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Martin Luther und die Kirchen
Was ist von Martin Luthers Reformation geblieben, und was können Christen und ihre Kirchen heute von ihm lernen


für Deutsche Welle - Kultur-Thema: Hintergrund
Freitag, 25. Oktober 1996, 20:10 - 20:30 Uhr

Teil 1 (von 3)

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Musik 1:

Glocken der Stadtkirche Wittenberg,
            auf: Chor- und Orgelmusik aus der Stadtkirche
            St.Marien zu Wittenberg, Wittenberger Kantorei DIRE C 206

((nach 10 Sekunden in den Text herausziehen))    

Glocken der Stadtkirche St.Marien zu Wittenberg. Hier auf halbem Wege zwischen Berlin und Leipzig hat von 1511 an Martin Luther 35 Jahre lang gelebt - bis zu seinem Tode vor 450 Jahren. In dieser Kirche hat er regelmäßig seiner Gemeinde gepredigt und die Schrift ausgelegt. Doch berühmt wurde ein anderes Gotteshaus: die Schlosskirche. Sie gehörte zur Universität. Hier kamen die Studenten und Professoren zur Messe zusammen. Bei dieser Gelegenheit lasen sie am Portal auch die angehefteten Nachrichten, Meinungen und Einladungen zu wissenschaftlichen Streitgesprächen. Der Überlieferung nach hat der Theologie-Professor Doktor Martin Luther am 31. Oktober 1517 an diese Tür 95 Thesen geschlagen und damit zu einer Disputation über den päpstlichen Handel mit Sünden-Ablässen aufgerufen. Was Luther damals bewegt hat, formuliert der Schriftsteller und Theologe Heinz Zahrnt*):

O-Ton 1 (Dr. Heinz Zahrnt)
Als Luther seine 95 Thesen veröffentlichte, ob nun per Hammer an der Schlosskirche zu Wittenberg oder per Post oder per Brief an den Erzbischof Albrecht von Mainz, da hatte er gerade nach jahrelangem Ringen endlich die erlösende Antwort auf seine Frage nach dem gnädigen Gott gefunden. Und eben diese Antwort trieb ihn in den Kampf gegen den kirchlichen Ablasshandel. Er war zu der Erkenntnis durchgedrungen, dass die Gnade Gottes zwar umsonst aber nicht billig sei. Umsonst, weil allein von Gott geschenkt und durch keinerlei menschliche Leistung zu erwerben, nicht billig, weil gerade diese Einsicht den Gläubigen zur Reue leitet und ihn in die Tiefe führt. Und nun musste er erleben, dass seine Kirche in ihrer Praxis eben das, worum er so schwer gerungen hatte, zu einem leichten Handel machte. Die Gnade Gottes wurde billig, aber sie war nicht umsonst.

 Luther löste er eine Kontroverse aus, die schon bald das christliche Abendland in zwei Konfessionen spalten sollte, in Protestanten und Katholiken. Der erste Satz seiner Thesen lautet: „Indem unser Herr und Meister Jesus Christus sagte: „Tut Buße“ wollte er, dass das ganze Leben der Gläubigen eine Buße sei.“

Musik 2:

„Ein feste Burg ist unser Gott“,
auf: Musica Antiqua Wien, Martin Luther und die Musik,
Christopherus CHE 0025-2, LC 0612

((nach ca. 17 Sekunden in den O-Ton einblenden))

 

O-Ton 2 (Prof. Dr. Johannes Brosseder)
Eine der ersten Attacken auf Luthers Theologie, da standen zwei Sätze drin, die Luther hätte unterschreiben sollen während seines Prozesses. Der eine Satz lautet: Nur durch die Gewalt des Papstes hat die Heilige Schrift Kraft und Geltung in der Kirche. Und als Luther diesen Satz las, da hat er gesagt, wenn das so ist, dann steht der Papst, hat er sich an die Stelle Gottes gesetzt. Und wenn das geschieht, dann ist er der Antichrist. Und dies wurde ihm bis zum Schluss seines Lebens zur immer größeren Gewissheit.

