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Ein bisschen protzte man auch damit!
Kirchen-Gesangbücher und die deutsche Geschichte 


für SWF 1 - Sonntagmorgen - Kommentare und Berichte aus der christlichen Welt
Sonntag, 1. Dezember 1996, 09:35 - 10:00 Uhr


Im Spätherbst 1996 stapelten sich im rheinischen Brühl unter dem Dach eines Gemeindepresbyters evangelische Gesangbücher aus viereinhalb Jahrhunderten. Andreas Wittenberg sammelt sie seit mehr als 30 Jahren und wertet sie aus. Es ist nur ein Hobby, dennoch gilt er in dem kleinen Kreis der Hymnologen als ein seriöser Erforscher der Entwicklungsgeschichte von geistlichen Liedern. Die Einführung des neues Evangelischen Gesangbuchs im Rheinland nutzte die Brühler Johanniskirche, um einen Teil seiner Sammlung mit einer Ausstellung der Öffentlichkeit vorzustellen. So viel wurde dort deutlich, alte Gesangbücher haben nicht nur Geschichte, sie können auch Geschichten erzählen. 


O-Ton 1 (Interview Andreas Wittenberg)
„Den Musikverständigen ... wird zur Nachricht erinnert, dass einige Liedermelodien mit Dreivierteltakt und dergleichen hätten sollen bezeichnet werden, weil aber diese Zeichen und dazu nötigen Noten in der Druckerei nicht vorhanden waren, so haben solche müssen weggelassen werden.“

Andreas Wittenberg zitiert aus dem vorangestellten Notabene eines Evangelischen Gesangbuchs aus der Pfalz, erschienen im Jahre 1746 in Zweibrücken. Notensatz ist auch heute noch teuer, damals war er oft unerschwinglich. Jede einzelne Note musste mühevoll in Holzblöcke geschnitzt werden. Dass ein Gesangbuch zu jedem Lied auch einen Notensatz enthält, ist ein junges Phänomen. Das gibt es erst seit dem 20. Jahrhundert. Viele Melodien waren bekannt, deshalb war es bis ins 17. Jahrhundert üblich, Noten überhaupt nur anzugeben wenn eine neue Melodie vorgestellt werden sollte.

O-Ton 2 (Interview Andreas Wittenberg)
In der Reformationszeit brauchten sie keine Noten, weil die Leute auswendig gesungen haben. Und sie konnten auswendig singen, weil die ersten Lieder der Reformation auf bekannte und vorhandene Melodien gedichtet wurden oder Umdichtungen katholischer Lieder waren. Diese Melodien konnten die Leute auswendig. Und später, wenn ein neues Lied geschrieben war, übte der Kantor am Samstag dieses neue Lied mit der Gemeinde ein, so dass es am Sonntag im Gottesdienst gesungen werden konnte.

Die Reformatoren predigten die Beteiligung der Gemeinde. Zu ihrer Zeit sangen im katholischen Gottesdienst nur ordinierte Priester sangen. Der Gemeindegesang dagegen war ein Demonstration der evangelischen Lehre von der Priesterschaft aller Gläubigen. Die Lieder sollten selbst das Evangelium verkünden und es den Menschen in die Herzen senken. Schon deshalb war das Kirchengesangbuch für die Gottesdienstbesucher nicht irgendein Buch.

O-Ton 3 (Interview Andreas Wittenberg)
Gesangbücher wurden so hochgehalten wie die Heilige Schrift. Und das bedeutete, dass man dem Säugling ein Gesangbuch in die Wiege legte, dass zur Aussteuer ein Gesangbuch gehörte und dass das Gesangbuch natürlich, wie die Bibel, kunstvoll und haltbar gebunden wurde, also in Holz und Leder. Man hat es benadelt und beschlagen, damit es lange aushielt, es war ja sehr teuer. Und das Gesangbuch sollte schön aussehen. Es sollte aber auch zeigen, dass man sich’s leisten konnte. Ein bisschen protzte man auch damit, wenn man zur Kirche ging, dass man ein schönes Gesangbuch hatte.

Zeige mir dein Gesangbuch, und ich sage dir, wer du bist. So ähnlich sahen es spätestens seit dem 18. Jahrhundert auch die Landesfürsten. Das Liedrepertoire für den Gemeindegesang war eine Machtfrage. War das Land auch noch so klein, die Herrscher führten ein eigenes Wappen, steckten Soldaten in eigene Uniformen und lizenzierten ein Kirchengesangbuch. Zuvor war es in vielen Städten der Ehrgeiz der Pfarrer, für ihre Kirche ein Gesangbuch zu haben.

O-Ton 4 (Interview Andreas Wittenberg)
Gesangbücher waren ein Privatgeschäft von Verlegern und Druckern. Wer glaubte, ein Geschäft zu machen, suchte sich einen Pfarrer, der ihm ein Gesangbuch zusammenstellte, suchte sich einen Notenschneider, der das anständig konnte und suchte sich einen Drucker, der die notwendige Lettern im Vorrat hatte, ja, und dann stellte er das Gesangbuch zusammen, fand einen, der ihm eine zündende Vorrede schrieb und ging damit auf den Markt. Das war ein Privatgeschäft, so wie man heute ein Buch verlegt. Und erst mit der Privilegierung durch die Landesherrn, das heißt Zuweisung oder Anerkennung eines Monopols und die Autorisierung durch die Kirchenleitungen, war’s überhaupt möglich, ein bisschen Ordnung in das Liedersingen zu bringen.

Über Einheitsgesangbücher, so wie wir sie heute kennen, wurde erst am Anfang des letzten Jahrhunderts nachgedacht. Der Bonner Schriftsteller und Professor Ernst-Moritz Arndt war dafür einer der Vorkämpfer. Ein erster Schritt in diese Richtung wurde 1834 getan mit dem gemeinsamen Gesangbuch der Lutheraner im Rheinland. Für die unierte Kirche war es 1892 soweit. Noch vor 150 Jahren gab es allein auf dem Gebiet der rheinischen Kirche über 20 verschiedene Gesangbücher in denen die Lieder außerdem noch abweichend überliefert wurden.

O-Ton 5 (Interview Andreas Wittenberg)
Es gibt die Geschichte, dass man in Wuppertal im Laufe eines Sonntag vormittags 15 verschiedene Gesangbücher hat gebraucht, wenn man in jede Kirche hineingegangen wäre, an der man vorbeikam. Diese Zersplitterung des deutschen Gesangbuchwesens, das hat’s nirgends anders so gegeben als bei uns und hängt im wesentlichen mit der Zersplitterung unserer politischen Geschichte zusammen.

© für das Manuskript bei Heinz-Peter Katlewski, 1996. 


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