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"Versöhnte Verschiedenheit!"
Im Streit um die Rechtfertigungslehre scheint Einigung möglich, doch die Einheit der Kirchen wird noch lange auf sich warten lassen.


für Hessischer Rundfunk HR 1 - Kirche und Welt
Sonntag, 21. Januar 1999, 08:05 - 08:30 Uhr

"Wie ist der Mensch gerechtfertigt vor Gott? Durch sein Handeln, seine Taten? Oder durch seinen Glauben, sein Vertrauen auf Gott?", dass bewegte vor knapp 500 Jahren Martin Luther und führte schließlich in die Reformation und zur Abspaltung der evangelischen Kirchen. Wenn es nun, wie zu erwarten, demnächst zu einer gemeinsamen Erklärung von Vatikan und Lutherischem Weltbund über die Rechtfertigungslehre kommt, was dann? Welche Perspektive hat die Einigung der Kirchen? Dazu luden die Evangelische und die Katholische Ruhrgebietsakademien nach Mülheim die "Wolfsburg" ein. 


Die Gretchenfrage des Abends "Wie soll die Einheit der Kirchen aussehen" beantwortete der Ratsvorsitzende der Evangelischen Kirche in Deutschland, der Präses der rheinischen Landeskirche, Manfred Kock, mit einer Anspielung auf den Geruchssinn:

O-Ton 1 (Präses Manfred Kock)
Ich kann noch lange mit unterschiedlichen Organisationsformen leben, weil ich glaube , dass die Kirchentimer selbst nicht nur oder überhaupt nicht die Auswirkungen irgendeiner großen dogmatischen Auseinandersetzung sind in der Regel, sondern sie sind im Grunde auch Ausdrücke für eine unterschiedliche Frömmigkeitsstruktur, eines unterschiedlichen Milieus für das es schön ist, dass es dafür unterschiedliche Möglichkeiten gibt. Ich würde mir wünschen, dass es Kirchen gibt in denen man was riechen kann, und es muss aber auch Kirchen geben, wo man nichts riecht. (lachen)

 "Versöhnte Verschiedenheit" hieß das Zauberwort, das den Geist dieser Veranstaltung prägte. Obwohl Heinz-Günther Stobbe, der Siegener Ökumeniker und Professor für Katholische Theologie anmahnte, für die Einigung der Christen eine Vision zu entwickeln. Ganz praktisch. Soll eine geeinte Kirche vor Ort einen gemeinsamen Bischof haben? Mit welcher Kompetenz? Oder soll es ähnliche Ämter für die verschiedenen christlichen Ausprägungen innerhalb der Kirche geben? Unter einem Dach? Unter einem Papst? Wie könnte die organisatorische Einheit in einem konkreten Bistum aussehen? Nur dann hätten die Debatten ein konkretes Ziel. Heinz-Günter Stobbe:

O-Ton 2 (Prof. Dr. Heinz-Günther Stobbe)
Es scheint mir, dass die ganze ökumenische Bewegung über lange Zeit weg aus sehr guten, psychologisch sogar genialen Gründen, es tunlichst vermieden hat, diese letzte Frage wirklich ernsthaft zu stellen. Wie genau soll das denn aussehen, was wir da im Auge haben?

Vorerst aber haben die beiden Konfessionen nur ein Papier vor sich, das einen Grundkonsens formuliert in einer Frage, die einst die Konfessionen in Europa auseinander trieb: in der der Rechtfertigungslehre. Vor zwei Jahren, unmittelbar nachdem Expertenkommissionen des Lutherischen Weltbundes und des Vatikans ihren Textvorschlag für eine gemeinsame Erklärung zur Rechtfertigungslehre vorgelegt hatten, waren die ersten Reaktionen nicht ermutigend. Vor allem aus den Reihen der römischen Glaubenskongregation wurden Dissense markiert. Aber mittlerweile scheinen sich beide Seiten einig zu sein: ein erster Schritt aufeinander zu ist besser als keiner.

In Zukunft dürfte also die Rechtfertigungslehre ihre Brisanz zwischen den Kirchen verlieren. Der Hamburger Weihbischof Hans-Joachim Jaschke jedenfalls las in Mülheim aus einem Schreiben vor des Präsidenten des Päpstlichen Rates zur Förderung der christlichen Einheit, Kardinal Edward Cassidy:

O-Ton 3 (Weihbischof Hans-Joachim Jaschke)
Es ist meine brennende Hoffnung und die seiner Eminenz Kardinal Ratzinger, dass die Unterzeichnung in den kommenden Monaten stattfinden kann. Wir spüren das etwas wichtiges von großer Bedeutung für die ökumenische Bewegung erreicht wurde. Das ist römische Einschätzung. Wir sind noch nicht am Ende, das ist doch völlig klar, aber wir dürfen diesen Weg jetzt nicht blockieren lassen oder uns blockieren und uns den Mut nehmen lassen.

Diese Unbestimmtheit freilich mobilisierte unter deutschen Lutheranern eine Gruppe von sogenannten kritischen Theologen, die eine fragwürdige Diplomatie der Formelkompromisse befürchten. Sie untergrabe ohne wirklichen Fortschritt die protestantische Identität. Der Bochumer Theologie-Professor Johannes Wallmann ist einer von ihnen. Er bemängelt, dass für den Vatikan die Rechtfertigungslehre eigentlich nebensächlich ist:

O-Ton 4 (Prof. Dr. Johannes Wallmann)
Sie steht in der Katholischen Kirche eher am Rande. Die meisten römischen Katholiken wissen auch gar nicht, was es mit der Rechtfertigungslehre auf sich hat. Für die Evangelische Kirche ist sie der Artikel mit dem die Kirche steht und fällt. Und wenn man sich in der Rechtfertigungslehre mit einer anderen Kirche geeinigt hat, dann ist für evangelisches Verständnis eigentlich der entscheidende Durchbruch erfolgt. Und dieser Durchbruch liegt hier nicht vor.

Aber diese Kritik blieb in Mülheim eine Einzelstimme. Dass ein entscheidender Durchbruch gelingt im Sinne völliger theologischer Übereinstimmung und institutioneller Vereinigung ist für den evangelischen Präses Kock auch nicht so wichtig. Die Einigung der Kirchen sei eben ein Prozess:

O-Ton 5 (Präses Manfred Kock)
Dass sich das als freie Entfaltung aus dem Studium der Schrift ergibt, das ist, glaube ich, der springende Punkt an dem das sich ereignen wird. Aber ich glaube, dass wir mit diesen ganzen Fragen eben nicht am Ende sind, sondern dass wir darin weiterkommen müssen. Aus diesem Grunde habe ich sehr viel übrig für eine solche Erklärung. Wenn ich sie erwarten würde als etwas, wo wir fertig wären, dann müsste ich sagen, nee, das ist es noch nicht. Fertig ist es nicht. Aber ist ein Stadium.

© für das Manuskript bei Heinz-Peter Katlewski, 1996. 


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