BG:
Nicht alle, aber die meisten Studierenden sind auf die eine oder andere
Weise in der Kirche engagiert. Nicht zuletzt deren Urteilsvermögen soll
dieses Studium stärken. Das bedeutet in theologischen und kirchengeschichtlichen
Fragen unterscheiden zu lernen, Begründungen vortragen zu können, mit
Argumenten zu unterscheiden. STARK verweist aber noch auf etwas anderes.
Wenn in der Synagoge die Lesung eines der fünf Bücher der Tora
abgeschlossen wird, wünscht man sich: „Sei stark, sei stark, auf dass
wir stark werden.“ Man weiß, das Studium kostet Zeit und Mühe, es
fordert Kraft, aber die regelmäßige Erinnerung an unsere Geschichte mit
Gott gibt auch Kraft für die Zukunft. Das können wir von Israel lernen.
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HPK:
Der eine oder die andere wird sicher
schon ein wenig gelesen haben, aber Studium bedeutet ja auch, sich
etwas systematisch zu erschließen. Was heißt das, wenn Menschen
einmal im Monat für ein Wochenende aus ihrem Alltag heraustreten
und versuchen, Theologie so zu verstehen, dass es für sie von
Bedeutung ist? |
MB:
Natürlich könnte ich den Menschen keinen enzyklopädischen Abriss der
Theologie bieten: Den gibt es vermutlich auch gar nicht, und so etwas war
auch nicht unser Ziel. Uns ging es um exemplarische, praktische und
zugleich neuartige Zugänge oder Wege zur Theologie. Zum Beispiel dadurch,
dass wir diese Stadt Köln mit einbeziehen und dort diese Zugänge in
Alltagssituationen zu entdecken versuchen.
BG:
Dieser Stadtbezug ist sehr, sehr wichtig. Am ersten Wochenende des dritten
Durchgangs bin ich mit der Gruppe durch das Severinsviertel gegangen und
habe ihnen dort an markanten Orten die Themen präsentiert, die wir in den
folgenden zwei Jahren entfalten werden. Es war wirklich ein Anfangen.
Entsprechend sind wir archäologisch vorgegangen: Von den Anfängen eines
Bischofs Severin, der hier vor 1600 Jahren eine Kirche gebaut hat und den
Martin mit musikalischer Eskorte zum Himmel hat fahren hören, über die
Kartause und den vor knapp 1000 Jahren hier von Bruno gegründeten
Kartäuserorden, das Augustinerinnen-Krankenhaus mit seiner
Beginen-Vergangenheit bis hin zur Gedenkmedaille für den Pfarrer Georg
Fritze, durch den wir die Bekennende Kirche und so einen Teil der
Kirchengeschichte des 20. Jahrhunderts kennen gelernt haben.
MB:
Ein anderes Beispiel: Wenn wir über Propheten gesprochen haben, habe ich
auf die Stadttexte von Jesaja zurückgegriffen. Was faszinierte Jesaja an
Jerusalem? Wieso hat er die Stadt Jerusalem so scharf kritisiert? Wir
reden in Köln über eine Stadt, die im Mittelalter 12 Tore hatte und sich
als das neue Jerusalem verstand. In diesem Selbstbewusstsein schwebt Köln
ja in gewisser Weise immer noch. Es gibt also eine ganze Menge Bezüge
zwischen Jerusalem und seinem Tempel und Köln mit seinem Dom und seinen
romanischen Kirchen, z.B. St. Maria im Kapitol.
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HPK:
Die Beziehung zur Stadt Köln ist
also ein grundlegendes Arbeitsprinzip. Aber das ist ja zunächst
nur Illustration. Wie ist das Studium strukturiert? |
MB:
Das Thema der ersten zwei Semester ist biblische Theologie. Das erste hat
einen Schwerpunkt im Alten Testament und als Rahmenthema
"Erinnerung". Das zweite ist unter der Überschrift
"Vergegenwärtigung“ vor allem dem Neuen Testament gewidmet. Das
zweite Studienjahr ist orientiert auf die Systematische Theologie: Wer ist
dieser ganz Andere? Wer ist Gott? Im Zentrum stehen Fragen von Dogmatik
und Ethik. Und im letzten Semester fragen wir „Wer sind die anderen?“
Dahinter verbergen sich Fragen der inner- und außerchristlichen Ökumene
und der christlichen Praxis. Bei mir spielte auch ein persönlicher
Hintergrund eine Rolle: Ich habe ein Jahr an der Dormition Abbey in
Jerusalem studiert. Bei diesem ökumenischen Studienjahr ist mir klar
geworden, was es an innerchristlicher und interreligiöser Ökumene alles
zu entdecken gibt. In Jerusalem läuft ja alles gleichzeitig. Wir sind
damals von einer Liturgie zu anderen gelaufen mit großen Ohren, haben
versucht, manches zu verstehen und zu begreifen. Meine Erkenntnis war: Wir
sind nicht der Mittelpunkt der Erde. Das ermöglichte mir nicht nur einen
freien Blick auf die anderen christlichen Konfessionen, sondern auch auf
das Leben der Juden und Muslime.
