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Menschen sollen Kälber küssen?
Walter Hollenwegers Sprechkantate "Gomer - Das Gesicht des Unsichtbaren" im Refrather Gemeindezentrum am Vürfels in Bergisch Gladbach


für Studio ECK - Evangelische Radiowerkstatt im Bürgerfunk von Radio Köln
Samstag, 31. Mai 1997, 18:22 - 18:56 Uhr

Teil 3 (von 3)

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Hosea nennt seine Frau eine Dirne, und seine Kinder erkennt er nicht an. Unter Berufung auf Gott gibt er ihnen Namen, die zugleich ein Fluch sind gegen den Götzendienst im damaligen Israel. Der älteste Sohn heißt wie der Ort eines schlimmen Massakers, Jesreel. Den jüngsten nennt Hosea Lo-Ammi „Nicht mein Volk“. Und der Tochter gibt er den Namen Lo-Ruhama, die Nicht-Begnadete:

O-Ton 10 (Sprechkantate GOMER, Gemeindezentrum am Vürfels)

Lo-Ruchamah:
Bei jedem Gutenachtwunsch, bei jedem Gruß, hieß es: Du bist nicht begnadet. Du bist nicht Graziella. Und ich wäre doch so gern Graziella gewesen. Selbst die Kinder auf der Straße fragten mich: Nichtbegnadet, willst du mit uns spielen? Sagte ich ja, so war ich „nicht begnadet“. Sagte ich nein, war ich isoliert.

Ein klassischer Konflikt, auch für das alte israelitische Nordreich. Wenn es nicht mitspielte in der dominierenden Kultur der Assyrer war es isoliert und militärisch bedroht. Aber wenn es sich integrierte gab es seine Identität auf, ging ihm die Seele verloren. Im Namen Gottes sagte Hosea dem Nordreich und seinem führenden Stamm Ephraim den Untergang voraus und schilderte das zugleich als ein Segen, als eine Voraussetzung für die Umkehr, die Rückkehr zum Gott der Bibel. Die Totenklage der Gomer und ihrer Kinder ist deshalb auch eine Klage über den Gott Jahwe und sein Handeln. Für sie ist Jahwe nicht der liebe Gott. Sie ringen mit ihm:

O-Ton 11 (Sprechkantate GOMER, Gemeindezentrum am Vürfels)

Lo-Ammi: Jahwe und unser Vater sind wie Wurmfraß. Sie fressen alle Lebenslust, allen Mut weg. Und wenn wir Hilfe bei den Assyrern und den Göttern des Landes suchen, fängt uns Jahwe wie ein Jäger, zerreißt er uns wie ein Löwe, lauert er uns auf wie ein Panther am Wege, überfällt er uns wie eine Bärin, der man die Jungen geraubt hat.

Musik 4

Hier ist Studio ECK. Am Mikrofon ist Heinz-Peter Katlewski. „Gomer - Das Gesicht des Unsichtbaren“ hieß die Sprechkantate, die Anfang März in der Refrather Kirche am Vürfels aufgeführt wurde. Gomer, die Frau des gerade verstorbenen Propheten Hosea, und ihre Kinder halten Totenklage. Aber ihre Klage entwickelt sich im Laufe des Stückes zu einem Ringen mit ihrem Gott Jahwe. Sie erinnern sich an die Geschichte um den Kampf ihres Erzvaters Jakob mit einem geheimnisvollen Mann, einem Engel vielleicht. Oder sogar Gott? Jakob, wird in der Bibel berichtet, hatte diesen Kampf gewonnen. Doch das Nordreich Israel ist inzwischen untergegangen, so wie Hosea vorhergesagt hatte. Israel hat seinen Kampf verloren. Gomer zweifelt an Jahwe.

((Trommelwirbel))

O-Ton 12 (Sprechkantate GOMER, Gemeindezentrum am Vürfels)

Gomer: Kannte Jakob Jahwe? Wie lange kennt man Jahwe? Wer kennt ihn überhaupt? Kennt ihn eine der beredten Prophetenmünder hier?

