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"Wie
ist der Mensch gerechtfertigt vor Gott? Durch sein Handeln, seine Taten?
Oder durch seinen Glauben, sein Vertrauen auf Gott?", dass bewegte
vor knapp 500 Jahren Martin Luther und führte schließlich in die
Reformation und zur Abspaltung der evangelischen Kirchen. Wenn es nun, wie
zu erwarten, demnächst zu einer gemeinsamen Erklärung von Vatikan und
Lutherischem Weltbund über die Rechtfertigungslehre kommt, was dann?
Welche Perspektive hat die Einigung der Kirchen? Dazu luden die Evangelische
und die Katholische Ruhrgebietsakademien nach Mülheim die
"Wolfsburg" ein.
Die
Gretchenfrage des Abends "Wie soll die Einheit der Kirchen
aussehen" beantwortete der Ratsvorsitzende der Evangelischen Kirche
in Deutschland, der Präses der rheinischen Landeskirche, Manfred Kock,
mit einer Anspielung auf den Geruchssinn:
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O-Ton 1 (Präses Manfred
Kock)
Ich kann noch lange mit unterschiedlichen Organisationsformen leben,
weil ich glaube , dass die Kirchentimer selbst nicht nur oder überhaupt
nicht die Auswirkungen irgendeiner großen dogmatischen
Auseinandersetzung sind in der Regel, sondern sie sind im Grunde auch
Ausdrücke für eine unterschiedliche Frömmigkeitsstruktur, eines
unterschiedlichen Milieus für das es schön ist, dass es dafür
unterschiedliche Möglichkeiten gibt. Ich würde mir wünschen, dass es
Kirchen gibt in denen man was riechen kann, und es muss aber auch
Kirchen geben, wo man nichts riecht. (lachen)
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"Versöhnte
Verschiedenheit" hieß das Zauberwort, das den Geist dieser
Veranstaltung prägte. Obwohl Heinz-Günther Stobbe, der Siegener
Ökumeniker und Professor für Katholische Theologie anmahnte, für die Einigung
der Christen eine Vision zu entwickeln. Ganz praktisch. Soll eine geeinte
Kirche vor Ort einen gemeinsamen Bischof haben? Mit welcher Kompetenz?
Oder soll es ähnliche Ämter für die verschiedenen christlichen
Ausprägungen innerhalb der Kirche geben? Unter einem Dach? Unter einem
Papst? Wie könnte die organisatorische Einheit in einem konkreten
Bistum aussehen? Nur dann hätten die Debatten ein konkretes Ziel.
Heinz-Günter Stobbe:
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O-Ton 2 (Prof. Dr.
Heinz-Günther Stobbe)
Es scheint mir, dass die ganze ökumenische Bewegung über lange Zeit
weg aus sehr guten, psychologisch sogar genialen Gründen, es tunlichst
vermieden hat, diese letzte Frage wirklich ernsthaft zu stellen. Wie
genau soll das denn aussehen, was wir da im Auge haben?
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Vorerst
aber haben die beiden Konfessionen nur ein Papier vor sich, das einen
Grundkonsens formuliert in einer Frage, die einst die Konfessionen in
Europa auseinander trieb: in der der Rechtfertigungslehre. Vor zwei Jahren,
unmittelbar nachdem Expertenkommissionen des Lutherischen Weltbundes und
des Vatikans ihren Textvorschlag für eine gemeinsame Erklärung zur
Rechtfertigungslehre vorgelegt hatten, waren die ersten Reaktionen nicht
ermutigend. Vor allem aus den Reihen der römischen Glaubenskongregation
wurden Dissense markiert. Aber mittlerweile scheinen sich beide Seiten
einig zu sein: ein erster Schritt aufeinander zu ist besser als keiner.
In
Zukunft dürfte also die Rechtfertigungslehre ihre Brisanz zwischen den
Kirchen verlieren. Der Hamburger Weihbischof Hans-Joachim Jaschke
jedenfalls las in Mülheim aus einem Schreiben vor des Präsidenten des
Päpstlichen Rates zur Förderung der christlichen Einheit, Kardinal
Edward Cassidy:
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O-Ton 3 (Weihbischof
Hans-Joachim Jaschke)
Es ist meine brennende Hoffnung und die seiner Eminenz Kardinal
Ratzinger, dass die Unterzeichnung in den kommenden Monaten stattfinden
kann. Wir spüren das etwas wichtiges von großer Bedeutung für die
ökumenische Bewegung erreicht wurde. Das ist römische Einschätzung.
Wir sind noch nicht am Ende, das ist doch völlig klar, aber wir dürfen
diesen Weg jetzt nicht blockieren lassen oder uns blockieren und uns den
Mut nehmen lassen.
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Diese
Unbestimmtheit freilich mobilisierte unter deutschen Lutheranern eine
Gruppe von sogenannten kritischen Theologen, die eine fragwürdige
Diplomatie der Formelkompromisse befürchten. Sie untergrabe ohne wirklichen
Fortschritt die protestantische Identität. Der Bochumer Theologie-Professor
Johannes Wallmann ist einer von ihnen. Er bemängelt, dass für den
Vatikan die Rechtfertigungslehre eigentlich nebensächlich ist:
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O-Ton 4 (Prof. Dr.
Johannes Wallmann)
Sie steht in der Katholischen Kirche eher am Rande. Die meisten
römischen Katholiken wissen auch gar nicht, was es mit der
Rechtfertigungslehre auf sich hat. Für die Evangelische Kirche ist sie
der Artikel mit dem die Kirche steht und fällt. Und wenn man sich in
der Rechtfertigungslehre mit einer anderen Kirche geeinigt hat, dann ist
für evangelisches Verständnis eigentlich der entscheidende Durchbruch
erfolgt. Und dieser Durchbruch liegt hier nicht vor.
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Aber
diese Kritik blieb in Mülheim eine Einzelstimme. Dass ein entscheidender
Durchbruch gelingt im Sinne völliger theologischer Übereinstimmung und
institutioneller Vereinigung ist für den evangelischen Präses Kock auch
nicht so wichtig. Die Einigung der Kirchen sei eben ein Prozess:
O-Ton 5 (Präses Manfred Kock)
Dass sich das als freie Entfaltung aus dem Studium der Schrift ergibt,
das ist, glaube ich, der springende Punkt an dem das sich ereignen wird.
Aber ich glaube, dass wir mit diesen ganzen Fragen eben nicht am Ende
sind, sondern dass wir darin weiterkommen müssen. Aus diesem Grunde
habe ich sehr viel übrig für eine solche Erklärung. Wenn ich sie
erwarten würde als etwas, wo wir fertig wären, dann müsste ich sagen,
nee, das ist es noch nicht. Fertig ist es nicht. Aber ist ein Stadium.
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