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Anders
als viele Lutheraner hat sich Martin Luther selbst nie zufriedengegeben
mit fertigen Glaubenssätzen aus anderen Epochen. Seine Theologie ist im
16. Jahrhundert entstanden als eine persönliche, existentielle Auseinandersetzung
mit Gott, mit dem verborgenen Gott, den er nur in der Schrift finden
konnte. Aber er wusste, zu anderen Zeiten hatten die Menschen andere
Fragen, oder sie konnten sich aus den Umständen der Zeit heraus, mit
einfacheren Antworten zufrieden geben. Das vor allem können wir von ihm
lernen, meint Matthias Kroeger, Luther-Experte und Professor für
Kirchengeschichte an der Universität Hamburg. Er zitiert aus dem
Kommentar des Reformators zu einem frühen Theologenstreit:
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O-Ton 8 (Prof. Dr.
Matthias Kroeger)
Was denen damals genügte zum Geist und Verständnis, das ist für uns
bereits Buchstabe geworden. Wir gehen gewiss nicht fehl, denke ich, wenn
wir Luthers eigenen Satz nun unsererseits und in seinem Sinne auf die
Reformation anwenden, eben um ihren Sinn und Geist zu behalten. Auch die
Reformation ist uns bereits Buchstabe geworden, wenn wir uns nicht
darauf einlassen, ihren Geist zu begreifen.
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Musik
4:
„Ein
feste Burg ist unser Gott“,
auf: Musica Antiqua Wien, Martin Luther und die Musik,
Christopherus CHE 0025-2, LC 0612
((nach
ca. 13 Sekunden in den O-Ton einblenden))
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In
einer seiner Tischreden wird Luther so zitiert: „Außer dem Kreuz und
ohne Anfechtungen weiß niemand, was Glaube und wie kräftig er sei,
allein in Anfechtungen und Widerwärtigkeit versteht man's. Ich meine
und rede aber nicht von fleischlichen Sünden, welche die Frommen nach
ihrer Art auch plagen, sondern von geistlichen Anfechtungen. Das
verstehen nur die, die sie gefühlt und erfahren haben.“
So
weit das Zitat. Bis zum Gotteshass hatte er sich auseinandergesetzt mit
seinen Zweifeln an der Gnade Gottes. Er wollte diesen verborgenen Gott
für sich haben, nicht gegen sich. Und damit war er ganz Kind seiner
Zeit. Die Zeit der Reformation war eine, in der die Menschen in
Deutschland gläubig waren wie nie zuvor und wohl auch nie danach. Sie
erwarteten das jüngste Gericht noch zu ihren Lebzeiten und unternahmen,
was sie konnten, um dem Höllenstrafen zu entkommen. Luther fand
schließlich im Römerbrief seine Antwort und sprach fortan erleichtert
von der Freiheit eines Christenmenschen. Damals war das eine
bahnbrechende Erkenntnis. Aber sind das heute noch Sorgen, die Menschen
unserer Zeit beschäftigen? Der Heidelberger Professor für
systematische Theologie Michael Plathow sieht immerhin Ähnlichkeiten:
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O-Ton 9 (Professor Dr.
Michael Plathow)
Ich möchte einmal daran erinnern, das ganze wichtige Fragen für junge
Menschen heute auch nach einer statistischen Erhebung die Frage der
Schuld und die Frage nach Gott ist. Die Frage der Schuld natürlich auch
nach den Jubiläumstagen, Ende des zweiten Weltkrieges und
Reichskristallnacht und ähnliches, wo einfach diese Fragen aufgebrochen
sind. Aber auch im persönlichen und im privaten Bereich. Die Frage nach
Gott oft verbunden mit der Frage nach Sinn, nach dem was das Leben
erfüllt, was gelingendes Leben bringt, was Sinn macht im Leben, und
zwar, was gelingendes Leben was auch über die Grenzen der uns gegebenen
Zeit hinaus Bedeutung hat in seiner Einzigartigkeit.
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Aber
die Frage nach Sünde, nach Sündenvergebung und Heil beschäftigt nur
wenige. Vor allem die, die in pietistisch-evangelikalen Gemeinschaften
ihre Orientierung gefunden haben. Die Zweifel der meisten Menschen sind
viel grundsätzlicher. Otto-Hermann Pesch:
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O-Ton 10 (Prof. Dr. Otto
Hermann Pesch)
Der
verborgene Gott, wie Luther das noch in Vollgewissheit
„Es gibt ihn ja“ sagen konnte, begegnet uns in der Frage,
gibt’s ihn überhaupt?
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Vor
diesem Hintergrund ist der Konflikt zwischen Katholiken und Protestanten
überholt. Dass die Katholische Kirche in den sechziger Jahre dieses Jahrhunderts
mit dem 2. Vatikanischen Konzil, große Teile von Luthers Anfragen und
Kritik im Rahmen ihrer Kirchenreform berücksichtigt hat, ist dann eher
eine Frage religiöser Folklore. Die Suche nach Gott aber bleibt - auch
in einer immer rationaler werdenden Welt. Künftig müssen wir von Gott
allerdings anders reden als bisher. Trotz der Schrift oder gerade wegen
ihr. Aber wie? Dazu der Kirchenhistoriker und Psychotherapeut Mathias
Kroeger:
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O-Ton 11
(Diskussion Prof. Dr. Matthias Kroeger)
Der Zusammenbruch des theistischen Glaubens wird - glaube ich -
mit Recht konstatiert. Deswegen stehen uns in dieser Frage
fundamentale Entwicklungen ins Haus. Und ich glaube, es ist eine
Überlebensfrage unseres lebendigen Glaubens, ob wir bereit
sind, in neue Paradigmen und neue Etagen und neue Formen
überzugehen. Es ist eine alte Tradition des mystischen Wissens,
dass es so etwas gibt, wie die Wolke des Nichtwissens. |
Unsere
Begriffe jedenfalls können Gott nicht fassen. Für den der glaubt ist
er eine feste Burg. Und ein Geheimnis.
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Musik
5:
„Ein
feste Burg ist unser Gott“,
auf:
Mathias Eisenberg improvisiert..., Ein feste Burg ist unser Gott,
ram 59131, LC 7219
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