O-Ton 1 (Nino Jvania, Düsseldorf)
”Piano-Music affects the music lover more
than any other music, because he can realise what can be
done with two hands and ten fingers.” Some piano pieces by
Stockhausen can affect or might affect a music lover even
more because he could realise what can be done not only with
two hands and ten fingers but also with the voice an the
whole body.
"Klaviermusik berührt Musikliebhaber besonders, weil sie
beobachten können, was man alles mit zwei Händen und zehn
Fingern anstellen kann“, hat Karl-Heinz Stockhausen mal
gesagt. Einige seiner eigenen Stücke dürften Musikliebhaber
deshalb besonders beeindrucken, weil nicht nur zwei Hände
und zehn Finger zum Einsatz kommen, sondern auch die Stimme
und der ganze Körper. |
Nino Jvania kommt
aus der georgischen Hauptstadt Tblissi und hat dort Klavier
studiert. Sie ist jetzt als Heinrich-Böll-Stipendiatin an der
Düsseldorfer Robert-Schumann-Hochschule. Auf dem internationalen
musikwissenschaftlichen Kongress in Löwen standen nicht Stockhausens
Äußerungen zum 11. September 2002 zur Debatte, sondern das
Verhältnis einer Interpretin zum Künstler. Nina Jvania
repräsentierte eine der wenigen Konzertkünstlerinnen auf dieser
Tagung.
Karlheinz Stockhausen*) hat die temperamentvolle Pianistin
ausgewählt, um sein Klavierstück Nr. 13 mit aufzuführen: den Traum
des Luzifer. Sie beschreibt, was sie noch alles in diesem rund 30
Minuten langen Stück außer den Tasten des Klaviers bedienen muss:
O-Ton 2 (Nino Jvania, Düsseldorf)
Two bundles of Indian bells hanging from
brackets on both edges of the piano frame. In addition to
these bundles one needs a piece of felt with 24 Indian ….It
lies inside of the piano case and it is struck with the palm
of the hand. The interpreter also needs a light mallet with
a bone head or beat and perform glissandi on the piano
strings. So Stockhausen recommends to use Japanese Geisha
mallet. Now, actually Geishas as a symbol of seducing and
enchanting and maybe that’s why he recommends to use these
one. Near the end of the piece five rockets must be launched
by the pianist. The rockets should fly from the piano
through the air across the stage and various fly past
landing optional with parachutes at various locations of the
stage.
Zwei
Bündel mit indianischen Glöckchen hängen von Halterungen an
beiden Ecken des Pianorahmens. Außerdem wird indianisches
Klapperzeug in das Pianogehäuse gelegt. Das wird mit dem
Handballen geschlagen. Als Interpretin benötige ich außerdem
einen leichten Schlägel mit einem Kopf aus Knochen, um damit
auf den Klavierseiten Glissandi zu streichen. Stockhausen
empfiehlt Geisha-Schlägel, wahrscheinlich, weil die Geisha
ein Symbol ist der Verführung und Verzauberung. Ziemlich am
Ende des Stückes muss die Pianistin fünf Raketen steigen
lassen. Die Raketen sollen vom Piano aus in die Luft und
über die Bühne steigen und dann dort wieder mit Fallschirmen
landen. |
Während des
Stückes muss sie gelegentlich auch singen, und wenn die fünf Raketen
steigen muss sie kreischen und schreien. Alles hat Bedeutung, erst
recht die fünf Raketen, auch wenn selbst die Pianistin nicht immer
weiß, warum der Komponist dies oder jenes unbedingt genau so
will, zum Beispiel wenn er verlangt, dass eine bestimmte Stelle nur
in einer genau festgelegten Geschwindigkeit gespielt werden darf.
O-Ton 3 (Nino Jvania, Düsseldorf)
Actually, if you respect his ideas, if you
respect him, if you know the whole concept, you know every
single image, and his opera has its own tempo – I actually
trust Stockhausen. I don’t understand things he does. And
then I am sure when we play in this tempo it is even
beautiful, because he is the genius for me, my personal. And
I think, I will always try to respect his wish to play this
bar in 75 or so.
Ich
respektiere seine Ideen. Ich kenne das ganze Konzept, kenne
jedes einzelne Image, und weiß, dass jedes Stückchen sein
eigenes Tempo hat – da traue ich Stockhausen einfach, ich
verstehe nicht soviel davon wie er. Und deshalb bin ich
sicher, wenn wir es in diesem bestimmten Tempo spielen, dann
wird’s noch schöner, denn er ist für mich der Genius.
Deshalb werde ich immer versuchen zu respektieren, wenn er
sagt, spielt das im Tempo 75 oder so. |
Aber etwas freier fühlt sie sich schon
bei der Interpretation wenn der Meister nicht in der Nähe ist. Ob
dann die Pianistin auch wirklich zu einer Künstlerin wird, die –
zusammen mit den anderen Ensemble-Mitgliedern – dem Klavierstück
XIII von Stockhausen ihre persönliche musikalische Farbe zu
verleihen vermag, lässt sie selbst offen.
Ein Mozartexpete
in Leuven hatte bei einer vergleichenden Studie herausgefunden, dass
der Salzburger Komponist allein im 20. Jahrhundert mit erheblichen
Abweichungen in Ausdruck und und Tempo gespielt und gesungen wurde.