BG:
Dieses Wissen um die Pluralität des Gotteszeugnisses scheint mir ein
Geheimnis von STARK zu sein: nicht die Abgrenzungen zu betonen, auch nicht
zwischen dem Alten und dem Neuen Testament, sondern viel mehr auf das Echo
zu achten, auch die Resonanz, die das eine im anderen findet. Mein Akzent
liegt zum Beispiel darauf, diese strikte Scheidung zwischen den beiden
Testamenten, die die Universitäten in den exegetischen Fächern immer
noch pflegen, zu überwinden. Ich möchte dazu anregen, Formen der
Korrespondenz zwischen beiden Teilen der Heiligen Schrift einzuüben und
zu zeigen, wie sehr das Neue Testament auf die Hebräische Bibel
angewiesen ist. Das soll in den ersten beiden Semestern erreicht werden.
Da hinein gehört auch das Wissen darum, dass es mit Israel eine
Auslegungsgemeinschaft gibt, die uns voraus ist, und die wir zur Kenntnis
nehmen sollten, wenn wir uns biblischen Texten nähern. Welches Textverständnis
herrscht dort vor? Es ist das eines unendlichen Diskurses. Moses kann auf
dem Berg gehört haben was er will, aber die Auslegungsgemeinschaft muss
es in der Geschichte einholen, im Streitgespräch, im Diskurs. Es gibt da
einen Midrasch vom schwarzen und weißen Feuer. Der geschriebene Text,
also die schwarzen Buchstaben, dass ist das schwarze Feuer. Das weiße
Feuer ist die Unendlichkeit der möglichen Auslegungen. Es ist die
Erneuerungsquelle, die selbst nie schwarz wird, selbst nie kenntlich wird.
Und aus diesem weißen Feuer tritt das schwarze Feuer hervor, aber es
verschwindet auch wieder darin. In dieser Metaphorik des verschlingenden
und auch freigebenden und erneuernden Feuers ist die Geschichtlichkeit und
Unabschließbarkeit von Auslegung beschlossen. Und damit die
Notwendigkeit, sich auseinander zusetzen, sich zu verständigen.
MB:
Dass die Bibel etwas Unabschließbares hat, macht sie natürlich auch zu
etwas schwer Einzuordnenden. Die Bibel wird zwar auf der einen Seite für
kompliziert gehalten, andererseits wird sie erzählt und präsentiert wie
ein spannender Roman oder ein Tatsachenbericht. Das ist ein fruchtbares
Dilemma. Ein Anspruch vom Projekt STARK ist es deshalb, zu zeigen, dass
der Bibelauslegung seit jeher unterschiedliche Methoden zur Verfügung
stehen. Wichtig sind heute vor allem die historisch-kritische, die materialistische
und die feministische. Die probieren wir auch aus, genauso, wie wir uns in
der jüdischen Variante, die Tora zu lesen und zu diskutieren, versuchen.
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HPK:
Wie macht man eine jüdische oder
historisch-kritische Bibelauslegung, wenn man nicht griechisch,
hebräisch oder aramäisch kann? |
BG:
Die Studienteilnehmer wissen zwar, die Übersetzung ist nur ein Hauch, ein
Schatten. Meist geht es aber auch mit den Übersetzungen der Luther- oder
der Züricher Bibel. Wird es strittig oder besonders wichtig, zeige ich
die Möglichkeiten der Originalsprache auf. Wenn man das zur jeweiligen
Stelle ergänzt, kann man auch gemeinsam die Schätze heben, die der Text
zur Verfügung hat.
