| Teil
1 (von 3) |

|
 |
|
|
Musik
1:
Glocken
der Stadtkirche Wittenberg,
auf: Chor- und Orgelmusik aus der Stadtkirche
St.Marien zu Wittenberg, Wittenberger Kantorei DIRE C 206
((nach
10 Sekunden in den Text herausziehen)) |
Glocken
der Stadtkirche St.Marien zu Wittenberg. Hier auf halbem Wege zwischen
Berlin und Leipzig hat von 1511 an Martin Luther 35 Jahre lang gelebt -
bis zu seinem Tode vor 450 Jahren. In dieser Kirche hat er regelmäßig
seiner Gemeinde gepredigt und die Schrift ausgelegt. Doch berühmt wurde
ein anderes Gotteshaus: die Schlosskirche. Sie gehörte zur Universität.
Hier kamen die Studenten und Professoren zur Messe zusammen. Bei dieser
Gelegenheit lasen sie am Portal auch die angehefteten Nachrichten,
Meinungen und Einladungen zu wissenschaftlichen Streitgesprächen. Der
Überlieferung nach hat der Theologie-Professor Doktor Martin Luther am
31. Oktober 1517 an diese Tür 95 Thesen geschlagen und damit zu einer
Disputation über den päpstlichen Handel mit Sünden-Ablässen
aufgerufen. Was Luther damals bewegt hat, formuliert der Schriftsteller
und Theologe Heinz Zahrnt*):
|
O-Ton 1 (Dr. Heinz Zahrnt)
Als Luther seine 95 Thesen veröffentlichte, ob nun per Hammer an der Schlosskirche
zu Wittenberg oder per Post oder per Brief an den Erzbischof Albrecht
von Mainz, da hatte er gerade nach jahrelangem Ringen endlich die
erlösende Antwort auf seine Frage nach dem gnädigen Gott gefunden. Und
eben diese Antwort trieb ihn in den Kampf gegen den kirchlichen Ablasshandel.
Er war zu der Erkenntnis durchgedrungen, dass die Gnade Gottes zwar
umsonst aber nicht billig sei. Umsonst, weil allein von Gott geschenkt
und durch keinerlei menschliche Leistung zu erwerben, nicht billig, weil
gerade diese Einsicht den Gläubigen zur Reue leitet und ihn in die
Tiefe führt. Und nun musste er erleben, dass seine Kirche in ihrer
Praxis eben das, worum er so schwer gerungen hatte, zu einem leichten
Handel machte. Die Gnade Gottes wurde billig, aber sie war nicht
umsonst.
|
|
Luther
löste er eine Kontroverse aus, die schon bald das christliche Abendland
in zwei Konfessionen spalten sollte, in Protestanten und Katholiken. Der
erste Satz seiner Thesen lautet: „Indem unser Herr und Meister Jesus
Christus sagte: „Tut Buße“ wollte er, dass das ganze Leben der
Gläubigen eine Buße sei.“
|
|
Musik
2:
„Ein
feste Burg ist unser Gott“,
auf: Musica Antiqua Wien, Martin Luther und die Musik,
Christopherus CHE 0025-2, LC 0612
((nach
ca. 17 Sekunden in den O-Ton einblenden))
|
|
|
|
O-Ton 2 (Prof. Dr.
Johannes Brosseder)
Eine der ersten Attacken auf Luthers Theologie, da standen zwei Sätze
drin, die Luther hätte unterschreiben sollen während seines Prozesses.
