Detlef Altenburg,
Weimar)
... und dabei wurde
festgestellt, dass einerseits bei dieser Globalisierung in
der Wahrnehmung der Musik anderer Kulturen ein enormer
Beschleunigungsprozess stattfindet, dass andererseits
natürlich auch ganz entscheidende Veränderungen eintreten,
weil das Aufnehmen der Musik fremder Kulturen natürlich auch
immer dazu führt, dass eigene Dinge modifiziert oder
aufgegeben werden. Nur, das ist alles nichts Neues, es hat
sich nur unter anderen Bedingungen vollzogen. Das schöne an
dieser Entwicklung ist, bei der – ich will nicht sagen
erstmals - aber doch Krieg keine Rolle spielt, sondern dass
es eine Entwicklung ist, die nicht im Zusammenhang mit
Siegern und Besiegten stattfindet, sondern eine Entwicklung,
die zusammenhängt mit der technologischen Entwicklung
unserer Zeit.
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Und daraus ergeben
sich unendlich viele Möglichkeiten für das Komponieren und
Musizieren. Ein Problem freilich ist, dass die damit verbundenen
künstlerischen Rechte und Vertriebsmöglichkeiten immer stärker auf
wenige weltweit operierende Unternehmen übergehen. Lange Zeit hat
der Staat versucht, Musikpolitik zu betreiben und unliebsame Klänge
zu unterdrücken. Viele Staaten machen das heute noch, wenn auch mit
abnehmenden Erfolg. Jetzt hat vor allem die Musikindustrie die
Verfügungsmacht und könnte dazu neigen, Kompositionen allein unter
dem Aspekt der Profitabilität zu ermöglichen. Das aber hätte
schwerwiegende Folgen für musikalische Qualität, ganz unabhängig vom
Genre, meint Professor Altenburg.
O-Ton 5 (Prof. Dr. Detlef Altenburg,
Weimar)
Man darf das nicht aus dem Blick verlieren, dass diese
Gefahren da sind. Die Wissenschaft ist das Analyseinstrument
und das Seziermesser der Entwicklung, und das, ich hoffe,
auf die Phänomene hinweist, darauf aufmerksam macht, auch
ein Bewusstsein weckt. |
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