MB:
Ich habe versucht, den STARK-Studierenden an den Wochenenden
Experten, d.h. einen „Anwalt der Sache“ zu bieten, die für das jeweilige
Thema ausgewiesen kompetent sind. In der Regel wird zu jedem Studienwochenende
jemand zusätzlich eingeladen. Er oder sie halten zu Beginn ein
Einleitungsreferat von einer Stunde oder Dreiviertelstunde. Das bezieht
sich meist auf Texte, die zuvor zugeschickt oder gemailt wurden. Und
danach fängt die eigentliche Arbeit an. Mindestens Zweidrittel des
Wochenendes arbeiten die Teilnehmerinnen und Teilnehmer mit konkreten
Arbeitsaufträgen in Kleingruppen von vier bis sechs Leuten. Der
Studienleiter und der fachkundige Gast gehen dann durch die verschiedenen
Gruppen, begleiteten ihre Diskussionen und stehen für Fragen zur Verfügung.
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HPK:
Geben Sie mal ein Beispiel aus Ihrer Zeit
als STARK-Studienleiter. |
MB:
Nehmen wir die jüdische Bibelauslegung. Da gibt es einen kleinen
biblischen Text und drum herum ganz viele Kommentare aus den Schriften der
jüdischen Auslegungstradition. Das haben wir nicht nur gezeigt, sondern
die Gruppen aufgefordert, diesen Weg auszuprobieren. Jeder bekam einen
kleinen Textausschnitt und sollte verschiedene Interpretationsmöglichkeiten
erörtern und schließlich die verschiedenen, selbst gefundenen
Auslegungen präsentieren. Dann wurde aber auch gezeigt, dass bestimmte
Texte im Judentum immer nur im Zusammenhang eines bestimmten Festes
gelesen werden – etwa zum Laubhüttenfest Sukkot oder zu Pessach. Was
bedeutet das eigentlich? Dazu haben wir an Sukkot zu einem Wochenende zur
jüdischen Schriftauslegung eingeladen. Damals war in der
Melanchthon-Akademie noch die liberale Jüdische Gemeinde „Gescher
Lamassoret“ zu Gast. Den Anfang dieses Wochenendes haben wir in deren
Laubhütte verbracht. Dort haben wir gelesen, und der damalige Vorsitzende
der Gemeinde, Michael Lawton, hat erzählt vom Laubhüttenfest. Dadurch,
dass da nun ein liberaler Jude aus Fleisch und Blut war, wurde nebenbei
alles Mögliche ausgelöst an Fragen und an Problemen und an Irritationen.
Ich habe auch diesen Sachen Raum gegeben.
BG:
Eine anderes Beispiel ist das Bibliodrama-Wochenende. Wir wollten keine
Inszenierung. Das kann man nicht an zwei Tagen machen, selbst wenn man die
Teilnehmenden gut kennt. Das wäre unverantwortlich. Aber wir haben
Elemente daraus genutzt, um einen Text mit einer Wirklichkeit zu
konfrontieren. Wir haben drei Arbeitsgruppen gebildet und sie an drei
verschiedene Orte der Stadt geschickt: die erste Station führte mit einem
Zitat aus Markus 7 - Heilung eines Taubstummen – in den Hauptbahnhof.
Die zweite verknüpfte den Besuch einer Abteilung im Krankenhaus der
Augustinerinnen mit einem Spruch aus dem 2. Korintherbrief „Ist jemand
in Christus, so ist er ein neues Geschöpf. Das Alte ist vergangen, siehe,
es ist neu geworden“. Und die dritte Station lotste in ein Kaufhaus mit
einem Vers aus dem Hebräerbrief „Denn Ausdauer habt ihr nötig, damit
ihr den Willen Gottes tun und so die Verheißung erlangen mögt“. Die
Texte sollten erst vor Ort geöffnet werden. Dort sollte dann Sinn daraus
gemacht werden. Ihre Erfahrung setzte jede Gruppe schließlich in ein
Rollenspiel um. Da ist übrigens auch wieder dieser Stadtbezug.
MB:
Dieses Überraschungsmoment jenseits der sakralen Räume, Gottes
Heiligkeit in unseren alltäglichen Lebensräumen wiederzufinden und darüber
zu staunen oder zu erschrecken, das ist sicherlich einer der stärksten
Erfahrungen in dem ganzen Kurs. Das ist so fremd. Das macht wirklich
deutlich, wie anders Gott ist. Ein normaler Gottesdienst mit seinen Gewohnheiten
und regelmäßigen Ritualen vermag diesen Gedanken kaum auszulösen.
