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Martin Luther und die Kirchen
Was ist von Martin Luthers Reformation geblieben, und was können Christen und ihre Kirchen heute von ihm lernen


für Deutsche Welle - Kultur-Thema: Hintergrund
Freitag, 25. Oktober 1996, 20:10 - 20:30 Uhr

Teil 3 (von 3)

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Anders als viele Lutheraner hat sich Martin Luther selbst nie zufriedengegeben mit fertigen Glaubenssätzen aus anderen Epochen. Seine Theologie ist im 16. Jahrhundert entstanden als eine persönliche, existentielle Auseinandersetzung mit Gott, mit dem verborgenen Gott, den er nur in der Schrift finden konnte. Aber er wusste, zu anderen Zeiten hatten die Menschen andere Fragen, oder sie konnten sich aus den Umständen der Zeit heraus, mit einfacheren Antworten zufrieden geben. Das vor allem können wir von ihm lernen, meint Matthias Kroeger, Luther-Experte und Professor für Kirchengeschichte an der Universität Hamburg. Er zitiert aus dem Kommentar des Reformators zu einem frühen Theologenstreit:

O-Ton 8 (Prof. Dr. Matthias Kroeger)
Was denen damals genügte zum Geist und Verständnis, das ist für uns bereits Buchstabe geworden. Wir gehen gewiss nicht fehl, denke ich, wenn wir Luthers eigenen Satz nun unsererseits und in seinem Sinne auf die Reformation anwenden, eben um ihren Sinn und Geist zu behalten. Auch die Reformation ist uns bereits Buchstabe geworden, wenn wir uns nicht darauf einlassen, ihren Geist zu begreifen.

Musik 4:

„Ein feste Burg ist unser Gott“,
auf: Musica Antiqua Wien, Martin Luther und die Musik,
Christopherus CHE 0025-2, LC 0612

((nach ca. 13 Sekunden in den O-Ton einblenden))

In einer seiner Tischreden wird Luther so zitiert: „Außer dem Kreuz und ohne Anfechtungen weiß niemand, was Glaube und wie kräftig er sei, allein in Anfechtungen und Widerwärtigkeit versteht man's. Ich meine und rede aber nicht von fleischlichen Sünden, welche die Frommen nach ihrer Art auch plagen, sondern von geistlichen Anfechtungen. Das verstehen nur die, die sie gefühlt und erfahren haben.“

So weit das Zitat. Bis zum Gotteshass hatte er sich auseinandergesetzt mit seinen Zweifeln an der Gnade Gottes. Er wollte diesen verborgenen Gott für sich haben, nicht gegen sich. Und damit war er ganz Kind seiner Zeit. Die Zeit der Reformation war eine, in der die Menschen in Deutschland gläubig waren wie nie zuvor und wohl auch nie danach. Sie erwarteten das jüngste Gericht noch zu ihren Lebzeiten und unternahmen, was sie konnten, um dem Höllenstrafen zu entkommen. Luther fand schließlich im Römerbrief seine Antwort und sprach fortan erleichtert von der Freiheit eines Christenmenschen. Damals war das eine bahnbrechende Erkenntnis. Aber sind das heute noch Sorgen, die Menschen unserer Zeit beschäftigen? Der Heidelberger Professor für systematische Theologie Michael Plathow sieht immerhin Ähnlichkeiten:

O-Ton 9 (Professor Dr. Michael Plathow)
Ich möchte einmal daran erinnern, das ganze wichtige Fragen für junge Menschen heute auch nach einer statistischen Erhebung die Frage der Schuld und die Frage nach Gott ist. Die Frage der Schuld natürlich auch nach den Jubiläumstagen, Ende des zweiten Weltkrieges und Reichskristallnacht und ähnliches, wo einfach diese Fragen aufgebrochen sind. Aber auch im persönlichen und im privaten Bereich. Die Frage nach Gott oft verbunden mit der Frage nach Sinn, nach dem was das Leben erfüllt, was gelingendes Leben bringt, was Sinn macht im Leben, und zwar, was gelingendes Leben was auch über die Grenzen der uns gegebenen Zeit hinaus Bedeutung hat in seiner Einzigartigkeit.

Aber die Frage nach Sünde, nach Sündenvergebung und Heil beschäftigt nur wenige. Vor allem die, die in pietistisch-evangelikalen Gemeinschaften ihre Orientierung gefunden haben. Die Zweifel der meisten Menschen sind viel grundsätzlicher. Otto-Hermann Pesch:

O-Ton 10 (Prof. Dr. Otto Hermann Pesch)
Der verborgene Gott, wie Luther das noch in Vollgewissheit  „Es gibt ihn ja“ sagen konnte, begegnet uns in der Frage, gibt’s ihn überhaupt?

Vor diesem Hintergrund ist der Konflikt zwischen Katholiken und Protestanten überholt. Dass die Katholische Kirche in den sechziger Jahre dieses Jahrhunderts mit dem 2. Vatikanischen Konzil, große Teile von Luthers Anfragen und Kritik im Rahmen ihrer Kirchenreform berücksichtigt hat, ist dann eher eine Frage religiöser Folklore. Die Suche nach Gott aber bleibt - auch in einer immer rationaler werdenden Welt. Künftig müssen wir von Gott allerdings anders reden als bisher. Trotz der Schrift oder gerade wegen ihr. Aber wie? Dazu der Kirchenhistoriker und Psychotherapeut Mathias Kroeger:

O-Ton 11 (Diskussion Prof. Dr. Matthias Kroeger)
Der Zusammenbruch des theistischen Glaubens wird - glaube ich - mit Recht konstatiert. Deswegen stehen uns in dieser Frage fundamentale Entwicklungen ins Haus. Und ich glaube, es ist eine Überlebensfrage unseres lebendigen Glaubens, ob wir bereit sind, in neue Paradigmen und neue Etagen und neue Formen überzugehen. Es ist eine alte Tradition des mystischen Wissens, dass es so etwas gibt, wie die Wolke des Nichtwissens.

Unsere Begriffe jedenfalls können Gott nicht fassen. Für den der glaubt ist er eine feste Burg. Und ein Geheimnis.

Musik 5:

„Ein feste Burg ist unser Gott“,
auf: Mathias Eisenberg improvisiert..., Ein feste Burg ist unser Gott,
            ram 59131, LC 7219

© für das Manuskript bei Heinz-Peter Katlewski, 1996. 


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