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Hier
ist wieder Studio ECK, die evangelische Radiowerkstatt im Bürgerfunk von
Radio Köln. Mit einer Totenklage ging sie los, die Geschichte von Gomer
und ihrer Auseinandersetzung mit dem unsichtbaren Gott.
((Beginn
mit Trommelwirbeln))
O-Ton 5 (Sprechkantate GOMER, Gemeindezentrum am Vürfels)
Gomer: Ich bin Gomer. Ich halte Totenklage
für meinen Mann, den Propheten Hosea. Hosea war ein überzeugter
Israelit. Trotzdem heiratete er mich, Tochter eines Kultusbeamten,
der im Dienste der Assyrer 1) stand. Ich kam aus einem Hause, das
allem Modernen, allem Assyrischen gegenüber aufgeschlossen war.
Hosea aber gehörte zu einer Familie, die zäh am
altisraelitischen Erbe festhielt. Ob er mich aus Liebe heirate,
oder, wie er immer betonte, aus Gehorsam zu Jahwe, konnte ich nie
herausfinden.
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Gomer
ist die Ehefrau von Hosea. Im Buch des Propheten Hosea der Bibel kommt sie
allerdings nicht gut weg. Ihr Mann scheint sie zu verachten.
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O-Ton 6 (Sprechkantate
GOMER, Gemeindezentrum am Vürfels)
Gomer: Öffentlich nannte mich Hosea eine Dirne, weil ich in
der Tradition meines Vaters Diblajim 2)
an den Gottesdiensten und
Lustbarkeiten des öffentlichen Kultus teilnahm. Er beschimpfte mich,
weil ich die Abzeichen der offiziellen Gottesdienste als Schmuckstück
an Halsband und Ohrringen trug. Als ob eine moderne Frau mit der kargen
Religion eines Hosea leben könnte!
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Diese
karge Religion des Hosea unterscheidet sich von denen der anderen
Völker im Nahen Osten. Hosea hält sich streng an die Gebote, die Moses
den Israeliten vom Berg Sinai mitgebracht hatte. Zum Beispiel: „Ich
bin Jahwe, dein Gott. Du sollst keine anderen Götter neben mir haben“
und „Du sollst mich nicht in Bildern und Statuen verehren. Du sollst
dir überhaupt kein Bildnis von mir machen.“ Doch in Israel halten
sich in dieser Zeit nur wenige daran. Sie sind von den bunten Gottheiten
beeindruckt, an die die Nachbarn in Kanaan glauben, oder die bei der
damaligen Weltmacht, den Assyrern, etwas gelten. Und so vermischen sie
die Lehre von Jahwe, dem Gott der Bibel, mit anderen Religionen. Hoseas
Frau Gomer nimmt wie viele andere Frauen damals an Sexual- und
Fruchtbarkeitsriten des Baal3)-Kultes
teil, während Jahwe wie ein
beliebiger religiöser Fetisch verehrt wird, zum Beispiel in
Stierbildern. Für Hosea ist das eine Ungeheuerlichkeit. „Menschen
sollen Kälber küssen?“ fragt er. „Wie sollte ich?“
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O-Ton 7 (Mitschnitt
Sprechkantate GOMER)
Sprecher:
Menschen
sollen Kälber küssen.
Chor:
Menschen sollen Kälber küssen. Wie sollte ich?
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Doch
diese Sprechkantate will nicht einfach eine Wiedergabe des Hosea-Buches
der Bibel sein. Zu Wort kommen vor allem Gomer, die Frau Hoseas und ihre
gemeinsamen Kinder. Dazu gleich mehr.
Musik
3
Hier
ist wieder Studio ECK, die Evangelische Radiowerkstatt im Bürgerfunk
von Radio Köln. Am Mikrofon ist Heinz-Peter Katlewski.
Anfang
März wurde in der Refrather Kirche am Vürfels eine Sprechkantate
aufgeführt. Aus dem Blickwinkel von Gomer, der Frau des Propheten Hosea,
und ihrer Kinder erzählt dieses Stück von Hoseas Wutausbrüchen gegen
den religiösen Verfall im israelitischen Nordreich. Dabei macht er auch
vor seiner Familie nicht halt. Seine Frau nennt er eine Dirne, weil sie
an Fruchtbarkeitsriten teilgenommen hat, die mit seinem Gottesglauben
nicht vereinbar sind. Lilo Lücke spielte bei der Aufführung die Gomer:
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O-Ton 8 (Interview Lilo
Lücke)
Ich bin in diese Rolle hineingestiegen, und habe mich nach einigen
Proben total damit identifiziert. Ich hab’ ja meinen Mann verloren vor
anderthalb Jahren. Und da kenne ich dieses Ringen mit Gott, weil er
viele Jahre schrecklich gelitten hat, und es wurde immer schlimmer,
immer schlimmer. Zuerst vielleicht noch Stock, dann schon Rollstuhl, und
zum Schluss nur noch im Bett. Mit entsetzlichen Schmerzen. Und da habe
ich mit Gott gerungen. Er war nicht mein lieber Gott.
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Es
ist eigentlich eine andere Geschichte als die der Gomer. Die Totenklage
der Gomer und ihrer Kinder war ja weniger eine Klage um den Toten als
vielmehr eine über ihn.
Hosea hatte schließlich seiner Familie einiges zugemutet.
O-Ton 9 (Interview Lilo
Lücke)
Es hat mich sehr tief berührt und ich habe auch alles gegeben,
was ich konnte, auch wenn ich die Frau manchmal nicht verstand. Denn sie
hatte ja nicht die Beziehung zu ihrem Mann Hosea, wie ich diese
Beziehung zu meinem Mann hatte. Denn es war ja eine Erwiderung bei uns,
bei mir, da war eine gegenseitige Liebe. Da hätte ja nie sein können
„Du bist eine Dirne“. Oder was.
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1) Das
Assyrische Reich erstreckte sich zur
Zeit Hoseas über große Teile des nahen und mittleren Ostens (heute in
etwa: Türkei (Südanatolien), Irak, Syrien, Libanon, Jordanien, Israel,
Palästina, Ägypten).
2) Diblajim
(oder "Diblaim", Name eines Mannes, in diesem Fall Vater
Gomers, es kann u.U. aber auch nur ein Ortsname sein)
3) Baal
(hebr. für Herr, Besitzer),
Name für kanaanäische Gottheiten, die zu Hoseas Zeit offenbar in der
Volksreligiosität der hebräischen Stämme mit dem monotheistischen
Jahwe-Glauben synkritisch verbunden wurden.
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