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HPK:
Ganz scharf sind die Themen der
verschiedenen Semester offenbar nicht getrennt. Wir sind formal
noch im Komplex "Biblische Theologie". Mir scheint aber,
dass an dieser Stelle Gott bereits als der ganz Andere vorgestellt
wird. Da sind wir doch schon bei der Dogmatik? Wie wird dieses
Themenfeld vorbereitet? |
BG:
Das machen wir undogmatisch. Aber zunächst gibt es eine Einführung: Was
ist ein Dogma? Dogmatik ist eine Sprache des Glaubens und dient der
Verständigung über Glaubensaussagen. Wo kommt die Dogmatik her? Wie wird
sie biblisch begründet? Worin besteht der Umbruch von der Scholastik zur
Reformation? Es gibt reichlich Sachinformationen, denn es geht um
Wissensvermittlung. Wir wollen Traditionen kennen lernen. Im nächsten
Schritt werden wir jede und jeden bitten, das eigene Credo in einem Satz
zu formulieren. Was ist meine Gotteserfahrung, von der ich sage, dass ich
sie unbedingt allen anderen erzählen muss? Nicht das Ambivalente, sondern
das, was sich als ein reines Barth’sches Ja formulieren lässt. Alle
Credo-Sätze heften wir wie einen Thesenanschlag an die Tafel, hören die
Begründungen und diskutieren sie. Aber wie gesagt, wir bleiben nicht
dabei. Wir achten auf die Regeln, durch die man zu dogmatischen Sätzen
gelangt, und reflektieren sie. So skizzieren wir also selbst die Umrisse
einer Dogmatik und beobachten zugleich den Entstehungsprozess.
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HPK:
Was sind das eigentlich für
Menschen, die sich verpflichten, in zwei Jahren 20 Wochenenden und
einige zusätzliche Termine zu opfern, um an dem STARK-Studium
teilzunehmen? |
MB:
Viele kommen aus dem Kernbereich der Gemeinde - pietistisch geprägte
Menschen ebenso wie eher gesellschaftspolitisch motivierte, einige
Presbyterinnen und Presbyter. Bei vielen waren lebensgeschichtliche Krisen
im Spiel, die sie veranlassten, sich auf die Suche nach neuen Erkenntnissen
und Antworten auf ihre Fragen zu machen. Einige Kursteilnehmer hatten sich
bereits vom kirchlichen Leben verabschiedet, sahen in STARK aber eine
Möglichkeit, sich abseits vom Mief der Gemeinde intensiv und
anspruchsvoll mit Glauben, Theologie und Religion zu beschäftigen, unlabhängige
Meinungen hören zu können und frei eine eigene zu entwickeln.
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HPK:
Im Judentum hat das Tora-Lernen fast
einen höheren Wert als der regelmäßige Gottesdienstbesuch.
Gemeint ist nicht bloßes Textwissen, sondern die ernsthafte
Auseinandersetzung mit der Schrift selbst und den Debatten
darüber: Hintergründen, Bedeutungen und Möglichkeiten der
Interpretation. |
BG:
Lernen ist eine Freiheitserfahrung: „Mir passiert etwas ganz Tolles. Mir
passiert etwas, was ich vorher nicht ausgerechnet habe, aber das tut gut.
Es erschließt mir einen Raum, in dem ich vorher nicht sein konnte: einen
Erkenntnisraum, einen Anmutungsraum, vielleicht auch einen Anbetungsraum.“
Neue Räume betreten zu können, das sind Freiheitserfahrungen. So kann
man auch das Evangelium neu hören.
MB:
Ich würde es gern noch ergänzen: Lernen ist auch Heiligkeitserfahrung:
Gottes und des eigenen Lebens. Einige Menschen in meinem Kurs – und
vielleicht ist das ja auch repräsentativ – standen lebensgeschichtlich
vor der Frage: Wie kann ich denn überhaupt noch einen Zugang zu diesem
Raum finden, wo ich Gott suche? Bin ich nicht draußen? Ich denke, diese
Menschen sind anders aus diesem Kurs gekommen: Weil sie die Sache Gottes
wieder angetastet haben, zusammen mit „den anderen“.