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Hosea
nennt seine Frau eine Dirne, und seine Kinder erkennt er nicht an. Unter
Berufung auf Gott gibt er ihnen Namen, die zugleich ein Fluch sind gegen
den Götzendienst im damaligen Israel. Der älteste Sohn heißt wie der
Ort eines schlimmen Massakers, Jesreel. Den jüngsten nennt Hosea Lo-Ammi
„Nicht mein Volk“. Und der Tochter gibt er den Namen Lo-Ruhama, die
Nicht-Begnadete:
O-Ton
10 (Sprechkantate GOMER, Gemeindezentrum am Vürfels)
Lo-Ruchamah: Bei jedem Gutenachtwunsch, bei jedem Gruß, hieß
es: Du bist nicht begnadet. Du bist nicht Graziella. Und ich wäre
doch so gern Graziella gewesen. Selbst die Kinder auf der Straße
fragten mich: Nichtbegnadet, willst du mit uns spielen? Sagte ich
ja, so war ich „nicht begnadet“. Sagte ich nein, war ich
isoliert. |
Ein
klassischer Konflikt, auch für das alte israelitische Nordreich. Wenn es
nicht mitspielte in der dominierenden Kultur der Assyrer war es isoliert
und militärisch bedroht. Aber wenn es sich integrierte gab es seine
Identität auf, ging ihm die Seele verloren. Im Namen Gottes sagte Hosea
dem Nordreich und seinem führenden Stamm Ephraim den Untergang voraus und
schilderte das zugleich als ein Segen, als eine Voraussetzung für die
Umkehr, die Rückkehr zum Gott der Bibel. Die Totenklage der Gomer und
ihrer Kinder ist deshalb auch eine Klage über den Gott Jahwe und sein
Handeln. Für sie ist Jahwe nicht der liebe Gott. Sie ringen mit ihm:
O-Ton
11 (Sprechkantate GOMER, Gemeindezentrum am Vürfels)
Lo-Ammi: Jahwe und unser Vater sind wie Wurmfraß. Sie
fressen alle Lebenslust, allen Mut weg. Und wenn wir Hilfe bei den
Assyrern und den Göttern des Landes suchen, fängt uns Jahwe wie
ein Jäger, zerreißt er uns wie ein Löwe, lauert er uns auf wie
ein Panther am Wege, überfällt er uns wie eine Bärin, der man
die Jungen geraubt hat. |
Musik
4
Hier
ist Studio ECK. Am Mikrofon ist Heinz-Peter Katlewski. „Gomer - Das
Gesicht des Unsichtbaren“ hieß die Sprechkantate, die Anfang März in
der Refrather Kirche am Vürfels aufgeführt wurde. Gomer, die Frau des
gerade verstorbenen Propheten Hosea, und ihre Kinder halten Totenklage.
Aber ihre Klage entwickelt sich im Laufe des Stückes zu einem Ringen mit
ihrem Gott Jahwe. Sie erinnern sich an die Geschichte um den Kampf ihres
Erzvaters Jakob mit einem geheimnisvollen Mann, einem Engel vielleicht.
Oder sogar Gott? Jakob, wird in der Bibel berichtet, hatte diesen Kampf
gewonnen. Doch das Nordreich Israel ist inzwischen untergegangen, so wie
Hosea vorhergesagt hatte. Israel hat seinen Kampf verloren. Gomer zweifelt
an Jahwe.
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((Trommelwirbel))
O-Ton 12 (Sprechkantate GOMER,
Gemeindezentrum am Vürfels)
Gomer: Kannte Jakob Jahwe? Wie lange
kennt man Jahwe? Wer kennt ihn überhaupt? Kennt ihn eine der beredten
Prophetenmünder hier?
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Die
Antwort für Gomer und ihre Kinder ist verwirrend. Der Erzähler in der
Kantate formuliert sie sibyllinisch:
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O-Ton 13 (Sprechkantate GOMER,
Gemeindezentrum am Vürfels)
Sprecher: Man muss wissen, worüber man nichts wissen kann.
Unsere östlichen Nachbarn wissen zu viel von ihren Göttern,
insbesondere, wie man sich ihrer bedient. Einige unserer eigenen
Priester wissen zu viel von Gott, und wie man sich seiner bemächtigt.
Nicht so aber war es bei den alten Jakobsleuten. Jahwe ist bei aller
Handgreiflichkeit für sie ein Geheimnis..
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Für
Gomer und ihre Kinder bleibt alles beim alten. Es bleibt bei ihrem
schlechten Ruf und ihren schrecklichen Namen. Erst nach der Umkehr der
Menschen im Nordreich Israel will Jahwe sich seinem Volk wieder in Liebe
zuwenden. So hatte es Hosea gesagt. Dann werden sich auch die Namen
ändern. Wann das sein wird, bleibt offen. Dieser Gott der Liebe ist
offenbar kein einfach lieber Gott. In der Gemeinde hat diese Position des
Stückes zu Debatten geführt. Wolfgang Bragert berichtet:
O-Ton 14 (Interview Wolfgang
Bragert)
Sonst treffen sich immer nur einzelne Kreise und man begegnet eigentlich
nur einem kleinen Kreis in der Gemeinde. Und diesmal waren wirklich alle
angesprochen, und da war sowohl der Posaunenchor beteiligt, wie
Jugendkreise und Frauenkreis, Seniorenkreis, alle waren mit beteiligt
und konnten sich einbringen, und darüber hinaus auch viele, die
vielleicht überhaupt nicht in irgendeiner Form sonst mitarbeiten in der
Gemeinde, die dann aber da auf einmal auch mitmachen konnten. Und das
fand ich besonders schön.
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Auch
der Pfarrer der Refrather Gemeinde am Vürfels sieht das so. Auf ihn
geht die Idee zu dieser Sprechkantate zurück. Wolfgang Pöttgen:
O-Ton
15 (Interview Pfarrer Wolfgang Pöttgen)
Ich denke der Gott der Bibel ist nicht einfach der liebe
Gott - in Anführungszeichen, und dieser sogenannte liebe Gott
deckt sich auch nicht einfach mit der Lebenserfahrung der
Menschen. Wenn ich auf der Kanzel nur vom lieben Gott erzähle,
dann werden viele Leute sagen, das geht mich nichts an. Ich habe
andere Erfahrungen mit Gott. Wohl sagt die Bibel „Gott ist
Liebe“. Aber das ist etwas ganz anderes. Ich denke, wer sich
auf die Liebe einlässt, wer einen Menschen liebt mit Haut und
Haaren, der wird auch, dem wird auch Leid und Schmerz nicht
erspart bleiben. Der wird auch an dieser Liebe leiden und
Verletzungen und Enttäuschungen erleben und Trauer. Und so ist
das wahrscheinlich auch mit Gott. |
Musik 5
Das
war’s für heute in Studio ECK. Übrigens die Gemeinde hat
beschlossen, mit diesem Stück nicht durch andere Kirchen zu touren. Bis
zur Aufführung gab es einen langen Prozess der Vorbereitung mit
Seminaren, Predigten und Proben. Und so soll und muss es anderenorts
auch sein. Wer aber mehr wissen möchte über Texte und Partituren, dem
wird sicher geholfen. Wenden Sie sich an Pfarrer Wolfgang Pöttgen,
Kirche am Vürfels, Bergisch Gladbach-Refrath.
Einen
schönen Abend wünscht Heinz-Peter Katlewski.
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