 Die Antwort für Gomer und ihre Kinder ist verwirrend. Der Erzähler in der Kantate formuliert sie sibyllinisch:

O-Ton 13 (Sprechkantate GOMER, Gemeindezentrum am Vürfels)

Sprecher:
Man muss wissen, worüber man nichts wissen kann. Unsere östlichen Nachbarn wissen zu viel von ihren Göttern, insbesondere, wie man sich ihrer bedient. Einige unserer eigenen Priester wissen zu viel von Gott, und wie man sich seiner bemächtigt. Nicht so aber war es bei den alten Jakobsleuten. Jahwe ist bei aller Handgreiflichkeit für sie ein Geheimnis..

Für Gomer und ihre Kinder bleibt alles beim alten. Es bleibt bei ihrem schlechten Ruf und ihren schrecklichen Namen. Erst nach der Umkehr der Menschen im Nordreich Israel will Jahwe sich seinem Volk wieder in Liebe zuwenden. So hatte es Hosea gesagt. Dann werden sich auch die Namen ändern. Wann das sein wird, bleibt offen. Dieser Gott der Liebe ist offenbar kein einfach lieber Gott. In der Gemeinde hat diese Position des Stückes zu Debatten geführt. Wolfgang Bragert berichtet:

O-Ton 14 (Interview Wolfgang Bragert)
Sonst treffen sich immer nur einzelne Kreise und man begegnet eigentlich nur einem kleinen Kreis in der Gemeinde. Und diesmal waren wirklich alle angesprochen, und da war sowohl der Posaunenchor beteiligt, wie Jugendkreise und Frauenkreis, Seniorenkreis, alle waren mit beteiligt und konnten sich einbringen, und darüber hinaus auch viele, die vielleicht überhaupt nicht in irgendeiner Form sonst mitarbeiten in der Gemeinde, die dann aber da auf einmal auch mitmachen konnten. Und das fand ich besonders schön.

Auch der Pfarrer der Refrather Gemeinde am Vürfels sieht das so. Auf ihn geht die Idee zu dieser Sprechkantate zurück. Wolfgang Pöttgen:

O-Ton 15 (Interview Pfarrer Wolfgang Pöttgen)
Ich denke der Gott der Bibel ist nicht einfach der liebe Gott - in Anführungszeichen, und dieser sogenannte liebe Gott deckt sich auch nicht einfach mit der Lebenserfahrung der Menschen. Wenn ich auf der Kanzel nur vom lieben Gott erzähle, dann werden viele Leute sagen, das geht mich nichts an. Ich habe andere Erfahrungen mit Gott. Wohl sagt die Bibel „Gott ist Liebe“. Aber das ist etwas ganz anderes. Ich denke, wer sich auf die Liebe einlässt, wer einen Menschen liebt mit Haut und Haaren, der wird auch, dem wird auch Leid und Schmerz nicht erspart bleiben. Der wird auch an dieser Liebe leiden und Verletzungen und Enttäuschungen erleben und Trauer. Und so ist das wahrscheinlich auch mit Gott.

Musik 5

Das war’s für heute in Studio ECK. Übrigens die Gemeinde hat beschlossen, mit diesem Stück nicht durch andere Kirchen zu touren. Bis zur Aufführung gab es einen langen Prozess der Vorbereitung mit Seminaren, Predigten und Proben. Und so soll und muss es anderenorts auch sein. Wer aber mehr wissen möchte über Texte und Partituren, dem wird sicher geholfen. Wenden Sie sich an Pfarrer Wolfgang Pöttgen, Kirche am Vürfels, Bergisch Gladbach-Refrath.

Einen schönen Abend wünscht Heinz-Peter Katlewski.


Teil 3 (von 3)

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© für das Manuskript bei Heinz-Peter Katlewski, 1997. 


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