Der eine Satz lautet: Nur durch die Gewalt des Papstes hat die Heilige
Schrift Kraft und Geltung in der Kirche. Und als Luther diesen Satz las,
da hat er gesagt, wenn das so ist, dann steht der Papst, hat er sich an
die Stelle Gottes gesetzt. Und wenn das geschieht, dann ist er der
Antichrist. Und dies wurde ihm bis zum Schluss seines Lebens zur immer
größeren Gewissheit.
|
Johannes
Brosseder, Professor an der Universität zu Köln, erklärt hier vor einer
katholischen Kirchengemeinde im Kölner Stadtteil Lindenthal, was Martin
Luther zur Spaltung der Kirche getrieben hat. Einige hundert Menschen haben
sich hier versammelt und hören einem katholischen Theologen zu, der sich
selbst als ein Lutheraner bezeichnet und dafür eintritt, Luther wieder in
Ehren in die Römisch-Katholische Kirche aufzunehmen. Offiziell ist der
Bann gegen den Reformator - auch 450 Jahre nach seinem Tod - noch nicht aufgehoben.
An der Basis jedoch, in den Katholischen Gemeinden ist er längst kein
Tabu mehr. Immerhin - auch Papst Johannes Paul II. sprach im Juni in Paderborn
vom Versagen der Kirche und von den ursprünglichen Anliegen Luthers: der
Reform der Kirche und dem Appell an die Christen, Buße zu tun, auf dass
die Erneuerung bei jedem einzelnen beginne.
In
der Hamburger Katholischen Akademie debattierten Anfang des Jahres mehrere
hundert Menschen - Protestanten und Katholiken - miteinander über Luthers
Bedeutung für die Kirchen heute. Was zum Beispiel hat er den Katholiken
zu sagen? Otto Hermann Pesch**), Professor für katholische
Theologie an der Evangelischen Fakultät der Hamburger Universität warnt
vor zu hohen Erwartungen:
|
O-Ton 3 (Prof. Dr. Otto
Hermann Pesch)
Luther hat den Katholiken nur dann (noch) etwas zu sagen, wenn er -
endlich wieder ein Theologe und geistlicher Lehrer unter anderen sein
darf, einer der gewaltigsten gewiss, aber einer unter andern, die ebenso
wie er auf die Nöte und Fragen je ihrer Zeit geantwortet haben. Denn
die Nöte und Fragen der Zeit sind nicht zu jeder Zeit dieselben wie im
16. Jahrhundert.
|
|
Viele
seiner protestantischen Kollegen, meint der renommierte Luther-Kenner,
haben immer noch nicht erkannt, dass die Zeit einige Jahrhunderte vorangeschritten
ist. Zwar gibt es das päpstliche Lehramt noch, und Luthers heftige
Kritik daran muss man auch heute noch ernst nehmen. Aber den Lutheranern
ist es gelungen, hat Pesch beobachtet, in ihren Reihen eine eigene
Variante des Lehramtes zu entwickeln. Keine Kirche ist so stark von der
Theologie eines Menschen geprägt wie die lutherische:
|
|
O-Ton 4 (Prof. Dr. Otto
Hermann Pesch)
In der Fachtheologie ist die einschränkungslose Gleichsetzung von
Luthers Theologie und biblischem Zeugnis nach wie vor gang und gäbe.
Könnte ich ihnen eine lange Literaturliste geben. Ein Wort Luthers
klärt eine Sachfrage fast immer noch abschließend, gibt zumindest die
nicht mehr veränderbare Richtung der Antwort vor. Und noch bin ich
nicht sicher, dass es keinen lutherischen Pastor auf der Welt mehr gibt,
der den Kindern im Konfirmandenunterricht nicht noch den alten Spruch
beibringt: „Gottes Wort und Luthers Lehr’, die vergehen nimmermehr“.
|
*) Der promovierte Theologe,
Journalist und Schriftstelle Heinz Zahrnt (1915
- 2003) verstarb am Samstag, den 1. November 2003 in Soest im
Alter von 88 Jahren. In der Zeitschrift Chrismon erschien dieser Nachruf.
**) Prof.
Dr. Otto Hermann Pesch war von 1975 bis 1997 in Hamburg
Professor für systematische Theologie (mit
Schwerpunkt Kontroverstheologie)
Seit 1997 ist er emeritiert. Seit 2002 ist er Präsident der Académie
Internationale des Sciences Religieuses
|
|