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Offene
Türen: das evangelische Pfarrhaus
Im
Eisenacher Lutherhaus hat nicht nur das Evangelische
Pfarrhausarchiv seinen Sitz, sondern auch eine Dauerausstellung
zur Geschichte des Pfarrhauses |
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für
Deutschlandfunk - Tag für Tag
Donnerstag, 9. Mai 1996, 09:35 - 10:00 Uhr |
O-Ton
1 (Dr. Wolfgang Schenk)
Wir wollen nicht traditionelles, verstaubtes, klassisches Museum
sein. Wir wollen moderne Ausstellung sein. Das zeigt sich auch an
den Mitteln, die wir eingesetzt haben. Wir lassen den Besuchern
Freiheit, was er sehen will. Das ergibt sich einfach aus dem
Aufbau der Ausstellung, und er wird selbst aktiv in die
Ausstellung mit einbezogen. |
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Wolfgang
Schenk ist stolz auf diese kleine Etage im Eisenacher Lutherhaus.
Wenn Jugendliche auf den Kritikbogen an der Wand groß „geil“
draufschreiben, dann muss das zwar nicht viel besagen. Aber dass
sie sich eine Ausstellung zur Geschichte des Evangelischen
Pfarrhauses überhaupt anschauen, das freut ihn. Wolfgang Schenk
ist wissenschaftlicher Leiter eines weltweit einmaligen Archivs,
des Evangelischen Pfarrhausarchivs in Eisenach. Und das setzt nun
seit einigen Tagen einen Teil seiner Sammlung der neugierigen Öffentlichkeit
aus:
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O-Ton 2
(Kopfhörer)
Er: "Das ausgerechnet ich an eine Pfarrerin
geraten bin?" Sie: "Was soll ich
da sagen? Wenn die Gemeinde erfährt, dass du ein Heide
bist, bin ich reif für das Martyrium." |
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So
klingt es zum Beispiel aus dem Kopfhörer, wenn man sich
auf die Computeranimation am Ausgang der Ausstellung einlässt.
Auf dem Bildschirm gibt’s ein kleines Stück aus dem
Leben einer evangelischen Geistlichen: eine Bettszene mit
der Fernsehpfarrerin Lenau*).
Es
hat sich einiges geändert seit den Tagen als Martin und Käthe
Luther daran gingen, den Prototyp des Evangelischen
Pfarrerhauses zu leben. Martin
Luther war zwar nicht der erste verheiratete Pfarrer. Aber
damals im Juni 1525, als er, der ehemalige Mönch, die
entlaufene Nonne Katharina von Bora heiratete, wollte er
ein Beispiel geben und dazu ermuntern, den Zölibat
aufzugeben. Pfarrerinnen waren damals noch unvorstellbar.
Schon Pfarrfrauen waren etwas Revolutionäres. Und diese
Pfarrfrauen hatte eine starke Stellung im Hause, gerade
auch im Hause Luther. Katharina Luther steht an der Tür: |
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O-Ton 3 (Dr.
Wolfgang Schenk)
In Lebensgröße in der Kleidung des 16. Jahrhunderts. Sie
hat Schlüssel in der Hand, deutet ihre Schlüsselgewalt
an. Sie hat also dem etwas unpraktischen und in diesem
Sinne lebensfremden Luther durchaus handfest und manchmal
auch etwas herrisch die Wirtschaft geführt und das auch
beherrscht. Er redet freundlich spöttisch manchmal von
seiner Frau Mein Herr Käthe. |
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Es
sind noch mehr Frauen zu sehen: die verfolgte Pfarrfrau während
des Dreißigjährigen Krieges, die schöngeistige in der
Zeit des Biedermeier und die Pfarrerin im Talar aus
unseren Tagen. Und auch diese in einem düsteren schwarzen
Kostüm - sie hält ein kleines Büchlein aufgeschlagen: |
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O-Ton 4
(Pfarrer Peter Altorfer)
Das ist ein Losungsbuch aus dem Jahre 40. Es zeigt eine
Pfarrfrau, die zu Hause geblieben ist im Pfarrhaus, während
der Mann irgendwo im Krieg mit dabei sein musste. Und da
sind in dieser Notzeit die Pfarrfrauen hervorgetreten,
haben nicht nur die Diakonie, die Seelsorge, sondern häufig
auch Verkündigungsaufgaben übernommen, weil einfach
niemand da war. Die Pfarrfrau war die Seele, die im
Pfarrhaus geblieben ist, wenn der Pfarrmann weg war. |
Peter
Altorfer ist Deutsch-Schweizer und Vorsitzender der Konferenz der
Europäischen Pfarrervereine. Er hat die Dauerausstellung im
Eisenacher Lutherhaus mit eröffnet. Was macht für ihn ein
Pfarrhaus aus?
O-Ton
5 (Pfarrer Peter Altorfer)
Das Besondere ist wahrscheinlich einerseits die
Gastfreundschaft, das offene Haus. Und andererseits die
Besuchskultur. Wenn ich irgendwo in Europa in ein
Pfarrhaus komme - das kann eine Pfarrwohnung sein in einer
Großstadt, das kann ein Pfarrhaus sein in einem kleinen
Dorf, wo ich sofort sehe, das Haus neben der Kirche, das
ist das Pfarrhaus - ich bin sofort zu Hause bei einem
Amtsbruder oder einer Amtsschwester. Und das ist das
Besondere. |
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Wie
erleben die Kinder dieses Kommen und Gehen? Manche leider
darunter, Eltern zu haben, die für jedermann Zeit haben,
nur nicht für sie. Andere erinnern sich gerne an diese
Kindheit, in der sie eine besondere Geborgenheit empfunden
haben: Elke Heidenreich zum Beispiel, Ministerpräsident
Reinhard Höppner und der Berliner Liedermacher Gerhard
Schöne. Sie demonstrieren das auf den Seiten eines
Posteralbums am Eingang der Ausstellung. Aber das war
damals. Das Pfarrhaus wird zu teuer. Und moderne Technik
übernimmt die Kommunikation.
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O-Ton
6 (Anrufbeantworter)
1.
Archtiktenbüro ruft an wegen Umbauplänen
2.
Mädchen wegen Konfirmation |
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O-Ton
7 (Pfarrer Peter Altorfer)
Ich kenne einen Fall bei uns, da hat jemand
gesagt, wenn ich dann den Tod meiner Mutter auch
aufs Tonband sprechen will, dann trete ich zur
Kirche aus. Früher hatte man keinen
Telefonbeantworter aber die Pfarrfrau war da, und
man konnte seine seelsorgerlichen Anliegen einer
Person anvertrauen und nicht einem Apparat. Das
ist eine der wesentlichen Änderungen im modernen
Pfarrhaus. |
*)
Das Pfarrerbild in TV
und Kino ist mittlerweile Gegenstand der Forschung: am Lehrstuhl
für christliche Publizistik der Theologischen Fakultät
der Universität Erlangen.
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©
für das Manuskript bei Heinz-Peter Katlewski, 1996.
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