Johannes Brosseder, Professor an der Universität zu Köln, erklärt hier vor einer katholischen Kirchengemeinde im Kölner Stadtteil Lindenthal, was Martin Luther zur Spaltung der Kirche getrieben hat. Einige hundert Menschen haben sich hier versammelt und hören einem katholischen Theologen zu, der sich selbst als ein Lutheraner bezeichnet und dafür eintritt, Luther wieder in Ehren in die Römisch-Katholische Kirche aufzunehmen. Offiziell ist der Bann gegen den Reformator - auch 450 Jahre nach seinem Tod - noch nicht aufgehoben. An der Basis jedoch, in den Katholischen Gemeinden ist er längst kein Tabu mehr. Immerhin - auch Papst Johannes Paul II. sprach im Juni in Paderborn vom Versagen der Kirche und von den ursprünglichen Anliegen Luthers: der Reform der Kirche und dem Appell an die Christen, Buße zu tun, auf dass die Erneuerung bei jedem einzelnen beginne.

In der Hamburger Katholischen Akademie debattierten Anfang des Jahres mehrere hundert Menschen - Protestanten und Katholiken - miteinander über Luthers Bedeutung für die Kirchen heute. Was zum Beispiel hat er den Katholiken zu sagen? Otto Hermann Pesch**), Professor für katholische Theologie an der Evangelischen Fakultät der Hamburger Universität warnt vor zu hohen Erwartungen:

O-Ton 3 (Prof. Dr. Otto Hermann Pesch)
Luther hat den Katholiken nur dann (noch) etwas zu sagen, wenn er - endlich wieder ein Theologe und geistlicher Lehrer unter anderen sein darf, einer der gewaltigsten gewiss, aber einer unter andern, die ebenso wie er auf die Nöte und Fragen je ihrer Zeit geantwortet haben. Denn die Nöte und Fragen der Zeit sind nicht zu jeder Zeit dieselben wie im 16. Jahrhundert.

Viele seiner protestantischen Kollegen, meint der renommierte Luther-Kenner, haben immer noch nicht erkannt, dass die Zeit einige Jahrhunderte vorangeschritten ist. Zwar gibt es das päpstliche Lehramt noch, und Luthers heftige Kritik daran muss man auch heute noch ernst nehmen. Aber den Lutheranern ist es gelungen, hat Pesch beobachtet, in ihren Reihen eine eigene Variante des Lehramtes zu entwickeln. Keine Kirche ist so stark von der Theologie eines Menschen geprägt wie die lutherische:

O-Ton 4 (Prof. Dr. Otto Hermann Pesch)
In der Fachtheologie ist die einschränkungslose Gleichsetzung von Luthers Theologie und biblischem Zeugnis nach wie vor gang und gäbe. Könnte ich ihnen eine lange Literaturliste geben. Ein Wort Luthers klärt eine Sachfrage fast immer noch abschließend, gibt zumindest die nicht mehr veränderbare Richtung der Antwort vor. Und noch bin ich nicht sicher, dass es keinen lutherischen Pastor auf der Welt mehr gibt, der den Kindern im Konfirmandenunterricht nicht noch den alten Spruch beibringt: „Gottes Wort und Luthers Lehr’, die vergehen nimmermehr“.


*) Der promovierte Theologe, Journalist und Schriftstelle Heinz Zahrnt (1915 - 2003) verstarb am Samstag, den 1. November 2003 in Soest im Alter von 88 Jahren. In der Zeitschrift Chrismon erschien dieser Nachruf.

**) Prof. Dr. Otto Hermann Pesch war von 1975 bis 1997 in Hamburg Professor für systematische Theologie (mit Schwerpunkt Kontroverstheologie) Seit 1997 ist er emeritiert. Seit 2002 ist er Präsident der  Académie Internationale des Sciences Religieuses

© für das Manuskript bei Heinz-Peter Katlewski, 1996. 


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