Bei den detaillierten Anweisungen von Karlheinz Stockhausen dürfte
die Variantenbreite bei seinen Stücken in 100 Jahren eigentlich
gering sein. Dass aber die Interpretation gleichwohl deutliche
Akzente zu setzen vermag, versucht
Daniel Leech-Wilkinson vom Londoner Kings College zu
beweisen:
O-Ton 4 (Prof. Dr. Daniel Leech-Wilkinson,
London)
We all have a sense that individual
performers perform in different ways, and that it is
possible to be expressive in performance in many different
ways. One can sing like Dietrich Fischer-Dieskau for example
and make a performance of a Schubert song wonderful in his
way, and an other singer – Fritz Wunderlich for example –
make it wonderful in a different kind of way. And so, what I
am interested in finding, is what is it they do that makes
the performance of a song beautiful, exciting, or thrilling,
or frightening? Was is it, they actually do with the sound
to produce that effect. How can we understand how that sound
works on us a listeners.
Wir wissen
ja alle, dass jeder einzelne Künstler ein Lied auf seine
sehr persönliche Weise präsentiert und dass es da viele
Möglichkeiten gibt. Man kann einem Schubert-Lied wie
Dietrich Fischer-Dieskau zu einem wundervollen Klang
verhelfen oder zum Beispiel wie Fritz Wunderlich. Bei dem
klingt es auch schön, aber eben ganz anders. Was mich
interessiert, ist, wie kommt es, dass ein Lied schön,
aufregend, begeisternd oder bedrohlich auf uns wirkt? Wie
entsteht dieser Klangeffekt, und wie können wir uns
erklären, dass uns ein Lied, eine Melodie als Hörer so
emotional erfasst? |
Ein Notentext
allein reicht dafür nicht aus, meint der britische
Musikwissenschaftler. Denn er enthält nur eine vergleichsweise grobe
Information darüber, wie die Melodie während ihrer Interpretation
verläuft. Zur Illustration nutzte er in diesen kleinen Auszug:
Kathleen Battle singt eine Zeile aus Franz Schuberts „Gott
im Frühlinge“. Leech-Wilkonson misst die Interpretation durch eine
spektographische Analyse:
|
CD 1
Track
12: Gott im Frühlinge
auf:
Schubert Lieder,
Kathleen Battle (soprano),
James Levine (piano),
Deutsche Grammophon 419 237-2
|
O-Ton 5 (Prof. Dr. Daniel Leech-Wilkinson,
London)
If we were to look at the notation for this
little passage, we would see, is a sequence of notes all
exactly the same length. But what we actually hear it is not
at all the same length. The six notes in this little passage
“seinen
Blumenthron”
in Cathleen Battles performance have all different lengths.
The first one is four tenths of a second, than three tenths
of a second, two tenths of a second, it is getting faster,
and than she pulls it up again three tenths of a second, and
than it got two long notes each of what is about nine
tenths. So the average is by about two and half tenths of a
second and each note in theory would be that length. But of
course, if you sang it that way, it would be very boring.
But starting too slow in terms of the notation and than
gradually speedings up and slowing it down again into the
cadence you get a most beautiful effect. It is these kinds
of details that are doing the expressive work for us as
listeners.
Wenn wir
uns die Noten anschauen zu diesem kleinen Auszug, dann sehen
wir eine Sequenz von Noten, die alle die gleiche Länge
haben. Aber was wir hören und nachweisen können ist etwas
ganz anderes. Sie haben nämlich nicht die gleiche Länge. Sie
sind alle unterschiedlich lang. Die sechs Noten für „seinen
Blumenthron“ in Kathleen Battle's Interpretation sind alle
verschieden lang! Die erste umfasst eine Vierzehntelsekunde,
dann dreizehntel, zweizehntel, es wird schneller, dann zieht
sie es hoch, dreizehntel Sekunde, dann kommen zwei lange
Noten von insgesamt ungefähr neunzehntel Sekunden.
Eigentlich sollten durchschnittlich jeweils
zweieinhalbzehntel einer Sekunde auf jeder Note verbracht
werden. Aber würde sie es so singen, dann würde das ziemlich
langweilig klingen. Dadurch, dass sie langsam anfängt, dann
ein wenig anzieht und wieder langsamer in die Kadenz
hineinführt, dadurch entsteht dieser wunderschöne Effekt. Es
sind solche Details, die die Ausdrucksarbeit für uns Zuhörer
leisten. |
Das Spektrogramm zeigt nicht nur die
exakte, gesungene Notenlänge an, sondern auch, welche genaue Tonhöhe
gesungen wurde. Ähnliche Differenzen gibt es auch beim Klavier, auch
dann, wenn streng nach Anweisung gespielt wurde, und der Komponist
nicht in der Nähe ist.
Um diese Effekte
messen zu können, nutzt Daniel Leech-Wilkinson eine spektografische
Darstellung der gesungenen Melodie am Computerbildschirm.
O-Ton 6 (Prof. Dr. Daniel Leech-Wilkinson,
London)
You can see all the frequencies that are
present in the sound, not just the pitch that is shown in
the notated music, in the music that people sing from, but
all the other pitches that are present that contribute the
colour to the sound. And it also shows you the real pitches
that are being sung, not just the ones shown on the paper.
Man kann alle Frequenzen sehen, die in dem
Klang vorhanden sind, nicht nur die Tonhöhe, die man im
Notentext findet. Es sind
auch alle
anderen Tonhöhen zu erkennen die dazu beitragen, dass der
Klang eine Farbe bekommt. Außerdem zeigt das Spektrogramm,
welche Tonhöhen tatsächlich auf einer Note gesungen wurden,
nicht nur die, die auf dem Papier verzeichnet sind. |
*)
Karlheinz Stockhausen verstarb
am 5. Dezember 2007 in Kürten bei Köln im Alter von 79 Jahren. Die
Zeit widmete ihm einen ausführlichen
Nachruf.
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