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Martin Luther und die Kirchen
Was ist von Martin Luthers Reformation geblieben, und was können Christen und ihre Kirchen heute von ihm lernen


für Deutsche Welle - Kultur-Thema: Hintergrund
Freitag, 25. Oktober 1996, 20:10 - 20:30 Uhr

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Viel Eindruck wird ein solcher Satz freilich nicht mehr machen. Luthers kleiner Katechismus bleibt im allgemeinen ungelesen in den Pfarrbibliotheken. Und sein jahreslanges Ringen um einen gnädigen Gott mutet Zeitgenossen heute eher fremd an. Dabei lässt sich sein existentielles Dilemma durchaus zeitgenössisch beschreiben. Heinz Zahrnt:

O-Ton 5 (Dr. Heinz Zahrnt)
Wir brauchen Macht, wenn wir eine Idee durchsetzen wollen, selbst wenn es die Idee der Gewaltlosigkeit ist. Wir bringen uns an die Macht und üben sie aus und wissen oft nicht, was wir anrichten. Wer rechtfertigt uns? Diese ambivalente Situation weist auf jene unauflösliche Verflechtung von Schuld und Schicksal hin, die die Bibel Sünde nennt.

 

Musik 3:

„Ein feste Burg ist unser Gott“,
auf: Mathias Eisenberg improvisiert über Choräle von Martin Luther,
Ein feste Burg ist unser Gott,
ram 59131, LC 7219

((nach ca. 16 Sekunden in den Text rausziehen))

Martin Luther sorgte sich um sein Heil. Er suchte nach einem gnädigen Gott. Diese Sorge des einzelnen Menschen wurde Jahrhunderte lang zum zentralen Thema protestantischer Theologie. Nach langen inneren Kämpfen kristallisierten sich für Martin Luther aus der Lektüre des Römerbriefes vier Prinzipien heraus in denen sich seine Lehre konzentriert: Allein durch Christus, denn nur durch seinen Kreuzestod gibt es überhaupt einen Weg zum Heil! Allein die Schrift, denn nur durch die Auslegung der Bibel spricht göttliche Offenbarung . Allein durch Gnade, denn sie ist es, die die Menschen vor Gott rechtfertigt. Und schließlich: Allein durch Glauben, das Vertrauen in den gnädigen Gott. Durch Werke und guten Taten kann das Heil nicht erworben werden. Sie sind nur ein Ausdruck des Glaubens.

O-Ton 6 (Dr. Heinz Zahrnt)
Der Weg des Menschen zu Gott, fängt bei Gott, nicht beim Menschen an. Das heißt, am Anfang des Weges steht nicht die Forderung „Du sollst gut sein, Mensch“, sondern die Zusage „Ich bin Dir gut, oh Mensch“. Mit der Wiederherstellung dieser Reihenfolge hat Luther in der Tat das Evangelium wiederentdeckt, gleichsam das Christliche im Christentum. Dies ist der Ursprung der Reformation. Alles was darauf folgt, sind nur die Folgen daraus.

Musik 4:

„Ein feste Burg ist unser Gott“,
auf: Mathias Eisenberg improvisiert über Choräle von Martin Luther,
Ein feste Burg ist unser Gott,
ram 59131, LC 7219

((nach ca. 9 Sekunden in den Text rausziehen))

„Die Heilige Schrift ist zwar äußerlich in vielen Kirchen noch in Gebrauch, aber sie wird häufig der Tyrannei der autonomen selbstherrlichen Vernunft unterworfen, welche sie kritisch in ihre Bestandteile zerlegt und Gottes Offenbarung leugnet.“ Ein Zitat aus 95 Thesen, die am 450. Todestag Martin Luthers durch eine internationale Pastoren-Konferenz im südafrikanischen Durban verabschiedet wurden. Das Thesenpapier nimmt für sich in Anspruch - wie zu Luthers Zeiten - zu den Fundamenten christlichen Glaubens zurückzuführen, und das heißt vor allem zurück zum biblischen Text. Auch eine Reihe theologisch-konservativer Gruppen in Deutschland unterstützen diese Resolution.

„Sola Scriptura“, Allein die Schrift!. Trotzig haben Martin Luther und auch die anderen Reformatoren das einst den Vertretern einer selbstherrlich gewordenen Kirche entgegengeschleudert. Sie meinten damit zwar nicht, dass jedes Wort wörtlich genommen werden soll - Luther zum Beispiel bewertete die Bedeutung der Texte sehr unterschiedlich -, aber sie glaubten, dass die Botschaft Christi durch sich selbst spricht und keiner Ergänzung durch Tradition bedarf.

Das damalige kirchliche Establishment dagegen beharrte darauf, dass auch kirchliche Überlieferungen und Entscheidungen bis in die jüngste Zeit Offenbarungsqualität haben können. Ein nachvollziehbarer, aber verhängnisvoller Konflikt, nicht nur für die Katholische Kirche, sondern auch für den entstehenden Protestantismus. Das meinte schon in den 40er Jahren ein undogmatischer Vorkämpfer katholisch-protestantischer Ökumene, der evangelische Theologe Paul Schütz. Eine Tagung der Paul-Schütz-Gesellschaft mit der Evangelischen Akademie Baden warf kürzlich die Frage auf, ob der Protestantismus das Evangelium verkürzt. Der Vorsitzende dieser Theologen-Vereinigung, Pfarrer Rolf Kremers, zitiert Paul Schütz:

O-Ton 7 (Pfarrer Rudolf Kremers, Paul-Schütz-Gesellschaft)
Nicht die Schrift gründet die Kirche, sondern die Kirche gründet die Schrift. Denn nur die Kirche kann die Schrift auslegen. Der Satz, dass die Schrift sich selber auslegt ist ein Deckel der Sektierer. ... Die Überforderung der Schrift ist der Grund für die Anarchie in der Christenheit. Das Schriftprinzip muss notwendig Prinzip der Auflösung sein.“ Und zur Gründung „allein auf Christus“: „Der Protestantismus hat nur den zweiten Artikel begriffen. D.h. er hat die Trinität aufgesprengt. Das ist seine Häresie“. Daraus folgen dann die radikalen Sätze: „Seit der Reformation gibt es endgültig keine Kirche mehr. Die Reformation hat eine Sekte gestiftet und die römische Kirche zur Sekte gemacht. ... Weil eine jede der anderen fehlt, weil beide nur eine Sekte sind, daher die Krankheit beider. Jeder fehlt das Anti-Toxika zur eigenen Selbstentgiftung.

Der frühere Hamburger Hauptpastor und Theologie-Dozent an der Universität Hamburg, Paul Schütz, kritisierte Anfang der fünfziger Jahre in seiner Landeskirche mit einer Denkschrift restaurative Tendenzen hin zu einem konfessionalistischen Luthertum. Er hält die  Glaubensformeln der Reformatoren für zeitbedingt und einseitig - gerade das von Luther in die Römerbrief-Übersetzung eingefügte vierfache „allein“.

© für das Manuskript bei Heinz-Peter Katlewski, 1996. 


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